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Spaltung und Multiplikation des Ichs

Spielarten des Doppelgänger-Motivs bei Dostojewski und Hoffmann

Title: Spaltung und Multiplikation des Ichs

Bachelor Thesis , 2008 , 52 Pages , Grade: 1,5

Autor:in: M.A. Laura Dorfer (Author)

German Studies - Modern German Literature

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Summary Excerpt Details

Die Figur des Doppelgängers als Ausdruck innerer Gespaltenheit galt als eines der beliebtesten literarischen Motive in der Romantik sowie im 19. Jahrhundert. Mit dieser Vorstellung vermochten Dichter, den Verlust des einheitlichen, intakten Persönlichkeitsbewusstseins
sowie der lückenlosen Kontinuität des Ichs zu demonstrieren. Rund ein Jahrhundert später erhielt jener literarische Motivkomplex durch die Psychoanalyse Freuds sein theoretisches Pendant. Nunmehr bedurfte die zuvor rätselhaft und nebulös anmutende Spaltungserfahrung nicht mehr mythologischer Erklärungsweisen, sondern erschien vor dem Hintergrund der psychologischen Erläuterungen geradezu evident: Der Doppelgänger wurde
als Konsequenz der Spannungen innerhalb des psychischen Apparats begriffen und als Verkörperung verdrängter Ich-Aspekte betrachtet.
Was nun begann, war eine Doppelgängergeschichte von Literatur und Psychoanalyse, die – entsprechend dem Lacanschen Spiegelstadium, in dem das Bild vor dem Abgebildete ist – Verwirrung über die Chronologie und das Urheberrecht verursachte: Wie vermochten die
Autoren des 19. Jahrhunderts die ein halbes Jahrhundert später generierten psychoanalytischen Theorien antizipierend in ihr Werk aufgenommen haben? Kritiker postulierten gar,
diese Bezüge seien inszeniert, die Psychoanalytiker hätten die literarischen Texte lediglich für die künstliche Umsetzung ihrer wissenschaftlichen Theorien missbraucht. Über solche
Diskussionen hinweg wird zumal der springende Punkt übersehen – das Endergebnis: Die
psychoanalytische Textinterpretation bietet eine faszinierende Lesweise, mit der eine neue
psychologische Dimension literarischer Werke erschlossen werden kann.
In dieser Abhandlung werden in Anlehnung an die psychoanalytische Textinterpretation
zwei Werke des 19. Jahrhunderts analysiert: Die Elixiere
des Teufels von E.T.A. Hoffmann und Der Doppelgänger von Fjodor M. Dostojewski –
zwei Werke, die mit einer visionären psychologischen Intuition das Thema der inneren
Zerrissenheit eines psychisch abnormen Menschen umkreisen. Mittels der
psychoanalytischen Lesweise sollen die tiefer liegenden, unbewussten Strukturen der beiden
Werke extrahiert, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Gestaltung des Doppelgängers
eruiert, als auch allgemeine Aussagen über das Motiv des Doppelgänger getätigt
werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: Eine Doppelgängergeschichte

2. Zur Rechtfertigung der psychoanalytischen Textinterpretation der Werke Die Elixiere des Teufels und Der Doppelgänger

3. Psychoanalytische Paradigmen zum Doppelgänger

3.1 Der Begriff des Ich in der Theorie Sigmund Freuds

3.2 Die Narzissmustheorie Sigmund Freuds

3.3 Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion von Jacques Lacan

3.4 Der Doppelgänger als Produkt des Narzissmus und der Ich-Problematik des Individuums

4. E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels

4.1 Einführende Worte zu Die Elixiere des Teufels

4.2 Prämissen der narzisstischen Spaltung

4.3 Das Doppelgängertum in die Elixiere des Teufels – Die Aufspaltung in das Ich, das Es und das Über-Ich

4.3.1 Das in seiner Identität schwankende Ich

4.3.2 Das Es – Der Doppelgänger Viktorin

4.3.3 Das Über-Ich – Der doppelgängerische Maler

4.4 Die Unüberwindbarkeit der narzisstischen Spaltung

5. Fjodor M. Dostojewski, Der Doppelgänger

5.1 Einführende Worte zu Der Doppelgänger

5.2 Prämissen der narzisstischen Spaltung

5.3 Ideal und Rivale

5.4 Das verkörperte schlechte Gewissen

5.5 Die Unüberwindbarkeit der narzisstischen Spaltung

6. Abschließendes Resümee der zentralen Kontinuitäten

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht das Motiv des Doppelgängers in den Werken "Die Elixiere des Teufels" von E.T.A. Hoffmann und "Der Doppelgänger" von Fjodor M. Dostojewski mithilfe psychoanalytischer Textinterpretationsmethoden, um die zugrunde liegenden unbewussten Strukturen der Ich-Spaltung zu ergründen.

  • Psychoanalytische Grundlagen nach Freud und Lacan
  • Phänomenologie der Ich-Spaltung und des Narzissmus
  • Analyse des Doppelgängers als Abspaltung von Instanzen des psychischen Apparats (Es, Über-Ich)
  • Untersuchung von Identitätsverlust und Paranoia in der literarischen Darstellung
  • Vergleichende Betrachtung der Doppelgänger-Motivik bei Hoffmann und Dostojewski

Auszug aus dem Buch

4.3.1 Das in seiner Identität schwankende Ich

„Mein eignes Ich zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Gestalten zerfließend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hereinbrausten.“

E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels

Die Hoffnung Medardus’, mit dem Eintritt in die Welt ein Mehr an Ausgeglichenheit zu erlangen und die Erfahrung der inneren Unausgewogenheit zu überwinden, scheitert. Indessen kulminiert das seit seiner Klosterzeit ihm eigene narzisstisch bedingte Schwanken zwischen ekstatischen Sichemporheben und Gefühlen der Minderwertigkeit in einer Ich-Spaltung. Erstmals wird Medardus die Dissoziation seines Ichs in Folge des unwillkürlichen Mords des Grafen Viktorin bewusst. Medardus handelt wie von einer fremden Macht getrieben und „hohl und dumpf“ antwortet es aus ihm. Die Erfahrung nicht Herr seines Ich und seiner Rede zu sein, erweckt in ihm ein Gefühl der Entfremdung zu seinem eigenen Selbst. Von nun an lebt Medardus seine innere Gespaltenheit äußerlich mittels der Annahme mannigfacher fremder Identitäten aus. Von seinem eigentlichen Ich distanziert er sich völlig.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einführung: Eine Doppelgängergeschichte: Dieses Kapitel verortet das Doppelgängermotiv als literarischen Ausdruck innerer Gespaltenheit im 19. Jahrhundert und führt die psychoanalytische Lesart als Instrument zu dessen Erschließung ein.

2. Zur Rechtfertigung der psychoanalytischen Textinterpretation der Werke Die Elixiere des Teufels und Der Doppelgänger: Es wird die historische Spiegelbeziehung zwischen Literatur und Psychoanalyse begründet und aufgezeigt, warum gerade die Werke von Hoffmann und Dostojewski für diese methodische Herangehensweise besonders geeignet sind.

3. Psychoanalytische Paradigmen zum Doppelgänger: Hier werden die theoretischen Grundlagen dargelegt, insbesondere Freuds Ich-Modell, seine Narzissmustheorie sowie Lacans Spiegelstadium als Ausgangspunkte für das Verständnis des Doppelgängers.

4. E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels: Dieses Kapitel analysiert detailliert die Doppelgängererscheinungen bei Medardus als komplexe Aufspaltung in das Es (Viktorin) und das Über-Ich (der Maler), hervorgerufen durch eine narzisstische Störung.

5. Fjodor M. Dostojewski, Der Doppelgänger: Die Untersuchung konzentriert sich auf die paranoide Entwicklung Goljadkins, bei der der Doppelgänger als Resultat einer pathologischen Identitätskrise und als Spiegelbild eines überstarken Narzissmus auftritt.

6. Abschließendes Resümee der zentralen Kontinuitäten: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass die narzisstische Spaltung der Protagonisten in beiden Werken unüberwindlich bleibt und die Charaktere dauerhaft in ihren Wahngebilden gefangen hält.

Schlüsselwörter

Doppelgänger, Psychoanalyse, Ich-Spaltung, Narzissmus, E.T.A. Hoffmann, Fjodor M. Dostojewski, Sigmund Freud, Jacques Lacan, Identität, Wahnsinn, Über-Ich, Es, Unbewusstes, Paranoia, Literaturinterpretation.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Doppelgängers in zwei Werken des 19. Jahrhunderts aus psychoanalytischer Perspektive.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen umfassen die psychische Identitätsspaltung, den Narzissmus, die Rolle des Unbewussten und die psychologischen Hintergründe von Wahnvorstellungen in der Literatur.

Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?

Ziel ist es, mittels psychoanalytischer Theorien die unbewussten Strukturen der Ich-Spaltung in den Werken zu extrahieren und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten in der Gestaltung des Doppelgängers aufzuzeigen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine psychoanalytische Textinterpretation angewandt, die sich primär auf die Theorien von Sigmund Freud, Otto Rank und Jacques Lacan stützt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der Doppelgängererscheinungen in "Die Elixiere des Teufels" und "Der Doppelgänger", wobei die Protagonisten Medardus und Goljadkin hinsichtlich ihrer psychischen Disposition untersucht werden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Doppelgänger, Narzissmus, Ich-Spaltung, Identität, Wahn und Psychoanalyse.

Wie unterscheidet sich die Doppelgänger-Problematik bei Medardus von der bei Goljadkin?

Bei Medardus erfolgt eine Aufspaltung des psychischen Apparats in zwei distinkte Doppelgängerfiguren (Viktorin als Es, Maler als Über-Ich), während bei Goljadkin der Doppelgänger primär als ambivalentes Spiegelbild fungiert, das sowohl Ideal-Ich als auch Rivale verkörpert.

Welche Rolle spielt das "Spiegelstadium" nach Lacan in der Argumentation?

Das Spiegelstadium dient als Erklärungsmodell für die Identitätskonstitution und -entfremdung, wobei die Begegnung mit dem Doppelgänger als Krise verstanden wird, in der das Individuum seine Zerrissenheit nicht überwinden kann.

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Details

Title
Spaltung und Multiplikation des Ichs
Subtitle
Spielarten des Doppelgänger-Motivs bei Dostojewski und Hoffmann
College
University of Siegen
Grade
1,5
Author
M.A. Laura Dorfer (Author)
Publication Year
2008
Pages
52
Catalog Number
V190823
ISBN (Book)
9783656156499
ISBN (eBook)
9783656156819
Language
German
Tags
Elixiere des Teufels Der Doppelgänger psychoanalytische Textinterpretation psychoanalytische Literaturinterpretation psychoanalytische Literaturwissenschaft Narzissmus Jaques Lacan Spiegelstadium Otto Rank Das Unheimliche. Das Ich und das Es Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Und Neue Folge
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
M.A. Laura Dorfer (Author), 2008, Spaltung und Multiplikation des Ichs, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190823
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