Das beharrlich fortwährende Endzeitgefühl und die Ahnung, der Zivilisationsprozess könnte gescheitert sein, veranlasst den modernen Menschen noch bis heute zur Flucht vor der falschen Realität. Ein derart ausgerichteter und doch unbestimmter tiefer Weltschmerz und Menschenekel, dieser intelligente Pessimismus und exzessive Untergangswille hat eine ganze Epoche europäischer Dekadenzliteratur hervorgebracht – eine literarische Schaffung künstlicher Paradiese. Dieser Typus tragischen Geistes birgt wahrscheinlich immer eine hoffnungsgeladene utopische Vorstellung einer besseren, einer anderen Welt. Gepaart mit dem Ernst einer möglichen Umsetzung, einer Zukunft, einer neuen Realität und damit einer Auflösung der Utopie in das Reale, entwirft ein solcher Geist eine ganze Vorstellungswelt, die ihre Verwirklichung ersehnt.
Im Falle Gottfried Benns, der auf den sprachlichen Pfaden des 20. Jahrhunderts wandelt, insbesondere auf denen Nietzsches, gab sich der anbahnende Nationalsozialismus als eine historische Revolution zum neuen Menschen aus. Der zynische und naturwissenschaftliche Geist Benn weiß um die Macht und Kraft des Mythischen, des Bildes und beschwört sich aus der als dekadent interpretierten Entwicklung der Historie eine neue Zukunft, eine andere Realität mit all ihren Konsequenzen herbei. Und wer wenn nicht der Mensch muss und kann der Übergang, der Katalysator, das Dynamit hin zu einer neu ausgerichteten Historie sein?
Unter diesem Aspekt, der Dialektik von Dekadenz und Dynamit, ganz im nietzscheschen Sinne, sollen Ausschnitte des Werkes Benns untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Von der Utopie zur begeisterten Blindheit
3. Dekadenz versus Dynamit
4. Abschließende Worte
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das dialektische Verhältnis von Dekadenz und Dynamit im literarischen und theoretischen Werk von Gottfried Benn, wobei insbesondere der Einfluss nietzscheanischer Philosophie auf sein Weltverständnis und seine ästhetische Praxis analysiert wird.
- Die Analyse der dekadenten Grundstimmung im frühen 20. Jahrhundert
- Die Rolle der Kunst als "Dynamit" zur Überwindung des nihilistischen Verfalls
- Untersuchung exemplarischer Gedichte wie "Schöne Jugend" und "Valse Triste"
- Benns intellektuelle Auseinandersetzung mit der Moderne und dem Nationalsozialismus
- Die Kunst als Mittel zur Schöpfung einer neuen Transzendenz
Auszug aus dem Buch
3. Dekadenz versus Dynamit
Das begriffliche Gegensatzpaar geht auf Nietzsche zurück. Dekadenz verdeutlicht dabei die kulturgeschichtliche Verfallsbewegung durch schwächende lebensverneinende Werte an denen sich der Geist des Abendlandes seit der Antike orientiert. Als verkörpertes Dynamit ist metaphorisch jener Charakter beschrieben, der die Fesseln seiner Zeit zu sprengen sucht, sie zertrümmert um aus Gründen der Lebensbejahung eine neue, gesundere Welt zu schaffen. Selbstverständlich ist die Ambivalenz bei Nietzsche sowie auch bei Benn größer als hier angedeutet, doch als Rahmen sollen diese Definitionsversuche hinreichen.
Anhand des 1936 entstandenen Gedichtes ‚Valse Triste‘ soll die Dialektik von Verfall und Aufsprengung kurz versucht werden zu skizzieren.
Schon der erste Vers des Gedichts verrät unverkennbar das Motiv der und vor allem die Anschauung Benns zur Dekadenz. „Verfeinerung, Abstieg, Trauer“ Diese Aufzählung ist geradezu eine Steigerung. Versteht man die Verfeinerung, die Sublimierung als Phänomen der Schwäche, als Zurücknahme des Primitiven, also des Naturgewaltigen, so sind all die daraus folgenden Gefühlskomplexe Symptome desgleichen – niederziehende Trauer, eine Schwächung des Organismus, die in ihrer Deutung durch das Dekadente erst eine Umwertung fanden. Eine Lobpreisung oder ein Gutheißen des Lebensverneinenden macht das Dekadente gar erst aus. Im Gedicht werden dem Dekadenten das Heroische antiker Zeiten entgegengehalten. Die Zeit, in der auch Benn den Ursprung der Verkehrung hin zum Dekadentem zu diagnostizieren scheint: „[W]o der Feldherr der Pharaonen den Liedern der Sklavin verfiel.“ Interessant ist hierbei auch die Wortwahl. Denn schon das Verb verfallen deutet unmissverständlich ein Urteil dieser Hinwendung an. Ein historischer Wandel ist eingeläutet, der im Gedicht als anthropologische Veränderung interpretiert wird:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Endzeitgefühl und den Dekadenzbegriff des frühen 20. Jahrhunderts ein und verknüpft Benns Werk mit der nietzscheanischen Philosophie als Ausgangspunkt für die Untersuchung der Dialektik von Dekadenz und Dynamit.
2. Von der Utopie zur begeisterten Blindheit: Dieses Kapitel analysiert Benns frühe Lyrik und seine philosophische Auseinandersetzung mit nihilistischer Grundstimmung sowie seine ambivalente Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus.
3. Dekadenz versus Dynamit: Hier wird anhand des Gedichts "Valse Triste" die theoretische Dialektik diskutiert, in der Kunst als "Dynamit" dient, um den künstlerischen Ausbruch aus dem Verfall zu suchen.
4. Abschließende Worte: Das Schlusswort resümiert, dass Benns Werk eine inspirative Spannung zwischen Verfall und Ausbruch darstellt und der Versuch der Kunst, Gott durch schöpferische Lust zu ersetzen, ein zentrales Motiv bleibt.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Dekadenz, Dynamit, Nietzsche, Nihilismus, Kunsttheorie, Moderne, Valse Triste, Schöne Jugend, Ausdruck, Identitätsverlust, Transzendenz, Expressionismus, Lyrik, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die literaturwissenschaftliche Analyse des dialektischen Verhältnisses von Dekadenz und Dynamit im Werk des Dichters Gottfried Benn.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das kulturelle Endzeitgefühl des 20. Jahrhunderts, die philosophische Ästhetik nach Nietzsche und Benns kritische Auseinandersetzung mit der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benn durch das "Dynamit" der Kunst versucht, aus dem "dekadenten" Verfall der Werte auszubrechen und eine neue Transzendenz zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die exemplarische Gedichte von Benn interpretiert und in einen philosophiegeschichtlichen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Benns Frühwerk, seiner nihilistischen Weltanschauung und der theoretischen Durchdringung der Dialektik von Verfall und künstlerischem Aufbruch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Dekadenz, Dynamit, Nihilismus, Kunst, Nietzsche und ästhetische Subjektivität geprägt.
Wie bewertet der Autor Benns Nähe zum Nationalsozialismus?
Der Autor ordnet Benns politische Fehltritte in dessen intellektuelle Suche nach einer historischen Erneuerung ein, betont jedoch auch Benns spätere Zweifel und Distanzierungen.
Welche Rolle spielt die Kunst als "Erlösung"?
Die Kunst wird bei Benn als ein Akt der Selbstheilung gesehen, der zwar den nihilistischen Verfall nicht tilgen kann, aber eine temporäre Flucht und eine neue ästhetische Form ermöglicht.
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- Eric Jänicke (Author), 2011, Dekadenz und Dynamit - Ein dialektisches Verhältnis bei Gottfried Benn, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/190406