Die Äußerungen von Thilo Sarrazin sowie die Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ im Sommer 2010 sorgten für großes Aufsehen in Deutschland. Sarrazin machte zunächst die Zuwanderung schlecht ausgebildeter Migranten für einen sinkenden gesamtdeutschen Intelligenzdurchschnitt verantwortlich (vgl. Spiegel Online 2010). Aufgrund der Kritik bezüglich dieser Aussage sowie fehlender Studien, formulierte er fortan die Aussage, dass Deutschland völlig unabhängig von der Migration deshalb durchschnittlich dümmer wird, weil die Geburtenverteilung schief ist und außerdem Intelligenz und Schichtzugehörigkeit stark korrelieren (vgl. Topcu & Ulrich 2010). Die schiefe Geburtenverteilung meint eine höhere Fertilitätsrate von Frauen aus den unteren Schichten. Die obere Schicht, die nach Sarrazins Meinung aus den intelligentesten Bürgern besteht, bekommt hingegen weniger Kinder. Diese Problematik wird auch in der Kernaussage seines Buches aufgegriffen. Diese besagt nach Topcu & Ulrich (2010), dass, „die deutsche Gesellschaft schrumpft und verdummt, weil bildungsferne Deutsche und bildungsferne muslimische Migranten mehr Kinder kriegen“.
Auch die PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre durchgeführt werden, und das Bildungsniveau eines Staates in verschiedenen Bereichen wiederspiegeln, zeigen ähnliche Effekte. Trotz einer lediglich leichten, jedoch stetigen Verbesserung des deutschen Bildungssystems, bleibt ein Wehrmutstropfen weiterhin bestehen. Genau wie bei den vorherigen PISA-Tests zeigte sich auch die PISA-Studie 2009, dass der Bildungserfolg in keiner vergleichbaren Industrienation so stark mit der sozialen Herkunft zusammenhängt wie in Deutschland (vgl. Reith 2010). Auch migrationsbedingte Unterschiede sind sehr stark ausgeprägt, da Migranten oft zu den sozial schwachen Schichten gehören und sprachliche Defizite aufweisen (vgl. BMBF 2010).
Die folgende Hausarbeit mit dem Titel „Negative Stereotype und Erwartungseffekte. Ursachen für die Beeinträchtigung schulischer Leistungen und mögliche Interventionen.“ befasst sich mit Stereotypen und Erwartungseffekten, die auf die Leistungen der Betroffenen einwirken. Es wird untersucht, in wie weit die Leistungen von Schülerinnen und Schülern durch Stereotype und / oder Erwartungseffekte beeinflusst werden und welche Gruppen von Schülern hier besonders benachteiligt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Stereotype
2.1 Was versteht man unter Stereotypen?
2.2 Negative Stereotypen (Stereotype Threat) in der Schule
2.3 Folgen des Stereotype Threats
2.4 Interventionsmöglichkeiten zur Reduktion des Stereotype Threats
3 Erwartungseffekte
3.1 Definition Erwartungseffekte und Pygmalioneffekt
3.2 Funktion von Erwartungseffekten und ihre Folgen
3.3 Faktoren für die Wirkung von Erwartungseffekten
3.4 Interventionsmöglichkeiten zur Reduktion von Erwartungseffekten
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss von negativen Stereotypen (Stereotype Threat) und Erwartungseffekten auf die schulischen Leistungen von Schülern und beleuchtet Strategien zur Minderung dieser Effekte, um Bildungsgleichheit zu fördern.
- Wirkungsweise von Stereotype Threat auf akademische Leistungen
- Mechanismen und Folgen von Erwartungseffekten in der Schule
- Die Rolle des sozioökonomischen Hintergrunds und Migrationshintergrunds
- Interventionsstrategien zur Reduktion negativer Auswirkungen
Auszug aus dem Buch
2.1 Was versteht man unter Stereotypen?
Der Begriff Stereotype wurde erstmals von dem Publizist Walter Lippmann im Jahr 1922 in seinem Werk „Die öffentliche Meinung“ in die Sozialwissenschaft eingeführt. Ursprünglich kommt der Begriff Stereotyp aus dem Buchdruck und bezeichnet dort die Formen, mit denen Druckplatten zum Nachdrucken von vollständigen Seiten hergestellt wurden.
Lippmann versteht unter Stereotype „Bilder in unserem Kopf“, welche die von uns subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeiten bestimmen und sich als schematische Vorstellung zwischen Außenwelt und Bewusstsein schieben. Nach Lippmann existiert ein Unterschied zwischen der realen Welt und der, die wir individuell wahrnehmen (vgl. Jurth 2009, S. 26). Stereotype sind unkritische Verallgemeinerungen, die dazu dienen die Umwelt zu vereinfachen und die wahrgenommenen Eindrücke einzuordnen: „Denn die reale Umgebung ist insgesamt zu groß, zu komplex und auch zu fließend, um direkt erfasst zu werden. […] Obgleich wir in dieser Umwelt handeln müssen, müssen wir sie erst in einfacherem Modell rekonstruieren, ehe wir damit umgehen können“ (Lippmann 1990, S. 18). Die Vereinfachung hat jedoch auch negative Aspekte. Die Generalisierung von Verhalten konstruiert Voreingenommenheit und es besteht die Gefahr, dass der Einzelne seine Umwelt nur noch typisiert wahrnimmt und sie auf ein Schema reduziert (vgl. Piechota-Lutum 2002, S. 5), wodurch individuelle Vielfalt generalisiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle gesellschaftliche Debatte um Migranten und Bildungserfolg und führt in die Thematik der Hausarbeit ein.
2 Stereotype: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Stereotype, untersucht den "Stereotype Threat" in der Schule, seine Folgen sowie Ansätze zu dessen Reduktion.
3 Erwartungseffekte: Das Kapitel definiert Erwartungs- und Pygmalioneffekte, analysiert deren Funktionsweise, beeinflussende Faktoren und Interventionsmöglichkeiten für den Schulkontext.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zur Bedeutung von Stereotypen und Erwartungseffekten zusammen und betont die Notwendigkeit sensibler Bildungsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Stereotype, Stereotype Threat, Erwartungseffekte, Pygmalioneffekt, schulische Leistung, Bildungsgleichheit, Migrationshintergrund, sozioökonomischer Status, Lehrer-Schüler-Interaktion, Selbstbestätigung, Interventionsmöglichkeiten, Leistungsmotivation, Vorurteile, soziale Herkunft, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie negative Stereotype und Erwartungseffekte von Lehrern die schulische Leistungsfähigkeit von Schülern, insbesondere aus benachteiligten Gruppen, beeinträchtigen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten des Stereotype Threats und der sich selbst erfüllenden Prophezeiung (Erwartungseffekte) im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Ursachen für leistungsbeeinträchtigende Effekte zu verstehen und praktische Interventionsmöglichkeiten aufzuzeigen, um Bildungsgleichheit zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit vorliegenden sozialpsychologischen Studien und Forschungsberichten, da spezifische empirische Daten für Deutschland rar sind.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Bereiche: Erstens die Analyse von Stereotypen und dem "Stereotype Threat" und zweitens die Untersuchung von Erwartungseffekten und dem Pygmalioneffekt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Stereotype Threat, Erwartungseffekte, Bildungsgleichheit, Migrationshintergrund und Lehrererwartungen.
Warum sind gerade junge Schüler besonders anfällig für Erwartungseffekte?
Junge Schüler sind laut der Arbeit formbarer und weisen eine höhere Abhängigkeit sowie Fokussierung auf die Lehrkraft auf als ältere Schüler, wodurch diese Effekte stärker wirken.
Welche Bedeutung hat die "Selbstbestätigung" als Intervention?
Die Stärkung der Selbstbestätigung bei Schülern kann helfen, die Wahrnehmung von Bedrohungen durch negative Stereotype zu mindern und defensives Verhalten zu reduzieren.
- Quote paper
- Andreas Gastmann (Author), 2011, Negative Stereotype und Erwartungseffekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/189902