Viele Analysen von Novellen wie "Der Findling", "Das Erdbeben in Chili" oder "Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik" spiegeln sowohl das Bestreben wider, Heinrich von Kleists Behandlung des Katholizismus in jenen Werken autobiographisch zu erklären, als auch die Tendenz, eine strikte Trennung von positiver und negativer Darstellung jener Glaubensrichtung je nach Text erkennen zu wollen. Im "Erdbeben" wird vorrangig Kritik an heuchlerischen Kirchenrepräsentanten und -anhängern gesehen, während in "Die heilige Cäcilie" die katholische Kirche und ihr Glauben angeblich glorifiziert werden.
Diesen Tendenzen kann im vorliegenden Essay nicht völlig widersprochen werden; der Klerus im "Erdbeben" ist vordergründig korrupt und heuchlerisch, und die Kirche in "Die heilige Cäcilie" setzt Blasphemie und Verwüstung bewunderungswürdige Stärke entgegen. Jedoch ist bei genauer Analyse von "Erdbeben" und "Cäcilie" weder eine völlige Abneigung gegen den Katholizismus noch eine kritiklose Zustimmung zu seinen Institutionen erkennbar. Vielmehr gibt es einige Parallelen zwischen den jeweiligen Darstellungen der katholischen Kirche in beiden Novellen. Um neben den Unterschieden auch diese Gemeinsamkeiten herauszufinden, werden im Folgenden die Bilder des Katholizismus in "Das Erdbeben von Chili" und in "Die heilige Cäcilie" untersucht und verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Darstellung des Katholizismus in Heinrich von Kleists Das Erdbeben in Chili und Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, die differenzierte Darstellung des Katholizismus in den Kleist-Novellen „Das Erdbeben in Chili“ und „Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik“ zu analysieren, wobei insbesondere die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Behandlung kirchlicher Institutionen, Rituale und Repräsentanten untersucht werden.
- Analyse der Rolle der katholischen Kirche als Institution in Krisenzeiten.
- Untersuchung der Ambivalenz zwischen Korruption, Machtmissbrauch und christlicher Nächstenliebe.
- Vergleich der inszenatorischen Darstellung kirchlicher Rituale und Gebäude.
- Rolle der Äbtissin als zentrale, ambivalente Figur in beiden Erzählungen.
- Hinterfragung der Forschungsthese einer rein positiven bzw. negativen Kirchenkritik bei Kleist.
Auszug aus dem Buch
Die Darstellung des Katholizismus in Heinrich von Kleists Das Erdbeben in Chili und Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik
Die Haltung des Protestanten Heinrich von Kleist zur christlichen Kirche im Allgemeinen und zum Katholizismus im Besonderen ist ein umfangreich beleuchtetes Feld in der Literaturforschung. Dies ist keinesfalls verwunderlich, scheint der Dichter doch im Zuge seiner Kant-Krise oder der generellen Abwendung von den Wissenschaften einen absoluten Wandel in seinem Verhältnis zum Katholizismus vollzogen zu haben. Vergleicht Kleist in einem Brief vom 14. September 1800 die katholische Religion noch mit der „Sklaverei“, stellt er jene Lehre in einem anderen Schreiben vom 21. Mai 1801 schon über den Protestantismus: „Ach, nur einen Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust würde ich katholisch werden“ (Sembdner II, 562/ 651). Viele Analysen von Novellen wie Der Findling, Das Erdbeben in Chili oder Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik spiegeln folglich sowohl das Bestreben wider, Kleists Behandlung des Katholizismus in jenen Werken autobiographisch zu erklären, als auch die Tendenz, eine strikte Trennung von positiver und negativer Darstellung jener Glaubensrichtung je nach Text erkennen zu wollen.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Darstellung des Katholizismus in Heinrich von Kleists Das Erdbeben in Chili und Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik: Die Untersuchung legt dar, dass Kleist in beiden Novellen kein einseitiges Bild des Katholizismus zeichnet, sondern sowohl kritische Aspekte der Korruption und Selbstinszenierung als auch Momente der Nächstenliebe und Zuflucht in beiden Werken gegenüberstellt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Die heilige Cäcilie, Katholizismus, Literaturanalyse, Kirchenkritik, Nächstenliebe, Äbtissin, Klerus, Novelle, Religionsdarstellung, Machtmissbrauch, Kleist-Forschung, Christentum, institutionelle Kirche
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Heinrich von Kleist in zwei seiner bekanntesten Novellen den Katholizismus darstellt und ob sich darin ein einheitliches Weltbild des Autors erkennen lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Rolle der Kirche als Institution, die Darstellung von Geistlichen und Gläubigen sowie die symbolische Bedeutung von Kirchengebäuden und Ritualen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die gängige Forschungsmeinung zu hinterfragen, die Kleist oft eine rein negative oder rein positive Sicht auf den Katholizismus unterstellt, und stattdessen die Ambivalenz in seinen Texten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, die den Textbestand der beiden Novellen sowie ergänzende Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Handlungen und Rollen der kirchlichen Vertreter (insbesondere der Äbtissin) verglichen und die architektonische Symbolik sowie die inszenatorische Darstellung der Kirche analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Katholizismus, Korruption, Nächstenliebe, Institution, Inszenierung, Macht und Ambivalenz.
Welche Rolle spielt die Äbtissin in den Novellen?
Die Äbtissin fungiert in beiden Werken als ambivalente Figur, die einerseits Nächstenliebe zeigt, andererseits aber auch machtbewusste und teils verschlagene Züge bei der Sicherung des kirchlichen Einflusses offenbart.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Kirche in den beiden Werken?
Während die Kirche im „Erdbeben“ mit Korruption und Dekadenz verknüpft wird, zeigt sie sich in „Die heilige Cäcilie“ in einer defensiven, teils heldenhaften Rolle, wobei jedoch in beiden Fällen die Tendenz zur Selbstinszenierung und zur Sicherung des Zulaufs an Gläubigen kritisch beleuchtet wird.
- Quote paper
- Franz Kröber (Author), 2011, Die Darstellung des Katholizismus in Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili" und "Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/189272