I. Einleitung
Im ausgehenden 12. Jahrhundert treten zum ersten Mal neben die lateinische und volkssprachliche Literatur der Kleriker mittelhochdeutsche, höfische Dichtungen. Werke wie der Eneit, Parzival oder Tristan lassen zwischen 1170 und 1250 die Hofkultur aufblühen und ihren Höhepunkt erleben. Gemeinsam mit Heinrich von Veldeke und Wolfram von Eschenbach formt Hartmann von Aue, der seinerzeit einen der erfolgreichsten und schöpferischsten Dichter darstellte, nicht nur einen neuen literarischen Stil, sondern entwirft viel mehr noch Vorstellungen vom Rittertum und der gesamten Hofkultur mit mustergültigem Charakter. [...]
Viele der weitgehend erhaltenen Textzeugnisse aus dem Mittelalter leiden an einer schlechten bis sehr schlechten Überlieferung. Anders ist dies bei Hartmanns Iwein. Die Überlieferung des Werkes ist, gemessen an anderen mittelalterlichen Werken, sehr gut; es gibt 16 einigermaßen vollständig erhaltene Handschriften und 17 Fragmente. Die vorliegende Hausarbeit soll sich aber nicht mit der gesamten Überlieferungssituation des Werkes auseinandersetzen, sondern vielmehr die jeweiligen Schlüsse der Handschriften in den Fokus setzen. Denn so wie sich die Iwein-Handschriften aus den verschiedensten Jahrhunderten in ihrer Form und ihrem Sinn unterscheiden, so liefern auch die jeweiligen Schlüsse Einblicke in zeitgeschichtliche Einflüsse, in den gesellschaftlichen Geschmack und verfolgte didaktische Prinzipien. Den festen und gesetzten Text, so wie wir ihn aus dem 21. Jahrhundert her kennen, gibt es zu dieser Zeit nicht. Gerade deswegen ist eine Analyse divergierender Handschriften so interessant. Heutzutage können wir uns verschiedene Versionen oder Neufassungen eines Werkes gar nicht mehr vorstellen. Dazu kommt, dass der Schluss eines jeden literarischen Werkes sein Ende markiert und – genauso wie zuletzt genannte Argumente in einer Diskussion – am stärksten im Gedächtnis des Rezipienten erhalten bleibt. Es ergibt sich aus ihm die Moral der Erzählung und der Kreis der Erzählung schließt sich.
Im Folgenden sollen anhand der Handschriften A und B, die beide zum Anfang des 13. Jahrhunderts hin datiert werden und den Anfang der Iwein-Überlieferung markieren, sowie der Handschrift f aus dem 15. Jahrhundert die Schlüsse auf Verhältnisse, Beziehungen, starke Abweichungen und Tendenzen hinsichtlich des poetischen Konzepts analysiert werden. Eine Interpretation, weshalb diese drei Schlüsse so stark divergieren, schließt sich an.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1.) Der konventionelle Schluss im Artusroman
2.) Die verschiedenen Schlüsse der Iwein-Handschriften
2.1) Der Schluss in A - Muster für die Mehrheit aller überlieferten Iwein-Handschriften
2.2) Der Schluss in B – Verweis auf einen anderen Mäzen
2.3) Reminiszenz
2.4) Der Schluss in f – intertextuelle Bezüge
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Schlussfassungen der mittelalterlichen Handschriften des Iwein von Hartmann von Aue. Ziel ist es, anhand der Handschriften A, B und f zu analysieren, wie divergierende Textschlüsse Aufschluss über zeitgeschichtliche Einflüsse, veränderte gesellschaftliche Erwartungen an das höfische Epos sowie poetologische Konzepte geben.
- Analyse der Überlieferungsgeschichte des Iwein
- Untersuchung des konventionellen Artusroman-Schlusses
- Vergleich der Handschriften A, B und f hinsichtlich ihrer inhaltlichen Schwerpunkte
- Erforschung intertextueller Bezüge und didaktischer Tendenzen im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
2.1) Der Schluss in A - Muster für die Mehrheit aller überlieferten Iwein-Handschriften
„ez was guot leben wænlich hie: ichn weiz ab waz ode wie in sît geschæhe beiden. ezn wart mir niht bescheiden von dem ich die rede habe: durch daz enkan ouch ich dar abe iu niht gesagen mêre, wan got gebe uns sælde und êre.“
So endet die kritische Ausgabe des Iwein nach Karl Lachmann, dessen Methode den historisch-kritischen Editionen mittelhochdeutscher Texte zum Vorbild für die moderne Textkritik wurde. Tatsächlich findet sich dieser Schluss auch in der Iwein-Handschrift A wieder, in welcher sich Iwein und seine frouwe Laudine zuvor versöhnen. Inständig bittet er sie um Verzeihung für sein Fehlverhalten. Laudine nimmt seine Entschuldigung aber nur gezwungenermaßen an; von gegenseitiger Minne fehlt jede Spur: „und sage dir mitter wârheit, entwunge michs niht der eit, sô wærez unergangen. der eit hât mich gevangen“.
Lunete, Laudines Zofe, die durch ihre Tüchtigkeit maßgeblich an dem glücklichen Ende dieser Liebesbeziehung und des Siegeszuges Iweins im Allgemeinen beteiligt war, wird in A zwar gelobt, jedoch wird nicht genau spezifiziert, wie es ihr vergütet wurde: „ouch wæn ich sîs alsô genôz daz sî des kumbers niht verdrôz“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die höfische Literatur des 12. Jahrhunderts ein und erläutert die Besonderheit der Iwein-Überlieferung, welche eine vergleichende Analyse der verschiedenen Handschriftenschlüsse ermöglicht.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert zunächst das traditionelle Schlussmodell des Artusromans und untersucht anschließend detailliert die Handschriften A, B und f auf ihre strukturellen und inhaltlichen Abweichungen hin.
1.) Der konventionelle Schluss im Artusroman: Dieses Kapitel erarbeitet das theoretische Grundverständnis für den Romanschluss im Artusroman der Blütezeit und dessen Funktion als Abschluss einer ritterlichen Laufbahn.
2.) Die verschiedenen Schlüsse der Iwein-Handschriften: Dieser Abschnitt dient als Oberkategorie für die spezifischen Untersuchungen der ausgewählten Handschriften.
2.1) Der Schluss in A - Muster für die Mehrheit aller überlieferten Iwein-Handschriften: Analyse der ältesten Handschrift A, die dem traditionellen, abrupten Schlussmuster des Urtextes folgt.
2.2) Der Schluss in B – Verweis auf einen anderen Mäzen: Untersuchung der Handschrift B, die durch Plusverse, eine Kniefallszene und eine weiblichere Charakterzeichnung auffällt.
2.3) Reminiszenz: Kritische Reflexion über die Unstetigkeit mittelalterlicher Texte und die literaturwissenschaftliche Einordnung der Divergenzen zwischen den ältesten Handschriften.
2.4) Der Schluss in f – intertextuelle Bezüge: Untersuchung der Handschrift f, welche durch intertextuelle Anleihen an Rudolf von Ems’ Willehalm von Orlens eine neue Form der literarischen Aufwertung darstellt.
III. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die zunehmende religiöse Ausrichtung sowie die Bedeutung der Intertextualität in den Iwein-Handschriften hervor.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Mittelalter, Handschriften, Artusroman, Intertextualität, Literaturgeschichte, Überlieferung, Laudine, Lunete, Ritterideal, Didaktik, Höfische Dichtung, Textkritik, Schlussgestaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Schlüsse verschiedener Handschriften des Iwein-Epos von Hartmann von Aue unterscheiden und was diese Unterschiede über die mittelalterliche Literaturpraxis aussagen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Überlieferungsgeschichte mittelalterlicher Texte, das höfische Ritterideal, die Rolle des Publikums und die literarische Intertextualität.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, warum die Schlüsse der Handschriften A, B und f so stark divergieren und welche Rückschlüsse dies auf gesellschaftliche Erwartungen und die literarische Gestaltung des Mittelalters zulässt.
Welche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse literarischer Texte, die historische Handschriftenfunde sowie deren editorische und inhaltliche Differenzen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Bestimmung des Artusroman-Schlusses und eine detaillierte Einzelanalyse der Handschriften A (Urtext-nah), B (erweitert/weiblicher geprägt) und f (intertextuell durch Willehalm-Anleihen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Iwein, Hartmann von Aue, Intertextualität, Überlieferung, Handschriften, Ritterideal und Didaktik.
Warum weicht die Handschrift B inhaltlich vom Standard ab?
Die Forschung vermutet, dass Handschrift B gezielt auf die Wünsche eines weiblichen Mäzens zugeschnitten wurde, um ein glücklicheres und emotionaleres Ende zu bieten als das ursprüngliche, eher distanzierte Vorbild.
Inwiefern nutzt die Handschrift f intertextuelle Bezüge?
Der Zudichter von f integriert fast wörtlich Passagen aus Rudolf von Ems’ Willehalm von Orlens, um den Schluss des Iwein aufzuwerten und seine eigene literarische Kompetenz sowie die Beliebtheit des Vergleichswerks zu nutzen.
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- H. Filla (Author), 2010, Die verschiedenen Schlüsse des "Iwein" - Präzedenzfall für den unfesten Text des Mittelalters, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188449