„Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm Menschenwürde zu; es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde bewusst ist und sie selbst zu wahren weiß. Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potenziellen Fähigkeiten genügen, um die Menschenwürde zu begründen.“
Mensch und Person sind dieser Entscheidung des Verfassungsgerichts zufolge unzertrennlich; sogar auch dann, wenn der ‚Träger’ der Menschenwürde sich seiner eigenen Trägerschaft nicht einmal bewusst ist. Die unerschütterliche Beziehung des Menschen und der Person liegt in diesem Fall in der Erhebung ‚potenzieller Fähigkeiten’ zum einzigen Bestimmungskriterium der Identität des Menschen, die zugleich auch eine Identität der Person begründet.
Diese Einheit der Begriffe Mensch und Person war und ist jedoch keineswegs unumstritten, wie die Diskussion um die Embryonenforschung in der Bundesrepublik zeigt. Wer darüber bestimmt, wann ein Mensch eine Person ist und welche Voraus-setzungen für das Personsein erfüllt werden müssen, sind die zentralen Fragen, die in dieser Diskussion erläutert werden.
In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, zwei Positionen, die das Vorhanden des Personseins von bestimmten inneren und äußeren Bedingungen des Menschseins abhängig machen, d.h. die das Personsein des Menschen als etwas künstliches betrachten, zu vergleichen und kritisch zu beurteilen. Auf der einen Seite steht John Lockes Konzept einer Trennung der Identität des Menschen und der Identität der Person, in dessen Zentrum das räumlich-zeitliche Kriterium der Identitätsbestimmung steht. Da neben diesem „Lokalisierungsprinzip“ auch die Art der Organisationsstruktur von Dingen und Lebewesen eine wichtige Rolle in Lockes Untersuchung der Grundlagen des Mensch- und Personseins einnimmt, gehört diese ebenso zum Gegenstand dieser Arbeit. Den Ausführungen zu John Locke folgt eine Darstellung und kritische Erläuterung der Position von Jürgen Habermas, die er in "Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?" (2001) entwickelt. Die durchaus vorhandene Ähnlichkeit in der Argumentation von Locke und Habermas bildet den Anlass für die vergleichenden Aspekte folgender Untersuchung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konstituierung der Identität bei John Locke
2.1 Das Lokalisierungsprinzip
2.2 Die Bedeutung der Organisationsstruktur
3. Die Verschiedenheit von Mensch und Person
3.1 Identität des Menschen
3.2 Identität der Person und ihr Verhältnis zur Identität des Menschen
4. Die Quellen der Identität bei Jürgen Habermas
4.1 Die raum-zeitliche Dimension des Personseins bei Habermas
4.2 Habermas’ ‚Schiefes’ Argument gegen das Dammbruchargument
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht und vergleicht die philosophischen Konzepte von John Locke und Jürgen Habermas hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Mensch und Person. Zentral ist dabei die Frage, inwiefern die Identität eines Menschen von künstlichen, räumlich-zeitlichen oder sozialen Bedingungen abhängt und welche bioethischen Konsequenzen sich aus der Trennung dieser beiden Begriffe für den Status von Embryonen oder Personen mit Bewusstseinsverlust ergeben.
- Trennung der Begriffe "Mensch" und "Person" bei Locke und Habermas
- Lockes Lokalisierungsprinzip und die Bedeutung der Organisationsstruktur
- Habermas' Fokus auf soziale Interaktion und Intersubjektivität
- Implikationen für den rechtlichen Lebensschutz und Menschenwürde
- Kritische Auseinandersetzung mit bioethischen Herausforderungen
Auszug aus dem Buch
3.2 Identität der Person und ihr Verhältnis zur Identität des Menschen
Eine Person ist für Locke ein „denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt und sich selbst betrachten kann.“ Die Person konstituiert die Kontinuität des Bewusstseins, welches es der Person möglich macht, „sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten zu denken.“
Eine Person ist also dazu fähig, sich als dasselbe Ding an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten zu erfassen. Das Denken ist also das Wesen des Bewusstseins der Person. Die Person bestimmt sich aufgrund des Sich-selbst-bewusstwerdens selbst. Das, was die Person über sich denkt und wie sie sich selbst wahrnimmt, ist genau das, was über das „eigene Ich“ entscheidet. Folglich ist die „Identität des Bewußtseins also nichts anderes als Bewußtsein der Identität.“ Damit also die Identität der Person gewahrt ist, muss die Person sich selbst identifizieren können. Personale Identität besagt somit, dass der Denkende sich selbst als den Akteur denkt bzw. einzig selbst denken kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die unzertrennliche Beziehung von Mensch und Menschenwürde sowie die kontroversen Debatten um den Beginn des Personseins, insbesondere im Kontext der Embryonenforschung.
2. Konstituierung der Identität bei John Locke: Dieses Kapitel erläutert Lockes Verständnis von Identität, das maßgeblich auf dem Lokalisierungsprinzip und der spezifischen Organisationsstruktur von Lebewesen basiert.
3. Die Verschiedenheit von Mensch und Person: Hier wird die Differenzierung zwischen Mensch und Person bei Locke vertieft, wobei besonders das Bewusstsein und die Gedächtnisleistung für die personale Identität hervorgehoben werden.
4. Die Quellen der Identität bei Jürgen Habermas: Habermas’ Position wird als soziale Konstruktion des Personseins dargestellt, in der Anerkennung und die Einbettung in intersubjektive Sprachgemeinschaften zentral sind.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung reflektiert die kritischen Gemeinsamkeiten beider Ansätze und warnt vor den Konsequenzen einer Trennung von Mensch und Person für die universelle Gültigkeit von Menschenrechten.
Schlüsselwörter
Identität, Person, Mensch, John Locke, Jürgen Habermas, Menschenwürde, Bewusstsein, Individualität, Embryonenforschung, Bioethik, Intersubjektivität, Lebensschutz, Organisationsstruktur, Soziale Anerkennung, Selbstbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die philosophischen Bestimmungen von "Mensch" und "Person" bei John Locke und Jürgen Habermas sowie deren Einfluss auf moralische und rechtliche Fragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Identitätskonstitution, das Verhältnis von Körper und Geist, die Rolle der Sprache sowie die ethische Einordnung von Lebewesen, die noch keine Personen im Sinne der Theorie sind.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Trennung von Mensch und Person bei den beiden Philosophen kritisch zu hinterfragen und aufzuzeigen, welche Konsequenzen diese für den Schutz menschlichen Lebens, insbesondere bei Embryonen, hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende philosophische Analyse, die zentrale Texte (insbesondere Lockes "Über den menschlichen Verstand" und Habermas' "Die Zukunft der menschlichen Natur") interpretiert und kritisch bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Lockes räumlich-zeitlichem Identitätsverständnis und die kontrastierende, sozial-kontextuelle Perspektive von Habermas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identität, Personsein, Menschenwürde, Selbstbewusstsein und Bioethik maßgeblich geprägt.
Warum hält Locke die Unterscheidung von Mensch und Person für notwendig?
Locke unterscheidet diese Begriffe, um Identität an Bewusstsein und Gedächtnis zu binden, was eine juristische Zurechnung von Handlungen und moralische Verantwortung ermöglicht.
Wie unterscheidet sich Habermas' Sichtweise vom Locke?
Während bei Locke das Lokalisierungsprinzip und das individuelle Bewusstsein im Vordergrund stehen, betont Habermas, dass eine Person erst durch die soziale Anerkennung in einer Sprachgemeinschaft entsteht.
- Quote paper
- Ernest Mujkic (Author), 2007, Mensch und Person bei John Locke und Jürgen Habermas, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188275