Verschollenheitsgesetz [...]
Durch diesen Gesetzesauszug wird sehr deutlich, dass es anscheinend in der Bedeu-tung des Begriffes liegt, dass eine Person nur durch eine andere als verschollen er-klärt werden kann. Bezieht man den von Kafka, seiner Tagebucheinträge zufolge, gewählten Titel nun auf Karl Roßmann, die Hauptperson des Romans „Der Ver-schollene“, wird schnell klar, dass sich dieser zwar getrennt von seiner Familie in Amerika befindet, für den Leser jedoch bis zum Ende gegenwärtig und in seinen Taten verfolgbar bleibt. Kafka spielt also auf eine besondere Weise mit dem Begriff der Verschollenheit, der ausschließlich im Titel des Romans Erwähnung findet. Die Figur Roßmann befindet sich immerfort in einem Zwischenzustand und kann selbst vom Leser am Ende weder als tot, noch als lebendig erklärt werden, weil sein Reise-ziel zwar bekannt ist, jedoch innerhalb des Romans nicht erreicht wird. Dennoch bleibt es ein paradoxes Verfahren, einen stetig Anwesenden als Verschollenen zu bezeichnen. Genau aber mit jenen paradoxen Schreibverfahren Kafkas soll sich diese Arbeit ein Stück weit auseinander setzen, denn Kafka setzt seinen Hauptcharakter durchaus noch anderen Zwischenzuständen aus. So befindet sich Karl Roßmann auch zwischen einem Erinnern und Vergessen und somit in einem Spannungsfeld von Zeit und Raum. Auf die Untersuchung des Verhältnisses dieser Konzepte und ihrer Ver-knüpfung mit dem Begriff der Verschollenheit ist diese Arbeit ausgerichtet. Über-prüft werden soll also im Folgenden die These, ob Kafkas paradoxe Zeit- und Raum-struktur zwangsläufig zum Verschellen des Charakters führt und inwieweit dies am Text belegt werden kann. Dazu wird zuerst das Erinnern mit der Zeitstruktur des Romans in Verbindung gebracht, wobei der Fokus immer auf dem Begriff der Ver-schollenheit liegt. Anschließend sollen verschiedene Raummodelle des Romans und ihre Verbindung mit dem Begriff des Vergessens untersucht werden. Entsprechende Textstellen sollen auch hier zur Verdeutlichung analysiert werden. Danach soll es einen Versuch der Zusammenführung der beiden Themengebiete geben, um so die anfangs aufgestellte These hinsichtlich Kafkas paradoxer Zeit-und Raumordnung zu beweisen oder aber auch zu widerlegen. Abschließend folgt ein kurzes Resümee.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Der Begriff Verschollenheit
2. Das zeitliche Erinnern
2.1. Die verschiedenen Zeiteinheiten
2.2. Das Erinnern der Herkunft
2.3. Das kulturelle Dispositiv des Vergessens – ein Nicht-Erinnern
3. Das räumliche Vergessen
3.1. Raummodelle
3.2. Das rhetorische Dispositiv des Vergessens
4. Das Zusammenspiel von Zeit und Raum
5. Abschließende Bemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld von Zeit und Raum in Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" und analysiert, inwieweit die paradoxe Struktur dieser Konzepte den Prozess der "Verschollenheit" des Protagonisten Karl Roßmann maßgeblich beeinflusst und vorantreibt.
- Die Analyse paradoxer Zeitstrukturen und deren Einfluss auf die Erzählweise.
- Die Untersuchung der Raumkonzepte (Labyrinthe, weite Außenräume, Korridore) als "Vergessensräume".
- Die Verbindung von Erinnern und Vergessen mit jüdischen Identitätskonflikten der Zeit.
- Die Rolle der Hauptfigur Karl Roßmann als treibende Kraft seines eigenen Verschollengehens.
- Die theoretische Einbettung durch kulturwissenschaftliche Raumkonzepte und rhetorische Mnemotechniken.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die verschiedenen Zeiteinheiten
Der in dieser Arbeit analysierte Roman bietet eine komplexe Zeitstruktur, die in ihrer Zusammensetzung durchaus etwas zur Interpretation des Romans hinsichtlich des von Kafka angedachten Titels beitragen kann. In der Forschungsliteratur wird im Zusammenhang mit den Romanen des Schriftstellers oft von einer „prinzipiellen Aussparung vergangenheitsorientierter Perspektiven“ gesprochen, was bedeutet, dass abgeschlossene Ereignisse nie einen Vergangenheitscharakter tragen. Durch die Verschiebung von „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eine Zeitebene“ muss der literarische Zeitbegriff neu definiert werden. Durch die Reduktion auf nur eine zeitliche Ebene muss zudem jede Zeitstruktur des Romans genau gedeutet werden.
Bereits der Romantitel selbst ist ein Inbegriff dieser beschriebenen Verschiebung zeitlicher Strukturen, da er, wie bereits erwähnt, ein „paradoxal strukturierter Zeitbegriff“ ist. Verschollenheit kennzeichnet hier nämlich keinen abgeschlossenen Vorgang, worauf man durch allgemeines Weltverständnis schließen könnte, sondern zeigt den Weg des Hauptcharakters in eine (ungewisse) Verschollenheit.
Weiterhin sind Erinnerungen im Roman nicht etwa als Einschnitte, die den Erzählfluss stören, sondern vielmehr als Perspektivierung zu sehen, die „im gegenwärtigen Erzähl- und Auslegungsprozeß [sic!] nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die als Vorerinnerung in die Nachträglichkeit des Erzählens virtuell schon aufgenommene Zukunft in sich einschließt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Der Begriff Verschollenheit: Einführung in die Thematik der "Verschollenheit" anhand des rechtlichen Begriffs und Darstellung der These, dass Kafkas Zeit- und Raumstruktur Karl Roßmanns Weg in die Verschollenheit begünstigen.
2. Das zeitliche Erinnern: Untersuchung der komplexen, paradoxen Zeitstruktur des Romans und der Rolle von Erinnerungen, die Roßmann in einem dauerhaften Zwischenzustand halten.
3. Das räumliche Vergessen: Analyse der labyrinthischen Räume und ihrer Funktion als Instrumente des Vergessens, die den Protagonisten systematisch von seiner Herkunft und Identität entfremden.
4. Das Zusammenspiel von Zeit und Raum: Zusammenführung der Ergebnisse zur Zeit- und Raumordnung, die das unabwendbare Verschollen des Protagonisten als strukturelle Notwendigkeit des Textes aufzeigen.
5. Abschließende Bemerkung: Rekapitulation der These unter Berücksichtigung des Schlusskapitels, wobei die Verschollenheit als unabschließbarer, paradoxer Prozess innerhalb der Interpretation des Lesers verbleibt.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Der Verschollene, Karl Roßmann, Zeitstruktur, Raumordnung, Verschollenheit, Erinnern, Vergessen, Mnemotechnik, Labyrinth, Identität, Westjudentum, Amerika-Roman, Literaturwissenschaft, Narratologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Kafkas Roman "Der Verschollene" unter dem Aspekt, wie Zeit- und Raumkonzepte die Entwicklung des Hauptcharakters Karl Roßmann hin zur Verschollenheit bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themenfelder sind die paradoxe Zeitordnung, die räumliche Strukturierung (Labyrinthe, weite Außenräume) sowie das psychologische Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu überprüfen, ob Kafkas spezifische Zeit- und Raumstruktur zwangsläufig zum Verschollen des Protagonisten führt und wie dies textlich belegt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von kulturwissenschaftlichen Raumkonzepten und rhetorischen Ansätzen zur Mnemotechnik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die paradoxen Zeiteinheiten, dann die räumlichen Vergessensmodelle und schließlich das Zusammenspiel von Zeit und Raum im Kontext der Identitätsverluste des Karl Roßmann untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verschollenheit, paradoxe Zeitstruktur, Vergessensräume, Labyrinth, Identitätsverlust und Kafkas Schreibverfahren charakterisiert.
Warum spielt der "Schreibtisch-Moment" eine Rolle für die These?
Die Szene zeigt, wie Karl versucht, sich an Traditionen zu erinnern, diese jedoch durch die eigene Handlung oder Umgebung sofort wieder verwirft, was seine Zerrissenheit und den Prozess des Vergessens verdeutlicht.
Inwiefern beeinflussen die "Balkone" die Deutung der Räume?
Balkone dienen als paradoxe Schwellen zwischen Innen- und Außenraum, die den Protagonisten zwar kurzzeitig träumen lassen, ihn aber faktisch in seiner Isolation gefangen halten.
- Quote paper
- Susann Dannhauer (Author), 2010, Paradoxe Zeit- und Raumordnung in Franz Kafkas „Der Verschollene“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187546