Obwohl Ende der 1960er bereits 1,8 Millionen Ausländer in Deutschland lebten, gab es, mit Ausnahme der allgemeinen Schulpflicht für ausländische Kinder, keine bildungspolitischen Auseinandersetzungen mit dem Thema „Kinder von Migranten“. Alle Beteiligten, die Deutschen, die Herkunftsländer und die Betroffenen selbst, gingen davon aus, dass es sich bei den Zugewanderten um Gastarbeiter handelte, die nach einigen Arbeitsjahren in Deutschland in ihre Heimatländer zurückkehren würden.
Diese Auffassung hat sich heute grundlegend verändert. Denn was vor Jahren noch in Fachkreisen diskutiert wurde, ist heute Gewissheit: Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem Gastarbeiterland zu einem Einwanderungsland modernen Typs entwickelt!
Durch diese allmähliche Verwandlung steht Deutschland heute vor der Aufgabe, ihre multiethnische Bevölkerung in die Kerngesellschaft zu integrieren. Und dabei spielt ist Bildung eine zentrale Rolle:
„Wenn man gleiche Teilnahmechancen am Leben der Aufnahmegesellschaft als das Herzstück der Integration ansieht, dann stehen gleiche Bildungschancen im Zentrum der Integrationsprozesse. Bildung ist die zentrale Ressource für die Teilnahme am ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben.
Nicht nur in der Politik und Wissenschaft, sondern auch in der breiten Bevölkerung werden kontroverse Diskussionen über den Umgang mit Bildung und Integration von Migrantenkindern in Deutschland geführt.
Die alarmierenden PISA-Studien (Programme for International Student Assessment) der letzten Jahre gossen noch zusätzlich Öl ins Feuer und führten zu zahlreichen vorschnellen Bildungsreformen.
Im Juli 2006 tagte der erste Integrationsgipfel mit Vertretern aus Politik, Medien, Wissenschaft und bürgerliche Organisationen. Dabei wurde die Erstellung eines Nationalen Integrationsplan (NIP) beschlossen. Kernziele des NIPs waren:
• die Verbesserung der Integrationskurse
• Förderung der deutschen Sprache
• Sicherung guter Bildung und Ausbildung.
Der Gipfel der Integrationsdebatte wurde im Jahr 2010 mit Sarrazins umstrittenem Buch „Deutschland schafft sich ab“ erreicht. In seinem Buch beschreibt Sarrazin, auf äußerst polemische Art und Weise die Folgen, die sich seiner Ansicht nach, für Deutschland aus der Kombination von Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und Zuwanderung ergeben.
Politiker und Wissenschaftler übten zwar harsche Kritik an Sarrazins Pseudowissenschaft und unterstellen ihm Rassismus und
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Gastarbeiter, Ausländer, Migrant, Ethnische Minderheit
II.1 Begriffsproblematik: Vom Ausländer zur Ethnischen Minderheit
II.2 Phasen der Ausländerpolitik
II.3 Die Vielfalt der Minderheiten
II.4 Bevölkerungsentwicklung und Soziallage von Migranten
II.5 kurzer Exkurs: Ethnische Minderheiten in Ostdeutschland
III. Wirkung und Ertrag von Bildung
III.1 Bildung und Erwerbschancen
III.2 Bildung und Einkommen
III.3 Bildung und Gesundheit
III.4 Individuelle Bildung als Nutzen für die Gesellschaft
III.5 Zwischenfazit
IV. Faktoren der Benachteiligung
IV.1 Fremde Kultur
IV.2 Deutsch als Fremdsprache
IV.3 Doppelte Benachteiligung
IV.3.1 Schichtspezifische Benachteiligung
IV.3.2 Migrationsspezifische Benachteiligung
IV.3.3 Doppelte Benachteiligung: Fazit
IV.4 Leistungsunabhängiger sozialer Filter
IV.5 Institutionelle Diskriminierung
IV.6 Das deutsche Schulsystem
IV.7 Zwischenfazit
V. Migranten an deutschen Schulen
VI. Schulleistungsstudien
VI.1 Ergebnisse der IGLU-Studie 2006
VI.2 Ergebnisse der PISA-Studien
VI.3 Schulleistungsstudien: Zusammenfassung
VII. Möglichkeiten zum Abbau der Bildungsdifferenzen
VIII. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Hintergründe der Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern in Deutschland. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie Migrantenkinder in ihrem Bildungserwerb benachteiligt werden und welche bildungspolitischen sowie institutionellen Handlungsansätze existieren, um diesen Bildungsungleichheiten entgegenzuwirken.
- Historische Entwicklung der Ausländerpolitik in Deutschland
- Bedeutung von Bildung für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg
- Faktoren der Benachteiligung (kulturelle Einflüsse, Sprache, soziale Schichtung, Diskriminierung)
- Analyse von Schulleistungsstudien wie PISA und IGLU im Kontext von Migration
- Möglichkeiten und Reformansätze zum Abbau von Bildungsungleichheiten
Auszug aus dem Buch
IV.5 Institutionelle Diskriminierung
Neben dem leistungsunabhängigen sozialen Filter werden auch Zeichen für eine so genannte „institutionelle Diskriminierung" beobachtet. Die Definition der institutionellen Diskriminierung leitet sich aus dem Begriff des „institutionellen Rassismus“ ab. Als institutioneller Rassismus werden Diskriminierungen bezeichnet, die von Institutionen der Gesellschaft wie beispielsweise der Schule ausgehen. Das Prinzip der institutionellen Diskriminierung wurde 1967 von Stokely Carmichael in „Black Power" verwendet.
Mechthild Gomolla und Frank-Olaf Radtke konnten in ihrer beachtenswerten Studie darlegen, dass in die Entscheidungen von Lehrern zu ihren Empfehlungen (Überweisungen auf Sonderschulen und Schulempfehlungen) auch nicht-meritokratische Kriterien zu Lasten der Migrantenkinder einfließen. Dabei spielen, beispielsweise spezifische Schulinteressen, eine zentrale Rolle. Aber auch Sprachdefizite werden, oft irrtümlich, als allgemeine Lernbehinderung gedeutet.
Institutionelle Diskriminierung kommt in direkter und indirekter Art vor. Die direkte institutionelle Diskriminierung erfolgt durch fortwährenden mutwilligen Handlungen in Institutionen. Indirekte institutionelle Diskriminierung bezieht sich dagegen auf bestimmte Anordnungen, die sich negativ auf einzelne Gruppen auswirken. Beispielsweise ist die Zurückstufung von Kindern mit Migrationshintergrund in der Primarstufe eine gängige Form der indirekten institutioneller Diskriminierung. Die häufigste Form der Institutionellen Diskriminierung findet wir in der Institution Schule. Und dort vor allem bei der Notengebung und Empfehlungen für die verschiedenen Formen der Sekundarstufe.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung thematisiert den Wandel Deutschlands vom Gastarbeiterland zum Einwanderungsland und die damit verbundene Notwendigkeit, Migrantenkinder erfolgreich in das Bildungssystem zu integrieren.
II. Gastarbeiter, Ausländer, Migrant, Ethnische Minderheit: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Entwicklung und die historischen Phasen der deutschen Ausländerpolitik sowie die verschiedenen Gruppen innerhalb der ethnischen Minderheiten.
III. Wirkung und Ertrag von Bildung: Hier wird die Bedeutung von Bildung als Ressource für individuelle Lebenschancen, wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Teilhabe analysiert.
IV. Faktoren der Benachteiligung: Das Kapitel beleuchtet diverse Ursachen für Bildungsungleichheit, darunter kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren, soziale Herkunft und institutionelle Mechanismen wie Diskriminierung durch das Schulsystem.
V. Migranten an deutschen Schulen: Diese Sektion analysiert die spezifische Bildungssituation von Migrantenkindern, die überproportional häufig auf Haupt- und Sonderschulen vertreten sind.
VI. Schulleistungsstudien: Anhand der Ergebnisse von IGLU und PISA wird die Bildungsbenachteiligung empirisch belegt und die Korrelation zwischen Herkunft und Schulerfolg verdeutlicht.
VII. Möglichkeiten zum Abbau der Bildungsdifferenzen: Hier werden präventive und nachholende Ansätze sowie notwendige Reformen im Schulsystem und in der Lehrerausbildung diskutiert.
VIII. Resümee: Das Resümee fasst die Erkenntnisse zusammen und plädiert nachdrücklich für eine Abkehr von der frühen Selektion im Schulsystem sowie für eine gezielte Förderung zur Chancengleichheit.
Schlüsselwörter
Bildungsbenachteiligung, Migrationshintergrund, Schulleistungsstudien, PISA, IGLU, Chancengleichheit, Institutionelle Diskriminierung, Schulsystem, Selektion, Sprachförderung, Soziale Herkunft, Integration, Bildungsreform, Lehrerausbildung, Ethnische Minderheiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik der Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem und untersucht die Hintergründe sowie mögliche Lösungsansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung der Migration in Deutschland, die Bedeutung von Bildung für das Individuum und die Gesellschaft sowie die Analyse von Ursachen für Bildungsungleichheit und Schulerfolg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum Migrantenkinder bildungsbenachteiligt sind, und Handlungsfelder für Politik, Institutionen und Familien zu identifizieren, um diesen Ungleichheiten entgegenzuwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und deskriptive Auswertung von Schulleistungsstudien (PISA, IGLU) sowie amtlichen Statistiken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Bildungserfolgs, identifiziert Faktoren der Benachteiligung wie kulturelle Aspekte und Diskriminierung und analysiert die aktuelle Lage von Migrantenkindern in verschiedenen Schulformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bildungsbenachteiligung, Migrationshintergrund, Chancengleichheit, institutionelle Diskriminierung und Schulleistungsstudien charakterisiert.
Welchen Einfluss hat laut Autor das dreigliedrige Schulsystem auf Migrantenkinder?
Der Autor vertritt die Auffassung, dass die frühe Selektion im dreigliedrigen Schulsystem Migrantenkinder benachteiligt und dazu führt, dass diese überproportional in leistungsschwächeren Schulformen landen.
Warum wird die Rolle der Lehrkräfte im Kontext der Benachteiligung kritisch hinterfragt?
Die Arbeit kritisiert, dass Lehrkräfte durch eigene Vorurteile oder mangelnde diagnostische Kompetenz bei der Schulempfehlung dazu beitragen können, dass Kinder aus bildungsfernen oder migrantischen Familien ungerechtfertigterweise in niedrigere Schulzweige eingestuft werden.
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- Anonym (Author), 2011, Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187257