Mit zunehmendem technischen und medizinischen Fortschritt sind in den vergangenen
Jahrzehnten neue Möglichkeiten der Heilung von Krankheiten entstanden. Die
durchschnittliche Lebensdauer konnte dadurch deutlich verlängert werden und insbesondere
im hohen Alter bedeutet eine schwere Krankheit nicht mehr zwangsläufig den Tod. Die
Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass teilweise Patienten unter den lebensverlängernden
Maßnahmen leiden und Monate, wenn nicht sogar Jahre, nur mit Hilfe medizinischer Mittel
weiterleben, wobei die Lebensqualität dabei sehr gering sein kann. Eine Antwort auf die
Frage, ob derartige medizinische Maßnahmen oder deren Beendigung moralisch zu
rechtfertigen sind, ist nicht nach objektiven Maßstäben zu beantworten, sondern eine höchst
subjektive. Die moralische Bewertung der Sterbehilfe divergiert dementsprechend auch stark
innerhalb der Bevölkerung: Argumente, die auf der einen Seite als human beurteilt werden,
können von anderen als unmenschlich und grausam verurteilt werden (vgl. jjc/dpa/ddp 2008).
Die Debatten über das Thema wurden folglich in den letzten Jahren kontrovers geführt.
Mit der Überlegung des Einsatzes sterbeunterstützender Maßnahmen kann jeder in Berührung
kommen. Sei es als Angehöriger, der sich Gedanken über das Leid einer ihm nahestehenden
Person macht, oder als direkt Betroffener. Spätestens im hohen Alter überlegen sich die
meisten Menschen, wie das Lebensende gestaltet werden soll. Es ist also wahrscheinlich, dass
man sich im Laufe des Lebens über die Art und Weise des Ablebens – und damit über
Sterbehilfe – Gedanken machen muss. Und selbst wenn man sich nie direkt in einer kritischen
medizinischen Situation befand, ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema in Form einer
Patientenverfügung üblich. Spätestens beim Verfassen einer solchen Erklärung muss dann
eine Einstellung zur Sterbehilfe gefunden werden. Die Einflussfaktoren über die
Entscheidungen, ob sterbeunterstützende Maßnahmen befürwortet oder abgelehnt werden,
sind sehr vielfältig. Doch welche sind es genau und welchen Einfluss haben diese Faktoren?
Welche Rolle spielen soziodemographische Merkmale wie Alter, Geschlecht oder
Religionszugehörigkeit? Auch untersuchungswürdig ist die Bewertung der unterschiedlichen
Formen der Sterbehilfe wie aktiver und passiver Sterbehilfe sowie des assistierten Suizids.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorien und Hypothesen
2.1 Kurzdarstellung der relevanten Theorien
2.2 Hypothesenentwicklung und -darstellung
2.2.1 Hypothesen zur Soziodemographie
2.2.2 Hypothesen zur Werteinstellung
2.3 Indikatoren und Operationalisierung
2.4 Entwicklung der Merkmale und Ausprägungen für Vignetten
2.4.1 Design der Vignetten
2.4.2 Erstellung der Vignetten: Methode
3. Datenerhebung und -aufbereitung
3.1 Aufbereitung des Datensatzes
3.2 Rekodierung
3.3 Beschreibung der Stichprobe
4. Univariate Analysen der Zielvariablen
4.1 Analyse der Sterbehilfevariablen
4.1.1 Verteilung der Zustimmungswerte zur Sterbehilfe
4.1.2 Zusammenhänge innerhalb der Sterbehilfevariablen
4.2 Verteilung der Zustimmungswerte der Patientenverfügung
4.3 Univariate Analysen der unabhängigen Variablen zur Sterbehilfe
5. Analyse des Werteinstruments
5.1 Korrelation der Schwartz Wertetypen
5.2 Vergleich Studentenstichprobe zu Respondi-Befragung
5.2.1 Faktoranalyse innerhalb des Werteschemas
5.2.2 Reliabilitätsanalyse der vier angenommenen Wertetypen
6. Bivariate Zusammenhangsanalyse
6.1 Werteeinfluss auf Sterbehilfeformen
6.2 Einfluss soziodemographischer Merkmale auf Sterbehilfe
7. Regressionsanalyse
7.1 Analysemethode
7.2 Empirische Resultate
7.3 Vignettenanalyse
7.3.1 Einflussstärke der Dimensionen
7.4 Interpretation der Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Forschungsfokus
Die vorliegende Arbeit untersucht das Zusammenspiel von individuellen Wertorientierungen und soziodemografischen Merkmalen auf die moralische Bewertung verschiedener Formen der Sterbehilfe. Dabei wird analysiert, inwieweit unterschiedliche Werthaltungen sowie Faktoren wie Alter, Geschlecht und politische Einstellung die Einstellung zur Sterbehilfe prägen und welche Rolle der Patientenwille innerhalb medizinischer Grenzsituationen spielt.
- Analyse des Einflusses von Werten (nach Schwartz) auf die Akzeptanz von Sterbehilfe.
- Untersuchung der Bedeutung soziodemografischer Prädiktoren.
- Einsatz einer experimentellen Vignettenanalyse zur Messung sensibler moralischer Einstellungen.
- Überprüfung der Relevanz des Patientenwillens und der Rolle von Angehörigen sowie Ärzten.
- Kritische Reflexion der Umfragemethodik zur Vermeidung sozialer Erwünschtheit.
Auszug aus dem Buch
2.4 Entwicklung der Merkmale und Ausprägungen für Vignetten
Das eingesetzte Vignettendesign (auch faktorielles Survey genannt) unterliegt bei der Untersuchung zur Sterbehilfe der Annahme, dass die Haltung zur Sterbehilfe grundsätzlich schwer pauschal befürwortend oder ablehnend bewertet werden kann, da die Umstände, in der eine Durchführung der Sterbehilfe denkbar ist, sehr unterschiedlich sind. Durch das vorliegende faktorielle Survey soll herausgefunden werden, welche Aspekte dazu führen, dass eine Person die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen beziehungsweise die Sterbehilfe ablehnt oder befürwortet. Die Vignetten haben zugleich den Vorteil, dass der Gebrauch der Schlagwörter „aktive“ und „passive Sterbehilfe“ durch eine umschreibende Formulierung vermieden werden kann, was wichtig ist, da diese Begriffe bereits eine wertende Konnotation für die befragten Personen besitzen können.
Die Vignetten bestehen aus den Dimensionen „Alter“, „Diagnose“, „Willensäußerung des Patienten“, „Willensäußerung der Angehörigen“ und „Haltung des Arztes“. Die Anzahl der Dimensionen ist damit unterhalb der gängigen Obergrenze von sieben Ausprägungen. Der Befragte hat auf Basis der Vignetten ein Urteil darüber zu fällen, welche Maßnahmen aus seiner Sicht durchgeführt beziehungsweise nicht durchgeführt werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Sterbehilfe und Begründung der Untersuchung moralischer Einstellungen mittels empirischer Methoden.
2. Theorien und Hypothesen: Darstellung theoretischer Grundlagen zu Werten und die Ableitung von Hypothesen zu soziodemografischen Einflüssen sowie verschiedenen Wertetypen.
3. Datenerhebung und -aufbereitung: Erläuterung des Studiendesigns, der Stichprobenziehung über ein Online-Panel sowie der Datenbereinigung und Rekodierung.
4. Univariate Analysen der Zielvariablen: Deskriptive Betrachtung der Zustimmungswerte zu verschiedenen Sterbehilfeformen und Patientenverfügungen.
5. Analyse des Werteinstruments: Validierung des verwendeten Portraits Value Questionnaire (PVQ) durch Korrelations- und Reliabilitätsanalysen.
6. Bivariate Zusammenhangsanalyse: Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Werthaltungen bzw. soziodemografischen Merkmalen und den Sterbehilfeeinstellungen.
7. Regressionsanalyse: Multivariate Prüfung der Hypothesen sowie Durchführung einer Conjoint-Analyse zur Bestimmung der Einflussfaktoren innerhalb der Vignetten.
Schlüsselwörter
Sterbehilfe, Patientenverfügung, Wertetypen, Schwartz, Vignettenanalyse, Soziodemographie, Empirische Sozialforschung, Moralische Einstellung, Regressionsanalyse, Conjoint-Analyse, Online-Panel, Aktive Sterbehilfe, Passive Sterbehilfe, Religiosität, Politische Einstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht moralische Einstellungen zu verschiedenen Formen der Sterbehilfe und wie diese durch persönliche Werte sowie soziodemografische Faktoren beeinflusst werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Neben der allgemeinen Haltung zur Sterbehilfe werden die Bedeutung von Patientenverfügungen, der Einfluss von Religion und politischer Einstellung sowie die psychologische Werteforschung nach Shalom H. Schwartz thematisiert.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Effekte zu bestimmen, die auf moralische Einstellungen zu Grenzsituationen des Lebens wirken, und zu prüfen, welche Variablen (wie Alter, Geschlecht oder Werthaltung) diese Einstellungen beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein faktorielles Survey-Design (Vignettenanalyse) in Verbindung mit multiplen linearen Regressionen und Korrelationsanalysen eingesetzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung von Hypothesen, die Beschreibung der Datenerhebung, die Analyse des Werteinstruments (PVQ) sowie die statistische Auswertung der bivariaten und multivariaten Zusammenhänge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Sterbehilfe, Vignettenanalyse, Wertetypen nach Schwartz, Patientenverfügung und empirische Regressionsanalyse.
Warum ist das Vignettendesign für dieses Thema geeignet?
Vignetten erlauben es, komplexe Situationen experimentell zu variieren und so den Effekt der „sozialen Erwünschtheit“ zu minimieren, da nicht pauschal nach einer Haltung gefragt wird, sondern nach einer Entscheidung in einem konkreten Fall.
Welche Rolle spielt die Patientenverfügung in den Ergebnissen?
Die Ergebnisse zeigen ein sehr starkes Gewicht des Patientenwillens; die Befragten tendieren massiv dazu, die Einhaltung einer Patientenverfügung als verpflichtend anzusehen, unabhängig von anderen Einflüssen.
- Quote paper
- Sebastian Hülperath (Author), Markus Frosien (Author), Sebastian Broch (Author), 2011, Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Werteeinstellungen und der Haltung zu den verschiedenen Formen der Sterbehilfe?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187217