Spätestens nach erscheinen des Buches „Kinder brauchen Märchen“ (1980) von Bruno Bettelheim wird die Bedeutung von Märchen für die Entwicklung von Kindern zunehmend positiv bewertet. Durch diese Aufwertung werden sie immer häufiger auch Gegenstand pädagogischer Überlegungen. Mit der vorliegenden Diplomarbeit stelle ich daher die Frage nach einem möglichen Nutzen von Märchen für das Selbstverständnis und die Praxis Sozialer Arbeit. Damit ist nach dem Selbstverständnis der gesamten Profession gefragt, wenn ein solches existiert, gleichwohl wird das berufliche Selbstverständnis der professionell Tätigen einbezogen, da sie letztendlich die Soziale Arbeit bilden. Die Aktualität der Frage nach dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit ergibt sich dabei aus dem „Identitätsproblem“, welches ihr oftmals zugeschrieben und vielfach diskutiert wird. Die Frage nach den Möglichkeiten, einer märchenhaften sozialen Praxis entstand aus der Tatsache heraus, dass die Menschheit seit Jahrhunderten von märchenhaften Erzählungen begleitet wird und dies unabhängig von lokalen oder kulturellen Unterschieden.
Im Fokus der gesamten Diplomarbeit liegen die europäischen Volksmärchen und im Besonderen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Die Frage nach dem Selbstverständnis setzt, im Sinne eines biografischen Arbeitens, die Auseinandersetzung mit der Geschichte Sozialer Arbeit voraus. Das Wissen um Vergangenes schafft Sicherheit in der Gegenwart und rüstet so für die Zukunft. Die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit stellt somit einen wichtigen Teil dieser Diplomarbeit dar und bietet die Grundlage für die anschließende Auseinandersetzung mit der Frage nach ihrem Selbstverständnis. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, warum Soziale Arbeit ein mögliches „Identitätsproblem“ hat und worin sich dieses begründet. In dem darauf folgenden Kapitel soll die Entwicklung der Sozialen Arbeit aus einer märchenhaften Perspektive betrachtet werden. Damit soll der Frage nachgegangen werden, ob die entwicklungsfördernden Eigenschaften des Märchens auch in Bezug auf die Identitätsentwicklung der Sozialen Arbeit eine Bedeutung haben. Da sich Soziale Arbeit aber aus ihren Akteuren zusammensetzt soll auch auf diese, im Rahmen dieser Arbeit, eingegangen werden. Dafür wird die Rolle des Helfers im Märchen, anhand einiger Beispiele, mit der Rolle der professionell Tätigen verglichen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Märchen
2.1. Entstehung des europäischen Volksmärchens
2.2. Merkmale des europäischen Volksmärchens
2.3. Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm
2.4. Die Bedeutung des Erzählens
2.5. Märchen in unserer Zeit
3. Das Märchen der Sozialen Arbeit...
3.1. ...und ihre Entstehung:
Die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit
3.1.1. Armut und Armenfürsorge im mittelalterlichen Verständnis
3.1.2. Armut und Armenfürsorge zu Beginn der Neuzeit
3.1.3. Absolutismus, Aufklärung, Armut und Armenfürsorge
3.1.4. Armut und Armenfürsorge zur Zeit der Industrialisierung
3.1.5. Die Ursprünge einer modernen Sozialen Arbeit
3.2. ...auf der Suche nach sich selbst:
Das Selbstverständnis Sozialer Arbeit
3.2.1. Die Bedeutung einer beruflichen Identität
3.2.2. Was bedeutet Soziale Arbeit?
3.2.3. Die ethischen Grundlagen Sozialer Arbeit
4. Volksmärchen und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit
4.1. Der Weg des Märchenhelden
4.1.1. Soziale Arbeit in der Rolle von Sneewittchen
4.1.2. Soziale Arbeit in der Rolle des Aschenputtels
4.2. Die Rolle des märchenhaften Helfers
4.2.1. Sneewittchen und die Soziale Arbeit
4.2.2. Aschenputtel und die Soziale Arbeit
5. Märchenhafte Möglichkeiten für die Praxis Sozialer Arbeit
5.1. Voraussetzungen für eine märchenhafte Praxis
5.2. Die Märchenreflexion
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den potenziellen Nutzen von Märchen für das Selbstverständnis und die professionelle Praxis der Sozialen Arbeit. Ausgehend von der historischen Entwicklung der Profession und der Analyse zentraler Märchenmotive wird erforscht, wie die "Märchenbrille" als Perspektivwechsel zur Identitätsstärkung und Reflexion in der Praxis eingesetzt werden kann.
- Historische Entwicklung der Armenfürsorge und Sozialen Arbeit
- Märchen als pädagogisches und reflexives Medium
- Identitätsentwicklung professionell Tätiger durch Identifikation mit Märchenrollen
- Praktische Umsetzung von Märchenreflexion in der Ausbildung
Auszug aus dem Buch
2.1. Entstehung des europäischen Volksmärchens
Aufgrund von Erkenntnissen der Sprachforschung konnte festgestellt werden, dass sich die Sprache etwa alle 400 Jahre vollständig wandelt. Daher wäre es falsch zu behaupten, dass die Märchen, welche wir heute lesen oder hören bereits vor Jahrhunderten in dieser Form erzählt wurden (Knoch 2010, 119). Zumal bekannt, dass die ursprünglich erzählten Geschichten spätestens mit ihrer schriftlichen Festhaltung verändert und angepasst wurden. Auch die Bedeutung des Wortes „Märchen“ hat sich im Laufe der Zeit durch Veränderungen in der Sprache gewandelt. „Märchen“ leitet sich aus der „Mär“, also der Kunde, dem Bericht oder der Erzählung, aber auch dem Gerücht ab und stellt die „Diminutivform“ dar. Durch eine Bedeutungsverschlechterung der Diminutiva wurde den „verkleinerten Erzählungen“ zunehmend die Bedeutung von Lügengeschichten zugesprochen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung des Begriffs erneut und das Märchen wurde zunehmend als phantastische und mündlich überlieferte Erzählung verstanden (Lange 2010, 8). Abgesehen von der Tatsache, dass Märchen heutzutage selten erzählt und meist (vor-) gelesen werden, ist dieses Verständnis von ihnen bis heute aktuell. Trotz des begrifflichen Bedeutungswandels und der sprachlichen Entwicklungen haben sich die Hauptmotive der Märchen nicht verändert und finden sich in den Erzählungen aller Kulturen wieder. Bereits altägyptische Schriften (1290 v. Chr.) thematisieren menschliche Grunderfahrungen, beispielsweise Geburt und Tod, Liebe und Hass, Misserfolg und Erfolg, in einer Form, wie sie dem Märchen zugeordnet werden kann (Knoch 2010, 120). Dabei ist eine genaue zeitliche Eingrenzung zur tatsächlichen Entstehung eines Märchens schwer zu bestimmen, da dies zunächst in mündlicher Erzählform verbreitet und meist erst viel später niedergeschrieben wurde. Die Entwicklung der Erzählung „tausendundeine Nacht“ konnte, beispielsweise, bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgt werden, obwohl sie erst im 16. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel erläutert die Motivation der Autorin, die Bedeutung von Märchen für die Soziale Arbeit zu erforschen, angestoßen durch die fachliche Debatte nach Bruno Bettelheim.
2. Märchen: Es werden die Entstehung, die wesentlichen Merkmale des europäischen Volksmärchens sowie die Bedeutung des Erzählens als lebenswichtige Tätigkeit thematisiert.
3. Das Märchen der Sozialen Arbeit...: Dieses umfangreiche Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit von der mittelalterlichen Armenfürsorge bis zur modernen Sozialpolitik nach und analysiert deren Selbstverständnis sowie ethische Grundlagen.
4. Volksmärchen und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit: Anhand konkreter Analysen der Rollen von Helden und Helfern in bekannten Märchen wie "Sneewittchen" und "Aschenputtel" wird die Relevanz dieser Geschichten für die professionelle Identitätsbildung herausgearbeitet.
5. Märchenhafte Möglichkeiten für die Praxis Sozialer Arbeit: Hier werden praktische Voraussetzungen und konkrete Methoden der Märchenreflexion vorgestellt, basierend auf Erfahrungen aus pädagogischen Begleitseminaren.
6. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass Märchen durch einen Perspektivwechsel die Identität und Sicherheit in der professionellen Praxis Sozialer Arbeit stärken können.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Volksmärchen, Armenfürsorge, berufliche Identität, Selbstverständnis, Märchenreflexion, Identitätsentwicklung, Geschichte der Sozialen Arbeit, Professionalität, Märchenhelden, Helferrolle, ethische Grundlagen, pädagogische Praxis, Sozialpädagogik, Praxisreflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Potenzial von Märchen, als Reflexionsinstrument zur Stärkung des beruflichen Selbstverständnisses von Sozialarbeitern zu dienen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernbereichen gehören die historische Genese der Sozialen Arbeit, die Analyse der Märchenstruktur sowie die praktische Anwendung von Märchen in pädagogischen Kontexten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, welchen Nutzen Märchen für das Selbstverständnis und die konkrete Praxis der Profession Soziale Arbeit bieten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine fundierte Literatur- und Theorieanalyse der historischen Entwicklung sowie eine interpretative Analyse von Märchenmotiven in Bezug auf die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Sozialen Arbeit, eine theoretische Einbettung der Märchenkunde und eine exemplarische Anwendung von Märchenrollen auf professionelles Handeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Soziale Arbeit, berufliche Identität, Märchenreflexion, historische Entwicklung der Armenfürsorge und Praxisreflexion.
Wie unterscheidet sich die Arbeit von rein pädagogischen Ansätzen?
Während viele Werke den Nutzen von Märchen für Kinder beschreiben, liegt der Fokus hier spezifisch auf der Reflexion der eigenen beruflichen Rolle von Fachkräften der Sozialen Arbeit.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der "sieben Zwerge" für die Sozialarbeit?
Die Zwerge dienen als Symbol für eine professionelle Helferrolle, die Struktur, Sicherheit und Orientierung bietet, während sie gleichzeitig die Grenzen der Unterstützung durch den Märchenhelfer aufzeigt.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Junga (Autor:in), 2011, Märchenhafte Praxis?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/185013