Die Spannung zwischen archaisch-heroischen und christlich-höfischen Motiven scheint das Nibelungenlied wie ein roter Faden zu durchziehen. Diese Ambivalenz führte in der Forschung immer wieder zur kritischen Hinterfragung der Handlungskohärenz.
Die vorliegende Arbeit nähert sich diesem Forschungsschwerpunkt unter diskursanalytischen Vorüberlegungen und versucht zunächst archaisch-heroisches und christlich-höfisches Handeln vorsichtig voneinander abzugrenzen und zu definieren.
Schließlich wird die Sinnhaftigkeit dieser Modellvorstellung von zwei getrennten Diskuren an der Figur des Hagens eingehend analysiert - sowohl auf der Ebene der Figurenkonzeption, als auch in eingehenden Analysen von fünfzehn repräsentativen Hagen-Szenen des Nibelungenliedes.
Die dabei entwickelte Hypothese, dass Hagen generell der Sphäre des Archaischen zugehört, aber in den Szenen, in denen er Verweischarakter für andere Charaktere besitzt, deren Herrschaftsdiskurs temporär übernehmen kann, wird in einem abschließenden Fazit bewertet und zusammengefaßt.
Im Anhang findet sich zudem eine fünfseitige Tabelle aller Strophen des Nibelungenliedes, die Bezug zu Hagen nehmen - ein hilfreiches Werkzeug für jede Arbeit zu diesem Thema!
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Diskursbegriff
2.1. Die Methode der kritischen Diskursanalyse
2.2. Fazit zur Methodik der Diskursanalyse
3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen
4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes
5. Höfisches und archaisches im Nibelungenlied
5.1. Merkmale des christlich-höfischen Diskurses
5.2. Merkmale des archaisch-heroischen Diskurses
6. Figurenkonzeption Hagens
6.1. Namensgebung und literarische Wurzeln
6.2. Verwandtschaftliche Beziehungen
6.3. Äußere Merkmale
6.4. Hagen als Modell: Ein Muster an Heldenepik?
7. Szeneanalysen I
7.1. Kriemhilds Warnträume
7.1.1. Der Falkentraum
7.1.2. Der Wildschweintraum
7.1.3. Der Bergetraum
7.2. Siegfrieds Ankunft in Worms
7.2.1. Siegmunds Warnung vor Siegfried
7.2.2. Ankunft und Jungsiegfriedgeschichte
7.2.3. Hagen im Sachsenkrieg
7.3. Isenstein
7.4. Der Mord an Siegfried
8. Ein Zwischenfazit
9. Szeneanalysen II
9.1. Kriemhild und Etzel
9.1.1. Etzels Werbung
9.1.2. Kriemhilds Einladung
9.2. Donauepisode
9.2.1. Zu Strophe 1526
9.2.2. Die merewîp-Prophezeiung
9.2.3. Übersetzung und Kaplanepisode
9.3. Am Etzelhof
9.3.1. Der bewaffnete Kirchgang
9.3.2. Rüdigers Schildgabe
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied, um die scheinbaren Widersprüche in seiner Charakterdarstellung durch die Analyse konkurrierender Herrschaftsdiskurse – des christlich-höfischen und des archaisch-heroischen – aufzulösen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob Hagen als kohärente Figur interpretiert werden kann oder ob seine Ambivalenz auf ein gewolltes Diskursschisma zurückzuführen ist.
- Kritische Diskursanalyse als methodisches Instrument zur Untersuchung literarischer Texte.
- Differenzierung zwischen christlich-höfischem (chD) und archaisch-heroischem Diskurs (ahD).
- Strukturelle Analyse der Figurenkonzeption Hagens unter Berücksichtigung von Namensgebung, Verwandtschaft und Äußerem.
- Szenenanalysen zur Überprüfung der Wirksamkeit beider Diskurse am Handlungsverlauf.
- Untersuchung der Selbstreferenzialität Hagens im Verhältnis zum Hof Gunthers.
Auszug aus dem Buch
Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen
Das Nibelungenlied (=NL) bietet viele Leerstellen, die den verschiedensten Interpretationsrichtungen bis dato Tür und Tor geöffnet haben. Wie Heinzle schon richtig feststellte, stellt gerade das Füllen der Leerstellen eine Gefahr für die Interpretation dar: Je mehr sie vom modernen Leser gefüllt werden, desto weiter entfernt er sich von der mittelalterlichen Aussage des Textes. Die Tatsache, dass viele der Leerstellen in späteren mittelalterlichen Verarbeitungen, namentlich der Klage, gefüllt wurden, und diese Klage fast allen erhaltenen NL Fassungen beigelegt wurde, deutet darauf hin, dass sich die mittelalterlichen Rezipienten dieser vermeintlichen Schwachstelle bewusst waren. Es stellt sich also die grundlegende Frage, ob das NL in seinen Ambivalenzen sinnvoll interpretierbar ist, oder es sich um einen defizitären Text handelt, dessen Bruchstellen tatsächlich mehr 'Unfälle' denn sinnfällige, nuancierende Pointen des Dichters sind. Dazu zunächst ein skizzenhafter Überblick über die wichtigsten Grundrichtungen der Interpretationsforschung.
In der modernen Rezeptionsforschung lassen sich verschiedene Vorgehensweisen im Umgang mit diesen Problemen herausarbeiten. Als Exempel soll in dieser Arbeit die Figur Hagens herausgegriffen werden, da sie eine der ambivalentesten, und mit Sicherheit eine der für das NL charakteristischsten Figuren ist.
Grob lassen sich zwei Interpretationsrichtungen unterscheiden, die in sich dann wiederum differenziert werden müssen: Interpretationsansätze, die von einer fehlenden Kohärenz in der Hagenfigur ausgehen (2a/2b), und Interpretationsansätze die Hagen als in sich schlüssig und kohärent lesen (1a/1b). Beginnen wir mit letzterer Gruppe, da diese als klassische in der Hagenrezeption bezeichnet werden darf:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der widersprüchlichen Charakterdarstellung Hagens und Skizzierung der methodischen Vorgehensweise.
2. Zum Diskursbegriff: Erläuterung der theoretischen Grundlagen der Diskursanalyse und Adaption für literaturwissenschaftliche Zwecke.
3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen: Überblick über die Forschungsdebatte zur Einheitlichkeit der Hagenfigur.
4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes: Untersuchung der historischen und gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen des Epos.
5. Höfisches und archaisches im Nibelungenlied: Definition und Abgrenzung des christlich-höfischen und archaisch-heroischen Diskurses.
6. Figurenkonzeption Hagens: Analyse von Hagens Hintergrund, Namensgebung und körperlicher Darstellung.
7. Szeneanalysen I: Detaillierte Untersuchung von Träumen und der Ankunft Siegfrieds im Hinblick auf diskursive Einflüsse.
8. Ein Zwischenfazit: Zusammenfassende Bewertung der bisherigen Szenenanalysen.
9. Szeneanalysen II: Untersuchung der zweiten Epos-Hälfte, insbesondere bezüglich der Donau- und Etzelhof-Episoden.
10. Fazit: Synthese der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsfrage zur diskursiven Einordnung Hagens.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Hagen von Tronje, Diskursanalyse, Michel Foucault, christlich-höfischer Diskurs, archaisch-heroischer Diskurs, Figurenkonzeption, Siegfried, Motivation, Heroik, Mittelalter, Literaturbetrachtung, Heldendichtung, Kohärenz, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der widersprüchlichen Figur des Hagen von Tronje im Nibelungenlied und untersucht, wie sich seine Taten durch zwei unterschiedliche, konkurrierende gesellschaftliche Wertesysteme erklären lassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte des christlich-höfischen Diskurses, der auf soziale Ordnung und Repräsentation zielt, und des archaisch-heroischen Diskurses, der individuellen Mut und Schicksalsbejahung in den Vordergrund stellt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob Hagen als eine in sich logische, kohärente Figur innerhalb dieser Diskurse betrachtet werden kann oder ob seine Ambivalenz als bewusste Inszenierung des Dichters zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Diskursanalyse nach historisch-genealogischen Standards, maßgeblich beeinflusst durch Michel Foucault und Siegfried Jäger, angewendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse von Hagens allgemeiner Figurenkonzeption sowie eine tiefgehende Untersuchung repräsentativer Szenen des Epos, wie Kriemhilds Träume, die Ankunft Siegfrieds, die Donauepisode und den Mord an Siegfried.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Nibelungenlied, Hagen von Tronje, Diskursanalyse, christlich-höfischer sowie archaisch-heroischer Diskurs und die Frage nach der Kohärenz der Motive.
Welche Rolle spielt die "Selbstreferenzialität" für das Hagenbild?
Die Autorin/der Autor führt diesen Begriff ein, um zu zeigen, dass Hagen oft nicht als autonomes Individuum handelt, sondern als Symbol für die Qualität oder den Zustand des Hofes Gunthers fungiert.
Wie lässt sich die Motivation für den Mord an Siegfried laut Arbeit einordnen?
Die Arbeit stellt fest, dass es keine einzelne, logisch konsistente Kausalkette für den Mord gibt; vielmehr lässt sich das Handeln Hagens am besten durch die Notwendigkeit des heroischen Textmusters und seine geschickte, manipulative Nutzung diskursiver Machtstrukturen deuten.
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- Ed Hahne (Author), 2011, Hagen von Tronje im Spannungsfeld verschiedener Herrschaftsdiskurse, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/184296