In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Pasolini mit dem filmischen Raum in seinen beiden ersten Spielfilmen arbeitet. Dabei wird der Fokus des filmischen Raums auf die Stadt (Rom) gesetzt. Schwerpunktmäßig soll in dieser Untersuchung gezeigt werden, dass Pasolini den filmischen Raum der Stadt als einen Ort des menschlichen Schicksals zeigt. Schicksal soll in diesem Kontext als dem Untergang geweihten Leben, d.h. als Tod begriffen werden. Wie zeigt Pasolini die „Welt“, den Raum, seiner Protagonisten im Film? Welche Mittel benutzt er dafür? Und wie lässt sich dies einordnen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Filmische Raum
3. Pasolini und der italienische Neorealismus
4. Die Stadt
4.a. Die Stadt Rom und ihre Bewohner in den 60er Jahren
4.b. Die Stadt als Peripherie
4.c. Die Stadt als Ort der Passion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die filmische Raumgestaltung in den ersten beiden Spielfilmen Pier Paolo Pasolinis, Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß und Mamma Roma, mit einem Fokus auf die Stadt Rom. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Pasolini den städtischen Raum als Schicksalsort für seine Protagonisten inszeniert, wobei Schicksal als ein dem Untergang geweihtes Leben begriffen wird.
- Die theoretische Verortung des filmischen Raums als zentrale Kategorie der Filmanalyse
- Die Einordnung von Pasolinis Werk in den Kontext des italienischen Neorealismus
- Die soziologische und atmosphärische Definition der Stadt als (Vor-)Stadt-Raum
- Die Analyse der Stadt als periphere „Zwischenzone“ oder „Stadtsteppe“
- Die Deutung der Lebenswege der männlichen Protagonisten als „Passion“ und „Leidensgeschichte“
Auszug aus dem Buch
4.2 Die Stadt als Peripherie
Das gängige Bild der Stadt Rom wird bestimmt durch stereotype Zuschreibungen. So ist Rom die Hauptstadt Italiens, sowie das Zentrum des katholischen Glaubens mit dem Sitz des Vatikans. Oft wird von Rom auch als der „Ewigen Stadt“ mit ihrer antiken Vergangenheit gesprochen. Typische Rombilder sind dabei das Kolosseum, der Petersdom oder das Forum Romanum. Die Darstellung dieser Orte steht geradezu als Synonym für die Stadt Rom.
Pasolini zeigt in seinen beiden Filmen Accattone und Mamma Roma jedoch ein ganz anderes Rom. Es gibt nur wenige visuelle Verweise darauf, dass der Ort der Handlung in Rom ist. Es gibt keine Establishing Shots, die den Handlungsort Rom bestimmen. In Accattone ist der Tiber mit der Engelsbrücke, die im römischen Stadtzentrum liegt, in einer Szene zu sehen. Doch es ist nichts von der Stadt zu sehen, denn jede Einstellung dieser Sequenz wurde vom Fluss aus aufgenommen. Weitere Verweise auf die Stadt Rom lassen sich in Accattone nicht finden. Bei Mamma Roma gibt es auch nur eine Sequenz, die den Zuschauer darauf hinweist, dass der Ort der Handlung in Rom liegt. Diese Sequenz taucht im Laufe der Handlung immer wieder mit einer neuen Bedeutung auf. Es handelt sich hierbei um ein Bild, das die Kulisse der Stadt Rom zeigt. Am Horizont weit entfernt ist die Silhouette eines Stadtzentrums mit der Kuppel einer Kirche zu sehen. Diese Sequenz ist insgesamt achtmal kurz zu sehen, davon sechsmal ohne Ton: Sie steht dabei für die Hoffnung Mamma Romas, zu der kleinbürgerlichen Welt dazu zu gehören, aber ist später auch abweisende Kulisse am Horizont.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt das Leben und Schaffen von Pier Paolo Pasolini sowie seine ersten beiden Spielfilme vor und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der filmischen Rauminszenierung.
2. Der Filmische Raum: Hier werden theoretische Grundlagen des filmischen Raums erläutert, wobei betont wird, dass der Raum im Film eine zentrale Kategorie zur Konstruktion von Bedeutung und Atmosphäre darstellt.
3. Pasolini und der italienische Neorealismus: Dieses Kapitel untersucht die programmatische Einordnung von Pasolinis Werk in den italienischen Neorealismus und analysiert sein Bestreben, Authentizität mit mytho-mystischen Realitätsdarstellungen zu verbinden.
4. Die Stadt: Im Hauptteil wird die Stadt als Ort der Handlung definiert, wobei insbesondere die räumliche Struktur in den 60er Jahren, die Darstellung der Peripherie als „Stadtsteppe“ und die Inszenierung der männlichen Leidensgeschichten als Passion im Fokus stehen.
5. Fazit: Die Ergebnisse der Analyse werden zusammengefasst, wobei Pasolinis Fähigkeit hervorgehoben wird, durch die Neucodierung der Peripherie die Stadt zu einem universalen Ort des menschlichen Schicksals und des Todes zu transformieren.
Schlüsselwörter
Pier Paolo Pasolini, Accattone, Mamma Roma, italienischer Neorealismus, filmischer Raum, Peripherie, Stadt, Rom, Passion, Leidensweg, Vorstadt, Architektur, soziale Wirklichkeit, Filmwissenschaft, Tod
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die filmische Darstellung des urbanen Raums in den ersten beiden Spielfilmen von Pier Paolo Pasolini und untersucht, wie dieser Raum die Schicksale der Charaktere mitbestimmt.
Welche Filme stehen im Zentrum der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Spielfilme Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß (1961) und Mamma Roma (1962).
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Pasolini die Stadt nicht als neutralen Hintergrund zeigt, sondern als Ort der „Passion“, an dem das Leben der Protagonisten bereits schicksalhaft auf den Tod ausgerichtet ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen filmwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Analyseansatz, der den Gesamteindruck der Filme durch eine Untersuchung von Raumbildern und filmischen Mitteln wie Musik und Bildkomposition darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Theorie des filmischen Raums, die sozio-historischen Bedingungen der italienischen Stadtentwicklung in den 60er Jahren, die Bedeutung der Peripherie und die religiöse Symbolik bzw. Ikonographie des Leidens.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Pasolini und seinen Filmen vor allem Peripherie, Neorealismus, Passion, Stadtsteppe und die Verbindung von sozialem Drama mit sakralen Motiven.
Wie unterscheidet sich die Darstellung Roms bei Pasolini von der gängigen Wahrnehmung?
Statt das „Ewige Rom“ mit seinen touristischen Monumenten zu zeigen, fokussiert sich Pasolini fast ausschließlich auf die trostlose Peripherie und Brachflächen, die als Zwischenzonen ohne Perspektive dargestellt werden.
Warum bezeichnet die Autorin die Stadt als „Ort der Passion“?
Weil Pasolini seine männlichen Protagonisten mit religiösen Leidenssymbolen überhöht und ihr unausweichliches Scheitern in einer menschenfeindlichen Umgebung als eine Art Leidensweg bzw. Transzendenz inszeniert.
- Quote paper
- Anne Drees (Author), 2010, Der filmische Raum der Stadt in Pasolinis ersten beiden Spielfilmen 'Accattone' und 'Mamma Roma' als Ort des menschlichen Schicksals, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183559