Autobiographien bilden – so die landläufige Meinung – das Leben ihrer
Verfasser ab. Die Erwartung des Lesers an eine autobiographische Schrift
ist meist durch den Wunsch begründet, mehr über das wahre Leben einer
einzelnen Person zu erfahren. Wie im Verlauf der vorliegenden Arbeit
deutlich werden wird, ist dies so einfach nicht. Ein autobiographischer
Text ist – wie alle anderen Texte auch – Gesetzen der Fiktionalität
unterworfen, die auch der Autor nicht vollständig zu kontrollieren vermag.
Am Beispiel des schwedischen Autors Lars Gustafsson mit seiner
Autobiographie „Palast der Erinnerung“ lässt sich dennoch zeigen, wie
Identität und im speziellen Fall eine transkulturelle Künstleridentität
autobiographisch konstruiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Transkulturelle Identitätskonstruktion: Gustafssons „Palast der Erinnerung“
2.1. Vertikala memoarer - Vertikale Erinnerungen
2.2. Ars memorativa - Gedächtniskunst im „Palast der Erinnerung“
2.3. Die Raumstruktur als sinnstiftendes Moment
2.4. „Palast der Erinnerung“ – ein autobiographischer Text
2.5. Persönliche Identität in autobiographischen Texten
2.6. Transkulturelle Identität
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Lars Gustafsson in seiner Autobiografie „Palast der Erinnerung“ Identität konstruiert, indem sie die theoretischen Konzepte der antiken Gedächtniskunst (ars memorativa) mit der räumlichen Struktur des Textes und dem modernen Begriff der Transkulturalität verknüpft.
- Die Konstruiertheit und Fiktionalität autobiografischer Texte.
- Die Anwendung der Gedächtniskunst (loci und imagines) auf die eigene Lebensgeschichte.
- Die Bedeutung von Raumstrukturen für die Identitätsbildung.
- Das Konzept der Transkulturalität als Ausdruck moderner Lebensentwürfe.
- Die Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Ich und der vergangenen Identität des Autors.
Auszug aus dem Buch
2.2. Ars memorativa - Gedächtniskunst im „Palast der Erinnerung“
Gustafsson bedient sich hierbei des Konzeptes der Gedächtniskunst, die aus der Antike stammend jahrhundertelang großen Einfluss hatte. Welches Schema dieser Kunst zu Grunde liegt, verdeutlicht sich an der Anekdote des Dichters Simonides. Cicero erzählt von diesem Initiationsmythos der Mnemotechnik in „De Oratore“. Der genannte Simonides habe bei einer Festveranstaltung vor der versammelten Gesellschaft ein Gedicht vorgetragen, habe nach Beendigung des Vortrages durch glückliche Vorsehung den Saal verlassen, da bald darauf die Saaldecke einstürzte und alle Festteilnehmer nicht nur tötete, sondern auch zur Unkenntlichkeit entstellte. An dieser Stelle kommt jedoch der Erinnerungskünstler Simonides wieder ins Spiel, der sich die Sitzordnung der Getöteten genau eingeprägt hatte und somit jeden Einzelnen identifizieren konnte. „Der springende Punkt dieser Anekdote ist die Verräumlichung der Erinnerung.“ Mithilfe von Bildern in einer räumlichen Anordnung kann der Erinnernde sich den Zustand vor der Katastrophe buchstäblich vor Augen führen. Gustafsson erwähnt denn auch im ersten Kapitel seines Textes „Palast der Erinnerung“ die Relevanz der imagines und loci, die das artifizielle Gedächtniskonzept konstituieren.
Der Theorie folgt die Praxis. Gustafsson gibt an, er habe sich innerhalb von fünf Minuten vor dem Einschlafen „einen Palast der Erinnerung konstruiert. Ich versichere, es hat nicht länger als fünf Minuten gedauert.“ Dabei kann diese Aussage durchaus als Scharnier zwischen Theorie und Praxis gesehen werden. Auf die theoretischen Gedanken zur antiken ars memoria folgt die konkrete praktische Umsetzung des Konzeptes; der Autor erinnert sich an das gymnasiale Schulgebäude seiner Jugendzeit und weist diesem Produkt seiner Erinnerung eine neue Funktion als Erinnerungsspeicher zu. Zur Aufbewahrung der Erinnerungen dient ihm somit ein ebenfalls erinnertes Gebäude. Er habe „das Gymnasium von Västerås gewählt, so wie es 1947 aussah, als ich dort anfing.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt dar, dass Autobiografien keine bloßen Abbildungen der Realität sind, sondern fiktionalen Gesetzen unterliegen und der bewussten oder unbewussten Konstruktion durch den Autor bedürfen.
2. Transkulturelle Identitätskonstruktion: Gustafssons „Palast der Erinnerung“: In diesem Hauptkapitel wird analysiert, wie der Autor mittels des Konzepts der antiken Gedächtniskunst und einer spezifischen Raumstruktur seine persönliche und transkulturelle Identität in einem autobiografischen Rahmen entwirft und verhandelt.
2.1. Vertikala memoarer - Vertikale Erinnerungen: Der Untertitel der schwedischen Originalausgabe verdeutlicht, dass es sich um keine chronologische Erzählung handelt, sondern um ein punktuelles, vertikales Eintauchen in ausgewählte Erinnerungen.
2.2. Ars memorativa - Gedächtniskunst im „Palast der Erinnerung“: Hier wird untersucht, wie Gustafsson die antike Mnemotechnik nutzt, um sein Leben an realen und erinnerten Orten (loci) zu verankern und somit eine Struktur für seine Lebenserinnerungen zu schaffen.
2.3. Die Raumstruktur als sinnstiftendes Moment: Dieses Unterkapitel beleuchtet, wie die metaphorischen Gänge und Räume des Erinnerungspalastes die verschiedenen Lebensstationen des Autors verbinden und eine nicht abgeschlossene, offene Identitätskonstruktion ermöglichen.
2.4. „Palast der Erinnerung“ – ein autobiographischer Text: Es wird die aktive Konstruiertheit des Erinnerns thematisiert und darauf hingewiesen, dass Gustafsson den fiktionalen Charakter seines Textes stets offenlegt, anstatt einen objektiven Wahrheitsanspruch zu erheben.
2.5. Persönliche Identität in autobiographischen Texten: Hier wird diskutiert, wie aus dem Verhältnis zwischen dem erzählenden Ich der Gegenwart und dem vergangenen Ich der Jugend Rückschlüsse auf die Identität des Autors gezogen werden können.
2.6. Transkulturelle Identität: Das letzte Unterkapitel führt den Begriff der Transkulturalität nach Wolfgang Welsch ein, um den „Weltbürger“ Gustafsson als ein durch verschiedene kulturelle Bezugsräume geprägtes Individuum zu definieren.
Schlüsselwörter
Lars Gustafsson, Palast der Erinnerung, Autobiografie, Gedächtniskunst, Mnemotechnik, Transkulturalität, Identitätskonstruktion, Raumstruktur, Erinnerung, Fiktionalität, Simonides, Selbstbild, Lebensräume, Weltbürger, Postmoderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der autobiografischen Darstellung von Identität am Beispiel von Lars Gustafssons Werk „Palast der Erinnerung“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft literaturwissenschaftliche Konzepte wie die Autobiografietheorie und die antike Gedächtniskunst mit dem soziokulturellen Begriff der Transkulturalität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Autor durch die metaphorische Konstruktion eines „Erinnerungspalastes“ seine eigene Identität als transkultureller Weltbürger strukturiert und präsentiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die durch kulturtheoretische Ansätze, insbesondere die Raumtheorie und das Konzept der Transkulturalität, ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretische Basis der antiken Gedächtniskunst, die räumliche Anordnung der Lebensstationen im Text und wie diese zur Konstruktion einer nicht statischen, sondern wandelbaren Identität beitragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Identitätskonstruktion, Transkulturalität, Gedächtniskunst, Fiktionalität und Raumstruktur.
Welche Bedeutung hat der Begriff „Vertikale Erinnerungen“ für Gustafsson?
Er signalisiert, dass der Autor bewusst auf eine lineare, chronologische Erzählweise verzichtet und stattdessen an spezifischen Punkten seiner Vergangenheit „tief bohrt“, um diese aus einer gegenwärtigen Perspektive zu reflektieren.
Wie trägt die Raumstruktur zur Identitätsbildung bei?
Indem der Autor seine verschiedenen Lebensstationen (Schweden, Deutschland, Amerika) als miteinander verbundene Räume in seinem „Palast“ darstellt, zeigt er, dass Identität nicht durch einen festen Ort, sondern durch die Verbindung vielfältiger kultureller Erfahrungen entsteht.
- Arbeit zitieren
- Dominik Hämmerl (Autor:in), 2010, Transkulturelle Identität, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183371