Dem Phänomen des Staatszerfalls kommt in den Sicherheitsüberlegungen vor allem
der USA eine entscheidende Rolle zu, nachdem die Terroranschläge vom 11.
September 2001 gezeigt haben, dass transnationale Terroristen schwache Staaten
wie Afghanistan als Basis zur Planung verheerender Terroranschläge erfolgreich
nutzen (vgl. Schneckener 2004: 23; Büttner 2004: 10). Dieser Verbindung zwischen
failed states und einer globalen Bedrohung durch Terroristen setzten die USA im
September 2002 eine neue National Security Strategy (NSS) entgegen; in der es
heißt: »America is now threatened less by conquering states than we are by failing
ones« (Bush 2002: 1).
Staatszerfall tritt in Europa, Asien, Südamerika und besonders in Afrika auf. In
Europa gab es zwei Wellen des Staatszerfalls, 1919 nach dem Ende des Ersten
Weltkriegs und 1991 nach dem Untergang der Sowjetunion, dessen Folgen bis in die
Gegenwart deutlich wahrnehmbar sind (Wolffsohn 2008: 26). Die größte mediale
Aufmerksamkeit erregen die failed states Afghanistan und Irak durch das
andauernde Engagement internationaler Streitkräfte in diesen Ländern sowie
Somalia, aufgrund der von dort aus operierenden Piraten. Tatsächlich liegt die
Mehrheit der failed states auf dem afrikanischen Kontinent. Der frühere US-Präsident
George W. Bush, US-Verteidigungsminister Robert Gates und US-Präsident
Barack Obama haben stets betont, welch hohen Stellenwert die Prävention
von Staatszerfall in Gegenwart und Zukunft einnehmen wird. Wie groß die Gefahr
tatsächlich ist, die vom Zerfall dieser Staaten für die USA und ihre Verbündeten
ausgeht, ist in der wissenschaftlichen Diskussion umstritten (Vgl. Schneckener 2004:
24). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Die politikwissenschaftlichen Relevanz und der Untersuchungsgegenstand
1.2. Untersuchungsziele, Methode und Leitfragen
2. Begrifflichkeiten des Staatszerfalls
3. Beispiel Somalia
3.1. Ursachen des Staatszerfalls
3.1.1. Interne Dimension
3.1.2. Externe Dimension
3.2. Verlauf und Konsequenzen des Staatszerfalls in Somalia
3.3. Externes Eingreifen und Lösungsversuche
4. Zum Umgang mit zerfallenen Staaten
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, die unterschiedlichen Definitionen und Konzepte des Staatszerfalls politikwissenschaftlich zu systematisieren, gegeneinander abzugrenzen und deren Operationalisierung zu verdeutlichen, wobei das Fallbeispiel Somalia zur Analyse der Ursachen, des Verlaufs und der Konsequenzen herangezogen wird.
- Theoretische Grundlagen und Terminologie des Staatszerfalls
- Differenzierung zwischen fragile, crisis und failed states
- Analyse interner und externer Ursachen des Staatszerfalls
- Untersuchung des Zerfallsprozesses am Beispiel Somalia
- Kritische Reflexion internationaler Lösungsversuche und Interventionsstrategien
Auszug aus dem Buch
1.1. Die politikwissenschaftliche Relevanz und der Untersuchungsgegenstand
Dem Phänomen des Staatszerfalls kommt in den Sicherheitsüberlegungen vor allem der USA eine entscheidende Rolle zu, nachdem die Terroranschläge vom 11. September 2001 gezeigt haben, dass transnationale Terroristen schwache Staaten wie Afghanistan als Basis zur Planung verheerender Terroranschläge erfolgreich nutzen (vgl. Schneckener 2004: 23; Büttner 2004: 10). Dieser Verbindung zwischen failed states und einer globalen Bedrohung durch Terroristen setzten die USA im September 2002 eine neue National Security Strategy (NSS) entgegen; in der es heißt: »America is now threatened less by conquering states than we are by failing ones« (Bush 2002: 1).
Staatszerfall tritt in Europa, Asien, Südamerika und besonders in Afrika auf. In Europa gab es zwei Wellen des Staatszerfalls, 1919 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und 1991 nach dem Untergang der Sowjetunion, dessen Folgen bis in die Gegenwart deutlich wahrnehmbar sind (Wolffsohn 2008: 26). Die größte mediale Aufmerksamkeit erregen die failed states Afghanistan und Irak durch das andauernde Engagement internationaler Streitkräfte in diesen Ländern sowie Somalia, aufgrund der von dort aus operierenden Piraten. Tatsächlich liegt die Mehrheit der failed states auf dem afrikanischen Kontinent. Der frühere US Präsident George W. Bush, US-Verteidigungsminister Robert Gates und US Präsident Barack Obama haben stets betont, welch hohen Stellenwert die Prävention von Staatszerfall in Gegenwart und Zukunft einnehmen wird. Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, die vom Zerfall dieser Staaten für die USA und ihre Verbündeten ausgeht, ist in der wissenschaftlichen Diskussion umstritten (Vgl. Schneckener 2004: 24).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel erläutert die sicherheitspolitische Relevanz des Staatszerfalls seit 2001 und definiert den Untersuchungsgegenstand sowie die methodischen Leitfragen der Arbeit.
2. Begrifflichkeiten des Staatszerfalls: Hier werden gängige Terminologien wie failed state kritisch hinterfragt und durch differenziertere Konzepte wie fragile state oder fragmentiert unkonventionell regierte Gebiete (FURG) ergänzt.
3. Beispiel Somalia: Dieses Kapitel analysiert detailliert die internen und externen Faktoren des Staatszerfalls in Somalia, dessen historischen Verlauf sowie das Scheitern bisheriger internationaler Lösungsansätze.
4. Zum Umgang mit zerfallenen Staaten: Der Autor diskutiert die Wirksamkeit internationaler Interventionen und stellt die Frage, ob der Aufbau westlicher Staatsmodelle in allen Regionen sinnvoll oder überhaupt möglich ist.
5. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und resümiert, dass die westlichen Staaten aufgrund der komplexen Herausforderungen zunehmend dazu übergehen, die Folgen des Staatszerfalls lediglich einzudämmen.
Schlüsselwörter
Staatszerfall, failed states, Somalia, fragile state, crisis state, FURG, Clanstrukturen, internationale Sicherheit, Nation Building, Sicherheitsstrategie, internationale Intervention, politische Stabilität, Staatlichkeit, Konfliktmanagement, Machtvakuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politikwissenschaftliche Phänomen des Staatszerfalls, beleuchtet theoretische Konzepte zu dessen Einordnung und untersucht den Zerfallsprozess konkret am Beispiel Somalias.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition und Typisierung von Staatszerfall, die Analyse von Ursachen in internen und externen Strukturen sowie die Bewertung internationaler Lösungsversuche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unterschiedlichen theoretischen Auffassungen zum Begriff Staatszerfall zu systematisieren, gegeneinander abzugrenzen und die Operationalisierung des Begriffs anhand von Somalia zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitativen Ansatz, indem sie theoretische Definitionen vergleicht und diese kritisch auf das Fallbeispiel Somalia anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die begriffliche Klärung, die Ursachenanalyse (interne und externe Dimensionen) sowie die Untersuchung des Verlaufs und der Lösungsansätze in Somalia.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Kernbegriffe sind Staatszerfall, failed states, fragile states, Somalia, Clanstrukturen und internationale Sicherheit.
Warum nimmt Somalia eine Sonderstellung unter den zerfallenen Staaten ein?
Somalia ist der einzige Staat in Afrika, in dem es nach dem Zerfall bisher nicht gelungen ist, eine neue, staatliche Ordnung nach westlichem Vorbild zu etablieren.
Was bedeutet die Abkürzung FURG in dieser Arbeit?
FURG steht für „fragmentiert unkonventionell regierte Gebiete“ und beschreibt den Zustand am Ende eines Zerfallsprozesses, in dem kein Staat im westlichen Sinne existiert, sondern ein Machtoligopol konkurrierender Akteure.
- Quote paper
- Wulf Schiemann (Author), 2011, Staatszerfall - Begriffsanalyse, Ursachen und Verlauf am Beispiel Somalias, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182251