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Aphorismen und Twitter

Digitale Kurztexte im Kontext von Gattungs- und Mediengeschichte

Titel: Aphorismen und Twitter

Bachelorarbeit , 2011 , 57 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: Sarah Curth (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Der Aphorismus ist eine der wenigen literarischen Gattungen, die in ihrer gesamten Breite schwierig zu fassen ist. Die literaturwissenschaftliche Forschung konnte bis heute weder den Umfang der Erzeugnisse noch eine einheitliche Definition eindeutig festmachen. Die Aphoristiker selbst haben immer wieder versucht, den Kern und die Bedeutung dieser kleinen Textsorte in eben solchen Gedankensplittern selbstreflexiv zu verfassen, so auch der Schriftsteller Martin Kessel: „Aphorismen in die Welt senden heißt nach einem Nicken des Einverständnisses fahnden."

Aufgrund der für sie charakteristischen Kürze und Konzision sowie der Subjektivität ist der Rezipient fragmentarischer Texte gezwungen, das Gesagte weiterzudenken und durch eigenes Wissen und individuelle Erfahrung zu überprüfen. In kurzen, pointierten Sprüchen äußerten sich Aphoristiker wie Georg Christoph Lichtenberg, der mit seinen tagebuchartigen Sudelbuch-Eintragungen die ersten idealtypischen Aphorismen schuf.

Auf Twitter, einem Online-Kurznachrichtendienst, entstehen zur Zeit ähnliche Erzeugnisse. Dort verbreiten Twitter-Nutzer mit Pseudonymen wie „HappySchnitzel‟ und „assenassenov‟ kurze Sprüche, die ihren Alltag widerspiegeln: „Wir fragen nicht, wie’s uns geht, sondern nur, woran’s liegt.“ und „Morgen ist auch noch ein Alltag.‟ sind zwei von tausenden Beispielen. Twitter bietet dabei seinen Nutzern eine besondere Herausforderung: In dem Eingabefeld ist nur Platz für 140 Zeichen. Dabei experimentieren sie mit Worten und sehen die Begrenzung auf 140 Zeichen als Herausforderung, Persönliches, Kurioses, Witziges und Nachdenkliches konzis zu formulieren. Darin steckt ein Potenzial für die Literatur, das die Literaturwissenschaft noch nicht erkannt hat.

Aufgrund ihrer formellen und inhaltlichen Ähnlichkeit zu Aphorismen soll die Arbeit der Frage nachgehen, ob neue digitale Kurztexte zu dieser literarischen Gattung hinzugezählt werden können und welche Bedeutung sie vor dem Hintergrund der Gattungsgeschichte des Aphorismus und der Mediengeschichte des Internets einnehmen. Die literarische Gattung „Aphorismus“ könnte vielleicht durch das Internet auf eine neue Ebene des Austausches zwischen Verfasser und Leser gehoben werden kann. Twitterer könnten damit den Aphorismus in neuer Form wiederbeleben. Ist Twitter gar das Sudelbuch der Digital Natives? In der Analyse heißt deshalb die zentrale Frage: Können Tweets Aphorismen sein?

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffe: Aphorismus, Web 2.0 und Twitter

1.1. Der Aphorismus: Eine umstrittene Gattung

1.1.1. Definitionskonzepte

1.1.2. Wortgeschichte

1.1.3. Gattungsgeschichte des literarischen Aphorismus

1.2. Web 2.0: Vom Konsumenten zum Produzenten

1.2.1. Vom World Wide Web zum Web 2.0

1.2.2. Der Autor im Web 2.0

1.3. Twitter: Das Mikroblog-Netzwerk

1.3.1. Wie funktioniert Twitter?

1.3.2. Gründungsgeschichte

2. Aphorismen und Twitter

2.1. Twitter und Literatur: Der Mikroblogger als literarischer Autor

2.1.1. Beispiele für die Verbreitung von digitalen Kurztexten

2.2. Können Mikroblog-Texte Aphorismen sein? Eine Analyse anhand von Merkmalen des Aphorismus

2.2.1. Kürze und Konzision

2.2.2. Prosaform und Nichtfiktionalität

2.2.3. Kotextuelle Isolation

2.2.4. Themendiversität

2.2.5. Autorintention

2.2.6. Aktive Rezeption

2.3. Fazit

3. Ausblick: Die Bedeutung von Twitter für die Literatur und den Aphorismus

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, ob digitale Kurztexte auf Twitter als moderne Aphorismen betrachtet werden können, indem sie die Gattungsmerkmale des Aphorismus mit der technologischen und sozialen Dynamik des Web 2.0 vergleicht.

  • Historische und gattungstheoretische Einordnung des Aphorismus.
  • Entwicklung des Web 2.0 und die Transformation der Autorschaft.
  • Funktionsweise und mediale Bedeutung von Twitter als Mikroblogging-Dienst.
  • Analyse von Twitter-Kurztexten anhand klassischer Aphorismus-Kriterien wie Kürze, Konzision und kotextueller Isolation.

Auszug aus dem Buch

1.1. Der Aphorismus: Eine umstrittene Gattung

Aphorismen waren „häufig Gegenstand aphoristischer Selbstreflexion, nicht aber Objekt wissenschaftlicher Forschung“ 16. Die Aphorismusforschung bemühte sich erst seit den 1970ern verstärkt und kontinuierlich um die Untersuchung dieser Gattung.17 In den großen Literaturgeschichten wurde die Gattung bis vor kurzem fast gänzlich ausgeklammert. Man könnte sich fragen, ob die Texte zu klein sind, um wahrgenommen zu werden, oder ihre Zwischenstellung zwischen Poesie und Philosophie der Grund dafür ist.18

Erst mit der Veröffentlichung der Monografie Harald Frickes „Aphorismus“ setzte 1984 ein großes Bestreben ein, diese umstrittene Gattung zu definieren, um sie von verwandten Textsorten wie dem Sprichwort, dem Essay oder dem Epigramm abzugrenzen. Umstritten deshalb, weil die Versuche, die Gattung zu definieren, bis heute sehr kontrovers verlaufen und die Aphorismusforschung sich seit den 1980ern in verschiedene Richtungen bewegt hat.19 So konstatiert der Aphorismusforscher Friedemann Spicker noch 2010: „Als unsystematisches Erlebnisdenken und Erkenntnis Spiel im Grenzgebiet von Wissenschaft, Philosophie und Literatur bleibt dieser Aphorismus im besonderen Maße auf kritische Weiterarbeit angewiesen.“ 20 Laut Gerhard Fieguth liegt die Ursache in einer Reihe widersprüchlicher Strukturen [des Aphorismus]. Dazu gehören beispielsweise die Gegensätze von sprachlicher Kürze und gedanklich-ideenhafter Weite, von strenger pointierter Form und flüchtiger Notiz, von betont subjektiver Grundhaltung und Anspruch auf Allgemeingültigkeit [...]21.

Ein weiteres Grundproblem liegt darin, dass nicht alle unter dem Titel „Aphorismus“ veröffentlichten Texte Aphorismen sind und umgekehrt. So wurden oftmals Zitate aus Nachlässen oder Tagebüchern, sowie Auszüge aus Romanen oder Dramen in Aphorismus-Sammlungen aufgenommen, obwohl sie nicht genuin als Aphorismen verfasst wurden. Und andersherum bezeichneten die Aphoristiker selbst ihre Werke meist nicht so, weshalb die Gattung seit dem Beginn der Gattungsgeschichte im 19. Jahrhundert durch eine erstaunliche Begriffsvielfalt geprägt ist. Herder nannte sie beispielsweise „Gedanken“, Schlegel bezeichnete sie als „Fragmente“ und „Ideen“, Canetti als bloße „Aufzeichnungen“.22 Literaturwissenschaftler hatten deshalb immer mit der Inkongruenz zwischen Begriff und Gattung zu kämpfen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Begriffe: Aphorismus, Web 2.0 und Twitter: Dieses Kapitel erläutert die terminologischen und historischen Grundlagen des Aphorismus sowie die technischen Entwicklungen des Web 2.0 und des Kurznachrichtendienstes Twitter.

2. Aphorismen und Twitter: Hier findet die eigentliche Untersuchung statt, bei der Twitter-Inhalte anhand spezifischer Kriterien wie Kürze, Nichtfiktionalität und Autorintention auf ihre Eignung als Aphorismen analysiert werden.

3. Ausblick: Die Bedeutung von Twitter für die Literatur und den Aphorismus: Das letzte Kapitel reflektiert über das Potenzial von Twitter für die zukünftige Literaturproduktion und die Etablierung des Aphorismus in der digitalen Popkultur.

Schlüsselwörter

Aphorismus, Twitter, Web 2.0, Mikroblogging, Literaturwissenschaft, Gattungsgeschichte, digitale Kurztexte, Autorschaft, Kürze, Konzision, kotextuelle Isolation, User Generated Content, Medienwandel, Internet, Textsorte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, ob die auf Twitter verbreiteten digitalen Kurztexte als Aphorismen im literaturwissenschaftlichen Sinne verstanden werden können.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Felder sind die Gattungsgeschichte des Aphorismus, die Medientheorie des Web 2.0 sowie die moderne digitale Literaturproduktion.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die strukturellen und inhaltlichen Ähnlichkeiten zwischen klassischen Aphorismen und Tweets zu identifizieren und zu hinterfragen, ob Tweets als eine neue Ausprägung dieser Gattung gelten können.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin führt eine Analyse anhand eines etablierten Kriterienkatalogs durch, der Merkmale wie Kürze, Konzision, Prosaform, Nichtfiktionalität, kotextuelle Isolation und Autorintention umfasst.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Begriffe geklärt, bevor anhand praktischer Twitter-Beispiele analysiert wird, inwiefern diese die definierten Aphorismus-Merkmale erfüllen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Aphorismus, Twitter, Web 2.0, digitale Literatur und Gattungsgeschichte charakterisieren.

Inwiefern beeinflusst die "140-Zeichen-Begrenzung" die literarische Qualität?

Die Begrenzung wird nicht nur als Hürde gesehen, sondern als Ansporn zu sprachlicher Schärfe, wobei sie jedoch die Gefahr birgt, dass die Texte bei fehlendem Kontext an inhaltlicher Tiefe verlieren.

Welche Rolle spielt die "Autorintention" für die Einstufung als Aphorismus?

Das ist ein kritischer Punkt, da die meisten Twitter-Nutzer nicht explizit literarische Aphorismen intendieren; die Arbeit argumentiert jedoch, dass dies auch bei historischen Aphoristikern wie Lichtenberg der Fall war.

Kann man Twitter als "digitales Sudelbuch" bezeichnen?

Ja, die Arbeit zieht Parallelen zwischen den tagebuchartigen Aufzeichnungen Lichtenbergs und der Nutzung von Twitter-Profilen als privates Notiz- und Merkbuch im öffentlichen Raum des Internets.

Welche Bedeutung hat die Flüchtigkeit von Tweets für die Literatur?

Die Flüchtigkeit ist ein inhärentes Merkmal digitaler Kurztexte; die Arbeit zeigt auf, dass erst eine kuratierte Auswahl oder der Transfer in gedruckte Form die Tweets als literarische Texte für ein breiteres Publikum bewahrt.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Aphorismen und Twitter
Untertitel
Digitale Kurztexte im Kontext von Gattungs- und Mediengeschichte
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Note
1,3
Autor
Sarah Curth (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2011
Seiten
57
Katalognummer
V182093
ISBN (eBook)
9783656053613
ISBN (Buch)
9783656053965
Sprache
Deutsch
Schlagworte
New Media Social Networks Twitter Aphorismen Aphorismus aphoristisch Statusmeldungen Popliteratur Tweets Twittern Twitteratur Twitkrit Internet Netzliteratur Netz Moderne Literatur Lichtenberg Sudelbuch Sudelbücher Friedemann Spicker Harald Fricke Neue Medien 140 Zeichen Kurztexte Literatur digital Hyptertext Autor
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Sarah Curth (Autor:in), 2011, Aphorismen und Twitter, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182093
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Leseprobe aus  57  Seiten
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