„Rhetorice ars es bene dicendi“ - Rhetorik ist die Kunst gut zu reden. So definierte der römische Rhetoriklehrer Quintilian die Rhetorik. In der Antike begründet, spielt sie bis heute noch eine wichtige Rolle für Reden jeglicher Art und wird sogar in Hollywood aufgegriffen. Der Film „The King’s Speech“ gewann im Jahr 2011 vier Academy Awards und handelt von dem englischen König George VI., der durch eine unkonventionelle Rhetoriktherapie von seinem Stottern geheilt wird und fortan bei öffentlichen Reden glänzt. Entstanden im 5. Jahrhundert vor Christi, ist die Rhetorik bis heute noch ein wichtiger Bestandteil politischer oder juristischer Reden und auch Predigten.
Diese Hausarbeit befasst sich mit der Neujahrspredigt der Theologin Margot Käßmann, die sie am 01. Januar 2010 in der Frauenkirche in Dresden gehalten hat. Käßmann nimmt den Leitvers der Jahreslosung als Anknüpfungspunkt für ihre Predigt und referiert in Anlehnung an den Anlass der Rede – den Neujahrstag und somit den Jahreswechsels – über die Kluft zwischen der Hoffnung und Erwartung an ein neues Jahr und der Realität. Sie skizziert diese Realität auf einer individuellen und einer globalen Ebene und verweist auf Missstände in der Gesellschaft. Mithilfe der Kraft, die aus dem Glauben an Gott geschöpft werden kann, soll gehandelt werden, so ihr Appell.
Auf die Geschichte der Rhetorik und ihre Hintergründe soll in dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Vielmehr werden einige für eine Redeanalyse relevante Aspekte herausgegriffen, vorgestellt und in der Praxis der Analyse der Rede, die für diese Arbeit als Basis gilt, angewendet. Hierzu gehören die officia oratores und die partes artis, die partes orationis oder die Überzeugungsmittel des Redners.
Die Disziplin Rhetorik steht in einem engen Bezug zur Germanistik, betrifft sie doch die Sprache selbst, in ihrer Anordnung und Ausformung. Interdisziplinär betrachtet fügt sich die Rhetorik auch in das Forschungsfeld der Kommunikationswissenschaft oder der Psychologie ein, da sie eingesetzt wird, um zu überzeugen: „Die Rhetorik geht davon aus, dass Denken und Handeln der Menschen nicht dem Muster von Befehl und Gehorsam, sondern auf höchst vielfältige Weise interpersoneller Vermittlung folgt.“ Zur Anwendung kommt die Rhetorik in den verschiedensten Bereichen und Situationen. Prinzipiell gilt, dass jedes Halten von Reden rhetorisch geprägt ist, da jeder Redner seine Zuhörer mit dem Gesagten von einer Sache oder der eigenen Position überzeugen möchte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rhetorische Aspekte
2.1 Rhetorik und Predigt
2.2 Das äußere aptum
2.3 Die fünf Produktionsstadien einer Rede
2.4 Die Redeteile (partes orationis)
2.5 Die Überzeugungsmittel des Redners
3. Analyse
4. Exkurs: „Die Rede des Jahres“
5. Auswertung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Neujahrspredigt von Margot Käßmann aus dem Jahr 2010 unter Anwendung klassischer rhetorischer Kategorien. Ziel ist es, die strukturellen, stilistischen und argumentativen Mittel zu identifizieren, mit denen die Rednerin ihre Botschaft des Glaubens und der gesellschaftlichen Verantwortung vermittelt.
- Anwendung klassischer rhetorischer Konzepte (z.B. aptum, partes orationis) auf eine moderne Predigt.
- Untersuchung der rhetorischen Überzeugungsmittel (Ethos, Pathos, Logos) im Kontext religiöser Rede.
- Analyse des argumentativen Aufbaus und der strategischen Verwendung von Stilmitteln zur Adressatenbindung.
- Einordnung der gesellschaftskritischen Aspekte der Predigt in den öffentlichen Diskurs.
- Reflexion über die Rolle der Predigtlehre (Homiletik) im Spannungsfeld zwischen Theologie und Rhetorik.
Auszug aus dem Buch
2.5 Die Überzeugungsmittel des Redners
Die Rhetorik hat eine Trias von Überzeugungsmitteln ausgebildet, die auf Aristoteles zurückgehen, nämlich ḗthos, páthos und lógos. Das ḗthos bezeichnet „die auf Glaubwürdigkeit zielende ethisch-moralische Selbstdarstellung des Redners – Aristoteles spricht hier vom ‚Charakter’ des Redners“. Die auf die „Affekterregung der Zuhörer gerichtete Darstellung des Sachverhalts“ wird als páthos bezeichnet und das „sachlogische Beweisverfahren“ als lógos. Das lógos muss also redeimmanent betrachtet werden, während ḗthos und páthos die Person des Redners und das Publikum mit einbeziehen. Sie sind subjektiv und personengebunden. Am überzeugendsten wirken diese Mittel dann, wenn sie zusammenwirken.
Weiterhin überzeugt ein Redner durch stilistische Mittel und Wortfiguren. Nach Quintilian lassen sich diese in zwei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe lässt sich in Wortfiguren grammatischer Art einteilen, die zweite Gruppe ist rhetorischer Art. Die erste bildet sich durch die Neuerungen von Sprachgrundsätzen, also „durch ein Abweichen von der normalerweise als richtig bezeichneten grammatischen Sprachnorm.“ Die zweite Gruppe enthält Figuren, die durch die Wortstellung bestechen und „die nicht nur auf dem Sprachgebrauch beruh[en], sondern dem Sinn selbst bald Reiz, bald zudem auch noch Kraft verleih[en].“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Thema der Arbeit vorgestellt, der Kontext der Neujahrspredigt von Margot Käßmann erläutert und die theoretische Basis der rhetorischen Untersuchung dargelegt.
2. Rhetorische Aspekte: In diesem theoretischen Teil werden rhetorische Grundbegriffe wie das aptum, die Produktionsstadien einer Rede, Redeteile und Überzeugungsmittel im Kontext von Predigten definiert.
3. Analyse: Dieses Kapitel wendet die zuvor erläuterten rhetorischen Konzepte konkret auf die Neujahrspredigt von Margot Käßmann an und untersucht deren Aufbau und Stilmittel.
4. Exkurs: „Die Rede des Jahres“: Hier werden die öffentlichen Reaktionen auf die Predigt beleuchtet, die zur Auszeichnung durch die Universität Tübingen führten, sowie die Kriterien für diese Ehrung diskutiert.
5. Auswertung: Das abschließende Kapitel fasst die rhetorische Analyse zusammen und bewertet, inwieweit die Predigt die Anforderungen an eine wirksame und angemessene Rede erfüllt.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Margot Käßmann, Neujahrspredigt, Predigtanalyse, Homiletik, aptum, Ethos, Pathos, Logos, Rhetorische Figuren, Überzeugungsmittel, gesellschaftliche Verantwortung, Glaubwürdigkeit, Redeanalyse, öffentliche Debatte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die rhetorische Struktur und Wirkung der Neujahrspredigt von Margot Käßmann aus dem Jahr 2010.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Anwendung klassischer Rhetorik auf die moderne Predigtform sowie die Verknüpfung von spiritueller Botschaft mit gesellschaftskritischen Inhalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Rednerin durch den Einsatz rhetorischer Mittel, wie Anaphern und Tautologien, ihre Zuhörer anspricht und eine glaubwürdige Verbindung zwischen Glauben und politischer Realität herstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systematische Redeanalyse auf Basis klassischer rhetorischer Konzepte nach Autoren wie Ueding, Steinbrink und Quintilian durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Rhetorik und eine praktische Analyse der Käßmann-Predigt hinsichtlich Aufbau, Argumentation und Stilistik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Rhetorik, Predigt, Ethos, Pathos, Logos, Glaubwürdigkeit und gesellschaftliche Partizipation.
Warum wurde gerade diese Rede analysiert?
Die Rede erregte große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und wurde von der Universität Tübingen zur „Rede des Jahres 2010“ gekürt, was eine rhetorische Untersuchung besonders interessant machte.
Welche Rolle spielt die „Jahreslosung“ in der Analyse?
Die Jahreslosung dient als zentraler Anknüpfungspunkt für die Argumentationsstruktur der Predigt und den Ausgangspunkt der rhetorischen Spannung.
Wie bewertet die Autorin Käßmanns Umgang mit gesellschaftlichen Missständen?
Die Autorin hebt hervor, dass Käßmann durch ehrliche, direkte Sprache und die Miteinbeziehung des Publikums („wir“) eine authentische Form der Kritik findet, die dennoch versöhnlich wirkt.
Was ist das Fazit der rhetorischen Untersuchung?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Margot Käßmann eine überzeugende, klar strukturierte Predigt gehalten hat, die durch ihre Schlichtheit und lebensnahe Bildlichkeit die Anforderungen an moderne homiletische Rhetorik vorbildlich erfüllt.
- Quote paper
- B.A. Farina Fontaine (Author), 2011, Margot Käßmanns Neujahrspredigt in der Frauenkirche im Jahr 2010, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181898