„Der Tod öffnet der dahinscheidenden Seele nicht die Tore zur Hölle und Verdammnis, sondern er schließt sie hinter ihr.“ (Waldemar Bonsels)
Die Vorstellung des Jenseits beschäftigt die Menschen schon seit sie existieren. Grund hierfür ist wahrscheinlich die Tatsache, dass der Tod unausweichlich für den Menschen als sterbliches Wesen ist. Doch so ungewiss die Situation nach dem Tod ist, so vielfältig sind auch die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod, wenn es überhaupt dergleichen gibt. Da es keine absolute Wahrheit gibt, konnten sich viele verschieden Überzeugungen entwickeln, verändern und neu konstruieren. Daher möchte ich in dieser Arbeit einen kleinen Auszug von Jenseitsvorstellungen anbieten, um den Wandel vom Glauben und der Vorstellung an das Jenseits innerhalb weniger Generationen deutlich zu machen. Ich werde zunächst die Schilderungen Homers über das Totenreich und sein Elysium in der Odyssee und der Ilias darstellen und dann mit Hesiods Tartaros und seinen Inseln der Seligen in der Theogonie und in Werke und Tage fortfahren. Da beide noch in der gleichen Tradition stehen, stelle ich ihnen abrundend Platons Seelenlehre in der Gorgias und im Phaidon gegenüber, welche sich deutlich von Homer und Hesiod abgrenzt. Mit seiner revolutionären Idee von der Seelenwanderung bereitet er den Boden für unsere heutige christliche Auffassung von der Trennung von Körper und Seele und von einem Leben nach dem Tod.
Als Grundlage meiner Arbeit benutze ich Werke von Homer, Hesiod und Platon, sowie Literatur von L. Radermacher, Rainer Foß und einen Zeitschriftenartikel von Christoph Horn.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Totenreich- und Elysiumsdarstellungen
1. Totenreich- und Elysiumsdarstellung bei Homer
1.1. Das Totenreich Homers
1.2. Homerisches Elysium
2. Totenreich- und Elysiumsdarstellung bei Hesiod
2.1. Hesiods Tartaros
2.2. Die Insel der Seligen
3. Platons Seelenlehre
3.1. Platons Jenseitssystem
3.2. Das Jenseitsgericht
3.3. Das platonische Himmelreich
3.4. Die Seelenwanderung
3.5. Der platonische Tartaros
III Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel der Jenseitsvorstellungen in der griechischen Antike, indem sie die Konzepte von Homer, Hesiod und Platon vergleichend gegenüberstellt und deren Entwicklung von vagen Schattenreichen bis hin zu ethisch begründeten Systemen der Seelenwanderung nachzeichnet.
- Vergleich der Jenseitsdarstellungen bei Homer, Hesiod und Platon
- Die Rolle des Totenreichs und des Elysiums in der epischen Dichtung
- Platons revolutionäre Konzepte von Gerechtigkeit, Seelenreinigung und Seelenwanderung
- Der Einfluss der Jenseitsvorstellung auf die moralische Verantwortung des Menschen
- Die philosophische Abgrenzung von traditionellen Mythen hin zu einem dualistischen Weltbild
Auszug aus dem Buch
1.1. Das Totenreich Homers
In der Überlieferung von Homer wird von einem Totenreich berichtet, welches an dem Okeanos liegt, im Einflussgebiet der Kimmerier. Die Kimmerier sind ein Volk, welches an der Schwarzmeerküste von der Donau bis zur Krim und in Südrussland leben und durch Überfälle auf Kleinasien bekannt geworden ist. Das Jenseits ist ein düsteres Schattenreich, wo ewige Finsternis herrscht. Der Mensch kann nur durch die Führung eines Gottes zu diesem gelangen. Jedoch ist die Bestattung des Sterblichen Grundvoraussetzung, damit die Seelen zur Ruhe kommen können. Im Erebos, dem Chaos entwachsenen Reich der Schatten und Vater von Aither, Hemera und Charon, verweilen die Seelen, welche ihre menschliche Gestalt behalten. Diese Seelen sind jedoch nur Ebenbilder (eidolon) der irdischen Gestalten und haben keinerlei Fähigkeiten mehr die ein Sterblicher auf Erden besitzt. Dennoch sind die Seelen fähig zu leiden und die Sehnsucht nach dem Leben zu entwickeln. Persephone und Hades, der Sohn von Kronos und Rheia, haben die Herrschaft über diese Seelen inne. Das Totenreich ist von den Flüssen Acheron, Kokytos, Pyriphlegethon, Styx, acherusischen See und Lethestrom umgeben.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die zeitlose menschliche Faszination für das Jenseits ein und legt den Fokus auf den Wandel der Vorstellungen von Homer über Hesiod bis hin zu Platon.
II Totenreich- und Elysiumsdarstellungen: Hier werden die düsteren Hades-Konzepte Homers und die ordnungspolitische Darstellung des Tartaros bei Hesiod analysiert.
1. Totenreich- und Elysiumsdarstellung bei Homer: Untersuchung der homerischen Jenseitswelt als trostloser Ort und des Elysiums als idealisierte, literarische Konstruktion.
1.1. Das Totenreich Homers: Detaillierte Betrachtung des geographischen und mythischen Rahmens des homerischen Hades als Schattenreich.
1.2. Homerisches Elysium: Beschreibung des Elysiums als zeitlich paralleler, paradiesischer Gegenpol im Werk Homers.
2. Totenreich- und Elysiumsdarstellung bei Hesiod: Analyse von Hesiods Bestreben, eine schlüssige Weltordnung unter Zeus durch die Abgrenzung von Titanen im Tartaros zu etablieren.
2.1. Hesiods Tartaros: Erläuterung des Tartaros als Gefängnis und Kontrollinstrument für die göttliche Weltordnung.
2.2. Die Insel der Seligen: Beschreibung des Lebens der Heroen und des Goldenen Geschlechts als Kontrast zur harten hesiodischen Gegenwart.
3. Platons Seelenlehre: Darstellung der philosophischen Wende, bei der Platon das Jenseits als Ort der Seelenreinigung und Rechenschaft definiert.
3.1. Platons Jenseitssystem: Erörterung der komplementären Struktur von Diesseits und Jenseits in einem gerechten Weltgefüge.
3.2. Das Jenseitsgericht: Untersuchung der objektiven moralischen Instanz, die über das Schicksal der Seele nach dem Tod entscheidet.
3.3. Das platonische Himmelreich: Analyse der Rolle von Tugend und Vernunft für den Aufstieg der Seele in das himmlische Reich.
3.4. Die Seelenwanderung: Erklärung der Unsterblichkeit der Seele und ihrer zyklischen Rückkehr in neue körperliche Existenzen.
3.5. Der platonische Tartaros: Erläuterung des Strafvollzugs für Seelen und die Notwendigkeit der Reinigung zur Wiederherstellung der Ordnung.
III Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Entwicklung der Jenseitsvorstellung von der vagen Mythologie hin zu einer ethisch begründeten Seelenlehre, die den Menschen in die Eigenverantwortung nimmt.
Schlüsselwörter
Jenseitsvorstellung, Antike, Homer, Hesiod, Platon, Tartaros, Elysium, Hades, Seelenlehre, Seelenwanderung, Gerechtigkeit, Jenseitsgericht, Weltordnung, Totenreich, Philosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung und den Wandel des Jenseitsglaubens in der griechischen Antike, basierend auf den literarischen und philosophischen Werken von Homer, Hesiod und Platon.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die geographische und mythologische Ausgestaltung der Unterwelt, die Rolle von Göttern wie Hades und Zeus sowie der Übergang von einer schicksalhaften zu einer moralisch verantwortlichen Auffassung des menschlichen Lebens nach dem Tod.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Vorstellung vom Jenseits von einem bloßen Ort für Schattenwesen bei Homer hin zu einem differenzierten System von Gericht und Sühne bei Platon wandelte, welches das diesseitige Leben beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und den systematischen Vergleich zentraler Texte der griechischen Antike, um die Entwicklung der Konzepte chronologisch und inhaltlich nachzuvollziehen.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der epischen Tradition bei Homer und Hesiod sowie der philosophischen Revolution durch Platons Lehren von der Seele, dem Jenseitsgericht und der Seelenwanderung.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen das Jenseits, die Seelenwanderung, Gerechtigkeit, Hades, Tartaros sowie die philosophische Ethik der Antike.
Wie unterscheidet sich Platons Auffassung von der seiner Vorgänger?
Im Gegensatz zu Homer und Hesiod, bei denen das Jenseits ein weitgehend statischer Ort ist, führt Platon das Prinzip der moralischen Eigenverantwortung ein, bei dem das Handeln im Diesseits über den Zustand und den Aufenthaltsort der unsterblichen Seele im Jenseits bestimmt.
Warum ist die Seelenreinigung bei Platon so bedeutsam?
Die Seelenreinigung ist für Platon essenziell, da sie dem Menschen ermöglicht, seine geistigen Fähigkeiten zur reinen Vernunft zu entfalten, sich von materiellen Begierden zu lösen und somit eine höhere Stufe der Existenz im Jenseits zu erreichen.
- Arbeit zitieren
- Nicola Kiermeier (Autor:in), 2009, Der Wandel der Jenseitsvorstellung im Vergleich zwischen Homer, Hesiod und Platon, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181428