Worin besteht das Wesen respektive die Funktionsweise der menschlichen Sprache? Was ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, und wie wird dessen Verständnis ermöglicht? Derartige Fragen haben innerhalb der Philosophiegeschichte den Gegenstandsbereich sprachphilosophischer Bemühungen dargestellt. Einen hohen Stellenwert betreffs dieser Thematik nimmt das als Klassiker der Philosophie geltende spätphilosophische Hauptwerk Ludwig Wittgensteins ein: die Philosophischen Untersuchungen (fortan PU).
Dort beabsichtigt Wittgenstein, Aufklärung und Klarheit über die Sprache zu erlangen, da durch den (metaphysischen) Gebrauch, den Philosophierende von ihr machen, philosophische Schwierigkeiten erzeugt werden können, die zu Orientierungslosigkeit führen. Ein falsches Verständnis unserer Sprache sowie ihrer Funktionsweise kann zu einem falschem Menschheits- und Gesellschaftsbild führen, weshalb es gemäß Wittgensteins Auffassung die Mission des Philosophen ist, falsche Annahmen und Irrmeinungen diesbezüglich zu beseitigen.
Zu diesem Zweck setzt sich Wittgenstein zu Beginn der PU mit einer bestimmten Irrmeinung über das Funktionieren der menschlichen Sprache kritisch auseinander: jener des christlichen Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus.
Im Zusammenhang dieser Thematik ist es das Ziel der vorliegenden Arbeit, folgende Fragestellung zu untersuchen: Worin besteht Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Auffassung von Sprache und wodurch wird diese begründet?
Zur Beantwortung dieser Untersuchungsfrage wird wie folgt vorgegangen: Zunächst wird dargestellt, welche Auffassung bzw. welches Sprachbild von Augustinus vertreten wird (vgl. 2.1), um daran anknüpfend sowohl Wittgensteins Kritikpunkte, als auch deren Begründung aufzuführen (vgl. 2.2). Auf dieser Basis befasst sich anschließend das dritte Kapitel damit, einen Überblick darüber zu verschaffen, wie der Stellenwert und die Fruchtbarkeit der kritischen Anmerkungen Wittgensteins zu Augustinus bzw. seine daraus resultierenden sprachphilosophischen Einsichten aus philosophiehistorischer Perspektive einzuschätzen sind. Schließlich endet die Untersuchung mit einer Schlussbetrachtung im vierten Kapitel, welche mit Rückgriff auf die zentrale Fragestellung die erarbeiteten Ergebnisse kurz zusammenfasst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wittgensteins Kritik am Augustinischen Sprachkonzept
2.1 Das Augustinische (Abbildungs-)Modell der Sprache
2.2 Dekonstruktion einer traditionellen Sprachtheorie
3. Philosophische Bedeutung
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Sprachauffassung in den Philosophischen Untersuchungen. Das primäre Ziel besteht darin, die Gründe für Wittgensteins Ablehnung des traditionellen, auf die Benennung von Gegenständen reduzierten Abbildungsmodells der Sprache darzulegen und deren philosophiehistorische Bedeutung im Kontext der Abkehr von seiner früheren Sprachphilosophie des Tractatus logico-philosophicus zu beleuchten.
- Das Augustinische Abbildungsmodell als traditionelles Sprachkonzept
- Die Funktion von Sprache als Handeln in einem situativen Kontext
- Der Übergang vom mentalistischen zum praxisorientierten Sprachverständnis
- Implizite Kritik an Wittgensteins eigenem früheren Werk (TLP)
- Die Rolle des Sprachgebrauchs für die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Augustinische (Abbildungs-)Modell der Sprache
Um seiner Intention, „[…] zunächst […] ein angemessenes Bild unserer Sprache zu gewinnen“5, gerecht zu werden, lässt Wittgenstein seine PU mit einem Zitat von Augustinus aus den Confessiones beginnen. In dieser Passage beschreibt der Kirchenvater, „[…] wie er als Kind die Bedeutung seiner ersten Wörter erfaßt hat“6 und vermittelt auf diese Weise, so Wittgenstein, „[…] ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache.“7
Die besagte Passage lautet folgendermaßen: „Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder und wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“8
Vor diesem Hintergrund lässt sich Folgendes anmerken: „In the quoted section Augustine describes learning language through finding out the names of things […]“9; genauer: „Spracherwerb erscheint […] als das Erlernen von Bezeichnungen für Dinge […].“10 Folglich sind „Wörter […] nicht mehr als Benennungen von Gegenständen […]“11, wobei die Relation zwischen Name und Gegenstand durch Zeige- bzw. Benennungshandlungen hergestellt wird, wodurch mentale Repräsentationen erzeugt werden; ferner werden Sätze durch die Verbindungen von Namen konstituiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die sprachphilosophische Fragestellung ein und erläutert Wittgensteins Absicht, durch die Kritik an Augustinus Klarheit über die Funktion der Sprache zu erlangen.
2 Wittgensteins Kritik am Augustinischen Sprachkonzept: In diesem Kapitel wird das Abbildungsmodell von Augustinus detailliert dargestellt und als eine einseitige Sichtweise entlarvt, die Sprache primär als Benennung von Gegenständen auffasst.
2.1 Das Augustinische (Abbildungs-)Modell der Sprache: Hier wird der Ursprung von Wittgensteins Kritik anhand des Zitats aus den Confessiones erörtert, welches den Spracherwerb als kognitives Lernen von Namen illustriert.
2.2 Dekonstruktion einer traditionellen Sprachtheorie: Dieser Abschnitt zeigt auf, dass Wittgensteins Kritik nicht nur Augustinus gilt, sondern eine gesamte Tradition der Sprachphilosophie angreift, die Sprache auf die Referenz zwischen Wort und Ding reduziert.
3. Philosophische Bedeutung: Dieses Kapitel ordnet Wittgensteins Kritik in seinen eigenen philosophiehistorischen Werdegang ein und kontrastiert sie mit seinem früheren Werk, dem Tractatus logico-philosophicus.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und betont die Relevanz der Wende zur Pragmatik in Wittgensteins späterem Denken.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Augustinus, Sprachphilosophie, Abbildungsmodell, Bedeutungstheorie, Spracherwerb, Sprachgebrauch, Pragmatische Wende, Tractatus logico-philosophicus, Referenz, Sprechakttheorie, Ordinary Language Philosophy, Sprachpraxis, Semantik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Wittgensteins fundamentale Kritik an der klassischen Auffassung, dass Sprache primär dazu dient, Gegenstände durch Benennung abzubilden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören das Augustinische Sprachbild, die Bedeutung als Referenz, der kindliche Spracherwerb und die Bedeutung des Sprachgebrauchs in einem situativen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Wittgensteins Kritikpunkte an der Augustinischen Sprachauffassung zu erörtern und aufzuzeigen, wie diese Kritik den Übergang zu einem praxisorientierten Sprachverständnis markiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, indem sie Primärtexte (vor allem Wittgensteins Philosophische Untersuchungen) interpretiert und in den philosophiehistorischen Diskurs einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Augustinischen Modells, dessen Dekonstruktion durch Wittgenstein sowie die Untersuchung der philosophiehistorischen Bedeutung seiner Kritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sprachphilosophie, Abbildungsmodell, Sprachgebrauch, Bedeutungstheorie und die Wende zur Pragmatik (pragmatic turn) charakterisieren.
Wie unterscheidet sich Wittgensteins kritisches Denken von seiner frühen Philosophie (TLP)?
Während Wittgenstein im Tractatus eine logische Abbildungsstruktur der Welt vertrat, betont er in den Philosophischen Untersuchungen, dass Sprache eine komplexe, aus Worten und Handlungen bestehende Praxis ist.
Warum ist das Augustinische Modell laut Wittgenstein nur bedingt brauchbar?
Es ist zwar für einen eng umschriebenen Bereich der Benennung nützlich, greift jedoch zu kurz, da Sprache vielfältige Funktionen erfüllt, die über die bloße Abbildung von Dingen hinausgehen.
- Arbeit zitieren
- Christian Reimann (Autor:in), 2011, Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Sprachauffassung in den "Philosophischen Untersuchungen", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181380