„Auf den ersten Blick ein Tabubruch, auf den zweiten eine Provokation und auf den dritten eine kluge Antwort auf die Frage, wie man an das Ungeheuerliche erinnern kann.“ So beschreibt Henry M. Broder den Kurzfilm, den die Künstlerin Jane Korman zusammen mit ihrem Großvater erschaffen hat. Ihr Großvater Adam Adolek Kohn wurde 1921 in der Nähe von Oppeln geboren und mit 23 Jahren in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Nach der Befreiung des Vernichtungslagers 1945 arbeitete er zunächst in München, bevor er mit seiner Frau Marysias nach Australien auswanderte. Nach mehr als 60 Jahren reist er mit seinen Enkelkindern zurück nach Europa, um mit ihnen seine Vergan¬gen¬¬heit zu verarbeiten. Doch die Familie besucht die Erinnerungsstätten nicht ausschließlich, um wie andere Besucher ihrer Ange¬hö¬rigen (Kohns Mutter wurde im Konzentrationslager ermordet) zu gedenken, sondern um das Überleben Adams und Marysias Kohn zu feiern. Zu Gloria Gaynors Hit „I will survive“ (‚Ich werde überleben‘) tanzen der Großvater und seine Enkelkinder vor den Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten. Der Kurzfilm, den Jane Korman nach der Reise produziert, wurde im Sommer 2010 auf der Internetvideoplattform Youtube veröffentlicht. „Innerhalb weniger Tage wurde das Video eine halbe Million Mal angeklickt. In Australien, in den USA, in Deutschland, in Israel – überall dort, wo ‚Auschwitz‘ noch immer eine Metapher für das Ungeheuerliche ist.“
Inhaltsverzeichnis
1 ‚Dancing Auschwitz‘: Welcher Umgang mit Geschichte ist erlaubt?
2 Vorbemerkungen
2.1 Theologie nach Auschwitz: Hans Jonas‘ Gottesbegriff
2.2 Erziehung und Bildung nach Auschwitz
2.2.1 ‚Dem Erinnern verpflichtet‘: Anamnetische Kultur
2.2.2 Ansätze einer Erziehung nach Auschwitz
3 Exkurs: Der Umgang mit der Schoah in israelischer Erziehung
4 Religionspädagogik nach der Schoah
4.1 Die Bedeutung der Schoah für die Religionspädagogik
4.2 Theodizee und die Frage nach Gott bei Jugendlichen
4.3 Religionsunterricht konkret
4.3.1 Aufgaben des Lehrenden
4.3.2 Kompetenzen
4.3.3 Projekte außerhalb des regulären Religionsunterrichts
5 Auschwitz – ein Thema, das alle herausfordert
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen und Möglichkeiten einer religiösen Erziehung und Bildung nach der Schoah. Das primäre Ziel ist es, den Beitrag der Religionspädagogik zur Erinnerungskultur zu klären und didaktische Wege aufzuzeigen, wie Jugendliche im Kontext von Schuld, Verantwortung und der Theodizeefrage mit der Geschichte umgehen können.
- Bedeutung der systematischen Theologie (am Beispiel Hans Jonas) für die Pädagogik
- Konzept der anamnetischen Kultur und die Rolle des Erinnerns
- Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage und dem Gottesverständnis Jugendlicher
- Methoden und Kompetenzen für einen handlungsorientierten Religionsunterricht
- Bedeutung von Gedenkstätten und außerschulischen Projekten für die Erinnerungsarbeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Theologie nach Auschwitz: Hans Jonas‘ Gottesbegriff
Der jüdische Philosoph Hans Jonas ist selbst von der Schoah betroffen: Zwar emigrierte er selbst noch vor der Machtübernahme Hitlers 1933, doch wurde seine Mutter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auschwitz bildet für Hans Jonas den traurigen Höhepunkt der jüdischen Leidensgeschichte: „Es fügt in der Tat […] der jüdischen Geschichtserfahrung ein Niedagewesenes [sic!] hinzu.“ Hans Jonas sieht, derartig mit der Theodizeefrage konfrontiert, nur einen Ausweg: Der Gottesbegriff müsse in einem „Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ neu buchstabiert werden. Alle anderen Antwortversuche hätten die Abwendung vom jüdischen Glauben hin zum Atheismus zur Folge.
Seine Neukonstruktion des Gottesbegriffs basiert auf der lurianisch-kabbalistischen Vorstellung des Zimzum, in der sich Gott aus der Welt zurückzieht, sodass ein leerer Raum für den Kosmos und damit auch der Menschheit entsteht. Der Mensch wird so als autonomes Wesen geschaffen, das ‚nur‘ in transzendenten Dimensionen von Gott abhängig ist. Sein irdisches Handeln erfolgt jedoch völlig selbstbestimmt. Das malum morale kann in diesem Konzept als vom Menschen allein verschuldetes Leid gedacht werden, Gott wird hier aus der Verantwortung genommen. Jedoch bleibt die Frage nach dem malum physicum offen: Warum hat Gott die Welt nicht so erschaffen, dass es kein Leid durch Naturkatastrophen, Krankheit oder den Tod eines geliebten Menschen geben muss? Diese Kategorie des Leids wird bei Hans Jonas nicht thematisiert, was jedoch nicht verwundert, da sich der Autor lediglich mit dem Thema ‚Gott und sein Nichteingreifen in Auschwitz‘, also vom Menschen verursachtes Leid, beschäftigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 ‚Dancing Auschwitz‘: Welcher Umgang mit Geschichte ist erlaubt?: Einleitend wird die Debatte um einen umstrittenen Kurzfilm beleuchtet, der die Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Erbe von Auschwitz aufwirft.
2 Vorbemerkungen: Es wird dargelegt, warum eine Erziehung nach Auschwitz eine grundlegende Neuausrichtung der Theologie erfordert und wie das Konzept der anamnetischen Kultur als Ziel für Erziehung und Bildung dient.
3 Exkurs: Der Umgang mit der Schoah in israelischer Erziehung: Das Kapitel beleuchtet den Wandel der Erinnerungskultur in Israel von der anfänglichen Verdrängung bis hin zur heutigen integralen Bedeutung der Schoah im Bildungssystem.
4 Religionspädagogik nach der Schoah: Dieser Hauptteil erörtert die spezifischen Aufgaben der Religionspädagogik, den Umgang mit der Theodizeefrage sowie die Notwendigkeit, Schüler zu Empathie und Verantwortung zu befähigen.
5 Auschwitz – ein Thema, das alle herausfordert: Das Fazit fasst zusammen, dass Auschwitz eine dauerhafte Herausforderung darstellt, die durch ganzheitliche Bildungsansätze und aktives Gedenken beantwortet werden muss.
Schlüsselwörter
Schoah, Auschwitz, Religionspädagogik, Theodizee, anamnetische Kultur, Erinnerungskultur, Hans Jonas, Holocaust-Pädagogik, Verantwortung, christlich-jüdischer Dialog, Gedenkstätten, religiöse Bildung, Erinnern, Leid, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Herausforderung, wie religiöse Erziehung und Bildung nach der Schoah in einer Weise gestaltet werden können, die der historischen Verantwortung gerecht wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Dazu zählen die systematische Theologie nach Auschwitz, die Bedeutung der Erinnerungskultur, die Theodizeefrage bei Jugendlichen und die praktische Umsetzung im Religionsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Religionspädagogik ihren Auftrag erfüllen kann, Jugendliche sensibel für die Geschichte zu machen, ohne sie zu überfordern oder zu instrumentalisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit philosophischen Ansätzen (Hans Jonas) und aktuellen religionspädagogischen Diskursen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen des anamnetischen Lernens sowie die konkreten Aufgaben und Kompetenzen für Lehrkräfte im Umgang mit der Schoah im Unterricht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Schoah, Erinnerungskultur, Theodizee, anamnetische Bildung und interreligiöse Verantwortung geprägt.
Warum spielt Hans Jonas eine so wichtige Rolle in der Argumentation?
Er dient als Beispiel für einen Philosophen, der den Gottesbegriff nach Auschwitz radikal neu denkt, indem er die Allmacht Gottes zur Diskussion stellt, um Gottes Güte zu bewahren.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit der Schoah in israelischen Schulen im Vergleich zu deutschen?
Während in Deutschland die Auseinandersetzung oft mit der Schuldfrage der Vorfahren verbunden ist, steht in Israel die Identitätsbildung in Bezug auf die eigene Leidensgeschichte und die Sicherung der kollektiven Erinnerung im Vordergrund.
Welche Rolle spielt das Fallbeispiel ‚Dancing Auschwitz‘ für die gesamte Argumentation?
Es verdeutlicht exemplarisch die Spannung zwischen einem als geschmacklos empfundenen Tabubruch und dem Bedürfnis eines Überlebenden, seinen Triumph über die Vernichtung auf eine moderne, jugendgerechte Weise zu zelebrieren.
- Arbeit zitieren
- Lisa Brand (Autor:in), 2010, Religiöse Erziehung und Bildung nach der Schoah, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181172