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Zwischen Transkulturalität und Neorassismus

Deutsch-türkische Begegnungen in der deutschen Gegenwartsliteratur

Title: Zwischen Transkulturalität und Neorassismus

Master's Thesis , 2011 , 93 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Dominik Hämmerl (Author)

German Studies - Modern German Literature

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Summary Excerpt Details

Hinter der Arbeit steckt der Anspruch einen qualitativen Blick zu eröffnen auf den Einfluss kultureller Theorien auf die deutsche Gegenwartsliteratur. Um das unüberschaubare Feld einzugrenzen und gleichzeitig die Aussagekraft der Analyse zu erhöhen, wurden für die Arbeit zwei Deutungsversuche von Kultur ausgewählt, die ein besonderes Spannungsfeld erzeugen und gleichsam diametral entgegengesetzt sind: die Neorassismus-Theorie und das Konzept der Transkulturalität. In hervorragender Weise sind diese beiden Kulturkonzepte geeignet, aktuelle Fragen Kultur(en) betreffend zu diskutieren, weil sie die Geschlossenheit beziehungsweise Offenheit von Kultur(en) thematisieren. Während das Konzept des Neorassismus Kulturen als homogene Einheiten definiert, die nicht zur Vermischung befähigt seien, setzt die Transkulturalitätstheorie Vermischung als gegeben voraus.
Mit diesen Theorien im Blick wagt sich die Arbeit in der Folge an eine qualitative Analyse ausgewählter Texte deutscher Gegenwartsliteratur. Die Arbeit konzentriert sich auf Romane, die deutsch-türkische Beziehungen zum Thema haben. Fern ab von Schwarz-Weiß-Malerei möchte die Arbeit Hinweise geben, welche Elemente und Versatzstücke aktueller Kulturtheorie in einem Spektrum zwischen Transkulturalität und Neorassismus sich in den ausgewählten Texten finden. Bei zumindest zwei der drei Bücher handelt es sich um auch beim Lesepublikum durchaus erfolgreiche Romane. Der aktuellste Text Macho Man aus dem Jahr 2009 von Moritz Netenjakob war ein Bestseller auf deutschen Verkaufslisten; er thematisiert die Liebesgeschichte eines deutschen Ich-Erzählers zu einer Deutsch-Türkin und firmiert unter dem verkaufsfördernden Etikett „Comedy-Roman“. Ähnlich erfolgreich in den Bestsellerlisten war Selim Oder Die Gabe der Rede, der 1990 erschien; der Roman stellt einen ambitionierten Versuch dar die deutsch-türkische Freundschaft zwischen dem Redenschreiber Alexander und dem Ringer Selim zu erzählen. Zeitlich zwischen den beiden hier kurz angerissenen Texten steht der dritte zu analysierende Text von Martin Mosebach, der den Titel „Die Türkin“ trägt. Wie bei Macho Man geht es auch in diesem 1999 erschienenen Roman um eine Liebesgeschichte, die aber sehr abstrakt bleibt und zu einem großen Teil in Lykien in der Türkei spielt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Neorassismus und Transkulturalität. Ein Theoriebaustein.

2.1 Das Ende des Rassismus – der Beginn eines neuen Rassismus?

2.2 Von Rasse zu Rassismus

2.3 Neo-Rassismus und seine Konstituenten

2.3.1 Ethnie und Ethnozentrismus

2.3.2 Kulturnation und Leitkultur

2.3.3 Neorassismus – ein kultureller Rassismus

2.4 Transkulturalität

3 Moritz Netenjakob: Macho Man

3.1 Autor und Rezeption

3.2 Handlungsgerüst

3.3 Erzählposition

3.4 „Der türkische Macho“ – Konstruktion des türkischen Mannes

3.5 Stereotypisierte und ethnozentrische Bilder in Macho Man

3.5.1 Die Magie der orientalischen Kräfte

3.5.2 Die Binärstruktur der deutschen und türkischen Kultur

4 Sten Nadolny: Selim oder Die Gabe der Rede

4.1 Autor und Rezeption

4.2 Textstruktur und Handlung

4.3 Die Multiperspektivität des Textes

4.4 Stereotype Darstellungen

4.5 Zwischen Transkulturalität und Xenophobie / Neorassismus

4.5.1 Fremdenhass und Gleichgültigkeit

4.5.2 Das Dilemma ethnozentrischer Sicht

4.5.3 Transkulturelle Aspekte

5 Analyse: Martin Mosebach: Die Türkin

5.1 Autor und Rezeption

5.2 Handlung und Struktur

5.3 Perspektive(n) des Textes

5.3.1 Strukturelle Ausgrenzung der türkischen Perspektive

5.3.2 Hegemoniale Erzählposition des Ich-Erzählers

5.4 Personencharakteristik: Pupuseh

5.5 Macht- und neorassistischer Diskurs in Die Türkin

6 Zusammenfassung, Ergebnisse

6.1 Kultur als statisches Ordnungssystem

6.2 Der Stellenwert der Ethnie als Rassen-Ersatz

6.3 Gleichberechtigung oder Diskriminierung: Relevanz der Perspektiven

6.4 Stereotype Darstellungsweisen

6.5 Das Dilemma des Ethnozentrismus

6.6 Chancen des transkulturellen Konzepts

6.7 Ausblick

Zielsetzung & Themen

Diese Masterarbeit untersucht den Einfluss kultureller Theorien auf die deutsche Gegenwartsliteratur. Ziel ist es, anhand ausgewählter Romane aufzuzeigen, wie Konzepte des Neorassismus und der Transkulturalität die Darstellung deutsch-türkischer Beziehungen prägen und welche Rolle ethnozentrische Sichtweisen in diesen Texten spielen.

  • Analyse des Neorassismus-Begriffs und dessen Abgrenzung zur Transkulturalität.
  • Untersuchung der Darstellung deutsch-türkischer Beziehungen bei Netenjakob, Nadolny und Mosebach.
  • Kritische Reflexion von Stereotypisierungen und binären Kulturmodellen in der Literatur.
  • Herausarbeitung der Rolle der Erzählperspektive und deren Einfluss auf die Objektivierung oder Subjektivierung von Migrantenfiguren.
  • Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen des transkulturellen Konzepts in einer globalisierten Gesellschaft.

Auszug aus dem Buch

Die Binärstruktur der deutschen und türkischen Kultur

Die Vorstellung zweier Nationalkulturen, die sich in der Liebesgeschichte Aylins und Daniels begegnen, bleibt zu verfestigt, als dass man hier von einem transkulturellen Text sprechen könnte. In aller Deutlichkeit zeigt sich das an den Beschreibungen Aylins durch Daniel, für den Aylin weiterhin eine „Ausländerin“, eine Türkin ist:

‚Sie heißt Aylin.‘

‚Aylin?‘

‚Ja, sie ist Türkin.‘

Obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen, wird Aylin von Daniel als Ausländerin bezeichnet, was man durchaus als Herablassung betrachten könnte. Die Türken haben in Deutschland eine eigene parallele Kultur installiert, so die Vorstellung Daniels, die in der Disco-Szene des Romans in schönster Art und Weise bedient wird. Der Ich-Erzähler taucht hier im wahrsten Sinne des Wortes in eine Parallelwelt ein, in der er mit komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen, übertretenen Tempolimits im BMW-Cabrio, Satinhosen und übersteigerter Sexualität konfrontiert wird, die in ihrer Gesamtheit für Daniel die türkische Kultur ergeben. In den Beschreibungen dieser Partynacht vermischen sich einerseits die Klischeevorstellungen von türkischen Machos, einer türkischen Proll-Kultur mit der Sinnlichkeit türkischer Frauen andererseits. In dieser Nacht avanciert Daniel zum Macho in Reinkultur, man könnte auf den ersten Blick annehmen, es spielte sich wenn kein transkultureller, so doch ein interkultureller Prozess statt, ein Austausch zwischen den Kulturen.

„Ich bin Generation Golf, fahre Ford Ka, aber jetzt passe ich perfekt in ein BMW Cabrio.“

Auto- und Heterostereotyp werden in diesem Satz deutlich: Daniel definiert sich selbst als Mitglied der Generation Golf, die wie alle Generationen ein Konstrukt sozialwissenschaftlicher Forschungen ist, das BMW Cabrio entstammt der Vorstellungswelt einer türkischen Proll-Kultur.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Globalisierung und kultureller Theorien für die germanistische Literaturwissenschaft ein und begründet die Auswahl von Neorassismus und Transkulturalität als Analysekonzepte.

2 Neorassismus und Transkulturalität. Ein Theoriebaustein.: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen erarbeitet, wobei der Übergang von klassischem Rassismus zum kulturell begründeten Neorassismus sowie das Konzept der Transkulturalität gegenübergestellt werden.

3 Moritz Netenjakob: Macho Man: Die Analyse zeigt, wie dieser Comedy-Roman durch die Konstruktion des „türkischen Machos“ und die Verwendung stereotyper Bilder eine binäre Weltanschauung festigt.

4 Sten Nadolny: Selim oder Die Gabe der Rede: Das Kapitel untersucht Nadolnys polyphone Erzählweise und wie der Autor versucht, durch Multiperspektivität dem Vorwurf des Neorassismus zu entgehen, auch wenn ethnozentrische Tendenzen bestehen bleiben.

5 Analyse: Martin Mosebach: Die Türkin: Hier wird die hegemoniale Erzählposition des Ich-Erzählers kritisch beleuchtet, die Pupuseh als Objekt in einem machtbasierten, neorassistischen Diskurs inszeniert.

6 Zusammenfassung, Ergebnisse: Die Ergebnisse werden synthetisiert, wobei insbesondere die Persistenz statischer Kulturbegriffe und die Schwierigkeit der Dekonstruktion von Ethnozentrismus in der Literatur hervorgehoben werden.

Schlüsselwörter

Neorassismus, Transkulturalität, Deutsch-türkische Literatur, Identitätskonstruktion, Ethnozentrismus, Stereotypisierung, Multiperspektivität, Interkulturelle Germanistik, Kulturelle Differenz, Literaturanalyse, Machtdiskurse, Globalisierung, Kulturmodell, Migrationsliteratur, Statischer Kulturbegriff.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert, wie sich Theorien zu Neorassismus und Transkulturalität in zeitgenössischen deutschen Romanen mit deutsch-türkischer Thematik widerspiegeln und wie diese Texte Identitäten und kulturelle Differenzen konstruieren.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentral sind die Untersuchung von Machtverhältnissen in literarischen Diskursen, die Rolle von Stereotypen in der kulturellen Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie die Spannung zwischen statischen Kulturkonzepten und transkulturellen Ansätzen.

Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?

Das Ziel ist die qualitative Analyse, ob und wie neorassistische Denkmuster oder transkulturelle Offenheit die literarische Darstellung von Begegnungen zwischen Deutschen und Türken beeinflussen.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Es wird eine qualitative Textanalyse angewendet, die auf literaturwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Ansätzen basiert und die Erzählstrukturen sowie Perspektivierungen der ausgewählten Romane untersucht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Einzeltextanalyse der Romane „Macho Man“ von Moritz Netenjakob, „Selim oder Die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny und „Die Türkin“ von Martin Mosebach unter Einbeziehung des zuvor entwickelten Theoriebausteins.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Neorassismus, Transkulturalität, Identitätskonstruktion, Ethnozentrismus, Stereotypisierung und Multiperspektivität definiert.

Inwiefern spielt der Comedy-Aspekt in „Macho Man“ eine Rolle für die Analyse?

Die Analyse zeigt, dass das Genre des „Comedy-Romans“ hier als Dilemma fungiert: Zwar wird Ironie eingesetzt, doch die ständige Reproduktion von Klischees über türkische Männer droht in neorassistische Argumentationsmuster umzuschlagen, anstatt sie zu dekonstruieren.

Wie unterscheidet sich die Erzählweise bei Sten Nadolny von den anderen Autoren?

Nadolny wählt eine polyphone bzw. multiperspektivische Erzählweise durch das „Roman-im-Roman“-Konstrukt, wodurch er versucht, eine einseitig hegemoniale Sichtweise zu vermeiden, auch wenn eine vollständige Auflösung der eigenen Perspektivvorgaben des Autors kaum möglich bleibt.

Warum wird die Figur Pupuseh in „Die Türkin“ als Objekt bezeichnet?

Sie wird als passives, handlungsunfähiges Objekt charakterisiert, da die Erzählung ausschließlich aus der Sicht eines Ich-Erzählers erfolgt, der sie lediglich als Projektionsfläche für seine eigene (kulturelle) Überlegenheit und als „unberührbare“ Naturerscheinung wahrnimmt.

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Details

Title
Zwischen Transkulturalität und Neorassismus
Subtitle
Deutsch-türkische Begegnungen in der deutschen Gegenwartsliteratur
College
Göteborg University  (Institut för språk och litteraturer)
Grade
1,0
Author
Dominik Hämmerl (Author)
Publication Year
2011
Pages
93
Catalog Number
V181130
ISBN (eBook)
9783656040965
ISBN (Book)
9783656041252
Language
German
Tags
Neorassismus Transkulturalität Netenjakob Macho Man Nadolny Selim Mosebach Die Türkin Interkulturalität Deutsche Gegenwartsliteratur Deutsch-türkische Literatur
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dominik Hämmerl (Author), 2011, Zwischen Transkulturalität und Neorassismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181130
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