Während in Altbelgien die Assimilation der deutschsprachigen Bevölkerung bereits seit langem fast vollständig vollzogen ist, bekamen die 1920 zu Belgien gekommenen Deutschsprachigen Neubelgiens als Nutznießer des Sprachkonflikts zwischen Flandern und Wallonen ein eigenes Sprachgebiet und sprachlich-kulturelle Autonomie zugeteilt, so dass die deutsche Sprache in der Deutschsprachigen Gemeinschaft bis heute bewahrt werden konnte.
Allerdings hat die französische Sprache als geschützte Minderheitensprache und somit auch Umgangssprache sowie Zweit- und 1. Fremdsprache eine große Bedeutung für die französisch- und deutschsprachige Bevölkerung, für die Kenntnisse des Französischen unentbehrlich sind. In der Schule wird seit langem der Erwerb einer Zweisprachigkeit Deutsch-Französisch gefördert/angestrebt, so dass sich die Frage stellt, inwiefern dies bereits gelungen bzw. Erfolg versprechend ist und welche Faktoren für eine gute Zweisprachigkeit eine Rolle spielen, was somit in Zukunft bildungspolitisch noch unternommen werden muss. Außerdem ist zu hinterfragen, welche Chancen und Risiken sich durch Zweisprachigkeit und deren schulischer Förderung ergeben, insbesondere in Bezug auf den Erhalt der Min-derheitensprache Deutsch.
Dafür wird zunächst kurz ein (geschichtlicher) Überblick der Deutschsprachigen Gemeinschaft und ihres Bildungssystems gegeben (Punkt 2.1.), damit die beson-dere Situation der Deutschsprachigen Gemeinschaft deutlich wird. Es folgt die Darstellung und Reflektion des momentanen gesetzlichen Rahmens und der (Sprach-) Realität im Schulwesen vom Kindergarten über die Primar- (Punkt 2.2.) und Sekundarschule (Punkt 2.3.) hin zur Ausbildung der Lehrer/innen (Punkt 2.4.) und dem zur Verfügung stehenden Lehrmaterial (Punkt 2.5.). Anschließend folgt ein Kommentar (Punkt 3), in dem erörtert werden soll, inwiefern der mutter- und fremdsprachliche Unterricht bisher erfolgreich war, was für den Erweb von Zweisprachigkeit in der Schule getan wurde und ob aufgrund der angestrebten deutsch-französischen Zweisprachigkeit die Muttersprache Deutsch in Gefahr ist. Außerdem sollen die Faktoren untersucht werden, die für eine ausgeglichene Zweisprachigkeit und den Erhalt der Minderheitensprache Deutsch wichtig sind. Die Ergebnisse werden zum Schluss in einem Fazit (Punkt 4) zusammengetragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Deutsch und Französisch im Bildungswesen der Deutschsprachigen Gemeinschaft
2.1. (Historischer) Überblick
2.2. Deutsch und Französisch in Kindergarten und Primarschule
2.3. Deutsch und Französisch in der Sekundarschule
2.4. Aus- und Weiterbildung der Kindergärtner/innen, Primar- und Sekundarschullehrer/innen
2.5. Unterrichtsmaterialien
3. Die Zukunft des Deutschen und Französischen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Auf dem Weg zur Zweisprachigkeit?
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Bildungssystem der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens im Kontext der Förderung einer deutsch-französischen Zweisprachigkeit. Dabei wird analysiert, wie der muttersprachliche Unterricht in Deutsch und der fremdsprachliche Unterricht in Französisch organisiert sind und inwieweit diese Maßnahmen zum Erwerb einer stabilen Zweisprachigkeit beitragen, ohne den Erhalt der Minderheitensprache Deutsch zu gefährden.
- Historische Entwicklung der Sprachpolitik im Bildungswesen der Region
- Struktur des Sprachenunterrichts von der Vorschule bis zur Sekundarstufe
- Herausforderungen in der Lehrerausbildung und bei der Verfügbarkeit von Lehrmaterialien
- Bildungspolitische Ziele für das Jahr 2025 in einer grenzüberschreitenden Region
- Chancen und Risiken der schulischen Förderung von Zweisprachigkeit für eine Minderheitensprache
Auszug aus dem Buch
2.1. (Historischer) Überblick
Die Bewohner der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft blicken auf eine wechselhafte Geschichte zurück, die ihrer besonderen Lage im Grenzraum geschuldet ist: Mit dem Versailler Friedensvertrag vom 10. Januar 1920 fallen die ehemals preußischen Gebiete (Eupen-Malmedy und Neutral-Moresnet, das der Provinz Lüttich angeschlossen wird) an Belgien. Mit dem Dekret vom 30. September 1920 werden das Französische und das Deutsche als gleichwertige Amtssprachen bestimmt. In der Primarschule wird der Unterricht zwar in der jeweiligen Muttersprache gehalten, die Fremdsprache Französisch ist allerdings ab der 1. Klasse verpflichtend, die Fremdsprache Deutsch erst ab der 5. Klasse. Hinzu kommt, dass Französisch vor allem in der Sekundarschule alleinige Unterrichtssprache ist. Die durch Ausreise oder Ausweisung frei gewordenen Stellen reichsdeutscher Lehrer werden mit einheimischen und altbelgischen Lehrern aus dem deutschen Sprachgebiet um Arel und Montzen besetzt. Auch wird die Ausbildung deutschsprachiger Lehrer innerhalb Belgiens durch die Einrichtung deutscher Lehrerseminare in Verviers und Arlon gefördert.
Die Annexion durch das Deutsche Reich am 18. Mai 1940 wird von vielen Bewohnern der ostbelgischen Gemeinden als „Wiederherstellung des vor 1920 bestehenden Zustandes“ akzeptiert und erfährt wenig Widerstand, Deutsch wird wieder alleinige Unterrichtssprache. Aus diesem Grund wird nach der Rückangliederung der Gemeinden an Belgien 1945 eine strenge Assimilation von Seiten der belgischen Regierung betrieben, die sich auch auf das Schulwesen auswirkt: Die deutschen Lehrer werden durch solche ersetzt, die Deutsch zwar beherrschen, aber nicht als Muttersprache sprechen; In den Primarschulen bleibt Deutsch zwar als Unterrichtssprache erhalten, in den Sekundarschulen wird Französisch aber Unterrichtssprache und „dem Französischen somit ein Vordringen erleichtert.“ Folglich macht sich auch unter der Bevölkerung Verunsicherung breit, ob Loyalität zum belgischen Staat den Gebrauch der deutschen Muttersprache ausschließt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die historische Situation der Deutschsprachigen Gemeinschaft dar und führt in die Fragestellung ein, wie Zweisprachigkeit gefördert werden kann, ohne die Minderheitensprache Deutsch zu gefährden.
2. Deutsch und Französisch im Bildungswesen der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Dieses Kapitel gibt einen historischen Rückblick und analysiert die aktuelle Praxis des Sprachunterrichts sowie die Rahmenbedingungen für Lehrkräfte und Lehrmaterialien auf verschiedenen schulischen Ebenen.
2.1. (Historischer) Überblick: Das Kapitel zeichnet die wechselvolle Geschichte der Sprachpolitik in der Region von 1920 bis zur aktuellen Situation nach.
2.2. Deutsch und Französisch in Kindergarten und Primarschule: Der Fokus liegt hier auf den gesetzlichen Vorgaben und der Umsetzung der Sprachförderung in der Vorschul- und Primarbildung.
2.3. Deutsch und Französisch in der Sekundarschule: Hier wird die Struktur der Sekundarbildung und die Verteilung von Deutsch- und Französischunterricht in verschiedenen Unterrichtsformen behandelt.
2.4. Aus- und Weiterbildung der Kindergärtner/innen, Primar- und Sekundarschullehrer/innen: Das Kapitel beleuchtet die Ausbildungsproblematik der Lehrkräfte und die bestehenden Kooperationen für Weiterbildungsmaßnahmen.
2.5. Unterrichtsmaterialien: Es werden die Herausforderungen bei der Erstellung und Nutzung von Lehrmaterialien aufgrund geringer Schülerzahlen und mangelnder regionaler Verlagshäuser beschrieben.
3. Die Zukunft des Deutschen und Französischen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Auf dem Weg zur Zweisprachigkeit?: Dieses Kapitel diskutiert die bildungspolitischen Ziele bis 2025 und evaluiert den Erfolg bisheriger Ansätze der Zweisprachigkeitsförderung.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass die Förderung der Zweisprachigkeit bei gleichzeitiger Sicherung der Muttersprache eine zentrale Aufgabe für die Zukunft bleibt.
Schlüsselwörter
Deutschsprachige Gemeinschaft, Zweisprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Bildungspolitik, Minderheitensprache, Französischunterricht, Sprachgesetzgebung, Schulwesen, Lehrerausbildung, Sprachbad, Assimilation, Grenzregion, Identität, Deutsch, Belgien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation des Sprachunterrichts in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und analysiert, wie die Region den Spagat zwischen dem Erhalt der deutschen Muttersprache und der Förderung einer notwendigen Zweisprachigkeit mit dem Französischen bewältigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung der Sprachenpolitik, die aktuelle schulische Organisation des Sprachunterrichts, die Qualität der Lehrerausbildung sowie die Bedeutung der Sprache für den wirtschaftlichen Standort der Grenzregion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit die schulische Förderung der Zweisprachigkeit bereits erfolgreich ist und welche bildungspolitischen Anpassungen erforderlich sind, um sowohl die individuellen beruflichen Chancen der Bevölkerung als auch den langfristigen Erhalt der deutschen Minderheitensprache zu sichern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Untersuchung verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Auswertung von Bildungsberichten, Gesetzesdekreten, fachwissenschaftlicher Literatur zur Kontaktlinguistik sowie bereits existierenden empirischen Studien zur Zweisprachigkeit in der Region.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine detaillierte Betrachtung der schulischen Stufen (vom Kindergarten bis zur Sekundarschule), eine Untersuchung der Qualifikationen der Lehrkräfte sowie eine Erörterung der Problematik bei Unterrichtsmaterialien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Deutschsprachige Gemeinschaft, Zweisprachigkeit, Sprachgesetzgebung, Bildungspolitik und Minderheitensprachenschutz.
Welche Rolle spielt der Übergang zur Sekundarschule für die Sprachkompetenz?
Laut der Arbeit ist der Übergang besonders kritisch, da in der Sekundarschule Französisch traditionell eine stärkere Rolle als Unterrichtssprache einnimmt, was sowohl eine Chance für die Vertiefung der Zweitsprache als auch ein Risiko für die deutsche Muttersprache darstellen kann.
Warum ist die Verfügbarkeit von Lehrmaterialien in der Region problematisch?
Aufgrund der geringen Schülerzahlen gibt es keine lokalen belgischen Verlage, die deutschsprachige Schulbücher produzieren. Dies zwingt Lehrkräfte entweder auf Materialien aus Deutschland zurückzugreifen, die nicht immer mit den lokalen Lehrplänen übereinstimmen, oder selbst Materialien zu erstellen, was zu sprachlichen Interferenzen führen kann.
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- Anonym (Author), 2011, Deutsch und Französisch im Bildungswesen der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180972