Der französische Existentialist Jean Paul Sartre (1905-1980) beschreibt den Menschen als völlig freie Existenz, die sich auf ein selbstgesetztes Ziel hin entwerfen muss. Durch seinen freien Entwurf hat der Mensch die Möglichkeit, sein wahres Wesen, seine Essenz, zu verwirklichen. Die Essenz folgt aus der Existenz. Die menschliche Freiheit hat keine Grenze, nur die, die der Mensch sich durch Zielsetzung selbst gibt. Werte und Ideen werden nur durch Freiheit geschaffen, apriorisch oder ewig sind sie nicht. Es gibt auch keinen Gott.1
Ein gegensätzliches Menschenbild vertritt der evangelische Theologe Paul Tillich (1886-1965). Er sieht den Menschen als Gottes Ebenbild und geht vom einem vor-existentiellen Ideal des Menschen aus, der Essenz: Sie stellt einen vollkommenen, alle Potentialitäten involvierenden Zustand dar, in dem der Mensch noch in Einheit mit Gott ist. Tillich geht also von apriorischen Gegebenheiten aus. In der Existenz ist der Mensch von seinem essentiellen Wesen und Gott entfremdet und bleibt in der Welt immer hinter seiner Essenz zurück. Einen Freiheitsvollzug des Menschen innerhalb der existentiellen Entfremdung ohne Bezug zu Gott interpretiert Tillich als Sünde. Nicht-entfremdete Freiheit, die Einheit mit der Essenz ermöglicht, ist erst im Glauben, durch das Annehmen des Neuen Seins in Jesus Christus möglich.
Der reformierte Theologe Karl Barth (1886-1968) sieht den Menschen als wesenhaft zu einem ihm vorausgesetzten Gott gehörig. Freiheit hat der Mensch laut Barth nur, wenn er die Freiheit annimmt und umsetzt, die Gott ihm schenkt: Die Freiheit zum Bund mit Gott und dem Mitmenschen, in der Verantwortung vor Gott und im Gehorsam gegen ihn. Er kann sich nur auf Gott hin verwirklichen, ansonsten bleibt der Mensch der unfreie Mensch der Sünde.
Aus protestantischer Perspektive ist der Mensch Gottes Ebenbild aber bleibt ohne die göttliche Gnade, die er als Geschenk Gottes annehmen kann, die ihn rechtfertigt, immer unvollkommen und böse, also Sünder.
Sartres Freiheit wäre aus christlicher Perspektive missbrauchte Freiheit: Sie ist Ausdruck schamloser Selbstüberhebung des Menschen, der sich sündig von seinem eigentlichen Wesen und Gott abkehrt und sich selbst zum Gott macht.
[...]
Im Folgenden sollen die Hamartiologien Barths und Tillichs miteinander verglichen werden.Dabei soll besonders auf Barths und Tillichs Verständnis von Freiheit und damit zusammenhängender Sünde eingegangen werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Denkform und Methode
1.1 Barth: Wort-Gottes-Theologie
1.1.1 Denkform der Kirchlichen Dogmatik
1.2 Paul Tillich: Methode der Korrelation
1.3 Vergleich
1.3.1 Gemeinsamkeiten
1.3.2 Unterschiede
2. Dogmatischer Ort und Aufbau der Sündenlehre
2.1 Barth: Aufbau der Dogmatik
2.1.1 Dogmatischer Ort und Aufbau der Hamartiologie
2.2 Tillich: Der Aufbau der Systematischen Theologie
2.2.1 Der dogmatische Ort und Aufbau der Hamartiologie
2.3 Vergleich
3. Freiheit
3.1 Der Freiheitsbegriff bei Barth
3.1.1 Gottes Freiheit
3.1.2 Jesu Freiheit
3.1.3 Die menschliche Freiheit
3.1.4 Die Knechtschaft des Willens
3.2 Tillichs Freiheitsbegriff
3.2.1 Geschöpfliche Freiheit
3.2.2 Gottes Freiheit
3.2.3 Die Knechtschaft des Willens
3.2.4 Die Freiheit im Neuen Sein
3.3 Vergleich
3.3.1 Gemeinsamkeiten
3.3.2 Unterschiede
4. Ist Sünde Folge von Freiheit?
4.1 Barth
4.1.1 Der Sündenbegriff
4.1.1.1 Wie kann Gott die Sünde zulassen?
4.1.1.2 Sündenerkenntnis
4.1.2 Formen der Sünde
4.1.2.1 Unglaube
4.1.2.2 Hochmut und Fall
4.1.2.3 Trägheit und Elend
4.1.2.4 Lüge und Verdammnis
4.1.2.5 Verharmlost Barth die Sünde?
4.2 Tillich
4.2.1 Der Sündenfall
4.2.2 Der Sündenbegriff
4.2.3 Formen der Sünde (Entfremdung)
4.2.3.1 Unglaube
4.2.3.2 Hybris
4.2.3.3 Konkupiszenz
4.2.4 Übel als Folge von Sünde: Strukturen der Destruktion
4.2.4.1 Übel als Resultat des Konflikts ontologischer Polaritäten
4.2.4.2 Übel als Resultat entfremdeten Umgangs mit den Endlichkeitskategorien
4.2.4.3 Übel als Vereinsamung, Sinnlosigkeit, Schuld, Zweifel und Verzweiflung
4.2.5 Zusammenfassung
4.3 Vergleich
4.3.1 Der Zusammenhang von Freiheit und Sünde
4.3.2 Gemeinsamkeiten im Verständnis von Sünde
4.3.3 Unterschiede im Sündenverständnis
4.3.3.1 Methode
4.3.3.2 Begrifflichkeit
4.3.4 Unterschiede in der Auslegung der Sünde
4.3.4.1 Sündenfall und Erbsünde
4.3.4.2 Sünde allgemein
4.3.4.3 Formen von Sünde
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit vergleicht die Sündenlehren (Hamartiologien) von Karl Barth und Paul Tillich, um zu untersuchen, inwiefern diese Ansätze dem heutigen Menschen helfen können, das Phänomen der Sünde und das menschliche Sündersein zu verstehen. Dabei stehen die unterschiedlichen methodischen Zugänge und das jeweilige Freiheitsverständnis im Zentrum der Forschungsfrage.
- Vergleich von Barths "Wort-Gottes-Theologie" mit Tillichs "Methode der Korrelation".
- Analyse des Freiheitsbegriffs und dessen Zusammenhang mit der Sünde bei beiden Theologen.
- Untersuchung der strukturellen Einordnung der Sündenlehre im jeweiligen theologischen System.
- Gegenüberstellung von Barths traditionellen Sündenformen (Unglaube, Hochmut, Trägheit, Lüge) und Tillichs Theorie der Entfremdung.
- Kritische Bewertung der Relevanz christlicher Sündenkonzepte für den säkularisierten Menschen der Gegenwart.
Auszug aus dem Buch
4.2.4.1 Übel als Resultat des Konflikts ontologischer Polaritäten
Tillich erklärt die selbstzerstörerischen Strukturen unter den Bedingungen der Entfremdung anhand des dort auftretenden Auseinanderdriftens der polaren Elemente des Seins. Da ist zuerst die Polarität von Selbst und Welt, innerhalb derer der Mensch lebt und das völlig zentrierte Selbst ist. Hier kann es nun durch seine existentielle Zerrissenheit passieren, dass er sich selbst und seine Welt verliert. Selbstverlust und Weltverlust sind die Grundstruktur der Destruktion. Bei Selbstverlust verliert der Mensch seine Zentriertheit und verschmilzt mit seiner Umgebung, er gerät in ihre Knechtschaft.
Anhand der Pole Freiheit und Schicksal zeigt Tillich, wie Freiheit, die sich vom Schicksal trennt, zur Willkür wird. Unter dem Zustand der Hybris oder Konkupiszenz, wo sich Freiheit von Schicksal gelöst hat und der Mensch sich selbst zum Zentrum macht, verlieren die anderen Dinge ihren Wert. Alles wird zufällig und bedeutungslos. Der Mensch weiß nicht mehr, in welcher Richtung er sich verwirklichen soll, es entsteht ein Zustand der Ruhelosigkeit, Leere und Sinnlosigkeit.
„Wenn keine wesensmäßige Beziehung zwischen einem frei handelnden Menschen und seinen Gegenständen besteht, so ist keine Entscheidung einer andern vorzuziehen, es bestehen keine sinnvollen Bezüge zu Dingen oder Personen, und das Handeln wird nicht von einem bestimmten Ziel her bestimmt, dem sich die anderen Ziele unterordnen“ (ST II, S. 72).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Denkform und Methode: Barth setzt bei der Offenbarung Gottes an, während Tillich menschliche existentielle Fragen mit theologischen Antworten korreliert.
2. Dogmatischer Ort und Aufbau der Sündenlehre: Barth integriert die Sündenlehre in die Versöhnungslehre nach der Christologie, wohingegen Tillich die Sündenlehre als existentielle Entfremdung im Zentrum seiner Systematik platziert.
3. Freiheit: Barth versteht Freiheit nur als Antwort auf das göttliche Wort, während Tillich sie als ontologisches Element mit einer spannungsvollen Polarität zum Schicksal beschreibt.
4. Ist Sünde Folge von Freiheit?: Barth definiert Sünde als ontologische Unmöglichkeit und Abkehr vom wahren Menschsein, während Tillich sie aus der existentiellen Entfremdung und dem Übergang von der Essenz zur Existenz erklärt.
Schlüsselwörter
Karl Barth, Paul Tillich, Sünde, Hamartiologie, Freiheit, Entfremdung, Existenz, Essenz, Methode der Korrelation, Wort-Gottes-Theologie, Gnade, Schuld, Verzweiflung, Sündenfall, Christologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine vergleichende Analyse der Sündenlehren von Karl Barth und Paul Tillich, wobei insbesondere deren unterschiedliche Ansätze zur Deutung des menschlichen Sünderseins untersucht werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Freiheit, der dogmatische Stellenwert der Sündenlehre, die Entfremdung des Menschen sowie die Relevanz dieser theologischen Konzepte in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob und wie die Ansätze von Barth und Tillich dem heutigen Menschen helfen können, Sünde nicht nur als moralisches Versagen, sondern als tiefgreifende menschliche Grundsituation zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die vergleichende theologische Analyse und ordnet die Werke Barths und Tillichs in ihre jeweiligen systematischen Kontexte ein, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Argumentation aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Denkformen, den systematischen Aufbau der Sündenlehren, das Verständnis von Freiheit bei beiden Autoren sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Formen der Sünde und deren destruktiven Folgen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören neben "Sünde" vor allem "Entfremdung", "Freiheit", "Gnade", "Existenz" sowie "Christozentrismus" (bei Barth) und "Korrelationsmethode" (bei Tillich).
Warum verwirft Barth den Begriff der "Erbsünde"?
Barth lehnt den Begriff ab, da er den Eindruck vermittelt, Sünde sei ein Schicksal, für das der Mensch nicht verantwortlich sei; er bevorzugt den Begriff der "Ursünde", um die willentliche Entscheidungstat des Menschen zu betonen.
Wie definiert Tillich das Phänomen der "Konkupiszenz"?
Tillich versteht darunter einen grenzenlosen Charakter der Begierde (nach Macht, Sexualität oder Erkenntnis), der entsteht, wenn der Mensch unter den Bedingungen der Entfremdung den Mitmenschen nur noch als Objekt zur eigenen Lustgewinnung benutzt.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Barth und Tillich in Bezug auf die Sünderkenntnis?
Für Barth ist Sündenerkenntnis ausschließlich durch die Offenbarung in Christus möglich, während Tillich diese durch die Analyse der universalen existentiellen Situation der Entfremdung auch für den Nicht-Glaubenden zugänglich zu machen versucht.
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- Judith Overbecke (Author), 2004, Die Hamartiologien Barths und Tillichs im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180733