„Penner nennen uns die Leute
Penner sind wir lange nicht,
denn wir haben noch ne Bleibe
Mutter Grün verläßt uns nicht.“
Dieses Lied verdeutlicht wie die Bevölkerung der Weimarer Zeit die Mitglieder der Wilden Cliquen wahrnahm. Die Wilden Cliquen waren zwar nur eine Minderheit in der Jugend der Unterschicht, wurden aber in der Öffentlichkeit als besonders charakteristisch und bedrohlich zugleich aufgefasst.
Wie sie entstanden, sich entwickelten und welche Ausprägungsformen sie annahmen, beschreibt diese Arbeit. Besonders eingegangen wird hierbei auf die Philosophie der Cliquen, auf die Mitglieder und deren Erscheinung, sowie auf Fahrten und Lieder. Die verschiedenen Regeln und Aufnahmeriten werden ebenfalls kurz thematisiert. Des Weiteren folgt ein Abschnitt über das Verhältnis der Wilden Cliquen zu anderen Jugendorganisationen der Weimarer Zeit. Abschließend werden die Wilden Cliquen speziell im Hinblick auf das Seminarthema zu den Aspekten Bildung, Erziehung und Sozialisation betrachtet, bevor zum Abschluss der Arbeit ein kurzes Fazit gezogen wird.
Die zeitgenössische Literatur stellt die Wilden Cliquen vor allem mit Hilfe von Interviews, Zeitungsberichten oder Dokumentationen, meist bezogen auf die Erscheinungen in der Reichshauptstadt Berlin, dar. Auf Grund dessen beschränken sich die Angaben in dieser Arbeit ebenfalls hauptsächlich auf die Stadt Berlin und weniger auf vergleichbare Erscheinungen in anderen Regionen, welche es jedoch trotzdem gegeben hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung und Entwicklung
3. Mitglieder
4. Philosophie
5. Kleidung, Fahrten, Lieder
6. Regeln und Riten
7. Die Wilden Cliquen und andere Jugendorganisationen
8. Sozialisation, Bildung und Erziehung in den Wilden Cliquen
9. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Phänomen der „Wilden Cliquen“ während der Weimarer Republik, analysiert deren Entstehungsbedingungen im sozioökonomischen Kontext der Zeit und beleuchtet ihre spezifische Lebensweise sowie ihr Verhältnis zur organisierten Jugendkultur und staatlichen Pädagogik.
- Entstehungsgeschichte und soziologische Einordnung der Wilden Cliquen
- Struktur, Mitglieder und interne Philosophie der Gruppen
- Kulturelle Identitätsmerkmale wie Kluft, Musik und Rituale
- Abgrenzung zu organisierten Jugendverbänden und staatlicher Fürsorge
- Aspekte der Sozialisation und informellen Bildung in Krisenzeiten
Auszug aus dem Buch
4. Philosophie
Die Cliquen waren durch ein ausgesprochenes Solidaritätsgefühl und ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein geprägt. Die Mitglieder zeigten untereinander ein kameradschaftliches und teilweise aufopferndes Verhältnis. Bei der Flucht vor der Polizei oder bei der Flucht vor den Eltern bot die Clique Unterschlupf, Verpflegung und gegebenenfalls auch falsche Papiere.
Das Größte Interesse galt der Bewahrung der eigenen Identität und dem „Freien Leben der wilden Zunft“ (Lessing 1981, S. 19). Dies sollte ohne Richtlinien und mit völliger Selbstverwaltung, Eigenständigkeit und persönlicher Freiheit geschehen. Die Clique hatte den Widerstand gegen unterdrückende Lebensbedingungen als Ziel. Ebenfalls zeigten sie neben lebensbejahender Ausgelassenheit einen ausgeprägten Widerstand gegen jegliche Instrumentalisierungsversuche und pädagogische Intervention.
Aufgrund der Dominanz der männlichen Mitglieder galten die Schätzung der männlichen Ideale wie Mut, Kraft und Gewandtheit als besonders wichtig für die Clique. Ebenfalls waren eine Sportbegeisterung und eine körperliche Geschicklichkeit Grundvoraussetzung für die Behauptung in der Clique (vgl. ebd., S. 21 ff.).
Die Organisationsstruktur der Cliquen war zum größten Teil einheitlich. An ihrer Spitze stand der „Cliquenbulle“. Dieser wurde meist von den übrigen Mitgliedern gewählt. In den seltensten Fällen geschah dies jedoch in einer formalen Wahl, sondern in einem naturwüchsigen Ausleseprozess. Der „Cliquenbulle“ musste Mut, Kraft sowie eine starke Persönlichkeit vorweisen und die Clique gegenüber anderen Cliquen vertreten. Dabei waren Alter und Körpergröße unbedeutend. Wichtig waren vor allem das Vertrauen der Clique und das glaubwürdige und überzeugende Verhalten. Dabei zählten die Einhaltung der Regeln und dessen Überwachung zu seinen wesentlichen Aufgaben. Die Clique identifizierte sich mit dem „Cliquenbullen“ und erkannte durch ihn die solidarische Gemeinschaft an (vgl. ebd., S. 24).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, verdeutlicht die Wahrnehmung der Cliquen in der Bevölkerung und beschreibt den methodischen Fokus auf die Situation im Berlin der Weimarer Zeit.
2. Entstehung und Entwicklung: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge der Wilden Cliquen als spontane Zusammenschlüsse von Jugendlichen der Unterschicht, begünstigt durch die Krisenjahre und den Zusammenbruch autoritärer Strukturen.
3. Mitglieder: Hier wird das soziale Profil der Mitglieder gezeichnet, die zumeist aus dem Arbeitermilieu stammten und als Gelegenheitsarbeiter oder Arbeitslose eine Alternative zu herkömmlichen Lebenswegen suchten.
4. Philosophie: Der Abschnitt beschreibt das solidarische Gemeinschaftsgefühl, den Wunsch nach Autonomie und die Ablehnung pädagogischer Interventionen als Kern der Cliquen-Philosophie.
5. Kleidung, Fahrten, Lieder: Diese Themen beleuchten die äußere Identitätsbildung durch eine spezifische „Kluft“, gemeinsame Fahrten sowie eine eigene verbale Kultur in Form von Liedern und Sprüchen.
6. Regeln und Riten: Das Kapitel behandelt die informellen Normen und Initiationsriten, wie die „Cliquentaufe“, die den Zusammenhalt und die Aufnahme in die Gemeinschaft sicherten.
7. Die Wilden Cliquen und andere Jugendorganisationen: Der Text analysiert die bewusste Abgrenzung der Cliquen gegenüber dem offiziellen Jugendpflegewesen, der SAJ und der Hitlerjugend.
8. Sozialisation, Bildung und Erziehung in den Wilden Cliquen: Hier wird die Peergroup als zentrale Instanz für informelles Lernen und die Entwicklung von Identität in einer Zeit fehlender Zukunftsperspektiven dargestellt.
9. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Cliquen zwar eine Form der solidarischen Lebensbewältigung darstellten, aber keine strukturelle Lösung für die gesellschaftlichen Krisen bieten konnten.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Wilde Cliquen, Jugendkultur, Unterschicht, Sozialisation, Peergroup, Arbeiterjugend, Berlin, Jugendpflege, Rebellion, Identitätsfindung, Widerstand, Krisenjahre, Solidarität, Cliquenbulle
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Erscheinung der „Wilden Cliquen“ in der Weimarer Zeit und deren soziologischer Bedeutung als Jugendphänomen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Entstehung der Cliquen, ihre interne Struktur, ihr kultureller Ausdruck durch Kleidung und Riten sowie ihre Abgrenzung gegenüber staatlichen und politischen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Aufwachsen von Jugendlichen aus der Unterschicht in den Krisenjahren der Weimarer Republik durch die Analyse der Wilden Cliquen nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse zeitgenössischer Dokumente, Interviews und Berichte über die Berliner Jugendkultur der 1920er und frühen 1930er Jahre.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Philosophie, die Mitgliederstruktur, das Freizeitverhalten, die internen Regeln sowie das Spannungsfeld zwischen den Cliquen und den offiziellen Jugendverbänden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Weimarer Republik, Jugendkultur, informelle Sozialisation, Autonomie und soziale Abgrenzung charakterisieren.
Welche Rolle spielte der „Cliquenbulle“ innerhalb einer Gruppe?
Er fungierte als informelles Oberhaupt, das durch Mut und Persönlichkeit überzeugte und die Einhaltung der gruppeneigenen Regeln sowie die Vertretung nach außen übernahm.
Warum lehnten die Wilden Cliquen die Hitlerjugend ab?
Die Ablehnung beruhte auf dem fundamentalen Gegensatz zwischen der von den Cliquen geschätzten persönlichen Freiheit und der von der HJ geforderten strikten Disziplin und militärischen Struktur.
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- Vanessa Falkenstein (Author), 2010, Wilde Cliquen in der Weimarer Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180566