„Dem Polenthum ist kein Mittel zu niederträchtig, wenn es geeignet ist, seine Herrschaft auszudehnen und zu befestigen.“
Im Roman „Die Spinne“ von Albert Liepe steht diese Mahnung eines Mitgliedes des Ostmarkenvereins an die im Rahmen einer Versammlung ebenfalls anwesenden Personen exemplarisch für eine Vielzahl von im Roman skizzierten Stereotypen zwischen Polen und Deutschen in der Ostmark während des Übergangs zum 20.Jahrhundert. Die Ostmark, die das Gebiet rund um Posen im heutigen Polen bezeichnet und im
Roman unter preußischer Regierung steht, bildet das Siedlungsziel der Hauptfigur Karl von Steinmann. Das Werk aus dem Jahr 1902 mit dem Untertitel „Roman aus den gegenwärtigen Kämpfen des Polentums wider das Deutschtum in der deutschen Ostmark“ beschreibt verschiedene Eindrücke und Erlebnisse, die er als Ansiedler erlebt, als er in das Dorf Stanislawo kommt und dort mit Hilfe seines Vetters das väterliche und heruntergekommene Gut wieder in bessere Zeiten führen will. Während der nachfolgenden Schilderungen erfährt der Leser ein Vielfaches über das fiktive Zusammenleben zwischen Polen und Deutschen. „Die Spinne“ beschränkt sich dabei nicht nur auf
objektive und sachliche Schilderungen, sondern versucht anhand mehr oder weniger sichtbarer pejorativer Wertungen ein gewisses Bild der beiden Völker zu skizzieren. Dabei kommt den benutzten Stereotypen eine besondere Rolle zu, da Liepe sich ihrer in vielfältiger Art und Weise bedient. Doch was zeichnet Stereotypen aus und inwiefern
können Sie benutzt werden, um wie im Fall des Romans ein bestimmtes Bild von Deutschen und Polen in der Ostmark zu erzeugen? Welche Funktionen sind an den dargestellten Stereotypen evtl. erkennbar? Verbirgt sich dahinter vielleicht eine spezielle Intention?
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Zur Stereotypen(de-)konstruktion
3.) Zur Dekonstruktion von Stereotypen im Roman „Die Spinne“
3.1 Das Heterostereotyp – der listige und fanatische Pole
3.2 Das Autostereotyp – der Vetter Heinrich Schröter
3.3 Der polnische Raum als Ziel deutscher Kultivierungsbestrebungen
4.) Die Funktion der dargestellten Stereotypen
5.) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Funktionsweise von nationalen Stereotypen im Roman „Die Spinne“ von Albert Liepe. Ziel ist es, durch eine dekonstruktive Analyse aufzuzeigen, wie das Werk mittels gezielter Auto- und Heterostereotypen ein spezifisches Bild von Deutschen und Polen in der preußischen Ostmark entwirft und welche ideologischen Funktionen dieses Narrativ zur Zeit des Übergangs zum 20. Jahrhundert erfüllte.
- Analyse der nationalen Stereotypenbildung in der Literatur der Ostmark.
- Unterscheidung zwischen Auto- und Heterostereotypen anhand zentraler Romanfiguren.
- Untersuchung der narrativen Strategien und des Einflusses des Erzählers auf die Wahrnehmung des Lesers.
- Deutung der symbolischen Aufladung des polnischen Raums als Ziel deutscher Kultivierungsbestrebungen.
- Herausarbeitung der mobilisierenden und identitätsstiftenden Funktion der Stereotype.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Heterostereotyp – der listige und fanatische Pole
Karl von Steinmann, der in die preußische Provinz Polen kommt, um ein verwahrlostes Gut in Stanislowo zu kaufen und es in eine deutsche Musterwirtschaft zu verwandeln, trifft auf den ersten Seiten des Romans auf die junge Polin Wanda. Diese ist die Schwester des örtlichen Priesters Kasimir von Lokjetek, einem katholischen Geistlichen, der Beichtvater, geistliches Oberhaupt der Gegend wie auch überzeugter Nationalist ist. Dieser Patriotismus lässt ihn bereits beim Eintreffen Karl von Steinmann in Stanislawo den Plan ersinnen, den neuen Einwohner und Gutsbesitzer dafür zu benutzen, den Weg Polens zur geeinten Nation zu unterstützen.
Kasimir von Lokjetek bewohnt mit seiner Schwester ein gemeinsames Haus in Stanislawo, von dem er seine täglichen Visitationen im Dorf und der Gegend unternimmt. Dabei versäumt er es nicht, die Fortschritte und Arbeiten auf dem Anwesen des Gutsbesitzers Steinmann stets kritisch zu beobachten. Insgeheim spekuliert er auf eine Liaison seiner Schwester mit Karl von Steinmann, um den Gutsbesitzer als mächtigsten Herren in der Gegend dauerhaft an sich und damit an Polen zu binden. Karl soll gemäß seiner Planung Wanda heiraten, zuvor den protestantischen Glauben ablegen und schließlich mit seiner Frau auf dem zu bauenden Schloss von Stanislawo eine Vorhut für das Polentum bilden. Doch diese Pläne werden ihm durch die Ankunft von Heinrich Schröter erst langsam, doch mit stetig wachsendem Erfolg zerstört. Dieser Vetter Karl von Steinmanns, der aus Berlin anreist, um ihm bei den Baumaßnahmen planerisch wie organisatorisch zur Seite zu stehen, stellt für den Priester im weiteren Verlauf des Romans den größten Feind hinsichtlich der Erfüllung seiner Planungen dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der nationalen Stereotypenbildung in Albert Liepes Roman „Die Spinne“ ein und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit vor.
2.) Zur Stereotypen(de-)konstruktion: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der historischen Stereotypenforschung und grenzt das Konzept des Stereotyps vom Vorurteil ab.
3.) Zur Dekonstruktion von Stereotypen im Roman „Die Spinne“: Dieses Kapitel widmet sich der konkreten Analyse der im Roman verwendeten Fremd- und Selbstbilder anhand von Hauptfiguren und Landschaftsbeschreibungen.
3.1 Das Heterostereotyp – der listige und fanatische Pole: Hier wird untersucht, wie der polnische Priester Kasimir von Lokjetek als Verkörperung eines negativen Fremdbildes konstruiert wird.
3.2 Das Autostereotyp – der Vetter Heinrich Schröter: In diesem Abschnitt wird die Figur Heinrich Schröters analysiert, die als positives Selbstbild des tüchtigen und ordnungsliebenden Deutschen dient.
3.3 Der polnische Raum als Ziel deutscher Kultivierungsbestrebungen: Dieses Kapitel behandelt die stereotype Darstellung des polnischen Raums als vernachlässigtes Gebiet, das erst durch deutsche Kultivierung aufgewertet werden muss.
4.) Die Funktion der dargestellten Stereotypen: Hier wird die manipulative und emotionalisierende Wirkung der Stereotype auf den Leser sowie deren Rolle für die zeitgenössische Identitätspolitik reflektiert.
5.) Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht das gefährliche Potenzial der im Roman eingesetzten Stereotype als Werkzeug der ideologischen Beeinflussung.
Schlüsselwörter
Stereotypenforschung, Die Spinne, Albert Liepe, Ostmarkenliteratur, Heterostereotyp, Autostereotyp, Nationalismus, Identitätsbildung, Ostmark, Kulturtransfer, Feindbilder, Dekonstruktion, Preußen, Polen, Ideologiekritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konstruktion von nationalen Stereotypen im Roman „Die Spinne“ von Albert Liepe aus dem Jahr 1902 und untersucht deren Funktion im gesellschaftlichen Diskurs der preußischen Ostmark.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Stereotypenforschung, das Wechselverhältnis zwischen Eigen- und Fremdbildern sowie die Rolle von Literatur als Instrument politischer Ideologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Dekonstruktion der im Roman verwendeten Stereotype, um aufzuzeigen, wie diese zur Legitimation der damaligen Besiedelungspolitik und zur Stärkung eines deutschen Wir-Gefühls instrumentalisiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf die historische Stereotypenforschung, insbesondere auf Ansätze der „Oldenburger Schule“ sowie auf Methoden der Literaturanalyse, um die Funktionsweise von Textbausteinen zu identifizieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Romanfiguren als Träger von Stereotypen, die Kontrastierung zwischen dem „ordentlichen Deutschen“ und dem „listigen Polen“ sowie die symbolische Aufladung der polnischen Landschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Stereotypenforschung, Identitätsbildung, Ostmarkenliteratur, Feindbildgenese und ideologische Beeinflussung.
Wie trägt die Spinnenmetapher zur Wirkung des Romans bei?
Die Spinnenmetapher wird im Roman genutzt, um Angst vor einer vermeintlichen polnischen Bedrohung zu schüren und den Kampf gegen das Polentum als existenzielle Notwendigkeit darzustellen.
Warum spielt Heinrich Schröter eine entscheidende Rolle für das Autostereotyp?
Heinrich Schröter fungiert als idealtypischer Vertreter deutscher Tugenden wie Zielstrebigkeit und Fleiß und dient dem Leser als positive Identifikationsfigur im Gegensatz zu den polnischen Charakteren.
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- Roman Behrens (Author), 2011, Wenn Worte ausgrenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180463