Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts wurde Europa in der Sowjetunion als Feind wahrgenommen. Nach dem Mauerfall 1989 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde eine deutliche Verbesserung in den Beziehungen zwischen Russland und den europäischen Staaten erwartet. Daraus sollte ein Europa ohne Grenzen entstehen. Die Grenze zwischen Ost und West existiert aber weiterhin. Sie verläuft neuerdings zwischen der Europäischen Union und Russland. In Russland herrscht ein ambivalentes Verhältnis zu Europa. Einerseits gilt alles Europäische als respektabel, komfortabel und hochqualitativ. Andererseits wird Europa vom russländischen Volk als Gegner wahrgenommen. Europa wolle Russland seine eigene Spielregel aufdrängen und sich zu intensiv in die inneren Angelegenheiten Russlands einmischen, so die Wahrnehmung der Russländer. Die Ursache dieses Spannungszustandes liegt im politischen Identitätswandel in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Inhaltsverzeichnis der Masterarbeit
1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Fragestellung und theoretischer Rahmen
1.3 Variablen und These
1.4 Methoden
1.5 Struktur der Masterarbeit
2. Das Konzept des Begriffes der politischen Identität in der Politikwissenschaft
2.1 Die Einschränkungen des Begriffes der politischen Identität
2.2 Vier Basisstrukturen der politischen Identität
3. Das Konstrukt der politischen Identität im postsowjetischen Russland
3.1 Die Vorstellung der politischen Gesellschaft
3.2 Die Markierung der Grenzen
3.3 Die Aktualisierung des Anderen
3.4 Die Interpretation der Vergangenheit
4. Historische Herkunft der Elementen der politischen Identität im postsowjetischen Russland
4.1 Zaristische Identitätselemente
4.2 Sowjetische Identitätselemente
4.3 Europäische Identitätselemente
5. Die Selbstwahrnehmung eigener politischen Identität im postsowjetischen Russland
5.1 Die Interviewergebnisse zum Russlandbezug
5.2 Die Interviewergebnisse zum Europabezug
6. Die Identitätselemente im postsowjetischen Russland und Europabezug des Landes
6.1 Die Entwicklung des Verhältnisses zu Europa im postsowjetischen Russland
6.2 Die Kompatibilität der Identitätselemente im postsowjetischen Russland mit den europäischen Grundwerten
7. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland den Europabezug des Landes beeinflusst. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob die Identitätskonstruktion, die maßgeblich durch eine Abgrenzung zu Europa geprägt ist, die zivilisatorische Zugehörigkeit Russlands zu Europa behindert.
- Analyse der Basisstrukturen politischer Identität im russischen Kontext
- Untersuchung der historischen Herkunft von Identitätselementen (zaristisch, sowjetisch, europäisch)
- Empirische Untersuchung der Selbstwahrnehmung bei der jungen Generation mittels narrativer Interviews
- Bewertung der Kompatibilität russischer Identitätselemente mit europäischen Grundwerten
- Herausarbeitung der ambivalenten Haltung Russlands gegenüber Europa
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Vorstellung der politischen Gesellschaft
Die erste Basisstruktur der politischen Identität ist die Vorstellung von der politischen Gesellschaft. Sie besteht aus drei Identitätselementen: Staatsnation, Liberalismus und Marktwirtschaft. Alle drei Elemente wurden in Russland in den 90er-Jahren direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion implementiert. Die neue Marktwirtschaft sollte die sowjetische Planwirtschaft ablösen. Der Liberalismus löste das totalitäre Regime ab und die Idee der Staatsnation sollte die ethnischen Auseinandersetzungen im neu entstandenen Vielvölkerstaat Russland abmildern.
Die Staatsnation
Russland konnte bei der Identitätsbildung nicht auf die Akzentuierung der ethnischen Komponente setzen, wie es die meisten anderen postsowjetischen Staaten getan haben. Der Grund besteht darin, dass Russland ein Vielvölkerstaat mit einer komplizierten föderalen Struktur ist. Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft sollte allen Volksgruppen des Landes gerecht werden und die Idee der Zugehörigkeit zu einer Staatsnation vermitteln. Dafür musste eine neue Grundlage geschaffen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der russischen Identitätsfindung und Formulierung der zentralen Forschungsfrage.
2. Das Konzept des Begriffes der politischen Identität in der Politikwissenschaft: Definition und Operationalisierung des Identitätsbegriffs anhand von Basisstrukturen.
3. Das Konstrukt der politischen Identität im postsowjetischen Russland: Analyse der Umsetzung von Identitätselementen in einem krisengeprägten Umfeld.
4. Historische Herkunft der Elementen der politischen Identität im postsowjetischen Russland: Kategorisierung der Identitätselemente in zaristische, sowjetische und europäische Quellen.
5. Die Selbstwahrnehmung eigener politischen Identität im postsowjetischen Russland: Qualitative Auswertung der Interviews hinsichtlich der Identifikation der jungen Generation.
6. Die Identitätselemente im postsowjetischen Russland und Europabezug des Landes: Prüfung der Kompatibilität und historische Nachzeichnung des Verhältnisses zu Europa.
7. Schlussfolgerung: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung der zugrunde liegenden These.
Schlüsselwörter
Politische Identität, Russland, Europabezug, Post-Sowjetraum, Staatsnation, Liberalismus, Marktwirtschaft, Großmacht, kollektive Identität, Selbstwahrnehmung, narrative Interviews, zivilisatorische Zugehörigkeit, Patriotismus, russische Orthodoxie, Identitätskonstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland und dessen Auswirkungen auf das Verhältnis und die Wahrnehmung Russlands gegenüber Europa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Identitätskonstruktion durch historische Elemente (zaristisch, sowjetisch), die Selbstwahrnehmung der jungen Generation sowie die Vereinbarkeit russischer Werte mit europäischen Grundwerten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich der Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland auf den Europabezug des Landes auswirkt und ob dieser Wandel die Integration Russlands in europäische Strukturen beeinflusst.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Forschung basiert auf einer deskriptiven Literaturanalyse zur Identitätskonzeption sowie auf empirischen, narrativen Interviews mit zehn jungen Russen, um deren Selbstwahrnehmung zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Operationalisierung politischer Identität, die historische Herkunft dieser Elemente, die Analyse der Interviewergebnisse sowie die Untersuchung der Kompatibilität dieser Elemente mit europäischen Werten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Politische Identität, Europabezug, Staatsnation, kollektive Identität und die Wahrnehmung Europas als "der Andere".
Warum wird zwischen "Russe" und "Russländer" unterschieden?
Die Autorin unterscheidet diese Begriffe, um zwischen der ethnischen Herkunft (Russe) und der staatsbürgerlichen Zugehörigkeit im multiethnischen Vielvölkerstaat (Russländer) zu differenzieren.
Was ist das zentrale Ergebnis bezüglich der Identität?
Ein zentrales Ergebnis ist, dass Russland die politische Identität maßgeblich über eine Abgrenzung zu Europa als "der Andere" konstruiert, was eine echte zivilisatorische Integration in Europa erschwert.
- Arbeit zitieren
- Olga Siemers (Autor:in), 2011, Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179795