Es geht in dieser Arbeit um die Konstruktion ‚jüdischer Kultur‘ in Deutschland nach 1989. Der Fokus liegt dabei auf den letzten 20 Jahren, weil seit dem Ende des Kalten Krieges, der Wiedervereinigung Deutschlands und der Öffnung des ‚Eisernen Vorhangs‘ die Zahl der in der BRD lebenden Juden durch die Einwanderung osteuropäischer Juden enorm gestiegen ist. Dieser demographische Wandel ging (und geht) auf der einen Seite einher mit Tendenzen, die öffentliche Rolle der Juden neu zu bestimmen. Auf der anderen Seite spielen aber auch innerjüdische Identitätskonflikte eine Rolle. Parallel dazu ist das Interesse an jüdischen Themen in zahlreichen europäischen Ländern gewachsen; die Rede ist von einem „Wiedererstehen jüdischer Kultur“, gerade auch in Deutschland. Ausgehend davon soll untersucht welchen, welche Vorstellungen von ‚jüdischer Kultur‘ in diesem Kontext (re-)produziert werden, und weitergehend, welche Motive und Implikationen dem zugrunde liegen. Dabei soll einerseits die historische Eingebundenheit bestimmter Stereotype und die Kontinuität tradierter Vorstellungen aufgezeigt werden. Andererseits soll in einem Ausblick der Konstruktionscharakter gegenwärtiger ‚jüdischer Kultur‘ untersucht werden hinsichtlich der Chancen, die er möglicherweise für einen erweiterten Kultur- und Identitätsbegriff bietet. Der Fokus dieser Arbeit liegt dabei vornehmlich auf der ‚Außenperspektive‘, in dem Bewusstsein, dass Juden so einmal mehr aus einem nicht-jüdischen Blickwinkel gesehen werden. Dies erscheint aber nötig, da es um die konstruierte Fremdheit jüdischer Kultur geht, die ihren Ausgangspunkt eben primär in einer nicht-jüdischen Wahrnehmung hat. Anschließend an die Forderung der Fremdheitsforschung, den Aufbau von Stereotypen und Vorurteilen zu untersuchen, soll also jüdische Kultur als Objekt einer exotisierenden und folklorisierenden Fremdwahrnehmung untersucht und der Frage nachgegangen werden, welche kulturellen Stereotype in der medialen Darstellung kursieren. Dies geschieht am Beispiel der medialen Rezeption der Jüdischen Kulturtage in Berlin. Diese sind deshalb besonders relevant, weil hier die Selbstrepräsentation der Jüdischen Gemeinde auf die gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen von ‚jüdischer Kultur‘ treffen, so dass von einer wechselseitigen Beeinflussung ausgegangen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Fremdheit – eine theoretische Annäherung
2.1 Der historisch-gesellschaftliche Kontext der Fremdwahrnehmung der Juden
2.2 Die ‚deutsch-jüdische Symbiose‘
2.3 Die Wahrnehmung der Juden als Fremde in der BRD nach der Shoah
2.3.1 Das ‚Sichtbar-Werden‘ der Juden in Deutschland
3. Bestimmungsversuche jüdischer Identität und Kultur
3.1 Diskurse über ‚jüdische Kultur‘ als Mittel des Fremdmachens
3.1.2 Die Jüdischen Kulturtage in Berlin als Teil des exotisierenden und folklorisierenden Diskurses
3.2 Der Jüdische Raum als Projektionsfläche für Fremdheit und Identität
3.2.1 Exkurs: Das ‚Scheunenviertel‘ als Jüdischer Raum
4. Das Phänomen der virtuellen jüdischen Kultur
4.1 Probleme und Implikationen einer virtuellen jüdischen Kultur
4.2 Virtuelle jüdische Kultur als Spielfeld neuer Kultur und Identitätsentwürfe
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturliste
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie jüdische Kultur in Deutschland nach 1989 in gesellschaftlichen Diskursen konstruiert und als Mittel der Identitätsstiftung sowie Abgrenzung gegenüber dem „Fremden“ instrumentalisiert wird. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie nicht-jüdische Wahrnehmungsmuster und Stereotype das Bild „jüdischer Kultur“ prägen und welche Rolle diese Konstruktionen für die deutsche Identitätssuche spielen.
- Konstruktion von „jüdischer Kultur“ in Deutschland nach 1989.
- Theoretische Auseinandersetzung mit Identität und Fremdheit.
- Mediale Repräsentation jüdischer Themen (Beispiel: Jüdische Kulturtage).
- Die Rolle der Shoah in der aktuellen Wahrnehmung jüdischer Kultur.
- Konzept des „Jüdischen Raums“ und der „virtuellen jüdischen Kultur“.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Auf eine Kurzformel gebracht, ist gegenwärtige jüdische Kultur in Deutschland die Präsentation dessen, was sich ein nichtjüdisches Publikum unter jüdischer Kultur vorstellt oder vorstellen soll.“1
Diese kritische Einschätzung Salomon Korns umreißt mehrere der für diese Arbeit zentralen Themen. Zum einen erscheint jüdische Kultur als etwas Konstruiertes, und zwar als etwas, das bewusst und zu einem bestimmten Zweck in Szene gesetzt wird. Zum anderen wird hier das problematische Verhältnis zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung deutlich, in welchem augenscheinlich die Deutungshoheit über das, was unter ‚jüdischer Kultur‘ zu verstehen sei, von nicht-jüdischer Seite ausgeht. An diese Beschreibung aktueller Zustände lassen sich noch weitere Fragen knüpfen. Inwieweit steht die gegenwärtige jüdische Kultur in Deutschland in einer Kontinuität mit einer Prä-Holocaust-Kultur? Was ist hier mit dem Begriff Kultur gemeint und mit welchen Inhalten wird er verbunden? Wie ist das gegenwärtige Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland, und welche Rolle spielt die Shoah in der aktuellen Wahrnehmung jüdischer Kultur?
Diese Arbeit beschäftigt sich – mittelbar wie unmittelbar – mit Themen, welche mit einer immensen Begriffs- und Theoriegeschichte befrachtetet und gleichzeitig schwer zu fassen sind. ‚Kultur‘, ‚Identität‘ und ‚Fremdheit‘ sind Konzepte mit einem weiten menschheitsgeschichtlichen Horizont und haben im Laufe der Wissenschaftsgeschichte unzählige Begriffsbestimmungen erfahren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Problemstellung ein, dass jüdische Kultur in Deutschland oft als konstruiertes Phänomen wahrgenommen wird, welches stark von nicht-jüdischen Erwartungen und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geprägt ist.
2. Der Begriff der Fremdheit – eine theoretische Annäherung: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Fremdheitsforschung und Identitätsbildung, wobei betont wird, dass Fremdheit keine objektive Kategorie ist, sondern diskursiv und konstruktiv entsteht.
2.1 Der historisch-gesellschaftliche Kontext der Fremdwahrnehmung der Juden: Hier werden die historischen Vorbedingungen für antijüdische Stereotype sowie die Auswirkungen der Shoah auf das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden bis 1989 analysiert.
2.2 Die ‚deutsch-jüdische Symbiose‘: Das Kapitel analysiert diesen Begriff als idealisierende Wunschprojektion, die als Mittel der Identifikation dient und nach der Shoah vornehmlich von nicht-jüdischer Seite konstruiert wird.
2.3 Die Wahrnehmung der Juden als Fremde in der BRD nach der Shoah: Der Text beleuchtet die schwierige Lebenssituation der überlebenden Juden in Deutschland und die ambivalenten Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft, die zwischen Philosemitismus und latenter Ausgrenzung schwanken.
2.3.1 Das ‚Sichtbar-Werden‘ der Juden in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet den demographischen und identitären Wandel durch die Zuwanderung osteuropäischer Juden nach 1989 nach, der zu einer neuen Dynamik innerhalb der jüdischen Gemeinschaft führte.
3. Bestimmungsversuche jüdischer Identität und Kultur: Es wird untersucht, wie jüdische Identität im Diskurs bestimmt wird, wobei bewusst keine feste Definition zugrunde gelegt wird, um die Vielschichtigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmungen aufzuzeigen.
3.1 Diskurse über ‚jüdische Kultur‘ als Mittel des Fremdmachens: Das Kapitel analysiert, wie Medien „jüdische Kultur“ als Projektionsfläche nutzen und dabei häufig stereotype und exotisierende Muster reproduzieren.
3.1.2 Die Jüdischen Kulturtage in Berlin als Teil des exotisierenden und folklorisierenden Diskurses: Anhand einer Fallstudie der Berliner Kulturtage wird verdeutlicht, wie kulturelle Veranstaltungen als Spielfeld für gesellschaftliche Erwartungen und Deutungsversuche dienen.
3.2 Der Jüdische Raum als Projektionsfläche für Fremdheit und Identität: Hier wird Diana Pintos Konzept des „Jewish Space“ diskutiert, um aufzuzeigen, wie nicht-jüdische Wahrnehmungen das heutige Bild jüdischer Kultur maßgeblich formen.
3.2.1 Exkurs: Das ‚Scheunenviertel‘ als Jüdischer Raum: Dieser Exkurs interpretiert das Berliner Scheunenviertel als Ort, an dem sich reale und virtuelle jüdische Geschichte und Gegenwart zu einer oft problematischen Projektionsfläche verdichten.
4. Das Phänomen der virtuellen jüdischen Kultur: Dieses Kapitel befasst sich mit der Konstruktion einer „virtuellen“ jüdischen Welt, die oft ohne die tatsächliche Präsenz von Juden auskommt und stärker den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft entspricht.
4.1 Probleme und Implikationen einer virtuellen jüdischen Kultur: Hier werden die Gefahren des Kultur-Essentialismus und der Musealisierung jüdischen Lebens erörtert, die den Blick auf reale Lebensumstände verstellen können.
4.2 Virtuelle jüdische Kultur als Spielfeld neuer Kultur und Identitätsentwürfe: Das Kapitel diskutiert das Potential kultureller Hybridität, um verkrustete Identitätsvorstellungen aufzubrechen und einen produktiven Umgang mit Differenzen zu ermöglichen.
5. Schlussbemerkungen: Die Arbeit resümiert, dass die Konstruktion von Fremdheit weiterhin ein zentrales Element gesellschaftlicher Diskurse ist und plädiert für einen bewussteren Umgang mit diesen Mechanismen.
6. Literaturliste: Umfassendes Verzeichnis der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Jüdische Kultur, Identität, Fremdheit, Shoah, Antisemitismus, Philosemitismus, deutsch-jüdische Symbiose, diskursive Konstruktion, Jüdischer Raum, virtuelle Kultur, Hybridität, Stereotype, Integration, osteuropäische Juden, Erinnerungspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie jüdische Kultur in Deutschland nach 1989 öffentlich wahrgenommen und als Mittel der Identitätskonstruktion durch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft genutzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Auseinandersetzung mit Fremdheit und Identität, die historische Bedingtheit von Vorurteilen, mediale Diskurse über „jüdische Kultur“ sowie die Rolle von Erinnerungskultur und der Shoah.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, durch die jüdische Kultur in Deutschland konstruiert und oft exotisierend wahrgenommen wird, um so das problematische Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet einen konstruktivistischen und diskurstheoretischen Ansatz an, um zu zeigen, wie soziale Realitäten durch Diskurse geformt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Konzepte der Fremdheit, die historische Vorgeschichte, die mediale Rezeption jüdischer Kulturtage sowie das Phänomen der „virtuellen jüdischen Kultur“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Jüdische Kultur, Fremdheit, Identität, Konstruktion, Shoah, Antisemitismus, Philosemitismus und Hybridität.
Was ist mit dem Begriff des „Jüdischen Raums“ gemeint?
Der Jüdische Raum beschreibt einen Ort oder Diskursbereich, in dem Interessen der nicht-jüdischen Mehrheit auf jüdische Themen treffen, wobei oft eine „virtuelle“ Welt entsteht, die weniger die Realität der Juden als vielmehr deutsche Sehnsüchte nach einer „offenen“ Identität widerspiegelt.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „echtem“ Judentum und „virtueller“ Kultur für die Autorin wichtig?
Die Unterscheidung dient dazu, die Problematik aufzuzeigen, dass eine historisierte, folklorisierte Sicht auf jüdische Kultur die reale, vielschichtige Lebenswirklichkeit der heute in Deutschland lebenden Juden verdeckt und zu einer Musealisierung führt.
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- Anja Kreienbrink (Author), 2008, Die Konstruktion von Fremdheit am Beispiel gesellschaftlicher Diskurse über jüdische Kultur in Deutschland nach 1989, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179764