In der neueren wissenschaftlichen Literatur zur Hochbegabung besteht ein Konsens darüber, dass ein Großteil der hochbegabten Kinder niemals als solche identifiziert werden. Die Wahrscheinlichkeit, bereits vor dem Eintritt in die Schule identifiziert zu werden, kann als äußerst gering bezeichnet werden. Im vorschulischen Alter werden i.d.R. nur diejenigen Kinder als hochbegabt identifiziert, deren Leistungsvermögen extrem weit über dem Durchschnitt ihrer Alterskameraden liegt.
Der zweite Konsens besteht darüber, dass eine frühestmögliche Identifikation der hochbegabten Kinder erstrebenswert ist, um die Erziehung und Förderung an ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen auszurichten. Darüber hinaus haben Kinder einen Anspruch darauf, dass ihre körperliche, geistige und soziale Entwicklung schützend und fördernd begeleitet wird. Das gilt natürlich für jedes Kind, unabhängig von einem retardierten, altersgemäßen oder akzelerierten Entwicklungsverlauf.
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Aber das Problem bleibt unverändert bestehen: Wie soll eine breite Identifikation der hochbegabten Kinder bereits im vorschulischen Alter gelingen, wenn die Beobachtungen der Eltern nicht in das Verfahren einbezogen werden? Ein Modellprojekt, das in dieser Arbeit mehrfach als Beispiel herangezogen wird, nutzte die Beobachtungen der Eltern als erste Stufe im Identifikationsverfahren. An dem Auswahlverfahren nahmen nur Kinder teil, die von ihren Eltern für das Projekt angemeldet wurden. Zusätzlich wurden die Eltern mit einem Fragebogen (Kap. 5.3) über ihre Beobachtungen befragt. Diese Erkennung der besonderen Begabung durch die Eltern darf allerdings nicht als alleinige Methode zur Identifikation verstanden oder verwendet werden, auch nicht bei eindeutig überdurchschnittlichen Leistungen, sondern immer als ein Teil eines mehrdimensionalen Identifikationsverfahrens.
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Das Kind demonstriert eine besondere Leistung – aber was passiert auf Seiten des Elternteils? Warum kann oder will es die Leistung nicht als Begabungssignale verstehen? Oder welche Einflüsse wirken sich besonders hilfreich für die erfolgreiche Erkennung aus? Diesen Fragen soll im Erkennungsmodell nachgegangen werden, um einen Eindruck davon zu gewinnen, welche Bedeutung die Eltern bzw. die elterliche Erkennung bei der breiten Identifikation hochbegabter Kinder im vorschulischen Alter einnehmen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Hochbegabung
2.1 Geschichte
2.2 Vererbung
2.3 Elite
3. Definitionen von Hochbegabung
3.1 Definitionsklassen
3.2 Hochbegabungsmodelle
3.2.1 3-Ringe-Modell (Renzulli)
3.2.2 Differenziertes Begabungs- und Talentmodell (Gagné)
4. Identifikation
4.1 Erkennung
4.2 Identifikationsverfahren
5. Frühindikatoren
5.1 Säuglingsalter
5.2 Elterliche Beobachtung
5.2.1 Frühlesen
5.2.2 Explorationsverhalten
5.2.3 Informationsverarbeitung
5.2.4 Dyssynchronien
5.2.5 Kreativität
5.3 Elternfragebogen
5.4 Kritik an Checklisten
6. Hochbegabte Kinder in der Familie
6.1 Familienbegriff
6.2 Familiäre Strukturvariablen
6.3 Sozioökonomische Familienbedingungen
6.4 Erziehungsziele
7. Hochbegabung und Gesellschaft
7.1 Vorurteile und Ängste
7.2 Sonderfall Sportförderung
8. Innerfamiliäre Erkennung
8.1 Modell der innerfamiliären Erkennung
8.2 Familie
8.2.1 Erkennung
8.2.2 Entwicklungs- & begabungsspezifische Kenntnisse des Elternteils A
8.2.3 Elternteil-Kind-Beziehung
8.2.4 Innerfamiliäre Bedingungen
8.3 Außerfamiliäre Umwelt
8.3.1 Direktes Umfeld der Familie
8.3.2 Gesellschaft
8.4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die elterliche Erkennung von Hochbegabung im vorschulischen Alter als wesentlichen Bestandteil eines mehrdimensionalen Identifikationsverfahrens zu untersuchen. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie Eltern durch Beobachtung von Leistungs- und Verhaltensmerkmalen die Begabung ihres Kindes erkennen können und welche Faktoren – wie familiäre Umwelt, sozioökonomischer Status und gesellschaftliche Vorurteile – diesen Erkennungsprozess beeinflussen oder hemmen.
- Historische Perspektiven auf Hochbegabung und Eliteförderung.
- Vergleich verschiedener Definitionen und Modelle von Hochbegabung.
- Die Bedeutung der elterlichen Wahrnehmung und Beobachtung als Frühindikator.
- Einflussfaktoren familiärer Strukturen und sozioökonomischer Bedingungen.
- Gesellschaftliche Vorurteile und deren Auswirkungen auf die Identifikation.
Auszug aus dem Buch
2.1 Geschichte
„Wir müssen sie von ihrer Jugend an aufwärts beobachten und sie Tätigkeiten verrichten lassen, in denen sie höchstwahrscheinlich vieles vergessen und in denen sie getäuscht werden können; wer sich erinnert und sich nicht täuschen lässt, muss ausgewählt, und, wer versagt, zurückgewiesen werden. Dies wird der Weg sein.“
Platos Ausführungen zur Identifikation der „besten Naturen“ sind ein sehr anschauliches Beispiel, aber keineswegs einzigartig in der Geschichte. Bereits der chinesische Philosoph Konfuzius glaubte an die Suche nach „göttlichen Kindern“, deren Fähigkeiten zum Nutzen aller am Hofe des Herrschers gefördert und als Garanten für nationalen Reichtum dienen sollten. Sehr geschätzt wurden dabei literarische Fähigkeiten, genauso wie unterschiedliche Formen kreativer Phantasie. Von den begabten Kindern, deren Eltern nicht in die Förderung am Hofe eingewilligt hatten, wurde berichtet, dass ihre Talente ohne Förderung und weitere Anreize verkümmerten (Urban, 2004a, S. 19f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet den wissenschaftlichen Konsens über die geringe Identifikationsrate hochbegabter Kinder im Vorschulalter und betont die Notwendigkeit einer frühzeitigen, präventiven Identifikation.
2. Hochbegabung: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Begabungsbegriffs nach, von Platos „besten Naturen“ bis hin zu modernen Konzepten, und diskutiert die Rolle der Genetik gegenüber Umwelteinflüssen.
3. Definitionen von Hochbegabung: Es werden sechs Definitionsklassen vorgestellt, wobei die Differenzierung zwischen Begabung (Potenzial) und Talent (Leistung) nach Gagné besonders hervorgehoben wird.
4. Identifikation: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Ansätze zur Identifikation und führt das „Bandbreite-Fidelitäts-Dilemma“ ein, das den Zielkonflikt zwischen Genauigkeit und Effektivität verdeutlicht.
5. Frühindikatoren: Hier werden Verhaltensweisen wie Blickverhalten im Säuglingsalter, Frühlesen, Explorationsverhalten und Kreativität als Anzeichen für Hochbegabung diskutiert.
6. Hochbegabte Kinder in der Familie: Es wird analysiert, wie familiäre Strukturvariablen (z.B. Geburtsreihenfolge) und sozioökonomische Faktoren die kindliche Entwicklung und die elterliche Wahrnehmung prägen.
7. Hochbegabung und Gesellschaft: Das Kapitel behandelt populäre Vorurteile, Ängste vor Elitebildung und den Sonderfall der Sportförderung, um die gesellschaftliche Akzeptanz von Begabung zu hinterfragen.
8. Innerfamiliäre Erkennung: Den Kern bildet das „Modell der innerfamiliären Erkennung“, welches den Prozess der elterlichen Wahrnehmung als zentrales Element der Begabungsidentifikation darstellt.
Schlüsselwörter
Hochbegabung, Vorschulalter, Identifikation, Eltern, Frühindikatoren, Modell der innerfamiliären Erkennung, Begabungsförderung, Frühlesen, Dyssynchronien, sozioökonomische Faktoren, Erziehungsziele, Leistungselite, Intelligenz, Kreativität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen, hochbegabte Kinder bereits im vorschulischen Alter zu erkennen, wobei ein besonderer Fokus auf der Rolle der Eltern als Beobachter liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt historische Grundlagen der Begabungsforschung, verschiedene Definitionsmodelle, die psychologische Bedeutung von Frühindikatoren, den Einfluss familiärer Bedingungen sowie gesellschaftliche Einstellungen zu Hochbegabung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Herleitung und Darstellung eines „Modells der innerfamiliären Erkennung“, welches erklärt, wie Eltern die Begabung ihrer Kinder in einem alltagsnahen Interaktionsprozess erkennen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender wissenschaftlicher Erkenntnisse, Studien (wie etwa der Terman-Studie) und Modellprojekte, um ein theoretisches Erkennungsmodell zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden methodische Ansätze zur Identifikation, spezifische Verhaltensmerkmale (Frühindikatoren) und die vielfältigen Einflussfaktoren (familiär, sozial, gesellschaftlich) auf den Erkennungsprozess analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hochbegabung, vorschulisches Alter, Identifikation, elterliche Beobachtung, Frühindikatoren, Begabungsmodelle und soziale Dyssynchronien.
Warum spielt die elterliche Beobachtung eine so wichtige Rolle im Modell?
Da formelle Testverfahren bei sehr jungen Kindern oft unzuverlässig und kostenintensiv sind, stellen Eltern, die ihre Kinder im Alltag in vielfältigen Situationen erleben, eine entscheidende „Datenquelle“ für eine erste Einschätzung dar.
Was bedeutet der „negative Pygmalion-Effekt“ im Kontext der Arbeit?
Der negative Pygmalion-Effekt beschreibt, wie ein unterschätztes Kind – etwa durch Lehrkräfte oder Eltern, die dem Kind weniger zutrauen – seine Leistung an die niedrigen Erwartungen anpasst und somit sein Potenzial nicht entfalten kann.
Wie gehen Eltern am besten mit der Vermutung einer Hochbegabung um?
Die Arbeit legt nahe, dass Eltern ihre Beobachtungen ohne voreilige Schlussfolgerungen sammeln und bei Unsicherheit kompetente Anlaufstellen oder Beratungsstellen aufsuchen sollten, anstatt sich auf starre Checklisten zu verlassen.
- Quote paper
- Lars Riske (Author), 2006, Hochbegabung im vorschulischen Alter, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179347