Im diesem fachhistorischen Text zum SIMPLIZISSIMUS diskutiert die Autorin im Rückblick wesentliche bis 1968 publizierte literaturwissenschaftliche Untersuchungen. Damit geht es ohne weitere Aktualisierungen um einen literarhistorischen Rückblick bis ´68.
An diese wissenschaftsgeschichtliche Rekonstruktion könnte fortschreibend angeschlossen werden, etwa mit Blick auf die fachliche SIMPLIZISSISMUS-Rezeption seit Beginn der 1970er Jahre einschließlich der 2009 veröffentlichten, mehrfach ausgelobten Simplizissismus-Neuedition von Kaiser.
Inhaltsverzeichnis
I. Als Gattungen lassen sich Dichtungen oder „Klassen von Werken“ mit bestimmten gemeinsamen Merkmalen bezeichnen:
II. Die Romantik versucht, Dichtung nicht mehr nach normativen technischen und formalen Kriterien zu bestimmen und zu klassifizieren
III. Demgegenüber läßt sich in der neueren deutschen Literaturwissenschaft und -geschichte gerade das entgegengesetzte Moment feststellen
IV. Mit den sechziger Jahren schien sich eine vierte Phase in der wissenschaftlichen Grimmelshausenforschung abzuzeichnen
V. Damit scheinen wieder alle Perspektiven einer endgültigen Gattungszuordnung offen
Zielsetzung und Themen der wissenschaftlichen Untersuchung
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die komplexe und in der Forschung kontrovers diskutierte Gattungsfrage zu Grimmelshausens „Simplicissimus“ anhand eines literaturhistorischen Überblicks aufzuarbeiten. Dabei wird untersucht, wie sich die methodischen Ansätze der Literaturwissenschaft über verschiedene Epochen hinweg auf die Klassifizierung des Werkes auswirkten und warum eine endgültige gattungstheoretische Festlegung bislang nicht erreicht werden konnte.
- Analyse der positivistischen und psychologischen Gattungsauffassungen
- Diskussion der Einordnung des „Simplicissimus“ als Entwicklungs- oder Bildungsroman
- Betrachtung der pikarischen Tradition und des Schelmenromans
- Untersuchung des satirischen Charakters und der Rolle der Erzähltechnik
- Reflektion über die Grenzen der literaturwissenschaftlichen Interpretationsmethoden
Auszug aus dem Buch
I. Als Gattungen lassen sich Dichtungen oder “Klassen von Werken” mit bestimmten gemeinsamen Merkmalen bezeichnen:
“Die literaturwissenschaftliche Forschung verwendet literarische Gattungsbegriffe in drei verschiedenen Bedeutungsvalenzen: rein klassifikatorische Ordnungsbegriffe ohne Erkenntniswert (Croce), zur Bezeichnung literaturhistorisch und ideengeschichtlich fixierbarer Dichtungsformen (Benjamin Szondi) und als typologische Grundbegriffe (Staiger). Diese kategorialen Bestimmungen finden sich in der Literaturgeschichte und -kritik nur selten mit der gleichen Deutlichkeit differenziert. Einander widersprechende Auffassungen des Gattungsbegriffes werden unkontrolliert miteinander verbunden.”
Im wesentlichen liegen diesen Gattungsbegriffen zwei verschiedene Methoden zugrunde, die kennzeichnend für die Literaturwissenschaft im allgemeinen sind, sich auch auf die Gattungsbestimmung auswirken und hier aus analytischen Zwecken getrennt werden können in positivistische und psychologische Methode.
Die positivistische Gattungsauffassung meint: “Gattungen sind empirische Ordnungskategorien für literarische Werke aufgrund bestimmter gemeinsamer innerer und äußerer Merkmale [ ], die sich a posteriori aus den geschichtlich vorhandenen Dichtungen ergeben.”
Ihr Schwergewicht legt sie auf die empirische Nachprüfbarkeit, wodurch genauere und widerspruchsfrei Klassifizierungen ermöglicht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Als Gattungen lassen sich Dichtungen oder „Klassen von Werken“ mit bestimmten gemeinsamen Merkmalen bezeichnen:: Das Kapitel führt in die methodischen Grundlagen der Gattungsforschung ein und differenziert zwischen positivistischen und psychologischen Ansätzen.
II. Die Romantik versucht, Dichtung nicht mehr nach normativen technischen und formalen Kriterien zu bestimmen und zu klassifizieren: Dieser Abschnitt erläutert die forschungsgeschichtliche Entwicklung, in der Grimmelshausens Werk primär als Entwicklungs- und Bildungsroman diskutiert wird.
III. Demgegenüber läßt sich in der neueren deutschen Literaturwissenschaft und -geschichte gerade das entgegengesetzte Moment feststellen: Hier steht die Ablehnung der Bildungsroman-These zugunsten der Einordnung als Schelmenroman oder formgeschichtliche Konstruktion im Fokus.
IV. Mit den sechziger Jahren schien sich eine vierte Phase in der wissenschaftlichen Grimmelshausenforschung abzuzeichnen: Das Kapitel thematisiert die Hinwendung zum satirischen Charakter des Romans und die Bedeutung der Erzählweise.
V. Damit scheinen wieder alle Perspektiven einer endgültigen Gattungszuordnung offen: Das abschließende Kapitel hinterfragt die Möglichkeit einer finalen Gattungsbestimmung angesichts der methodischen Vielfalt.
Schlüsselwörter
Gattungstheorie, Grimmelshausen, Simplicissimus, Bildungsroman, Schelmenroman, Literaturwissenschaft, Epochenforschung, Satire, Formgeschichte, Methodik, Picaroroman, Erzähltechnik, Interpretationsgeschichte, Barockliteratur, Gattungszuordnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die komplexe Gattungsfrage des Romans „Simplicissimus“ von Grimmelshausen und wie diese über Jahrzehnte hinweg in der Literaturwissenschaft interpretiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der literaturwissenschaftlichen Gattungsbegriffe, die Unterscheidung zwischen Entwicklungs- und Schelmenroman sowie die Analyse der erzähltechnischen Besonderheiten bei Grimmelshausen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die verschiedenen Interpretationsphasen des Werkes aufzuzeigen und die methodischen Schwierigkeiten einer endgültigen Gattungsfestlegung zu erörtern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine historisch-kritische Analyse an, indem sie die Forschungsgeschichte und die Ansätze verschiedener Literaturwissenschaftler vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die verschiedenen wissenschaftlichen Strömungen analysiert, angefangen bei der vorwissenschaftlichen Phase bis hin zur neueren Forschung, die den satirischen Charakter des Romans betont.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Gattungstheorie, Simplicissimus-Forschung, Methodik, Literaturgeschichte und Narratologie beschreiben.
Warum wird der „Simplicissimus“ so unterschiedlich eingeordnet?
Die unterschiedliche Einordnung resultiert aus den verschiedenen methodischen Schwerpunkten der Forscher, die entweder geistesgeschichtliche, formgeschichtliche oder gesellschaftskritische Ansätze verfolgen.
Welche Rolle spielen die spanischen Schelmenromane für die Argumentation?
Sie dienen als Vergleichsfolie, um die Besonderheiten des deutschen Schelmenromans bei Grimmelshausen durch Kontrastierung herauszuarbeiten.
- Arbeit zitieren
- Dr. Wilma Ruth Albrecht (Autor:in), 2011, Literaturwissenschaftliche Interpretationen zur Gattungsproblematik von Grimmelshausen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179206