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Die deutsche Armee bestand in den Jahren 1914-1918 aus durchschnittlich 6,4
Millionen Soldaten. Insgesamt wurden 13,1 Millionen Menschen einberufen, von
denen ungefähr 2 Millionen ums Leben kamen und zirka 4,8 Millionen verwundet
wurden. Diese Soldaten schrieben über 28 Milliarden Briefe, von denen in der
Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart ca. 15.000 erhalten sind. Einige sind in
Quelleneditionen, wie z.B. in der hier u.a. verwendeten Sammlung Philipp Witkops1
zu finden. Eine Auswertung dieser Briefe muß demnach zwangsläufig lückenhaft bleiben, da
theoretisch eine Berücksichtigung der hier nicht verwendeten Zeugnisse ein völlig
anderes Bild zeichnen könnte. Wahrscheinlich ist dies jedoch nicht, denn die hier
benutzten Briefe und ihre zum Teil erschreckend deutlichen Schilderungen des
erlebten Grauens an der Front stammen aus unterschiedlichen
Gesellschaftsschichten, sie sind zu verschiedenen Zeiten während des Krieges
geschrieben worden. Die Soldaten haben sie sowohl von der Ost- wie auch von der
Westfront aus in die Heimat geschickt, und die Verfasser entstammen verschiedenen
Waffengattungen. Damit bilden sie zwar keinen repräsentativen Querschnitt durch
die verschiedenen Aspekte und Zeitabschnitte des Krieges zu Lande, denn dazu ist
die Quellenlage als solche zu unüberschaubar und viele der Briefe sind entweder
nicht zugänglich oder gar nicht mehr erhalten, doch sie zeigen aber eine Tendenz
auf: eine Tendenz, die Aufschluß über den Krieg und die Situation des Menschen in
seinem Angesicht bietet. Feldpostbriefe sind die Fingerabdrücke des Individuums in
der Geschichte, die zwar verschieden und einzigartig sind, sich aber dennoch sehr
ähneln, wie in dieser Arbeit gezeigt werden wird. Diese Arbeit konzentriert sich auf die Erlebnisse der Heeressoldaten, da der
Stellungskrieg, der Kampf mit Gas, Granaten, dem Bajonett und das zähe aber
sinnlose Ringen um wenige Meter Boden bezeichnend ist für den Ersten Weltkrieg. Die Auswertung der Quellen erfolgt weniger chronologisch als thematisch und die
verschiedenen Frontabschnitte werden gegenübergestellt und im Falle signifikanter
Unterschiede entsprechend ausgewertet.
1Genaueres über diese Edition in Hettling, Manfred u. Jeismann Michael , Der Weltkrieg als Epos – Philipp
Witkops „Kriegsbriefe gefallener Studenten , in: Hirschfeld, Gerhard , Krumreich , Gerd , Renz , Irina (Hg) ,
Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch – Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkriegs , Essen 1993 , S. 205ff.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Leitfrage
Forschungsbericht und Quellenlage
1. Präludium : Der Weg in den Krieg
Die Rolle der Jugendbünde
Der „Geist von 1914“
2. Desillusionierung – die Begegnung mit dem Tode
Der Stellungskrieg beginnt
1915 – Der Wunsch nach Frieden wird stärker
Fallbeispiel: Kompensationsmöglichkeiten
Andere Arten der Kompensation
Exkurs : Die Rolle der Kirchen
Klare Worte
1916 – Sinnfragen werden deutlicher
Der Opfertod
3. Der Tod von Kameraden
Die Natur als Kompensationsmittel
Unterschiedliche Berichte
Die Luftwaffe – ein anderer Blickwinkel
4. Der Tod des Feindes
Verbrüderung
Der Tod von Franktireurs
5. Der Tod durch Granaten und Minen
6. Der Tod durch das Gewehr
7. Der Tod durch Gas
8. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht auf Basis authentischer Feldpostbriefe, wie Soldaten im Ersten Weltkrieg die tägliche Konfrontation mit dem Tod im Landkrieg wahrnahmen, wie sie diesen verarbeiteten und inwieweit sich die Akzeptanz des Krieges angesichts ausbleibender Erfolge und des erlebten Schreckens wandelte.
- Wahrnehmung und Bericht des Tötens an der Front
- Wandel der Kriegsakzeptanz und Sinnsuche der Soldaten
- Individuelle und kollektive Verarbeitungs- und Kompensationsstrategien
- Einfluss von Propaganda und staatlicher Ideologie versus Frontrealität
- Die Rolle der Religiosität und Kameradschaft als Bewältigungsmechanismen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der Jugendbünde
Innerhalb des Kaiserreiches hatte das Militär nach dem Siege über Frankreich im Kriege von 1870/71 immer mehr Einfluß gewonnen, der sowohl im politischen wie auch im gesellschaftlichen Leben kaum mehr wegzudenken war und nur von wenigen als störend empfunden wurde. Carl Zuckmayers Hauptmann von Köpenick zeigte ein zwar satirisches, aber sehr zutreffendes Bild der damaligen Geisteshaltung. Vereinigungen wie der Bund der Alldeutschen, Wehrbünde, Kriegsbünde, Kolonialvereine, der Flottenverein, der Kyffhäuser-Bund und der Jungdeutschlandbund als Dachverband seit 1911 traten ebenso wie die Schulen, die evangelische Kirche und ein Großteil der zeitgenössischen Literatur für militaristische, nationalistische und imperialistische Ideologien ein. Diese Jugendbünde dienten alle der körperlichen Ertüchtigung und der Disziplinierung zur oder durch „Manneszucht“. Diese Ziele wurden teils durch tatsächliche militärische Strukturen oder aber durch das Ideal eines autoritären Führers und der Gefolgschaft zu diesem erreicht. Diese Jugendverbande förderten zunächst die Abkehr vom Individualismus nach dem Motto: “Der Einzelne gilt nichts, der Staat gilt alles“, wobei mit dem Staat der nationale Staat gemeint war. Jede Eigenständigkeit und –initiative wurde zunächst bekämpft, bis die Führung zu der Erkenntnis gelangte, daß gerade im modernen Kriege eine gewisse Selbstständigkeit des Soldaten unumwunden notwendig war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Präludium : Der Weg in den Krieg: Beschreibt die Stimmung der Kriegsbegeisterung zu Beginn des Konflikts und die Rolle staatlicher Jugendorganisationen bei der ideologischen Vorbereitung.
2. Desillusionierung – die Begegnung mit dem Tode: Analysiert den Übergang vom erwarteten schnellen Sieg hin zum ernüchternden Stellungskrieg und die ersten psychischen Belastungen der Soldaten.
3. Der Tod von Kameraden: Untersucht die emotionale Belastung durch den Verlust von Kameraden und wie Soldaten versuchten, dies durch Naturerleben oder religiöse Deutungen zu verarbeiten.
4. Der Tod des Feindes: Beleuchtet das Verhältnis zum Gegner, das zwischen Entmenschlichung im Kampf und punktueller Menschlichkeit bei Verbrüderungen schwankte.
5. Der Tod durch Granaten und Minen: Thematisiert die psychische Belastung durch die moderne Artillerie und die absolute Wehrlosigkeit gegenüber dieser Vernichtungstechnik.
6. Der Tod durch das Gewehr: Betreibt eine Analyse der Wahrnehmung der primären Infanteriewaffe und der durch sie verursachten, als weniger „unwürdig“ empfundenen Tötungsweise.
7. Der Tod durch Gas: Erörtert die traumatische Einführung chemischer Kampfstoffe als neue Dimension der Massenvernichtung.
8. Schlußbetrachtung: Fasst die Entwicklung der Soldaten von der Begeisterung über die Erschöpfung bis hin zur Einsicht in die Sinnlosigkeit des Krieges zusammen.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Feldpostbriefe, Soldatentod, Kriegsalltag, Stellungskrieg, Kompensationsstrategien, Kriegsbegeisterung, Desillusionierung, Fronterfahrung, Psychologie, Artillerie, Giftgas, Kameradschaft, Religion, Sinnsuche
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die subjektive Wahrnehmung des Tötens und Sterbens im Ersten Weltkrieg aus der Perspektive der Soldaten, basierend auf deren Feldpostbriefen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die psychischen Belastungen des Stellungskrieges, die Verarbeitung von Gewalt, die Rolle von Ideologien wie dem Patriotismus und die Suche nach Sinnhaftigkeit in einem anonymen Vernichtungskrieg.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein differenziertes Bild der Soldaten-Erlebnisse zu zeichnen und zu verstehen, wie das Individuum angesichts massiver Gewalt an der Front psychisch überlebte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Quellenanalyse. Die Arbeit wertet eine Vielzahl von Feldpostbriefen thematisch aus und stellt diese in den historischen Kontext der Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich thematisch und untersucht verschiedene Aspekte des Tötens – durch Granaten, Gewehre, Gas – sowie die Auswirkungen auf Kameradschaft, Religiosität und die moralische Rechtfertigung des Handelns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Feldpostbriefe, Stellungskrieg, Kriegsbegeisterung, Desillusionierung, Frontalltag, psychische Belastung und die Sinnsuche im Angesicht des Todes.
Inwieweit spielt die Zensur eine Rolle bei der Auswertung der Briefe?
Die Arbeit reflektiert kritisch, dass die Briefe sowohl durch äußere Feldpostzensur als auch durch innere Selbstzensur beeinflusst sind, da Soldaten ihre Angehörigen schützen oder den Anforderungen des Patriotismus entsprechen wollten.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der Artillerie vom Gewehr?
Während der Kampf mit dem Gewehr oft noch in Kategorien eines "ritterlichen" Duells eingeordnet wurde, löste der Tod durch Artillerie oder Gas aufgrund der Anonymität und der zerstörerischen Gewalt Ekel und massive existenzielle Angst aus.
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- Cord Gudegast (Author), 2002, Die Wirklichkeit des Tötens im Ersten Weltkrieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/17816