1.Einleitung
Von der ersten öffentlichen Filmvorführung der französischen Brüder Lumière am 28. Dezember 1895 im Café de Paris, über die fiktionalen Filme von Georges Méliès bis hin zu den subversiven Stummfilmen Chaplins mit gesellschaftskritischer Thematik machte das neue Medium Kino einen entscheidenden Wandel durch. Mit der Präsentation ihres ,,Cinématographe Lumière‘‘, vor einem sowohl öffentlichen als auch zahlenden Publikum, erfüllten Auguste und Louis Lumière erstmals die Rahmenbedingungen für das, was wir heute Kino nennen. Das Lichtspielhaus als öffentliches Medium, in dem der Zuschauer kollektiv einen Film rezipiert und dafür mit seinem Eintrittsgeld zur Reinvestition beiträgt, trat seinen weltweiten Siegeszug an. Dabei dominierten zunächst einfache, für heutige Verhältnisse banale Alltagsszenen mit dokumentarischem Charakter, aufgenommen auf Zelluloidspulen die ersten Jahre des Stummfilms (vgl. Jost, 2009, S.3). Die Faszination dieser Filme ging mehr von der technischen Reproduzierbarkeit der Wirklichkeit als von ihrem Inhalt aus. Nach der Jahrtausendwende erkannte als erstes Georges Méliès das fiktionale Potential des neuen Mediums, der mit seinem vierzehn Minuten langen Film ,,Le Voyage dans la lune‘‘(1902) als erster die narrativ gestalterische Tätigkeit des Mediums nutzte und so das Filmgenre des Sciencefiction-Filmes erschuf (vgl. Grinsted, 2009, S. 104). Der Wandel des Kinos, von der unseriösen Jahrmarktattraktion hin zum Kino als Kunst mit ästhetischem Bewusstsein, war spätestens mit der französischen Innovation des „Film d'Art“ vollzogen. Kinopaläste sorgten dafür, dass das Kino fortan nicht mehr als Unterschichtsvergnügen mit proletarischen Zügen galt, sondern sich als fester Bestandteil eines künstlerischen Abendprogramms des Bildungsbürgertums etablierte. Auch Charlie Chaplin erkannte die Möglichkeiten des neu entstandenen Kinos: Das Unterhaltungsinstrument ,,Kino‘‘ ermöglichte es, Informationen in kürzester Zeit global zu verbreiten. Anstatt idyllische Scheinwelten zu erschaffen, zog er es vor, die Realität humoristisch zu verzerren und nutzte das neue Medium ,um ein möglichst großes Publikum mit den Themen Arbeit, Klassenunterschied und Unterdrückung zu konfrontieren (vgl. Heyer, 2005, S.3). Auch wenn sich dem Kinobesucher mit den Möglichkeiten des 3D-Kinos längst vollkommen neue Welten der Filmrezeption eröffnet haben, gilt die Stummfilmzeit noch heute als eine der erfolgreichsten Epochen der Filmgeschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vom Habenichts und Music-Hall Artisten zum Regisseur und Schauspieler Charles Spencer Chaplin
3. Vom Goldsucher zum Millionär: Das amerikanisches Ideal vom sozialen Aufstieg als Pate für den Handlungsverlauf in ,,Goldrausch‘‘
4. Chaplins Figur des Tramp in ,,Goldrausch‘‘ mit besonderem Fokus auf seiner Funktion als ausgegrenzte Instanz
4.1 Die Entwicklung des Tramp von der eindimensionalen Gegenfigur in den Keystone Filmen zum Clown als existentielle Grundkategorie in ,,Goldrausch‘‘
4.2 Die ,,Underdog‘‘ - Charakteristika des Tramp in ihrer Funktion als Entscheidungskriterium zwischen ausgegrenzter und ausgrenzender Instanz
4.2.1 Kindliche Naivität: Die Kunst des Tramp tragikomische Momente mit einer Agonie des Frohsinns zu relativieren
4.2.3. Das Motiv der Liebe als gesellschaftliches Ideal und szeneübergreifendes Motiv des Tramp
4.2.2. Das fehlende Ichbewusstsein als Basis für Chaplins Art der Umsetzung von Bergsons Theorie der ,,Komik durch Mechanik‘‘
4.3. Der Entzug der Nahrung im Kontext der extremen Umwelterfahrung als zusätzliches Isolationsmoment zur sozialen Ausgrenzung
4.4 ,,Komik der Ausgrenzung‘‘: Die dialektische Struktur der Komik als metaphorische Aufforderung zur Integration des Tramp
5. Der Vagabund als alter ego : Eine vergleichende Analyse des Tramp aus ,,Goldrausch‘‘ mit Chaplins Vorläuferfigur in ,,Der Einwanderer‘‘
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Figur des Tramp in Charles Chaplins Filmen "Goldrausch" (1925) und "Der Einwanderer" (1917) unter dem Aspekt ihrer Funktion als ausgegrenzte Instanz, um daraus eine gesellschaftskritische Gesamtbetrachtung abzuleiten.
- Die filmische Darstellung der Tramp-Figur als sozialer Underdog.
- Die Rolle existenzieller Nöte wie Hunger und Einsamkeit für die soziale Ausgrenzung.
- Die Anwendung komiktheoretischer Ansätze (z.B. nach Bergson) auf Chaplins Stummfilm-Ästhetik.
- Die metaphorische Bedeutung des "Tramp" als Kritik an materialistischen Gesellschaftsnormen.
- Vergleichende Analyse der Wandlung der Tramp-Figur zwischen verschiedenen Werken Chaplins.
Auszug aus dem Buch
4.4 ,,Komik der Ausgrenzung‘‘: Die dialektische Struktur der Komik als metaphorische Aufforderung zur Integration des Tramp
Von einem Rückgriff auf nur eine Komiktheorie kann man bei Chaplin gewiss nicht sprechen, auch wenn einheitliche Strategien zur Generierung von Chaplins Komik vorhanden sind. Typischerweise verbindet Chaplin zwei Bereiche oder Elemente, die nicht zusammengehören, wie das Element des Tänzerischen und das Bedürfnis Essen. Das szenische Lachen des Publikums quittiert folglich dasjenige, was dem Ernst und der allgemeinen Ordung der Dinge und des Lebens entgegensteht (vgl. Schmitt, 2006, S.42). Damit sind der Erfahrungstand des Publikums sowie die geltenden gesellschaftlichen Normen die beiden entscheidenden rezeptionellen Kriteria in der Chaplinschen Komik.
Im Komischen prallen zwei Bereiche aufeinander, das Gültige und das ausgeschlossene Andere, wodurch das Komische die dialektische Struktur einer Metapher übernimmt. Dadurch, dass die ausschließende Ordnung das ausgeschlossene Chaotische formulieren muss, wird es indirekt demaskiert (vgl. Ritter, 1974, S. 63ff.). Auch triebdynamisch kann man sich Chaplins ,,Komik der Ausgrenzung‘‘ nähern. Die Triebwünsche des Es bringt sich als ausgegrenzte Instanz angesichts der Ordnung des Über-Ich in Erinnerung.
Chaplins Komik setzt die Verdrängungsarbeit der Kultur partiell so außer Kraft, dass in den Ordnungen der Kultur selbst das Verdrängte Gegenwart erhält (vgl. Greiner, 1992, S. 119). Der psychische Aufwand zur Bewahrung dieser Kulturschranken wird in der Komik relativiert. Die Situation, in der sich der Tramp beispielsweise in das schmackhafte Hühnchen verwandelt und von Big Jim gejagt wird, ist keinesfalls als schlichte Slapstickszene zu verstehen (vgl. Chaplin, 1925, 0:16:43 ff.). Vielmehr versteckt sich hinter der grotesken Situationskomik eine ernste Anspielung, mit der sich das Publikum zum Verständnis des komischen Sinns auseinandersetzen muss. Die situative Verbindung von Slapstick, Kannibalismus und Hunger ist nur dann komisch, wenn das Spiel mit den existenten Tabus der Gesellschaft (hier: Kannibalismus) als ein unkonventioneller Akt mit Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche verstanden wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Geschichte des Kinos und die Bedeutung Chaplins als gesellschaftskritischer Filmemacher.
2. Vom Habenichts und Music-Hall Artisten zum Regisseur und Schauspieler Charles Spencer Chaplin: Darstellung des biographischen Hintergrunds Chaplins und dessen Einfluss auf die Entwicklung seiner Tramp-Figur.
3. Vom Goldsucher zum Millionär: Das amerikanisches Ideal vom sozialen Aufstieg als Pate für den Handlungsverlauf in ,,Goldrausch‘‘: Skizzierung der Handlung von "Goldrausch" und Einordnung in das amerikanische Erfolgsnarrativ.
4. Chaplins Figur des Tramp in ,,Goldrausch‘‘ mit besonderem Fokus auf seiner Funktion als ausgegrenzte Instanz: Analyse der Tramp-Figur als passives, aber symbolträchtiges Opfer des sozialen Systems.
5. Der Vagabund als alter ego : Eine vergleichende Analyse des Tramp aus ,,Goldrausch‘‘ mit Chaplins Vorläuferfigur in ,,Der Einwanderer‘‘: Untersuchung des Wandels und der Konstanten in Chaplins Filmografie anhand eines direkten Vergleichs beider Filme.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der universellen Sprache Chaplins und des gesellschaftskritischen Potenzials seiner komischen Dialektik.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Charles Chaplin, Tramp, Goldrausch, Der Einwanderer, Stummfilm, Gesellschaftskritik, Komik, Ausgrenzung, Slapstick, Sozialtypus, Identität, Existentielle Not, Materialismus, Filmgeschichte, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur des Tramp in den Chaplin-Filmen "Goldrausch" und "Der Einwanderer" unter dem Aspekt ihrer sozialen Ausgrenzung und gesellschaftskritischen Aussagekraft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind soziale Ausgrenzung, die Dialektik von Komik und Tragik, das menschliche Bedürfnis nach Liebe sowie Kritik am Materialismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, zu untersuchen, welche Rolle die Tramp-Figur als "ausgegrenzte Instanz" einnimmt und wie durch filmische Mittel gesellschaftliche Missstände kritisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse, die biographische Aspekte, komiktheoretische Ansätze und eine vergleichende Werkbetrachtung kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Untersuchung der Charakteristika des Tramp, der psychologischen Wirkmechanismen von Chaplins Komik und der Rolle von Umwelteinflüssen wie Nahrungsmangel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Charles Chaplin, Tramp, Ausgrenzung, Gesellschaftskritik, Slapstick, Sozialtypus und Existenzielle Not.
Wie unterscheidet sich die Tramp-Figur in "Goldrausch" von der in "Der Einwanderer"?
Während "Der Einwanderer" die Isolation durch die Ankunft in einem fremden Kulturraum thematisiert, liegt der Fokus in "Goldrausch" stärker auf der existentiellen Extremsituation und der Identitätssuche innerhalb eines materialistischen Umfelds.
Inwiefern nutzt Chaplin die "Komik durch Mechanik" nach Bergson?
Chaplin nutzt diese Theorie, indem er seinem Tramp oft eine "Dinghaftigkeit" verleiht, bei der konditionierte Reflexe auf äußere Reize die Illusion eines automatisierten, aber dennoch tragischen menschlichen Daseins erzeugen.
Welche Rolle spielt der "Brötchentanz" für die Argumentation?
Der "Brötchentanz" dient als zentrales Beispiel für Chaplins Fähigkeit, groteske Situationskomik zu nutzen, um die existenzielle Einsamkeit und das Bedürfnis nach sozialer Integration zu visualisieren.
Warum ist laut der Autorin gerade "Goldrausch" für das Werk Chaplins so bedeutend?
Die Autorin hebt hervor, dass Chaplin diesen Film selbst als sein Vermächtnis betrachtete, da die Tramp-Figur hier eine besondere Omnipräsenz und Mehrdimensionalität entfaltet, die eine tiefere Gesellschaftskritik ermöglicht.
- Quote paper
- Stephanie Julia Winkler (Author), 2011, ,,Goldrausch‘‘ und ,,Der Einwanderer‘‘. Charlie Chaplins Figur des Tramp als ausgegrenzte Instanz der Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/175665