"Konstantinische Wende". Sie hat sich in der gesamten theologischen und spätantiken Literatur umfassend und weitgehend unbezweifelt eingenistet. Sie sei "das einschneidende Ereignis der antiken Religionsgeschichte", meint der Düsseldorfer Althistoriker B. BLECKMANN. Andere Autoren sekundieren: Mit Konstantin habe "ein geschichtlicher Wendepunkt ersten Ranges", "eine welthistorische Weichenstellung", eine „epochemachende geistige Revolution“ begonnen. E. SCHWARTZ vermeint sogar, den „dämonischen Scharfblick des Weltbezwingers“ und eine "Zeitenwende ungeheuren Ausmaßes" zu erkennen, „jäh und plötzlich [habe Konstantin] dem Steuerrad der Geschichte in die Speichen“ gegriffen . Der Historiker EHRHARD erkennt den "Anbruch einer neuen Zeit", sogar "frei von Schmerz und Trauer" soll diese neue Zeit gewesen sein . A. ALFÖLDI spricht vom "Glück der Menschheit" und der französische Althistoriker P. VEYNE kann seine überschäumende Wende-Begeisterung kaum zügeln: Die historische Bedeutung Konstantins sei „gigantisch“, seine Wendung zum Christentum „das entscheidende Ereignis [...] der Weltgeschichte“ . Der historisch-literarische Begeisterungstaumel ist also ein allgemeiner.
Dabei gibt es durchaus Anlaß, an einer „Wende“ Konstantins zum Christentum im Oktober 312 zu zweifeln. Nicht nur, weil er seine eigene Familie in einem barbarischen Akt auslöscht, nicht nur weil er sein Volk mit einem zwölfjährigen Krieg überzieht, um die Alleinherrschaft zu erringen, sondern auch weil der Herrscher eine Fülle von Signalen aussendet, mit denen er zu verstehen gibt, dass andere Götter und nicht Christus seine Lieblingsgefährten sind.
Der wichtigtste Einwand jedoch kommt unerwartet: Das uralte Kreuzsymbol und das Sternsymbol mit Halbdiskus, später zum "Christogramm" avanciert, sind zur Zeit Konstantins noch keine christlichen Symbole.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Konstantins Marsch auf Rom und die Nacht der "Wende" (312)
2.1 Träume, Visionen und Symbole vor der großen Schlacht
2.1.1 Laktanz und das Christus-Monogramm
2.1.2 Eusebius und die Kreuzlegende
2.2 Die Meinung der Symbolforschung
2.2.1 Das Christogramm
2.2.2 Das Kreuz-Symbol
2.3 Ergebnis
3 Konstantinische Wende ?
4 Bibliographie
4.1 Antike Quellen und Textausgaben
4.2 Kompendien und Nachschlagewerke
4.3 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit hinterfragt kritisch die historisch etablierte Lehrmeinung einer plötzlichen und tiefgreifenden "Konstantinischen Wende" zum Christentum im Jahr 312 n. Chr. Durch die Analyse numismatischer Belege, archäologischer Funde und zeitgenössischer Texte prüft der Autor, ob Konstantin tatsächlich eine christliche Vision erlebte oder ob es sich bei diesen Berichten um spätere, ideologisch motivierte Konstruktionen handelt.
- Kritische Dekonstruktion der "Konstantinischen Wende" als historisches Ereignis.
- Untersuchung der Entstehung und Bedeutung von Kreuz- und Christussymbolen in der Spätantike.
- Analyse der widersprüchlichen Berichte von Laktanz und Eusebius über Konstantins Visionen.
- Kontextualisierung von Konstantins Herrschaft im Spannungsfeld zwischen Sonnengott-Verehrung und dem aufkommenden Christentum.
Auszug aus dem Buch
2.1 Träume, Visionen und Symbole vor der großen Schlacht
In diesem letzten Feldlager des konstantinischen Heeres geschehen am 27. Oktober 312, am Vorabend der großen Schlacht also, wunderbare Dinge. Der christliche Gott, so die antiken Berichterstatter, habe sich dem Kaiser durch ein Lichtzeichen am Himmel offenbart, ihm versichert, er werde "in diesem Zeichen" siegen und gleich auch noch eine Konstruktionsanweisung für ein neues Christus-Symbol übergeben, das „Christogramm“, als ein verschlungenes X und P bekannt, später als die übereinander gelegten Anfangsbuchstaben des griechischen Namens "Christus" interpretiert.
Diese Träume und Beobachtungen, alle aus den Federn zeitgenössischer christlicher Geschichtsschreiber, spielen in der Beurteilung, ob es im Herbst 312 eine „Wende“ Konstantins zum Christentum gegeben hat, eine herausragende Bedeutung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel skizziert den allgemeinen wissenschaftlichen Konsens über die "Konstantinische Wende" und stellt erste Zweifel an deren historischer Glaubwürdigkeit auf.
2 Konstantins Marsch auf Rom und die Nacht der "Wende" (312): Das Kapitel untersucht die legendenhaften Visionsberichte von Laktanz und Eusebius sowie die archäologisch belegbare Symbolgeschichte der Zeit.
3 Konstantinische Wende ?: Diese Sektion argumentiert, dass Konstantin bis zu seinem Tod primär dem Sonnengott Sol diente und das Christentum erst durch spätere ideologische Umdeutungen zum zentralen Element seiner Herrschaft wurde.
4 Bibliographie: Das abschließende Kapitel bietet ein umfangreiches Verzeichnis der antiken Quellen, Kompendien und weiterführender Literatur zur Konstantin-Forschung.
Schlüsselwörter
Konstantin der Große, Konstantinische Wende, Christogramm, Kreuzsymbol, Laktanz, Eusebius, Spätantike, Sonnenkult, Sol Invictus, Religionsgeschichte, Geschichtskritik, Numismatik, Milvische Brücke, Staatskirche, Symbolforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Validität der sogenannten "Konstantinischen Wende" und hinterfragt die Behauptung, Konstantin sei im Jahr 312 zum Christentum konvertiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Entstehungsgeschichte christlicher Symbole wie des Christogramms und des Kreuzes sowie deren Verbreitung in der Spätantike.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der christlichen Legendenbildung und den tatsächlichen archäologischen sowie numismatischen Fakten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine quellenkritische Methode, die philologische Textanalysen mit archäologischen Befunden und numismatischen Zeugnissen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Berichte von Laktanz und Eusebius über Konstantins nächtliche Visionen und die Schlacht an der Milvischen Brücke eingehend dekonstruiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Konstantin der Große, Religionspolitik, Symbolgeschichte, Sol Invictus und historische Fälschung.
Warum bezweifelt der Autor die Bekehrung Konstantins?
Aufgrund von Münzfunden und Darstellungen, die Konstantin bis zu seinem Tod in enger Verbindung mit dem Sonnengott Sol zeigen, hält der Autor eine Bekehrung zum Christentum für nicht plausibel.
Welche Rolle spielen die Münzprägungen in dieser Argumentation?
Münzen dienen als zeitgenössische, unverfälschte Zeugnisse, die den offiziellen Kult und die Selbstdarstellung des Kaisers dokumentieren und den christlichen Narrativen widersprechen.
- Quote paper
- M.A. Rolf Bergmeier (Author), 2011, Die Konstantinische Wende, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/175478