„Wir sind kein Business – wir sind Abschlussprüfer. Wir üben eine Tätigkeit im öffentlichen Interesse aus, und daran hat sich alles auszurichten.“ Mit dieser Aussage bringt der Vorstandsvorsitzende der mittelständigen BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Holger Otte, die aktuelle Diskussion um die Unabhängigkeit der Abschlussprüfer auf den Punkt. Den Anstoß dazu gab das Grünbuch der Europäischen Kommission zum weiteren Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung vom 13.10.2010. Regelmäßige Kritik am Abschlussprüfer und der Institution Abschlussprüfung folgte nicht nur aus spektakulären Zusammenbrüchen und Schieflagen von Unternehmen, die als Ergebnis ihrer letzten Jahresabschlussprüfung einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk erhalten hatten, sondern auch aus der Tatsache, dass im Rahmen der Finanzkrise die Bilanzen der Großbanken trotz immenser Verluste in den Jahren 2007 bis 2009 von den jeweiligen Abschlussprüfern uneingeschränkt testiert wurden. Hierdurch schien das Fundament auf dem die Abschlussprüfung gründet – nämlich das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit, die Integrität und
den Sachverstand des Abschlussprüfers - erschüttert. Können Eigen- und Fremdkapitalgeber nicht mehr in die von den Unternehmen veröffentlichten und vom Abschlussprüfer testierten
Informationen vertrauen, kann das zu empfindlichen Beeinträchtigungen auf dem Kapitalmarkt führen. Da der nationale Gesetzgeber um die Bedeutung der Unabhängigkeit der Abschlussprüfer seit langem weiß, wurde er unter Berücksichtigung europäischer Vorgaben und internationaler Erfordernisse bereits mehrfach tätig, um die Unabhängigkeit der Abschlussprüfer und das Vertrauen in die Abschlussprüfung zu stärken. Die rechtliche Einordnung dieser Arbeit beschränkt sich mithin allein auf die Darstellung der derzeit geltenden Regelungen zur Prüferunabhängigkeit. Nach Darstellung der rechtlichen und ökonomischen Grundlagen zur Prüferunabhängigkeit soll der Schwerpunkt dieser Arbeit auf einer rechtsökonomischen Analyse ausgewählter Vorschläge der Kommission aus ihrem Grünbuch vom 13.10.2010 liegen. Dazu werden zunächst die Voraussetzungen, wann eine regulatorische Regelungsoption einer marktbasierten Lösung vorzuziehen ist, dargestellt. Vor diesem Hintergrund soll anschließend insbesondere die Zweckdienlichkeit der diskutierten Maßnahmen für die Stärkung der Prüferunabhängigkeit untersucht werden. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse thesenförmig zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung und Problemverengung
II. Rechtliche Grundlagen der Prüferunabhängigkeit
1. Europäische Normsetzung als Ausgangspunkt nationaler Gesetzesänderung
2. Prüferunabhängigkeit im nationalen Recht
a) §§ 319, 319a HGB
b) Wirtschaftsprüferordnung und Berufssatzung der Wirtschaftsprüferkammer
c) Deutscher Corporate Governance Kodex (DCGK)
III. Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers aus rechtsökonomischer Perspektive
1. Agencybedingte Interessenkonflikte
a) Prinzipal-Agenten-Theorie (Agency-Theorie) als theoretisches Fundament
b) Agencykonflikt der eigenen Art im Bereich der Abschlussprüfung
2. Die Rolle des Abschlussprüfers als Informationsintermediär
3. Anforderungen an die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers im System der Corporate Governance
a) Die Glaubwürdigkeit der Abschlussprüfer im Spannungsfeld zwischen Markt und Unternehmung
b) Begriffliche Annäherung an die Prüferunabhängigkeit
c) Prüferunabhängigkeit in Vertrag und Markt
IV. Europäische / Staatliche Regulierung vs. marktbasierter Lösung
V. Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers als Europäische Herausforderung an ausgewählten Beispielen des Grünbuchs der Kommission zum weiteren Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung
1. Verbot von Nichtprüfungsleistungen
2. Konzentration und Marktstruktur
a) Joint-Audits
b) Europäisches Qualitätszertifikat und Notfallplan
c) Einrichtung einer Regulierungsbehörde
d) Bewertung der Konzentration auf dem Abschlussprüfermarkt
3. Externe Rotation
VI. Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht rechtsökonomisch die Unabhängigkeit von Abschlussprüfern vor dem Hintergrund des Grünbuchs der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2010. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, ob eine staatliche Regulierung zur Stärkung der Prüferunabhängigkeit gegenüber marktbasierten Lösungen vorzuziehen und zweckdienlich ist.
- Agency-Theorie und Interessenkonflikte in der Abschlussprüfung
- Rolle des Abschlussprüfers als Informationsintermediär und Gatekeeper
- Kritische Analyse von Regulierungsmaßnahmen (z.B. Verbot von Nichtprüfungsleistungen, Joint-Audits)
- Abwägung von Prüferunabhängigkeit und Prüfungsqualität unter Berücksichtigung ökonomischer Kosten
- Struktur des europäischen Marktes für Abschlussprüfungen und Big-4-Konzentration
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Abschlussprüfers als Informationsintermediär
Allgemein formuliert haben in der Wirtschaft Intermediäre die Aufgabe zwischen verschiedenen Akteuren zu vermitteln. Vor allem im Kontext dieser Arbeit ist zwischen Finanzintermediation im weiteren und im engeren Sinne zu unterscheiden. Finanzintermediäre im engeren Sinne sind solche Institutionen, die Kapitalnachfrage und –angebot zusammenführen (z.B. Banken). Abschlussprüfer sind hingegen wie Rating-Agenturen und Finanzanalysten Finanzintermediäre im weiteren Sinne: Sie erbringen Informationsdienstleistungen und ermöglichen bzw. unterstützen dadurch erst die Zusammenführung von Kapitalnachfrage und –angebot. Sie werden daher auch als Informationsintermediäre bezeichnet.
Aus transaktionskostenökonomischer Sicht ist die Inanspruchnahme der Informationsintermediäre aufgrund der Komplexität und der Eigenschaft von Finanzprodukten als Vertrauensgüter zu erklären. Im Gegensatz zu Erfahrungsgütern, deren Eigenschaften durch Konsum offenbar werden, sind für die Beurteilbarkeit der Eigenschaften von Vertrauensgütern hinreichend objektive Informationen erforderlich. Insbesondere vor dem Hintergrund der drastischen Zunahme der Informationsfülle, ist es aufgrund hoher Transaktionskosten vor allem für die Informationssuche und –bewertung für den Einzelnen nicht mehr möglich alle für seine Entscheidung relevanten Informationen zu erlangen. Informationsintermediäre können diese Informationsschwäche des Anlegerpublikums zu relativ günstigen Kosten durch ihre Wissensspezialisierung überwinden, wodurch die Transaktionskosten sinken und mehr Verträge geschlossen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung und Problemverengung: Die Arbeit thematisiert die durch das EU-Grünbuch angestoßene Debatte um die Unabhängigkeit von Abschlussprüfern und definiert den rechtsökonomischen Analysefokus.
II. Rechtliche Grundlagen der Prüferunabhängigkeit: Hier werden die europäischen und nationalen (deutschen) Regelungen, einschließlich HGB und WPO, als Ausgangslage der Untersuchung dargestellt.
III. Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers aus rechtsökonomischer Perspektive: Das Kapitel analysiert die Rolle des Prüfers anhand der Agency-Theorie als Informationsintermediär und beleuchtet die Anforderungen an seine Glaubwürdigkeit im Corporate-Governance-System.
IV. Europäische / Staatliche Regulierung vs. marktbasierter Lösung: Dieses Kapitel etabliert einen wohlfahrtsökonomischen Maßstab, nach dem eine staatliche Regulierung nur bei nachgewiesenem Marktversagen ökonomisch gerechtfertigt ist.
V. Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers als Europäische Herausforderung an ausgewählten Beispielen des Grünbuchs der Kommission zum weiteren Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Das Kernkapitel untersucht kritisch Maßnahmen wie das Verbot von Nichtprüfungsleistungen, Joint-Audits und die externe Rotation auf ihre Zweckdienlichkeit.
VI. Thesenförmige Zusammenfassung: Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit in prägnanten Thesen zusammengefasst, die die Sinnhaftigkeit pauschaler europäischer Regulierungsansätze infrage stellen.
Schlüsselwörter
Abschlussprüfung, Unabhängigkeit, Grünbuch, Europäische Kommission, Rechtsökonomik, Agency-Theorie, Informationsintermediär, Nichtprüfungsleistungen, Joint-Audits, Marktstruktur, Konzentration, Externe Rotation, Corporate Governance, Prüfungsqualität, Marktversagen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch die von der Europäischen Kommission im Grünbuch 2010 vorgeschlagenen Regulierungsmaßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit von Abschlussprüfern aus einer rechtsökonomischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die ökonomische Rolle des Abschlussprüfers als Informationsintermediär, Agency-Probleme im Verhältnis zwischen Management, Eigentümern und Prüfern sowie die Effektivität staatlicher Regulierungseingriffe in den Markt.
Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu prüfen, ob die von der Kommission diskutierten Regulierungsoptionen, wie externe Pflichtrotation oder das Verbot von Nichtprüfungsleistungen, ökonomisch gerechtfertigt und zur Stärkung der Unabhängigkeit sowie Prüfungsqualität zweckdienlich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt einen rechtsökonomischen Analyseansatz, bei dem geltende und geplante Regeln an wohlfahrtsökonomischen Kriterien (wie dem Coase-Theorem) gemessen werden, um staatliche Interventionen gegenüber marktbasierenden Lösungen zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung von Interessenkonflikten in der Prüfung, der Bedeutung der Unabhängigkeit für die Corporate Governance und der detaillierten rechtsökonomischen Prüfung ausgewählter Grünbuch-Vorschläge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere geprägt durch Begriffe wie Unabhängigkeit, Abschlussprüfung, rechtsökonomische Analyse, Agency-Theorie, Informationsintermediär, Marktkonzentration, Joint-Audits und externe Rotation.
Warum wird das Verbot von Nichtprüfungsleistungen im Text kritisch gesehen?
Der Autor argumentiert, dass ein solches Verbot den "Knowledge Spillover"-Effekt (Nutzung von Beratungswissen für eine risikoorientierte Prüfung) unterbindet und weder empirisch noch theoretisch zweifelsfrei eine höhere Prüfungsqualität belegt ist.
Wie steht der Autor zu einer externen Pflichtrotation?
Der Autor lehnt eine externe Pflichtrotation als ineffizient ab, da sie zu steigenden Kosten (Sunk Costs bei Einarbeitung), einem möglichen Verlust an mandantenspezifischem Know-how und einer tendenziellen Konzentration des Marktes auf "Big-4"-Gesellschaften führen kann.
- Quote paper
- Sebastian Naujoks (Author), 2011, Informationsintermediäre: Unabhängigkeit der Abschlussprüfung als Europäische Herausforderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174701