In der schweizerischen Sprachsituation gibt es zwei Besonderheiten, die auch die SMS-Kommunikation beeinflussen: Einerseits besteht in der Schweiz eine Diglossie mit der deutschen Standardsprache und dem schweizerdeutschen Dialekt. Das heisst, dass beide Sprachen nebeneinander existieren, aber unterschiedliche Anwendungsbereiche haben. Andererseits gibt es in der deutschen Standardsprache als einzige der umliegenden Sprachen die Substantivgrossschreibung. Dadurch stellt sich die Frage, inwiefern die Verschriftung der Schweizerdeutschen Mundart insbesondere in Bezug auf die Gross- und Kleinschreibung durch die deutsche Standardsprache beeinflusst wird. Die Leitfrage ist: Wird die standardsprachliche Gross- und Kleinschreibung in schweizerischen dialektal verfassten SMS-Nachrichten übernommen?
Die Untersuchung wird am "Swiss SMS Corpus" durchgeführt. Dieses Korpus ist im Rahmen eines Projekts entstanden, das von der "Swiss National Science Foundation" finanziert wurde. Es besteht aus rund 26'000 SMS, wovon circa 41% auf Schweizerdeutsch verfasst sind. Sie wurden zwischen 2009 und 2011 von der Schweizer Bevölkerung als Reaktion auf Aufrufe in der Presse eingesandt.
Die Arbeit beginnt mit einer Beschreibung der Sprachsituation in der Schweiz, die sich vor allem auf das Verhältnis zwischen Dialekt und Standardsprache fokussiert. Danach folgen die Teile zur SMS-Kommunikation und zur Gross- und Kleinschreibung im Deutschen. Im zweiten Teil der Arbeit wird eine empirische Untersuchung anhand von über 2000 Nachrichten des "Swiss SMS Corpus" zur Beantwortung der Leitfrage, ob die standardsprachliche Gross- und Kleinschreibung in schweizerischen dialektal verfassten SMS-Nachrichten übernommen wird, durchgeführt. Zum Schluss werden die Ergebnisse dieser Untersuchung besprochen und mögliche Interpretationen aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Sprachsituation in der Schweiz
2. SMS-Kommunikation
3. Gross- und Kleinschreibung im Deutschen
3.1 Hintergründe der Gross- und Kleinschreibung
3.2 Exkurs: Problematik der Substantivdefinition
4. Die Gross- und Kleinschreibung im Dialekt in Schweizer SMS
4.1 Schreiben im Dialekt
4.2 Versuchsaufbau
4.3 Empirische Untersuchung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die orthografischen Regeln der deutschen Standardsprache zur Gross- und Kleinschreibung in schweizerdeutschen, dialektal verfassten SMS-Nachrichten Anwendung finden. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob sich die Normen der Standardsprache in der informellen digitalen Kommunikation widerspiegeln oder ob das Fehlen einer verbindlichen Dialektschreibung sowie das Medium selbst zu einer tendenziellen Kleinschreibung führen.
- Diglossie-Verhältnis zwischen Dialekt und Standardsprache in der Schweiz
- Konzeptionelle Mündlichkeit und informeller Charakter der SMS-Kommunikation
- Die Entwicklung und Problematik der Substantivgrossschreibung im Deutschen
- Empirische Analyse des "Swiss SMS Corpus" anhand definierter orthografischer Regeln
- Einflussfaktoren wie Handytastaturen und fehlende dialektale Orthografie auf die Schreibweise
Auszug aus dem Buch
3.2 Exkurs: Problematik der Substantivdefinition
Die Regel lautet: "Substantive schreibt man gross." Dazu muss man aber wissen, was ein Substantiv ist. Die Schwierigkeit liegt darin, dass dieser Regel kein statisches Substantivkonzept zugrunde liegt, bei dem man einfach im Wörterbuch nachschlagen könnte, ob ein Wort zu den Substantiven gehört oder nicht. Das Konzept ist ein dynamisches, das heisst, dass ein Wort in einem Satz ein Substantiv sein und in einem anderen einer anderen Wortart angehören kann. Zur Bestimmung im Satz gibt es den semantischen, morphologischen und syntaktischen Ansatz.
In der Schule lernt man meist zuerst den semantischen, der besagt, dass ein Substantiv "ein Abbild der Gegebenheit der objektiven Realität" oder "gegenständlich im weitesten Sinn" (vgl. Müller 2016, 31) ist. In der Grundschule wird den Kindern auch oft gesagt, man schreibe gross, was man anfassen könne. Der morphologische Ansatz funktioniert über die Flexion: Ein Substantiv ist, was nach Kasus und Numerus flektiert werden kann, aber genusfest ist (vgl. Ossner 2010, 192). Beim syntaktischen Ansatz steht nicht nur das Wort, sondern vor allem auch der umliegende Satz im Fokus. Substantive sind die potenziellen Kerne von Nominalgruppen, ausserdem sind sie artikelfähig, attributtierbar zum Beispiel durch ein Adjektiv oder ein Genitivattribut (vgl. Fuhrhop 2015, 47) und es kann auf sie referiert werden (vgl. Ossner 2010, 194).
Es ist allerdings so, dass keiner dieser Ansätze allein alle Substantivgrossschreibungen erklären kann, sich die einzelnen Ansätze in Bezug auf die Extension des Majuskelgebrauchs unterscheiden (vgl. Müller 2016, 30) und vor allem, dass es viele Substantive gibt, die einige in den Ansätzen aufgeführte Kriterien erfüllen und andere nicht. Dazu hat Nanna Fuhrhop die Prototypentheorie (vgl. Fuhrhop 2015, 41) aufgestellt: Sie verwendet dazu die Merkmale flektierbar nach Kasus und Numerus, festes Genus, Artikelfähigkeit und syntaktische Funktion als Subjekt, Objekt, Teil von Präpositionalgruppe, Genitivattribute oder Adverbiale.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die schweizerische Sprachsituation, die Forschungsfrage sowie Vorstellung der Datengrundlage ("Swiss SMS Corpus").
1. Die Sprachsituation in der Schweiz: Beschreibung des Verhältnisses zwischen Standardsprache und Dialekt unter besonderer Berücksichtigung der Diglossie.
2. SMS-Kommunikation: Erläuterung der technischen und kommunikativen Rahmenbedingungen sowie sprachlicher Merkmale der SMS als Medium.
3. Gross- und Kleinschreibung im Deutschen: Theoretische Auseinandersetzung mit der Entwicklung, Normierung und den Schwierigkeiten der deutschen Grossschreibung.
3.1 Hintergründe der Gross- und Kleinschreibung: Historische Herleitung und Diskussion um die Vor- und Nachteile der Substantivgrossschreibung.
3.2 Exkurs: Problematik der Substantivdefinition: Untersuchung der methodischen Ansätze zur Identifikation von Substantiven im Satzgefüge.
4. Die Gross- und Kleinschreibung im Dialekt in Schweizer SMS: Anwendung der theoretischen Grundlagen auf die Analyse von dialektalen SMS-Texten.
4.1 Schreiben im Dialekt: Analyse der Normlosigkeit und der praktischen Herausforderungen beim Verfassen dialektaler Schrifttexte.
4.2 Versuchsaufbau: Beschreibung des Korpus, der Auswahlkriterien für die Untersuchungsgruppe und der angewandten Untersuchungsmethode.
4.3 Empirische Untersuchung: Darstellung und Interpretation der statistischen Ergebnisse bezüglich der Einhaltung orthografischer Grossschreibregeln.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsthese zur Tendenz zur Kleinschreibung in Schweizer SMS.
Schlüsselwörter
Schweizerdeutsch, SMS-Kommunikation, Diglossie, Dialekt, Gross- und Kleinschreibung, Orthografie, Swiss SMS Corpus, Substantivgrossschreibung, Schriftsprache, Medienlinguistik, Sprachnormen, Dialektale Verschriftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das orthografische Verhalten von Schweizer Nutzern beim Verfassen von SMS-Nachrichten im Dialekt, speziell im Hinblick auf die Einhaltung der deutschen Regeln zur Gross- und Kleinschreibung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die schweizerische Diglossie, die Entwicklung der deutschen Substantivgrossschreibung sowie die medienlinguistischen Besonderheiten der SMS-Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Leitfrage lautet: Wird die standardsprachliche Gross- und Kleinschreibung in schweizerischen dialektal verfassten SMS-Nachrichten übernommen oder überwiegt eine Tendenz zur Kleinschreibung?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine korpusbasierte empirische Untersuchung, bei der über 1700 Nachrichten aus dem "Swiss SMS Corpus" auf Basis definierter Duden-Regeln quantitativ ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Sprachsituation und die SMS-Kommunikation, eine Erläuterung der Grossschreibregeln und eine detaillierte empirische Auswertung inklusive Versuchsaufbau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Schweizerdeutsch, Diglossie, Orthografie, Substantivgrossschreibung und mediale Kommunikation charakterisieren.
Welche Rolle spielt die "Prototypentheorie" in dieser Untersuchung?
Die Theorie nach Nanna Fuhrhop dient dazu, die Schwierigkeit bei der Definition von Substantiven zu illustrieren, da Wörter je nach Kontext unterschiedlich stark ausgeprägte Substantivmerkmale aufweisen.
Warum spielt das Medium der SMS eine so wichtige Rolle für die Ergebnisse?
Das Medium wird als mitentscheidend angesehen, da die damalige technische Beschränkung (Zahlentastaturen) und der informelle Charakter der SMS dazu führten, dass Schreiber seltener auf korrekte Grossschreibung achteten.
- Quote paper
- Natascha Frey (Author), 2018, Die Gross- und Kleinschreibung in dialektalen SMS in der Schweiz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1744874