Allen entwickelten Gesundheitssystemen ist in der heutigen Zeit die Einsicht gemein, dass zur Gewährleistung einer finanzierbaren Gesundheitsversorgung gewisse Steuerungsmechanismen notwendig sind. Im Folgenden sollen insbesondere die Bemühungen in Deutschland und England, dem Problem der Finanzierbarkeit durch Priorisierung und Rationierung zu begegnen, dargestellt werden. Auf Basis einer vergleichenden, kritischen Analyse soll dabei insbesondere untersucht werden, inwieweit das englische Modell als Orientierung für die weitere Entwicklung in Deutschland dienen könnte. Hieraus wird klar werden, dass in Deutschland zwar einschneidende Veränderungen notwendig sind, dabei aber spezifische ethische und verfassungsrechtliche Grenzen beachtet werden müssen.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung / Vorgehensweise
B. Definitionen
C. Die Problematik der steigenden Kosten
D. Der englische Ansatz
I. Rahmenbedingungen
II. Entscheidungsebenen
1. Makroallokationsebene
2. Mesoallokationsebene
a. Primary Care Trusts
b. NICE
aa) Allgemeines
bb) Demokratische Legitimation
(1) Herkömmliche Legitimationswege
(2) Accountability for reasonableness
(3) Die „enforcement condition“ - Gerichtliche Kontrolldichte
cc) Methoden
(1) Kosten-Nutzen-Bewertung
(2) “Social value judgements”
dd) Das threshold-Problem und die Auswirkungen von NICE
ee) Fazit / Einordnung von NICE
c. Exceptional case review
3. Mikroallokationsebene
E. Der deutsche Ansatz
I. Rahmenbedingungen
II. Entscheidungsebenen
1. Makroallokationsebene
a. Explizite Leistungsausschlüsse
b. Die Grundregel des Leistungsrechts
c. Neuere Entwicklungen
2. Mesoallokationsebene
a. Grundsätzliche Entscheidungen durch den GBA
b. Sonderfall: Medikamentenversorgung
c. Demokratische Legitimation
3. Mikroallokationsebene
F. Evaluation
I. Das „Notwendige“ als verfassungsrechtlich determinierter Mindestanspruch?
1. Das medizinische Existenzminimum
2. Ist implizite Rationierung akzeptabel?
3. Haftungsrechtliche Grenzen und Organisationsaufklärung
4. Ergebnis
II. Kosten-Nutzen-Berechnungen
1. Allgemein
a. Ethische Einwände
b. Verfassungsrechtliche Einwände aus deutscher Sicht
c. Ergebnis
2. Bewertungsmethoden im Einzelnen
a. IQWIG
b. QALYs
aa) Vorteile
bb) Generelle Einwände
cc) Zur Schwierigkeit der Bewertung der Lebensqualität
dd) Diskriminierung durch QALYs?
c. Ergebnis
III. Altersdiskriminierung im Speziellen
1. Ethische Argumente
2. Rechtliche Probleme mit Altersdiskriminierung
3. Ergebnis
G. Ergebnis und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Notwendigkeit von Priorisierung und Rationierung im Gesundheitswesen, um eine finanzierbare Versorgung zu gewährleisten. Dabei wird kritisch analysiert, inwieweit das englische Modell der Steuerung als Orientierung für Deutschland dienen kann, unter Berücksichtigung ethischer und verfassungsrechtlicher Grenzen.
- Vergleichende Analyse der Gesundheitssysteme in Deutschland und England
- Methoden der Priorisierung und Rationierung (z.B. NICE vs. IQWIG)
- Verfassungsrechtliche Rahmenbedingungen und Leistungsgrenzen
- Ethische Bewertung von Kosten-Nutzen-Analysen (insb. QALYs)
- Herausforderungen durch demographischen Wandel und technologischen Fortschritt
Auszug aus dem Buch
C. Die Problematik der steigenden Kosten
Die Grundannahme der Priorisierungsdebatte ist zunächst, dass im Gesundheitsbereich Ressourcen generell begrenzt sind, während die Nachfrage nahezu unbegrenzt ist. Eine Priorisierung in der einen oder anderen Form sei daher unerlässlich. Selbst in der neueren Literatur ist diese Ansicht jedoch nicht ganz unumstritten und deshalb begründungsbedürftig.
So wurde insbesondere vor dem Hintergrund des im internationalen Vergleich historisch eher niedrigen Ausgabeniveaus in England vereinzelt argumentiert, eine adäquate Versorgung könne durch bloße Verbreiterung der Einnahmebasis sichergestellt werden. Ebenso konzentrierte sich die Diskussion in Deutschland lange Zeit vor allem auf die Einnahmenseite der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sowie Maßnahmen zur weiteren Rationalisierung.
Selbst Vertreter dieser Richtung müssen jedoch eingestehen, dass die Nachfrage nur dann wirklich begrenzt ist, wenn diese normativ bestimmt wird („legitimate demand“). In Abwesenheit eines Konsenses über den Umfang dieser Bestimmung führt jedoch auch dies unweigerlich zu der Frage der Verteilungsgerechtigkeit und damit der angemessenen Priorisierung.
Dementsprechend leuchtet ein, dass neue, teure Technologien, die die Behandlung von bisher unheilbaren Krankheiten erst möglich machen und damit eine neue Erwartungshaltung begründen, das verstärkte Entstehen oder zumindest die verstärkte Beachtung von chronischen Krankheiten sowie der demographische Wandel auch weiterhin dazu beitragen werden, dass Kosten im Gesundheitswesen auf absehbare Zeit noch weiter steigen werden. So haben z.B. Hochrechnungen in Deutschland ergeben, dass sich der Beitragssatz für die GKV bei Beibehaltung des traditionellen Leistungsversprechens bis zum Jahr 2040 verdoppeln könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung / Vorgehensweise: Einführung in die Problematik der Finanzierbarkeit und Zielsetzung einer vergleichenden Analyse zwischen Deutschland und England.
B. Definitionen: Erläuterung der Begriffe Priorisierung, Rationierung sowie der Unterscheidung zwischen offenen und heimlichen bzw. expliziten und impliziten Maßnahmen.
C. Die Problematik der steigenden Kosten: Untersuchung der Ursachen für Kostensteigerungen, wie demographischer Wandel und technischer Fortschritt, und Hinterfragung der Unvermeidbarkeit von Priorisierung.
D. Der englische Ansatz: Detaillierte Darstellung der Strukturen im englischen NHS, insbesondere der Rolle von NICE bei der Allokationssteuerung.
E. Der deutsche Ansatz: Analyse der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen des deutschen Systems und der neueren Rolle von IQWIG und GBA.
F. Evaluation: Kritische Bewertung ethischer und verfassungsrechtlicher Aspekte, Kosten-Nutzen-Methoden sowie Fragen der Altersdiskriminierung.
G. Ergebnis und Ausblick: Fazit zur notwendigen Weiterentwicklung hin zu mehr Transparenz und expliziten Kriterien unter Berücksichtigung nationaler Gegebenheiten.
Schlüsselwörter
Priorisierung, Rationierung, Gesundheitswesen, Kosten-Nutzen-Analyse, QALY, NICE, IQWIG, Verteilungsgerechtigkeit, GKV, NHS, Altersrationierung, Verfassungsrecht, Allokationsentscheidungen, Medizinethik, Effizienzgrenze.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Notwendigkeit und den ethisch-rechtlichen Grenzen von Priorisierungs- und Rationierungsmaßnahmen in den Gesundheitssystemen von England und Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Frage nach der Finanzierbarkeit, der Umgang mit knappen Ressourcen, die Methoden der Kosten-Nutzen-Bewertung sowie die demokratische Legitimation von Entscheidungsinstitutionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine rechtsvergleichende Analyse, um zu untersuchen, ob das englische Modell (insb. die Rolle von NICE) als Vorbild für eine transparentere Priorisierung in Deutschland dienen kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine rechtsvergleichende, kritische Literaturanalyse, die ökonomische und ethische Perspektiven in die rechtliche Bewertung integriert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil besonders hervorgehoben?
Besonderer Schwerpunkt liegt auf den Allokationsebenen, der Rolle von Institutionen wie NICE und IQWIG sowie der Problematik von QALYs als Bewertungsinstrument.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind explizite vs. implizite Rationierung, Accountability for Reasonableness, das medizinische Existenzminimum und die Vereinbarkeit von Wirtschaftlichkeit mit Grundrechten.
Wie bewertet der Autor die Rolle von NICE in England?
NICE wird als Beginn einer expliziten, offenen Rationierung auf nationaler Ebene gewürdigt, wobei jedoch die Grenzen der Anwendung und die methodischen Probleme (Threshold-Problem) kritisch beleuchtet werden.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung für das deutsche System?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Deutschland zwar vor einer stärkeren Ökonomisierung steht, bei der Priorisierung jedoch strengere verfassungsrechtliche Anforderungen (Grundgesetz, Existenzminimum) zu beachten sind als in England.
- Arbeit zitieren
- Jörg Oesterle (Autor:in), 2009, Priorisierung und Rationierung im Gesundheitswesen. Das englische Modell als Vorbild für Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174237