Aus der Einleitung: Die Sondersprachenforschung befasst sich mit den sprachlichen Varietäten sozialer (Rand-)Gruppen, wozu auch die Geheimsprachen gehören. Die Wiener Gaunersprache – mit der sich meine Hausarbeit beschäftigt – ist eine solche Geheimsprache. Es liegt nahe, dass besonders bei kriminellen Aktivitäten höchste Geheimhaltung geboten ist. Dies geht folglich mit der Verschlüsselung der Sprache einher, um gewisse Nachrichten für Außenstehende unverständlich zu machen. Doch schon früh versuchte besonders die Obrigkeit, diese Geheimsprache zu entschlüsseln. So erstellte man so genannte Gaunerwörterbücher. Dies waren, wie der Name schon besagt, Wörterbücher mit Gaunerfachausdrücken. Diese verfolgten den Zweck, auf frischer Tat ertappte kleine Gauner besser zu verstehen und so der Tat zu überführen. Es diente den Polizisten also dazu, die Unterhaltungen und vor allem die Korrespondenzen von Strafhäftlingen nachzuvollziehen. So erklärt zum Beispiel Rudolph Fröhlich in seinem Buch „Die Gefährlichen Klassen Wiens“ wo der Ausdruck müllisieren (verhaftet werden) wahrscheinlich seinen Ursprung hat: „In den Gefängnissen ist das hauptsächliche Unterhaltungsspiel der lange Puff, auch Mühle ziehen genannt.“ So hat man, nachdem man müllisiert wurde also wieder viel Zeit, sich mit ‚Mühle ziehen’ zu beschäftigen.
Die Quellen der Gaunerwörterbücher speisten sich aus Verhören und Gesprächen der Kriminalbeamten mit Verbrechern, Zuhältern und Dirnen, Kerkerinschriften (beispielsweise Graffiti in Gefängnissen) sowie aus Briefen und Notizen von Verbrechern und bereits aufgezeichneten Wortsammlungen seit 1805.
Es gibt aber immer noch Fragen, die sich mir stellen: Wieso heißen die Gauner in Wien „Wiener Galerie“? Was beeinflusst und beeinflusste sie? Wie sieht die Zukunft der Gaunersprache aus und welche Auswüchse hat diese Sprache? Diese Fragen versuche ich in meiner Arbeit zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Die Wiener Galerie
2 Die Sprache der Wiener Galerie
2.1 Einführendes
2.2 Einflüsse und Besonderheiten
2.2.1 Einfluss der Sinti und Roma
2.2.2 Deutscher Einfluss
2.2.3 Politische Einflüsse
2.2.4 Fachsprachen
2.2.5 Die Paragraphensprache
2.2.6 Bedeutungswandel
2.2.7 Endsilbe
2.2.8 Polysemie (Bedeutungsvielfalt)
2.2.9 Die O-Sprache
3 Gaunerwörterschwund
4 Gaunerzinken
5 Das Verständigen in Gefängnissen
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und soziolinguistischen Hintergründe der Wiener Gaunersprache als spezialisierte Geheimsprache einer sozialen Randgruppe und analysiert deren Entwicklung, Struktur sowie die Mechanismen der internen Kommunikation unter Kriminellen.
- Historische Herleitung und Etymologie zentraler Begriffe der Wiener Unterwelt
- Einflussfaktoren wie das Sinti- und Romanes-Vokabular sowie politische Entwicklungen
- Methoden der nonverbalen Kommunikation durch Gaunerzinken
- Spezifische Strategien der Verständigung und Informationsübermittlung in Gefängnissen
- Ursachen für den schleichenden Rückgang und Wandel der Sondersprache
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Fachsprachen
Auch unter Galeristen gibt es so genannte „Fachidioten“, denn nicht nur bei Ärzten und Ingenieuren, sondern auch bei Ganoven bilden sich immer mehr Fachkräfte heraus. So gibt es beispielsweise Spezialisten für autogenes Schweißen, psychologisch vorgebildete Taschendiebe (so genannte Schlieberer) usw. All diese spezialisierten Ganoven haben wiederum ihre speziellen Fachausdrücke innerhalb der Galeristensprache. So hat man als Kasinobetrüger einen so genannten Bogl oder auch Bogmacher. Das Arbeitsgerät heißt Knödel und ist ein zusammengefalteter Geldschein, der auf den Roulettetisch gelegt wird. Gewinnt der Spieler, so tauscht der Bogl den Knödel blitzschnell gegen einen Kontraknödel um. Dieser Kontraknödel sieht äußerlich zwar genau wie der Knödel aus, besteht aber aus mehreren gefalteten Geldscheinen. Somit hat der Spieler einen größeren Betrag gespielt und gewinnt daher auch mehr.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung führt in die Sondersprachenforschung ein und erläutert den Zweck historischer Gaunerwörterbücher zur Entschlüsselung krimineller Kommunikation.
1 Die Wiener Galerie: Dieses Kapitel ergründet die Herkunft der Bezeichnung "Galerist" und untersucht verschiedene Thesen zur Selbstbenennung der Wiener Gauner.
2 Die Sprache der Wiener Galerie: Hier werden die linguistischen Einflüsse, von Sinti und Roma bis hin zu politischen und fachspezifischen Komponenten, detailliert analysiert.
3 Gaunerwörterschwund: Das Kapitel thematisiert die Gründe für den Rückgang der Gaunersprache, wie etwa die Resozialisierung und den Übergang der Begriffe in die allgemeine Umgangssprache.
4 Gaunerzinken: Es wird die nonverbale Kommunikation durch spezielle Zeichen (Zinken) beschrieben, die an Gebäuden zur Informationsweitergabe unter Kriminellen genutzt wurden.
5 Das Verständigen in Gefängnissen: Dieses Kapitel beleuchtet die kreativen Methoden der Informationsübermittlung innerhalb von Justizvollzugsanstalten, wie das "Pendeln" oder Klopfzeichen.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Gaunersprache zusammen und stellt fest, dass ihr Verschwinden aus der subkulturellen Anwendung durch die Dokumentation in der Sondersprachenforschung bewahrt wird.
Schlüsselwörter
Wiener Gaunersprache, Geheimsprache, Sondersprachenforschung, Wiener Galerie, Gaunerzinken, Rotwelsch, Fachsprache, Paragraphensprache, Gefängniskommunikation, Resozialisierung, Bedeutungswandel, Kassiber, Sinti und Roma, Unterwelt, Linguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Wiener Gaunersprache, ihrer historischen Entstehung sowie den spezifischen Mechanismen, die diese Sondersprache für Außenstehende unverständlich machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf den etymologischen Ursprüngen der Begriffe, der sozialen Identität der "Galeristen", der Bedeutung von Gaunerzinken und den Kommunikationsformen im Gefängnis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Geheimhaltung der Wiener Unterwelt zu verstehen und die Einflussfaktoren zu analysieren, die diese spezifische Sprachvariante geprägt und im Laufe der Zeit wieder verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive linguistische Untersuchung, die auf der Analyse von Fachliteratur, historisch belegten Wörterbüchern und den Aufzeichnungen von Sondersprachenforschern basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Einflüsse durch andere Kulturen, die Entwicklung der "Paragraphensprache", der Prozess des Sprachschwunds und die praktischen Methoden der kriminellen Informationsübermittlung detailliert erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Rotwelsch, Gaunerzinken, Kassiber, Wiener Galerie und Bedeutungswandel sind für das Verständnis der in der Arbeit behandelten Sondersprache essenziell.
Was genau ist ein "Knödel" im Kontext der Gaunersprache?
Im Kontext der Kasinobetrugsmasche bezeichnet ein "Knödel" einen präparierten, zusammengefalteten Geldschein, der genutzt wird, um das Spiel zu manipulieren.
Warum spielt die Paragraphensprache eine Rolle?
Sie verdeutlicht den "Berufsstolz" und das Streben nach Geheimhaltung, indem kriminelle Taten durch Paragraphennummern verschlüsselt werden, um sie für Uneingeweihte zu kaschieren.
Wie wurde die "O-Sprache" zur Verschlüsselung genutzt?
Bei der O-Sprache werden durch die Manipulation von Vokalen und Konsonanten Wortstrukturen so verändert, dass die Kommunikation für ungeübte Zuhörer bei schnellem Sprechtempo unverständlich wird.
Was bedeutet das "Wam" in diesem Milieu?
Das "Wams" ist ein stigmatisierender Begriff für einen Verräter innerhalb der Wiener Unterwelt, der häufig mit einer körperlichen Markierung (dem "Zinken") verbunden war.
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- Maria Reichmann (Author), 2007, Die Wiener Gaunersprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173063