Der Gregorius Hartmanns von Aue hat, trotz seiner „vergleichsweise guten Überlieferung, in der Forschung eher eine Abseitsstellung inne. Dies liegt meines Erachtens vor allem daran, dass Hartmann mit dem Erec und dem Iwein zwei Artusepen geschaffen hat, die sich allein aufgrund ihrer Konzeption zur Analyse bestens eignen. Die im Vergleich dazu wenig vorhandene Forschungsliteratur zum Gregorius beschränkt sich meist auf die Beschäftigung mit der Gattungsfrage oder dem Schuld-Sühne-Komplex. Leider fehlt eine Untersuchung zu der narrativen Funktion des Erzählers im Gregorius. Zwar hat Paul Herbert Arndt bereits 1980 in seiner Dissertation den Erzähler bei Hartmann von Aue untersucht, allerdings im Hinblick auf den Gregorius lediglich vergleichend zu den übrigen Werken Hartmanns. Eine eigenständige Analyse des Gregorius ist folglich auch bei Arndt nicht gegeben. Trotzdem greife ich in meiner Arbeit auf diejenigen Ergebnisse seiner Untersuchung zurück, die mir im Hinblick auf die Formkategorien und die narrative Funktion als sinnvoll erscheinen. Zudem erwies es sich im Hinblick auf die Formen des Erzählerauftretens als lohnenswert, zwei weitere Analysen hinzuzuziehen.
Zur Kategorisierung der Erzählerstellen im Gregorius ist es zunächst einmal nötig, die Erzählerstellen zu sammeln und miteinander zu vergleichen. Dies war nötig, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Erzählerstellen zu identifizieren und sie so in Kategorien ordnen zu können. Deshalb wurden im Vorfeld dieser Arbeit die Textstellen erfasst, in denen sich der Erzähler zeigt. Anschließend wurden diese zu Kategorien zusammengefasst.
Insgesamt ließen sich über 40 Erzählerstellen im Gregorius herausarbeiten. Ich möchte mich in meiner Arbeit eher den kurzen, bis jetzt wenig beachteten Passagen zuwenden, da sie wertvolle Hilfestellung liefern. Denn gerade die unscheinbaren Textstellen sind im Hinblick auf die narrative Funktion besonders wichtig, wenn zum Beispiel eine Rezipientenlenkung erreicht werden soll. Im Hauptteil werde ich die verschiedenen Formen der Erzählerstellen analysieren. Zuvor werden die Voraussetzungen geklärt, die nötig sind, um die Erzählerstellen zu identifizieren. Die Kategorien der Erzählerstellen werden dann getrennt analysiert und auf ihre narrative Funktion hin untersucht. Abschließend wird mit Blick auf die Frage nach der narrativen Funktion die Formkategorie überprüft. In der abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse gebündelt und miteinander verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Analyse der narrativen Funktion des Erzählers im Gregorius
2.1. Identifikation der Erzählerstellen
2.2. Kategorien der Erzählerstellen
2.2.1. Vorausdeutungen im Gregorius
2.2.2. Beglaubigungen im Gregorius
2.2.3. Wendungen zum Publikum im Gregorius
2.2.4. Wertungen im Gregorius
3. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht in der Untersuchung der narrativen Funktion der Erzählerstellen im „Gregorius“ Hartmanns von Aue. Dabei wird analysiert, wie der Erzähler durch spezifische Formkategorien wie Vorausdeutungen, Beglaubigungen, Wendungen zum Publikum und Wertungen in das Geschehen eingreift, um den Handlungsverlauf zu steuern, den Rezipienten zu lenken oder eine belehrende Wirkung zu erzielen.
- Systematische Identifikation und Kategorisierung von Erzählerstellen.
- Untersuchung der narrativen Funktionen im Kontext der erzählten Welt.
- Vergleich der Erzählerkommentare im „Gregorius“ mit bestehenden Forschungstheorien.
- Analyse der Rezipientenlenkung durch unterschiedliche Erzählstrategien.
- Reflektion über die didaktische bzw. belehrende Funktion des Erzählers.
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Vorausdeutungen im Gregorius
Kennzeichen der Vorausdeutungen ist, dass sie sich mit Inhalten befassen, die im Handlungsverlauf der Geschichte erst später stattfinden. Es kommt daher in der Abfolge der Ereignisse an diesen Stellen zu einem Bruch. Diese Anachronie wird von Scheffel und Martínez als „Umstellung der chronologischen Ordnung einer Ereignisfolge“ definiert. Die Vorausdeutung lässt sich jedoch noch genauer definieren: Im Unterschied nämlich zur Ankündigung handelt es sich hierbei um Eingriffe des Erzählers, auf die der behandelte Inhalt nicht nahtlos folgt. Im Gregorius Hartmanns von Aue konnte ich fünf Vorausdeutungen isolieren. Allerdings erschließt sich keine Mindestanzahl an Versen, an Hand derer man die Ankündigungen von den Vorausdeutungen trennen könnte. Die Prolepsen im Gregorius beziehen sich auf Ereignisse, die 66 – 348 Verse später wieder aufgegriffen werden.
Wichtiger als die Versanzahl ist demzufolge bei der Unterscheidung von Ankündigung und Vorausdeutung der semantische Wert und somit die Chronologie des Erzählten. Zudem ist bemerkenswert, dass alle Vorausdeutungen erstens im Präteritum stehen und zweitens nie Personalpronomina der ersten Person Singular Teil von Vorausdeutungen sind. Die von Arndt als „typische Zeitadverbien“ der Vorausdeutung betitelten Adverbien „sît, unz, noch, nie(mer) mê“ lassen sich in meiner Untersuchung lediglich in zwei von fünf Stellen finden und sind somit lediglich als syntaktisches Indiz, nicht aber als Charakteristikum der Vorausdeutungen geeignet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Der Autor erläutert die Forschungsabseitsstellung des Gregorius und stellt seine Absicht vor, die Erzählerstellen des Werkes hinsichtlich ihrer narrativen Funktionen systematisch zu kategorisieren.
2. Analyse der narrativen Funktion des Erzählers im Gregorius: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem verschiedene Formkategorien des Erzählerauftretens definiert, isoliert und ihre jeweilige narrative Wirkung untersucht wird.
2.1. Identifikation der Erzählerstellen: Es werden die methodischen Voraussetzungen zur Identifikation der Erzählerstellen geklärt und die Problematik eines fehlenden allgemein anerkannten Ordnungssystems im Umgang mit mittelhochdeutscher Literatur erörtert.
2.2. Kategorien der Erzählerstellen: Hier erfolgt die detaillierte Analyse der vier ausgewählten Formkategorien.
2.2.1. Vorausdeutungen im Gregorius: Untersuchung der internen und externen Prolepsen als Mittel zur Spannungssteuerung sowie zur Belehrung des Lesers.
2.2.2. Beglaubigungen im Gregorius: Analyse der Wahrheitsbeteuerungen und Quellenberufungen des Erzählers, die dazu dienen, das Vertrauen des Lesers in die Erzählung zu festigen.
2.2.3. Wendungen zum Publikum im Gregorius: Betrachtung der direkten Leseransprache, die sowohl der Vermeidung von Wiederholungen als auch der Rezipientenlenkung dient.
2.2.4. Wertungen im Gregorius: Untersuchung der Handlungs- und Personenbewertungen durch den Erzähler, die zur moralischen Steuerung des Rezipienten beitragen.
3. Abschließende Betrachtung: Zusammenführung der Ergebnisse, wobei die Eignung der gewählten Formkategorien für die Analyse der narrativen Funktion kritisch bewertet wird.
Schlüsselwörter
Gregorius, Hartmann von Aue, Erzähler, narrative Funktion, Vorausdeutung, Beglaubigung, Wendung zum Publikum, Wertung, Rezipientenlenkung, Prolepse, mittelhochdeutsche Literatur, Erzähltheorie, Fiktionalität, Schuld-Sühne-Komplex, Belehrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der verschiedenen Formen des Erzählerauftretens im mittelhochdeutschen Epos „Gregorius“ von Hartmann von Aue und deren narrativen Funktionen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Kategorisierung von Erzählerstellen (Vorausdeutungen, Beglaubigungen, Wendungen zum Publikum, Wertungen) und deren Auswirkungen auf die Rezipientenlenkung und den Handlungsverlauf.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die spezifische narrative Funktion des Erzählers im „Gregorius“ zu identifizieren, da bisherige Forschungsarbeiten dies nur oberflächlich oder im Vergleich zu anderen Werken Hartmanns behandelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine strukturierte, kategorienbasierte Textanalyse angewandt, die sich methodisch an existierende Erzähltheorien anlehnt, diese jedoch für das spezifische Werk „Gregorius“ adaptiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Identifikation der Erzählerstellen und die detaillierte Untersuchung der vier Kategorien – Vorausdeutungen, Beglaubigungen, Wendungen zum Publikum und Wertungen – auf ihre jeweilige narrative Funktion hin analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie „narrative Funktion“, „Erzähleranalyse“, „Gregorius“, „Rezipientenlenkung“ und „mittelhochdeutsche Literatur“ charakterisieren.
Warum unterscheidet der Autor zwischen internen und externen Vorausdeutungen?
Diese Unterscheidung nach Genette ermöglicht es, unterschiedliche narrative Funktionen zuzuordnen: Interne Prolepsen dienen primär dem Spannungsaufbau, während externe Prolepsen eine belehrende Funktion innehaben.
Welche Rolle spielt der Fischer bei der Untersuchung der Wertungen?
Der Fischer ist die einzige Figur, deren Handlungen durchgehend negativ vom Erzähler bewertet werden, was ihn als Kontrastfigur zu Gregorius hervorhebt und die gezielte Rezipientenlenkung verdeutlicht.
- Quote paper
- Cornelia Johnen (Author), 2009, Analyse der narrativen Funktion des Erzählers in Hartmanns von Aue "Gregorius", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172825