«Une langue vivante est toujours en mouvement.»1
«D’ailleurs, pourquoi le cacher, l’argot n’existe plus guère de nos jours, du moins si l’on s’en tient à une définition pure et dure du phénomène: langage secret des truands et du milieu.»2
Diese beiden auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinenden Aussagen über das linguistische Phänomen Argot möchte ich zum Ausgangspunkt meiner folgenden Untersuchungen nehmen. Argot - une langue vivante oder une langue morte?
Das Argot entstand in Frankreich vor rund 600 – 700 Jahren aus dem Bedürfnis einiger sozialer Schichten – genau genommen der Gauner und kriminellen Banden – sich abzugrenzen, mit einer geheimen und speziellen Sprache, die nur von den Eingeweihten verstanden werden konnte. Caradec beschreibt dies folgendermaßen : «, Idiome artificiel’, dont les mots sont crées pour n’être pas compris par les non-initiés».3
Im Laufe der Jahrhunderte unterlag dieses Phänomen einem grundlegenden Wandel, wie aus dem zweiten oben genannten Zitat hervorgeht. Doch was ist aus dem ursprünglichen Argot geworden? Existiert das Argot noch, gibt es noch Sprecher? Wenn ja, welche Funktionen erfüllt es heute? Ist es noch eine lebendige Sprache und unterliegt es somit auch noch bestimmten Wandlungsprozessen?
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich auf diese Fragen Antworten finden. Zu diesem Zweck habe ich mir vor allem die Vorwörter verschiedener Argot-Wörterbücher, zu den unterschiedlichsten Zeiten veröffentlicht, zum Maßstab genommen. Sehr interessant und aufschlussreich sind außerdem Vergleiche zwischen Inhalten mehrerer unterschiedlich alter – bzw. neuer - Wörterbücher; sie zeigen die Entwicklung des Argots an praktischen Beispielen.
Wegweisend in der Argot-Forschung sind auch die Werke Francois Caradecs4 und Louis-Jean Calvets5 , ersteres vor allem die neuesten Entwicklungen des Argots betreffend.
Um einen Überblick über die Entwicklung des Argots von seiner Entstehung bis heute zu gewinnen, möchte ich - unter Einbeziehung der genannten Werke - nach einer kurzen Erläuterung des Argots als linguistisches Phänomen zuerst die Geschichte des Argots ab dem 15. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert zusammenfassen. Über einen Exkurs in die Literatur dieser Zeitspanne, um das Argot an ganz praktischen Beispielen aufzuzeigen, komme ich schließlich zu den neueren und neuesten Entwicklungen und den heutigen Funktionen des Argots, «des usages sociaux qui lui ont donné naissance et qui prolongent sa vie […]».6
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erläuterung des Begriffes Argot; Allgemeine Informationen
3. Die Entwicklung des Argots vom 14. bis zum 21. Jahrhundert
3.1. Zusammenfassung der Entwicklung vom 14. bis zum 19. Jahrhundert
3.1.1. Exkurs in die Literatur (15. und 19. Jahrhundert)
3.2. Die Entwicklung des Argots ab dem 20. Jahrhundert – Das Argot im Wandel
3.2.1. Die Funktionen des argot commun
4. Zusammenfassung – Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das französische Argot und dessen historischen sowie strukturellen Wandel von einer geheimen Sprache krimineller Milieus zu einem sozialen Phänomen mit ludischen Funktionen. Das primäre Ziel ist die Analyse der sprachlichen Entwicklung anhand von Wörterbuch-Vorwörtern und literarischen Zeugnissen, um die heutige Bedeutung und Verwendung des Argots in der modernen Gesellschaft zu bestimmen.
- Historische Entstehung und soziale Abgrenzung des Argots
- Die Rolle des Argots in der Literatur des 15. und 19. Jahrhunderts
- Stetige Erneuerung und lexikalische Innovationen
- Semantische Phänomene: Polysemie und Synonymie
- Soziale und ludische Funktionen des modernen Argot commun
Auszug aus dem Buch
3. 1. 1. Exkurs in die Literatur
Schon seit dem 15. Jahrhundert fühlten sich französische Autoren – Poeten, Romanciers, Dramatiker – von der Unterwelt und ihrer Sprache angezogen; Fernand Ègéa spricht sogar von « toute une littérature argotique »17, welche ihren Ursprung in den berühmten « ballades en jargon » von François Villon hat, ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert mit Poeten wie Aristide Bruant, Richepin oder Jehan Rictus und Romanciers wie Balzac, Zola, Hugo; nicht zu vergessen die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wie Céline, Jean Genet, Albert Simonin oder San-Antonio. Heute wird das Argot vor allem in Kriminalromanen verwendet.
Ich möchte in diesem Kapitel einen Einblick in die Werke zweier Autoren geben; zum einen in die Verwendung argotischer Wörter in den « ballades en jargon » von Villon, die am Anfang argotischer Literatur stehen, und zum anderen in « Les Misérables » von Hugo, der im 19. Jahrhundert das Argot auch zu einem sozialen Phänomen machte.
François Villon (1431 – nach 1463) ist der wohl bekannteste Dichter, der zuerst argotische Ausdrücke in seinen Werken verwandt hat. In sechs seiner insgesamt 11 Balladen findet sich eine Fülle von argotischen Ausdrücken, die mit dem Vokabular der Coquillards (siehe Kapitel 3.1.) übereinstimmen. Diese Balladen stellen auch heute noch ein Interpretationsproblem dar und es existieren zahlreiche Übersetzungen und Interpretationen. Den sehr ausführlichen Kommentaren Armand Ziwes’18 und Pierre Guirauds19 ist es zu verdanken, dass die ungeheure Komplexität der sechs Balladen, welche jeweils einem bestimmten kriminellen Bereich zugeordnet werden können, größtenteils aufgeschlüsselt ist. Guiraud teilt jede der sechs Balladen in drei Bedeutungsebenen auf: Die erste richtet sich an die Mitglieder der kriminellen Bande Les Coqillards, gibt ihnen Ratschläge und informiert sie über die Strafen für kriminelle Taten. Die zweite Bedeutungsebene betrifft die Betrügerei im Glücksspiel und die dritte behandelt das „Spiel“ des Analverkehrs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur Entwicklung des Argots als lebendige Sprache und deren Wandel von der Geheimsprache hin zum sozialen Phänomen vor.
2. Erläuterung des Begriffes Argot; Allgemeine Informationen: Dieses Kapitel definiert Argot historisch als Sprache von Bettler- und Gaunergruppen und erläutert formale Verfahren der Wortbildung.
3. Die Entwicklung des Argots vom 14. bis zum 21. Jahrhundert: Der Abschnitt bietet einen Überblick über die chronologische Ausbreitung argotischer Elemente, von der ersten Dokumentation der Coquillards bis hin zur modernen Sprachwissenschaft.
3.1. Zusammenfassung der Entwicklung vom 14. bis zum 19. Jahrhundert: Hier wird der historische Prozess detailliert beschrieben, wobei die Erweiterung des Begriffs auf verschiedene Berufsgruppen und die damit einhergehende Entstehung des argot moderne beleuchtet werden.
3.1.1. Exkurs in die Literatur (15. und 19. Jahrhundert): Dieser Exkurs analysiert die literarische Adaption von Argot durch Autoren wie François Villon und Victor Hugo und deren Beitrag zur Bekanntheit der Sprache.
3.2. Die Entwicklung des Argots ab dem 20. Jahrhundert – Das Argot im Wandel: Das Kapitel befasst sich mit der Dynamik der Sprache durch ständige Erneuerung, Verschwinden von Vokabular und lexikalische Innovationen.
3.2.1. Die Funktionen des argot commun: Hier werden die soziologischen Dimensionen des modernen Argots untersucht, insbesondere als Mittel zur sozialen Abgrenzung, als Sprachspiel und als Ausdrucksmittel in der Alltagskultur.
4. Zusammenfassung – Fazit: Das Fazit bestätigt, dass Argot keine tote Sprache ist, sondern als soziale und ludische Ausdrucksform der modernen französischen Sprache fortbesteht.
Schlüsselwörter
Argot, Sprachwandel, Gaunersprache, französische Literatur, Soziolekt, Kryptolekt, Synonymie, Polysemie, Coquillards, Francois Villon, Victor Hugo, argot commun, Verlan, Sprachgeschichte, Sprachkultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das französische Argot, seine historische Entwicklung und den Wandel seiner Funktion von einer verschlüsselten Geheimsprache hin zu einem soziolektalen und spielerischen Element der modernen französischen Sprache.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die etymologischen Wurzeln, die Rolle des Argots in der Literatur, die Mechanismen der lexikalischen Erneuerung sowie die soziologische Bedeutung des Argots in der heutigen Gesellschaft.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob Argot heute noch existiert, welche Funktionen es erfüllt und wie es als lebendiges Sprachphänomen ständigen Wandlungsprozessen unterliegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer komparativen Analyse von Vorwörtern verschiedener Argot-Wörterbücher über verschiedene Epochen hinweg sowie der Auswertung literarischer Zeugnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Entwicklung vom 14. bis zum 19. Jahrhundert, eine literaturwissenschaftliche Betrachtung (Villon, Hugo) und eine Analyse der modernen Funktionen des argot commun.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Argot, Sprachwandel, Soziolekt, Kryptolekt, Synonymie, Polysemie, Francois Villon und Victor Hugo.
Welche Bedeutung hatten die Coquillards für die Forschung?
Die Coquillards, eine im 15. Jahrhundert verurteilte Gaunerbande, liefern eines der wichtigsten frühen Dokumente für die Erforschung des Argots, da ihre Geheimsprache in Prozessprotokollen festgehalten wurde.
Wie unterscheidet sich die Nutzung des Argots bei Victor Hugo von anderen Autoren?
Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen nutzte Hugo das Argot als integralen Bestandteil zur Charakterisierung des Milieus der „Elenden“ und betätigte sich innerhalb seiner Werke sogar als Beschreiber und Theoretiker dieser Sprache.
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- Elisa Schneider (Author), 2008, Das französische Argot im Wandel der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172695