Web-Logs oder kurz Blogs haben sich in den vergangenen 10 Jahren zu einer wichtigen Form schriftlicher Kommunikation entwickelt. Sie erlauben den vergleichsweise problemlosen Zugang zu journalistischen Publikationsformen und einige Weblogs haben dadurch einen großen Rezipientenkreis erlangt. Blogs wie „Huffington Post“ sind zu regelrechten Online-Zeitschriften avanciert, während andere wie „TechCrunch“ in Fachkreisen größere Relevanz erlangt haben. Blogs tragen durch ihre große Verbreitung zu Meinungsbildung bei und sie tun das, indem sie wie andere Medien auch Narrative erzeugen.
Anhand des rechtspopulistischen politischen Weblogs „Politically Incorrect“ wird in der vorliegenden Arbeit skizziert, wie sich einzelne Bausteine eines Blogs zueinander verhalten, wie Narrative erzeugt werden und welchen Anteil die jeweiligen Komponenten des Blogs an diesen Narrativen haben.
Mangels verfügbarer Literatur zu Blogs als politischen Medien orientiert sich die Arbeit lose an Kreiswirths Definition von Narrativen als „tellings of happenings“ und der Funktion als
„representational and/or explanatory vehicle“.
Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, welche „happenings“ in den untersuchten Texten erzählt werden, welche Repräsentation der Wirklichkeit benutzt und wie sie gegebenenfalls zur Welterklärung benutzt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Blog
3 Methodik
3.1 Auswahl der Blogbeiträge
3.2 Merkmale des Kommentarbereichs
4 Blogbeiträge
4.1 Autorenennung
4.2 Tagging
5 Kommentar-Bereich
6 Geschichten vom Bösen – Ausgewählte Diskursformationen
6.1 Das Führer-Motiv: Erdoğan als das personifizierte Böse
6.2 Das Eroberer-Motiv: Die Kolonialisierung Deutschlands
6.3 Das Türkenmotiv: Der ewige Türke
6.4 Das Islam-Motiv: Der Islam als Hindernis auf dem Wege zum Menschsein
7 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des islamfeindlichen Blogs „Politically Incorrect“ (PI), wie politische Narrative in Blogbeiträgen und deren Kommentarbereichen erzeugt und zur Gruppenkonstitution genutzt werden.
- Analyse der narrativen Strategien in islamfeindlichen Blogs
- Untersuchung der Interaktion zwischen Blogbeiträgen und Kommentarspalten
- Quantitative und qualitative Auswertung von Nutzerverhalten und Diskursmustern
- Identifikation zentraler Motive (Führer-Motiv, Eroberer-Motiv, Türkenmotiv, Islam-Motiv)
- Deutung der Rolle von PI als Instrument zur Gruppenbildung und Selbstvergewisserung
Auszug aus dem Buch
6.1 Das Führer-Motiv: Erdoğan als das personifizierte Böse
Bei Erdoğans Besuch in Köln 2008 warben Plakate für die Veranstaltung, die mit „Türkiye'nin Lideri Almanya'da!“ - wörtlich übersetzt „Der Führer der Türkei ist in Deutschland“ - überschrieben waren. Bei PI blieb das nicht unbemerkt und seither dem ein wiederkehrendes Motiv im Kommentarbereich dar. Erdoğan wird oft mit Hitler verglichen, die Bezeichnungen variieren von „Türkenlideri“ über Spitznamen wie „Erdolf“ bis hin zu verniedlichend-ironisierenden Phrasen wie „kleine[r] Adolf vom Bosporus“. Dabei sind alle möglichen Kombinationen dieser Namen wie beispielsweise „gröfaz LIDERLI erdowahn“ zu finden. Insgesamt kommt in den untersuchten Texten bei 155 Kommentaren das Führer-Motiv zum Einsatz. Ergänzt um weitere Nazi- oder Faschismus-Vergleiche finden sich 232 Kommentare, die Türken im Allgemeinen und Erdoğan im Besonderen als faschistische Bedrohungen kontextualisieren. Das Motiv zieht sich dabei über alle untersuchten Blogeinträge hin, ist also nicht nur durch einen bestimmten Bericht aktiviert. Mit etwas über 10% der Kommentare nimmt das Nazi-Motiv quantitativ die dritte Stelle aller vier Motive ein.
In den Kommentaren ist das Nazi-Motiv also relativ prominent, aber auch in den Blogposts an sich taucht es drei Mal auf. Angesichts der zu kleinen Grundmenge wäre eine statistisch begründete Schlussfolgerung sicher zu gewagt, dennoch handelt es sich auch in den Blogeinträgen um ein wiederkehrendes Motiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Blogs als Medium zur Meinungsbildung dar und definiert die Zielsetzung, Narrative im Blog „Politically Incorrect“ zu untersuchen.
2 Das Blog: Dieses Kapitel verortet das Blog „Politically Incorrect“ innerhalb der islamfeindlichen Szene und beschreibt dessen ideologische sowie strukturelle Ausrichtung.
3 Methodik: Hier werden die Auswahlkriterien der Blogbeiträge sowie die Analyseansätze für den Kommentarbereich wissenschaftlich dargelegt.
4 Blogbeiträge: Es wird die Autorenschaft und die Praxis der Verschlagwortung (Tagging) analysiert, um die narrative Konstruktion der Beiträge zu verstehen.
5 Kommentar-Bereich: Dieses Kapitel wertet quantitativ und qualitativ das Nutzerverhalten aus und identifiziert verschiedene Klassen von Kommentatoren.
6 Geschichten vom Bösen – Ausgewählte Diskursformationen: Das Hauptkapitel untersucht spezifische Motive wie das Führer-, Eroberer-, Türken- und Islam-Motiv, die zur Ausgrenzung und Feindbildkonstruktion dienen.
7 Schluss: Die Arbeit fasst zusammen, dass die narrative Leistung des Blogs in der ständigen Perpetuierung von Stereotypen und der Konstruktion kausaler Bedrohungsszenarien liegt.
Schlüsselwörter
Politically Incorrect, Islamfeindlichkeit, Narrative, Diskursanalyse, PI-News, Gruppenkonstitution, Kommentarbereich, Türkenmotiv, Islam, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Online-Kommunikation, Medienanalyse, Stereotypen, politische Online-Blogs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die narrativen Strukturen und diskursiven Mechanismen des islamfeindlichen Blogs „Politically Incorrect“ und dessen Kommentarbereiche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konstruktion von Feindbildern, die Rolle von Online-Blogs bei der politischen Meinungsbildung sowie Mechanismen der gruppeninternen Selbstvergewisserung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie einzelne Bausteine in Blogbeiträgen und Kommentaren zusammenwirken, um ein kohärentes, islamfeindliches Narrativ zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative und quantitative Untersuchung durchgeführt, wobei Blogbeiträge und die dazugehörigen Kommentarbereiche nach thematischen Kriterien gefiltert und analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der methodischen Auswahl, der quantitativen Auswertung des Kommentarbereichs und der detaillierten Analyse von vier zentralen Feindbild-Motiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Politically Incorrect, Islamfeindlichkeit, Narrative, Diskursanalyse, Fremdenfeindlichkeit und Gruppenkonstitution.
Welche Rolle spielen die Kommentatoren für das Gesamtbild?
Die Kommentatoren fungieren als eine Art „kollektiver Erzähler“, deren Beiträge die in den Blogposts vorgegebenen Narrative durch Stereotypisierung und ständige Wiederholung verfestigen.
Was bedeutet das „Führer-Motiv“ in diesem Kontext?
Das Führer-Motiv bezeichnet die ständige Gleichsetzung von Erdoğan mit nationalsozialistischen Figuren, um ihn und die türkische Bevölkerung als faschistische Bedrohung zu framen.
Warum wird das Thema Islam im Blog laut Autor teilweise nur implizit behandelt?
Der Autor stellt fest, dass das Islam-Motiv in vielen Fällen vorausgesetzt wird und die Islamkritik oft als „Feigenblatt“ für eine allgemeine Fremdenfeindlichkeit fungiert, was die explizite Thematisierung des Islams in manchen Beiträgen entbehrlich macht.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Relevanz des Blogs?
Das Blog dient als Plattform für die Gruppenkohäsion und hat den Sprung aus der reinen Virtualität in den politischen Diskurs geschafft, indem es Narrative in die Gesellschaft transportiert.
- Arbeit zitieren
- Martin Kühn (Autor:in), 2011, Blogs als politische Erzählform, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172667