„Der Geist des Aufruhrs schwebte über dem russischen Lande. Irgend ein [sic!] gewaltiger und geheimnisvoller Prozess vollzog sich in zahllosen Herzen; es lösten sich die Bande der Furcht, die Individualität, die eben erst sich selbst erkannt hatte, ging in der Masse und die Masse in dem großen Elan auf“.
Der sowjetische Filmregisseur und Filmtheoretiker Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898- 1948) erhielt 1925 von der sowjetischen Regierung den Auftrag, zum 20-jährigen Andenken an die Ereignisse der revolutionären Aufstände am 14. 06. 1905 einen Film zu drehen. Dafür schreibt Nina Agadschanowa-Schutko unter Mitarbeit Eisensteins das Drehbuch für „Das Jahr 1905“. Leitmotiv dieses Drehbuches war „das dynamische Bild der Epoche, ihren Rhythmus und die innere Beziehung zwischen den verschiedenartigsten Ereignissen festzuhalten und zu verstehen“. Laut Eisenstein umfassten die Geschehnisse auf dem Panzerkreuzer Potemkin nur eineinhalb Seiten und erst nach und nach verwandelten sich die Zeilen des Drehbuchs in Szenen.
Aus diesem Grund ist es dem Regisseur und seinem Team möglich, „nach Herzenslust unsere persönlichen Absichten“ zu verwirklichen, aber auch Zufälliges und Unvorhergesehenes organisch in den Film einzubauen. Das Kriegsschiff „Knjas Potjomkin Tawritscheski", welches im Dienst der russischen Schwarzmeerflotte stand, sollte vor der Küste Odessas Zielübungen vollziehen. Doch die Besatzung forderte bessere Lebensbedingungen auf dem Potemkin wie auch Teile der Bevölkerung Russlands, die sich in Arbeiteraufständen organisiert hatten.
Durch den Russisch-Japanischen Krieg in den Jahren 1904/05 hatte Russland einen großen Teil seiner Flotte verloren und wurde niedergeschlagen. Es folgte eine Wirtschaftskrise, die es so vorher in Russland noch nie gegeben hatte. Als der Zar am 9. Januar 1905, dem sogenannten „Blutsonntag“, auf Demonstranten schießen lässt, wird das gesamte Land von einer großen Streikbewegung erfasst: „Der Blutsonntag von Petersburg wirkte wie ein Fanal“. Eisenstein behauptete, dass jemand nur zur Revolution finden kann, der sich auf dem Weg vom „ich“ zum „wir“ befindet.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Jahr 1905 – Entstehung und Inhalt des Films „Panzerkreuzer Potemkin“
2. Massenformationen im Panzerkreuzer Potemkin
2.1. Analyse der fünf Akte nach den Prozessen der Massenformation
2.2. Szenenprotokoll aus dem vierten Akt „Die Treppe von Odessa“
2.3. Zur Massentheorie Gustav Le Bons von 1895
3. Massenformationen nach Le Bon– heute überhaupt noch möglich?
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1. Film
4.2. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die filmische Darstellung von Massenformationen im Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergei Eisenstein. Dabei wird analysiert, wie Eisenstein die Masse als kollektiven Akteur inszeniert, inwiefern diese Darstellung auf zeitgenössischen massenpsychologischen Theorien basiert und welche Bedeutung diese kollektiven Strukturen für die Wirkung und politische Funktion des Films haben.
- Filmische Analyse der Massendarstellung bei Eisenstein
- Anwendung der Massentheorie von Gustave Le Bon
- Die „Treppe von Odessa“ als strukturelles und dramatisches Zentrum
- Das Spannungsfeld zwischen Individuum und kollektiver Identität
- Die heutige Relevanz und Übertragbarkeit von Massenphänomenen
Auszug aus dem Buch
2.2. Szenenprotokoll aus dem vierten Akt „Die Treppe von Odessa“
In dieser Szene wird Eisensteins Massendarstellung, die eine individualpsychologische Gestaltung ablehnt, deutlich. Eingeleitet mit dem Zwischentitel “Und plötzlich…” zeigt sich auch der Umschwung von einer passiven Festmasse zur gehetzten Fluchtmasse. Die Stiefel der Kosaken werden sicht- und hörbar und sogleich schießen die Soldaten in die Menschenmenge, die vor ihnen liegt und ihnen ahnungslos den Rücken zukehrt. Die ausgewählte Szene, die sich von 0:43:11 bis 0:44:38 erstreckt, zeigt die unorganisierte Odessaer Bevölkerung, die in mehreren ausdrucksstarken Groß- und Nahaufnahmen dargestellt wird. Dennoch geht es hier nicht um das individuelle Schicksal der einzelnen Personen oder des kleinen Jungen, sondern um das Schicksal der gesamten Masse. Durch den schnellen Wechsel der Kameraeinstellungen (Totale zu Großaufnahme zu Halbtotale zu Halbnahaufnahme, usw.) baut Eisenstein ein Gesicht der Masse auf und lässt die Gesichter der Individuen nie für sich sprechen, sondern immer nur im Zusammenhang mit dem Gesamtbild der fliehenden Masse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Jahr 1905 – Entstehung und Inhalt des Films „Panzerkreuzer Potemkin“: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext, die Entstehungsgeschichte des Films unter Eisenstein sowie die erzählte Handlung des Werkes.
2. Massenformationen im Panzerkreuzer Potemkin: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der fünf Akte, eine methodische Aufarbeitung der Treppenszene sowie eine theoretische Einordnung mittels Le Bons Massenpsychologie.
3. Massenformationen nach Le Bon– heute überhaupt noch möglich?: Dieser Abschnitt reflektiert die Anwendbarkeit klassischer Massentheorien auf die moderne Gesellschaft, unter Berücksichtigung heutiger Vernetzung und aktueller Katastrophenereignisse.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der im Rahmen der Seminararbeit verwendeten Filme und literarischen Quellen.
Schlüsselwörter
Panzerkreuzer Potemkin, Sergei Eisenstein, Massenpsychologie, Gustave Le Bon, Massenformation, Revolution, Stummfilm, Filmanalyse, Treppe von Odessa, Kollektiv, Individuum, Propaganda, Montage, Klassenkapitel, Sozialistische Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Inszenierung von Menschenmassen in Sergei Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ unter Einbeziehung massenpsychologischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der filmischen Ästhetik der Massendarstellung, der Verbindung von Individuum und Kollektiv sowie der kritischen Reflexion über die Macht der Massen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Eisenstein die Masse als „triumphalen Helden“ inszeniert und welche psychologischen Prozesse dabei beim Zuschauer ausgelöst werden sollen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine formale Filmanalyse, kombiniert mit einer strukturellen Untersuchung der Handlungsabläufe und der Anwendung soziologischer Massentheorien (insb. Le Bon und Canetti).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der Filmakte, ein detailliertes Szenenprotokoll der Treppenszene und einen theoretischen Diskurs über die Aktualität von Massenphänomenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Massenformation, Panzerkreuzer Potemkin, Eisenstein, Revolution, Massenpsychologie und Filmanalyse.
Warum spielt die „Treppe von Odessa“ eine so große Rolle für die Argumentation?
Sie dient als dramatischer Kulminationspunkt, an dem die Masse von einer Festmasse zu einer Fluchtmasse mutiert, was die Ambivalenz von Macht und Unterdrückung besonders stark verdeutlicht.
Wie bewertet die Autorin die Anwendbarkeit von Le Bons Theorie auf das 21. Jahrhundert?
Die Autorin argumentiert, dass die Theorie trotz technologischem Fortschritt weiterhin Relevanz besitzt, da Massen auch heute noch irrationalen, emotionalen Impulsen unterliegen können, wie aktuelle Beispiele zeigen.
- Quote paper
- Jana Spiegelhauer (Author), 2010, Die Masse als triumphaler Held im „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergei Eisenstein. Prozesse der Massenformation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172642