Sprache dient als wichtiges Medium zur Verständigung untereinander. Mit Hilfe von Sprache können wir Kontakt aufnehmen und unsere Gefühle, Gedanken und Wünsche mitzuteilen. Auch der schulische und berufliche Erfolg ist ohne Sprachkompetenz nicht denkbar. Selbst ein Top-Manager kann nur dann erfolgreich sein, wenn er seine Ideen und Projektvorschläge überzeugend darstellen kann. Und ein Schüler kann Textaufgaben in Mathematik nur dann richtig lösen, wenn er auch die Aufgabenstellung verstanden hat.
Der Wohlstand einer Volkswirtschaft ist abhängig von der Anzahl gut ausgebildeter Menschen. In Deutschland ist eine Mehrsprachigkeit seit geraumer Zeit keine Ausnahme mehr bzw. heutzutage ein Regel. Die Kinder aus zugewanderten Familien gehen gemeinsam mit den deutschen Kindern in die Schule, wo sie auch gemeinsam Lesen und Schreiben lernen.
Im Rahmen dieser Arbeit wird versucht, die Schwierigkeiten der zweisprachigen Kinder bzw. Jugendlichen im Bereich der deutschen Schriftsprache darzustellen und anhand von Beispielen die mögliche Auswirkung auf diese zu zeigen.
Es wird auf die russische Sprache Bezug genommen und aufgezeigt, dass viele Schwierigkeiten beim Erwerb der Schriftsprache nicht nur an der Kompliziertheit des Sprachsystems der zweiten Sprache z.B. Deutsch liegen können, sondern auch an der Übertragung des grammatikalischen und graphematischen Systems der Muttersprache auf die zweite Sprache.
Wer gilt als zweisprachig?
Dies muss zunächst beantwortet werden, bevor die Fragestellung näher untersucht wird. Auch reicht es nicht aus, eine Definition des Begriffs „Zweisprachigkeit“ zu kennen. Damit lassen sich Schwierigkeiten beim Erwerb der Schriftsprache (der Zweisprache) bzw. damit verbundene typische Fehler nicht erklären.
Weiterhin muss geklärt werden. Mit welchem Alter und ab welchem Zeitpunkt das Kind mit dem Erlernen der deutschen Schriftsprache begonnen hat und ob bereits eine Kenntnis der Schriftsprache in der Muttersprache vorhanden ist.
Diese Faktoren spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Erlernen der Schriftsprache bzw. bei den gesamten schulischen Leistungen.
Da die mündliche Sprache nicht von der Schriftsprache zu trennen ist, wird an ausgewählten Beispielen der Zusammenhang zwischen Sprachproduktion und Denkstruktur aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zweisprachigkeit
2.1. Begriffserklärung
2.2. Formen der Zweisprachigkeit im Hinblick auf den Zeitpunkt des Erwerbs der Sprachen
3. Der Bereich der Schreibung
3.1. Groß- und Kleinschreibung im Russischen und Deutschen
3.2. Negativer Transfer in der Schreibung
4. Nominalflexion
4.1. Nominalflexion des Deutschen
4.2. Nominalflexion des Russischen
4.3. Negativer Transfer im Bereich der Nominalflexion
5. Koordination von Sprach- und Schrifterwerb in der Zweitsprache
6. Schriftsprachförderung von zweisprachigen Kindern
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen beim Erwerb der deutschen Schriftsprache bei Kindern mit russischer Muttersprache. Dabei wird analysiert, inwiefern die Übertragung grammatikalischer und graphematischer Strukturen aus dem Russischen als Ursache für spezifische Lernschwierigkeiten im Deutschen fungiert.
- Definition und Formen von Zweisprachigkeit
- Kontrastive Analyse der Schreibung (Russisch/Deutsch)
- Strukturelle Unterschiede in der Nominalflexion
- Einfluss der Muttersprache auf den Zweitschrifterwerb
- Didaktische Ansätze zur Schriftsprachförderung
Auszug aus dem Buch
3.2. Negativer Transfer in der Schreibung
Bevor die Grapheme der beiden Sprachen einander gegenübergestellt wird, muss das russische Alphabet kurz erläutert werden.
Das russische Alphabet besteht aus 33 kyrillischen Buchstaben. Davon sind:
- 10 Vokalbuchstaben: а, я, ё, о, э, е, и, ы, у, ю
- 21 Konsonantenbuchstaben: б, в, г, д, ж, з, й, к, л, м, н, п, р, с, т, ф, х, ц, ч, ш, щ
- 2 orthographische Zeichen, die keine lautliche Entsprechung haben. Sie werden verwendet, um auf die Härte (ъ) und Weichheit (ь) der oben genannten Konsonanten hinzuweisen.
Wie man in der Tabelle 1erkennen kann, scheinen einige kyrillische Buchstaben mit den lateinischen identisch zu sein. Sie vertreten jedoch im Russischen einen völlig anderen Laut. Dies kann zu großen Lese- bzw. Schreibproblemen führen. In Tabelle 2 sind die Buchstaben zusammengefasst, die für die gleichen Laute stehen, aber unterschiedlich geschrieben werden. Im Russischen unterscheidet sich darüber hinaus die Schreibschrift einiger Buchstaben von der Druckschrift deutlich. Der Vergleich von russischen und deutschen Sprachen zeigt, dass es für Kinder schwierig ist, die Buchstaben richtig zu erfassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Sprachkompetenz für den schulischen Erfolg dar und führt in die Problematik des Schrifterwerbs bei zweisprachigen Kindern mit Fokus auf den russisch-deutschen Kontext ein.
2. Zweisprachigkeit: Hier werden Definitionen von Zweisprachigkeit erörtert und die Unterscheidung zwischen simultanem und sukzessivem Bilingualismus vorgenommen, wobei letzterer als Kernfokus für Migrationshintergründe identifiziert wird.
3. Der Bereich der Schreibung: Dieses Kapitel vergleicht die orthographischen Systeme des Russischen und Deutschen und analysiert, wie graphematische Interferenzen zu negativen Transferleistungen führen können.
4. Nominalflexion: Dieses Kapitel erläutert die komplexen Genus- und Deklinationssysteme beider Sprachen und zeigt auf, wie der Mangel an Artikeln im Russischen zu fehlerhaften Genuszuweisungen im Deutschen führt.
5. Koordination von Sprach- und Schrifterwerb in der Zweitsprache: Das Kapitel thematisiert die institutionelle Herausforderung des einsprachig geprägten Schulsystems bei der Alphabetisierung von Kindern, die mit zwei Sprachen aufwachsen.
6. Schriftsprachförderung von zweisprachigen Kindern: Hier werden pädagogische Strategien diskutiert, die über rein sprachliche Aspekte hinaus auch die soziale und familiäre Einstellung zur Zweisprachigkeit einbeziehen.
7. Schluss: Die Arbeit resümiert die Komplexität des Zweitschrifterwerbs und betont die Notwendigkeit einer muttersprachlich orientierten Didaktik zur Verbesserung des Schulerfolgs.
Schlüsselwörter
Zweisprachigkeit, Schriftspracherwerb, Russisch, Deutsch, Nominalflexion, Negativer Transfer, Grapheme, Bilingualismus, Migrationshintergrund, Sprachförderung, Alphabetisierung, Grammatik, Interferenz, Schulleistung, Sprachdidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Schwierigkeiten, die Kinder mit russischer Muttersprache beim Erwerb der deutschen Schriftsprache erleben, insbesondere aufgrund struktureller Unterschiede beider Sprachen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Zweisprachigkeit, kontrastive Analysen der Rechtschreibung und Nominalflexion sowie didaktische Strategien zur Schriftsprachförderung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Ziel ist es, die Schwierigkeiten beim Erwerb der deutschen Schriftsprache aufzuzeigen und zu begründen, inwieweit diese durch die Übertragung grammatikalischer und graphematischer Strukturen der Muttersprache beeinflusst werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird ein kontrastiver Ansatz gewählt, bei dem die Sprachsysteme des Russischen und Deutschen gegenübergestellt werden, ergänzt durch eine Auswertung pädagogischer und linguistischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche Orthographie, nominale Flexionssysteme und die didaktische Koordination des Sprach- und Schrifterwerbs im schulischen Kontext.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Zweisprachigkeit, negativer Transfer, Nominalflexion, Grapheme, Bilingualismus und schulisches Leistungsniveau bei Migrationshintergrund.
Wie unterscheidet sich das deutsche Genussystem aus Sicht russischsprachiger Kinder?
Da das Russische keine Artikel besitzt und das Genus oft rein über Wortendungen markiert, kommt es im Deutschen häufig zu Übertragungsfehlern bei der Artikelverwendung.
Welche Rolle spielt die Schriftschrift im Vergleich zur Druckschrift bei russischen Buchstaben?
Das Russische weist deutliche Unterschiede zwischen Schreib- und Druckschrift auf, was für Kinder, die beide Systeme erlernen, eine zusätzliche Hürde darstellt und zu Leseproblemen führen kann.
Warum ist die „höfliche“ Ausdrucksweise für zweisprachige Kinder oft schwierig?
Sie erfordert fortgeschrittene grammatikalische Strukturen wie den Konjunktiv, den Dativ und komplexe Pronomen, die über den erlernten Wortschatz und die einfache Satzstruktur hinausgehen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin für die pädagogische Praxis?
Lehrkräfte sollten die Ausgangsposition der Kinder in ihrer Muttersprache berücksichtigen und frühzeitig erklären, dass sprachliche Regeln nicht eins zu eins von einer Sprache auf die andere übertragbar sind.
- Quote paper
- Evgeniya Yakovleva (Author), 2011, Schriftlichkeit unter Bedingungen der Zweisprachigkeit (am Beispiel Russisch/Deutsch) , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/172158