Eine Nation ist eine Gemeinschaft von Individuen, die den Zusammenschluss in einem Staat anstrebt. Ihren Ursprung hat die Nation in einem Volk. Gemäß der kulturellen Konzeption von Nation wurzelt das Wir-Gefühl eines Volk in historisch gewachsenen Familien und Stämmen mit einem gemeinsamen kollektiven Gedächtnis, gemeinsamen Symbolen und Traditionen. Gelingt es den Mitgliedern der Nation, einen Staat zu bilden, so wird das Volk zum Träger von Souveränität. Es ist sowohl das zentrale Objekt der Loyalität als auch die Basis der kollektiven Solidarität zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft.
Aus der Kombination von Nation und Staat entsteht der Nationalstaat, der sich sowohl auf weit zurückreichende kulturelle Identitäten, als auch auf die abstrakten Ideale der politischen Konzeption stützt. Die Leistung des Nationalstaates ist es, eine große Anzahl von untereinander nur lose verknüpften sozialen Einheiten zu einem Volkskörper zu vereinen.
Vor allem in den 1990er Jahren wurde die Fähigkeit des Nationalstaates, eine solche Integrations- und Identifikationsfunktion noch auszuüben, angezweifelt. Gemäß dieser Überlegungen, wird die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit der nationalen Regierungen durch die Globalisierung eingeschränkt. Um in einer immer interdependenteren Weltwirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben, sind Anpassungen an die Logik der globalen Märkte nötig. Damit verlieren die Staaten ihre Souveränität über gewisse Teilbereiche des Systems.
Die Globalisierung hat auch eine kulturelle Dimension und durch diese Einfluss auf die Gesellschaft. Mit weltumspannenden Medien, Kommunikations- und Fortbewegungsmitteln werden die Menschen mehr und mehr zu Weltbürgern. Es ist nicht mehr der Nationalstaat alleine, der dem Menschen das Gefühl gibt, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Die Menschen können sich ihre Zugehörigkeit entweder in kleineren, regionalen Einheiten oder auf überstaatlicher Ebene suchen. Die nationalstaatliche Identität wäre dann nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung unter einem Dach aus gemeinsamem Gedächtnis, Sprache und Kultur zu vereinen. Es stellt sich die Frage, ob ein anderes Prinzip diese Funktion übernehmen könnte. Von diesen Überlegungen ausgehend soll in diesem Essay folgende Fragestellung behandelt werden: Gibt es einen Mechanismus, der die Integrationsfunktion der nationalstaatlichen Identität ersetzen kann?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Frage, ob die Integrationsfunktion der nationalstaatlichen Identität in Zeiten der Globalisierung durch alternative Mechanismen wie supranationale Gebilde ersetzt werden kann. Dabei wird insbesondere analysiert, inwieweit die Europäische Union trotz ihres Legitimitätsdefizits und fehlender europäischer Öffentlichkeit eine solche Rolle einnehmen kann.
- Krise der Integrationsleistung des Nationalstaates
- Grenzen regionaler Identitäten und Sezessionsbestrebungen
- Das Konzept des Verfassungspatriotismus nach Jürgen Habermas
- Demokratiedefizite und Legitimationsfragen der Europäischen Union
Auszug aus dem Buch
Hauptteil
Wie oben angetönt, gibt es prinzipiell zwei Alternativen zur nationalstaatlichen Identität. Zum einen die Hinwendung zu regionalen Einheiten, die sich im Interesse an der lokalen Sprache und Kultur äußert und in sezessionistische Bestrebungen münden kann und zum anderen die Loslösung von allen territorialen Bindungen und das Gefühl, ein Bürger der gesamten Welt zu sein. Wobei eine Identifikation mit supranationalen Gebilden wie der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen denkbar ist.
Regionalisierungstendenzen lassen sich in vielen europäischen Staaten beobachten. Im Baskenland versucht die ETA mit terroristischen Methoden die Loslösung des Gebietes vom spanischen Staat zu erzwingen, in Italien fordert die Partei Lega Nord mehr Autonomie für den wirtschaftlich stärkeren Norden des Landes und in Belgien zerbricht eine Regierung nach der anderen an dem scheinbar unüberwindbaren Konflikt zwischen Flamen und Wallonen. Gemeinsam ist diesen Bewegungen, dass sie den Nationalstaat in seiner heutigen Form in Frage stellen und auf eine Änderung der herrschenden Verhältnisse zielen.
Der Staat läuft Gefahr, auseinander zu brechen. Des Weiteren berufen sich sezessionistische Bewegungen oft auf ethnisch-kulturelle Merkmale, welche die zur Debatte stehenden Gebiete und die darauf ansässige Bevölkerung vom Rest des Landes unterscheiden. Wird der Diskurs über das Verhältnis von Zentral- und Gliedstaaten entlang ethnischer Konfliktlinien geführt, besteht stets das Risiko, dass sich eine Ethnie über die anderen stellt und Überlegenheitsansprüche geltend macht. Im schlimmsten Fall endet eine solche Entwicklung in einer ethnischen Säuberung. Somit kann die Bindung an regionale Einheiten nicht die Lösung für das Problem der schwindenden nationalstaatlichen Identität sein.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehung und Identitätsfunktion des Nationalstaates sowie dessen zunehmende Schwächung durch Globalisierungsprozesse, was zu der Forschungsfrage führt, welcher Mechanismus diese Integrationsfunktion ersetzen könnte.
Hauptteil: Das Kapitel analysiert regionale Sezessionsbestrebungen und die europäische Integration als Alternativen, wobei insbesondere die Rolle der EU, das Konzept des Verfassungspatriotismus und das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit kritisch diskutiert werden.
Schluss: Das Fazit kommt zu dem Ergebnis, dass die EU aufgrund bürokratischer Strukturen, eines Demokratiedefizits und mangelnder Öffentlichkeit derzeit keine tragfähige Alternative zur nationalstaatlichen Identität darstellen kann.
Schlüsselwörter
Nationalstaat, kollektive Identität, Europäische Union, Globalisierung, Verfassungspatriotismus, Demokratiedefizit, regionale Einheiten, Integration, Legitimität, Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit, Souveränität, politische Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie kollektive Identität in einer globalisierten Welt jenseits des traditionellen Nationalstaates gewahrt oder neu gebildet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Krise des Nationalstaates, der Rolle von Regionalbewegungen und der Analyse der Europäischen Union als supranationalem Integrationsprojekt.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die zentrale Frage ist, ob es einen Mechanismus gibt, der die Integrationsfunktion der nationalstaatlichen Identität ersetzen kann.
Welcher theoretische Ansatz wird zur Analyse herangezogen?
Die Untersuchung stützt sich maßgeblich auf die politikwissenschaftlichen Konzepte von Jürgen Habermas, insbesondere auf seinen Ansatz des Verfassungspatriotismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil erörtert zunächst die Gefahren regionaler Separatismen und wendet sich dann der Europäischen Union zu, wobei deren top-down-Struktur und das Fehlen einer europäischen Zivilgesellschaft problematisiert werden.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Analyse?
Die wichtigsten Begriffe sind Nationalstaat, Europäische Union, Verfassungspatriotismus, Demokratiedefizit und kollektive Identität.
Warum sieht die Autorin die regionale Bindung nicht als Lösung?
Die Autorin argumentiert, dass regionale Bewegungen oft auf exklusiven ethno-kulturellen Merkmalen beruhen, die das Risiko von Konflikten und ethnischen Säuberungen bergen, anstatt eine integrative, übergreifende Identität zu schaffen.
Warum wird die Europäische Union als "top-down-Projekt" kritisiert?
Das Projekt wird als von Regierungen verordnet ohne vorangegangene breite Identitätsentwicklung der Bürger beschrieben, was zu einem dauerhaften Legitimitätsdefizit führt.
- Quote paper
- Maria Krummenacher (Author), 2011, Kollektive Identität jenseits des Nationalstaats, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171761