Jessika Warning bezeichnet Neidhart in ihrer Untersuchung seiner Sommerlieder als "die irritierendste Figur des deutschen Minnesangs" , eine Einschätzung, der wohl ein Großteil der Mediävisten zustimmen würde.
Schließlich lässt sich der Dichter aus dem 13. Jahrhundert nur sehr schwer in bestimmte Kategorien einordnen. Während das Repertoire von Walther von der Vogelweide bis auf wenige Ausnahmen ganz klar dem hohen Minnesang zuzuordnen ist, scheint sich Neidhart immer auf einer Gradwanderung zwischen hoher Minne und ihrer Persiflage zu bewegen.
Teilweise lassen sich seine Lieder der Gruppe der Pastourelle zuordnen, aber er spielt auch mit dieser Gattung. Sehr deutlich wird dies am starken Fokus auf den menschlichen Körper, der ein häufig wiederholtes Merkmal der Lieder Neidharts ist. Dabei beschreibt er in erster Linie verschiedene erotische Motive, aber auch sehr deutliche Gewaltszenen, die in dieser Form völlig untypisch für den Minnesang sind.
Besonders in der älteren Forschung, so z.B. bei Moritz Haupt galt die explizite, unverblümte Nennung eines sexuellen Aktes oder die drastische Schilderung einer Prügelei als deutliches Merkmal eines unechten, von einem "Pseudo-Neidhart" verfassten Textes, da man sich sicher war, dass der echte Neidhart dies nicht so formuliert hätte.
In der neueren Forschung wird diese Meinung aber hinterfragt, da deutlich wird, dass gerade diese Merkmale für Neidhart typisch zu sein scheinen und in sein Konzept der "dörperlichen" Minne passen. Denn gerade dieser Bruch zwischen seinem zumindest der der Form nach hohen Minnesang und einem im unteren, "dörperlichen" Milieu angesiedelten Inhalt und teilweise geradezu obszönen Ausdruck macht den Großteil der Lieder aus.
Deshalb soll in dieser Arbeit die Funktion der Körpersprache in den Liedern Neidharts untersucht werden. Dabei sollen einzelne Formen der Körpersprache, sowohl erotische Motive, als auch verschiedene Gewaltaspekte, anhand von verschiedenen Textbeispielen aus den Liedern Neidharts untersucht werden, um ihre spezifische Funktion in diesen Liedern nachzuweisen. Dabei werden Sommer- und Winterlieder miteinander verglichen, da zwischen diesen beiden Gruppen teilweise große Unterschiede in der Funktion der einzelnen Motive deutlich werden und einige Motive überhaupt nur in einer Gruppe auftauchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erotische Motive
2.1. Tanzen
2.2. Anblicken
2.3. Umarmen
2.4. Küssen
2.5. bî lîgen
3. Gewaltaspekte
3.1. Prügelszenen zwischen den "Dörpern"
3.2. Verhalten den Frauen gegenüber
3.3. Der "freche" Griff
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion der Körpersprache in den Liedern Neidharts, wobei der Fokus auf dem Kontrast zwischen erotischen Motiven und dargestellten Gewaltaspekten liegt, um das Spannungsfeld zwischen höfischem Minnesang und "dörperlicher" Lebenswelt zu analysieren.
- Analyse der Körpersprache als Ausdruck erotischer Motive in Sommerliedern.
- Untersuchung der Gewaltaspekte und ihrer Funktion in den Winterliedern.
- Kontrastierung von "dörperlichem" Milieu und höfischem Ideal.
- Erforschung der komischen Wirkung durch den Bruch mit Gattungskonventionen.
- Reflektion über die gesellschaftliche Kritik an Adel und "Dörpern" durch Neidhart.
Auszug aus dem Buch
3.1. Prügelszenen zwischen den "Dörpern"
In den Liedern Neidharts werden jedoch nicht nur erotische Motive sehr deftig und grob dargestellt, sondern auch der Gewaltaspekt, der besonders in den WLL sehr deutlich zu Tage tritt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass in den WLL "das männliche und damit negativ gezeichnete Personal dominiert". Dabei treten die grobschlächtigen Dörfer oft als Gegner des Sängers auf, bekämpfen sich jedoch auch gegenseitig. Eine Szene die dies verdeutlicht findet sich in WL 14:
"si wârn sô frech, daz vor meier Friderîch ir zwêne wurden erslagen und drîzic wunde, dô si den ab hiuwen: aldurch ir haz in schedel unde in kiuwen enpfiengens tiefe scharten, einr des andern niht vergaz."
Hier wird eine handfeste Schlägerei der "Dörper" beschrieben, bei der einige schwere Wunden ausgeteilt werden und es sogar Tote gibt. Sarkastisch beschreibt der Sänger, der mit höfischem Hintergrund deutlich über den "Dörpern" steht, den Kampf, der ohne wirklichen Grund und nur durch den Jähzorn der Kämpfer zu Stande gekommen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Neidharts Sonderstellung im Minnesang ein und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Funktion von Körperlichkeit und "dörperlicher" Minne.
2. Erotische Motive: Dieses Kapitel analysiert verschiedene physische Annäherungsformen wie Tanzen, Blicke und Umarmungen, die oft als Bruch mit dem höfischen Ideal fungieren.
3. Gewaltaspekte: Der Abschnitt befasst sich mit der groben Darstellung von Konflikten, Prügelszenen und ungebührlichem Verhalten, um das "dörperliche" Milieu zu charakterisieren.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Neidharts Darstellung der Körperlichkeit eine bewusste Provokation und Komik erzeugt, die sowohl Unterhaltung bietet als auch gesellschaftliche Kritik übt.
Schlüsselwörter
Neidhart, Minnesang, Körpersprache, Dörper, Erotik, Gewalt, Sommerlieder, Winterlieder, Pastourelle, höfische Minne, Profanation, Körperlichkeit, Komik, Gesellschaftskritik, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Körperlichkeit in den Liedern des Dichters Neidhart und wie er damit die Konventionen des klassischen Minnesangs bricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die erotischen Motive, der Kontrast zwischen höfischen Idealen und bäuerlichem Milieu ("Dörper"), die Gewaltdarstellungen sowie die komische Wirkung dieser Elemente.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische Funktion der Körpersprache – von Erotik bis Gewalt – in den Sommer- und Winterliedern Neidharts aufzuzeigen und deren Wirkung auf das höfische Publikum zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf Basis einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, bei der ausgewählte Textstellen in den Kontext der Mediävistik und der gängigen Forschung (wie Fritsch, Schweikle, Herrmann) gestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von erotischen Motiven wie Tanzen, Anblicken und Küssen sowie die Analyse von Gewaltaspekten, wie Prügelszenen und der "freche Griff".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neidhart, Minnesang, Dörper, Körperlichkeit, Erotik, Gewalt, Pastourelle, Komik und Gesellschaftskritik.
Warum werden die sogenannten "Dörper" in den Liedern so negativ dargestellt?
Die negative Darstellung dient als Kontrastfolie für das höfische Publikum, um sowohl die Grobheit dieser Gruppe vorzuführen als auch indirekt Kritik an Verhaltensweisen bei Hof zu üben.
Was unterscheidet Neidharts "dörperliche" Minne vom hohen Minnesang?
Während der hohe Minnesang meist geistig-ideell und zurückhaltend bleibt, betont Neidhart das Körperliche, Grobe und Obszöne, was seine Lieder in die Nähe der Pastourelle rückt und komische Effekte erzeugt.
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- Franziska Theresa Miethe (Author), 2009, Die Sprache des Körpers in den Liedern Neidharts, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/171430