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Ökonomisierung der Bildung im Plattform-Kapitalismus. Bildungsungleichheit und Microsoft Education

Title: Ökonomisierung der Bildung im Plattform-Kapitalismus. Bildungsungleichheit und Microsoft Education

Term Paper , 2026 , 30 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Daniela Haindl (Author)

Pedagogy / Educational Science

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Summary Excerpt Details

Die vorliegende Hausarbeit untersucht, wie digitale Bildungsplattformen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit im schulischen Kontext reproduzieren und verstärken. Im Zuge der Plattformisierung von Bildung werden digitale Lernumgebungen zu zentralen Infrastrukturen schulischer Organisation, die Lernprozesse, Leistungsbewertungen und soziale Interaktionen datenbasiert strukturieren. Die Arbeit stützt sich auf Bourdieus Habitus- und Kapitaltheorie, den Ansatz des digitalen Habitus, des Plattform-Kapitalismus und der Postdigitalität. Die Analyse basiert auf aktueller Literatur zur digitalen Ausstattung, Nutzung und Kompetenz in Deutschland sowie auf Forschung zu Microsoft for Education. Die Resultate weisen darauf hin, dass die Lernplattform trotz formaler Kostenfreiheit an ungleich verteilte Kapitalformen anschließt. Zugang und Nutzung setzen materielle Ressourcen, digitale Kompetenzen und selbstregulative Lernfähigkeiten voraus, die insbesondere bei benachteiligten Schüler*innen eingeschränkt vorhanden sind. Algorithmische Klassifikationen und datenbasierte Leistungsbewertung tragen zudem zur Legitimation, Stabilisierung und Verstärkung bestehender Bildungsungleichheiten bei.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Hilfsmittelverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Theoretischer Rahmen
3.1 Habitus- und Kapitaltheorie nach Bourdieu
3.2 Digitaler Habitus nach Biermann
3.3 Plattform-Kapitalismus
3.4 Postdigitalität

4 Analyse aktueller Literatur zu Microsoft Education
4.1 Befunde zum digitalen Zugang an deutschen Schulen
4.1.1 Ausstattung
4.1.2 Nutzungshäufigkeit
4.1.3 Lernangebote
4.1.4 Digitale Kompetenzen
4.2 Befunde zu Microsoft Education
4.2.1 Lern- und Organisationsplattform
4.2.2 Algorithmische Strukturierung
4.2.3 Kostenfreiheit als Plattformstrategie
4.3 Beantwortung der Forschungsfrage

5 Diskussion

6 Fazit und bildungswissenschaftliche Implikationen

7 Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Hausarbeit untersucht, wie digitale Bildungsplattformen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit im schulischen Kontext reprodu­zieren und verstärken. Im Zuge der Plattformisierung von Bildung werden digi­tale Lernumgebungen zu zentralen Infrastrukturen schulischer Organisation, die Lernprozesse, Leistungs-bewertungen und soziale Interaktionen datenba­siert strukturieren. Die Arbeit stützt sich auf Bourdieus Habitus- und Kapitalthe­orie, den Ansatz des digitalen Habitus, des Plattform-Kapitalismus und der Post­digitalität. Die Analyse basiert auf aktueller Literatur zur digitalen Ausstattung, Nutzung und Kompetenz in Deutschland sowie auf Forschung zu Microsoft for Education. Die Resultate weisen darauf hin, dass die Lernplattform trotz forma­ler Kostenfreiheit an ungleich verteilte Kapitalformen anschließt. Zugang und Nutzung setzen materielle Ressourcen, digitale Kompetenzen und selbstregu­lative Lernfähigkeiten voraus, die insbesondere bei benachteiligten Schülerin­nen eingeschränkt vorhanden sind. Algorithmische Klassifikationen und daten­basierte Leistungsbewertung tragen zudem zur Legitimation, Stabilisierung und Verstärkung bestehender Bildungsungleichheiten bei.

Schlagwörter: Bildungsungleichheit; digitale Bildungsplattformen; Habitus; Plattform-Kapitalismus; Datafizierung; Microsoftfor Education; Postdigitalität

Abstract

This term paper examines how digital education platforms such as Microsoft for Education reproduce and reinforce educational inequality in school contexts. In the course of the platformisation of education, digital learning environments have become central infrastructures of school organisation, structuring learning processes, assessment practices and social interactions through data-driven mechanisms. The paper draws on Bourdieu’s theory of habitus and capital, the concept of digital habitus, platform capitalism and postdigitality. The analysis is based on recent literature on digital infrastructure, usage and competences in Germany, as well as research on Microsoft for Education. The results show that, despite its formal cost-free access, the learning platform relies on unevenly dis­tributed forms of capital. Access and effective use require material resources, digital competences and self-regulated learning skills, which are particularly li­mited among disadvantaged students. Moreover, algorithmic classification and data-based performance assessment contribute to the legitimation, stabilisation and reinforcement of existing educational inequalities.

Keywords: educational inequality; digital education platforms; habitus; platform capitalism; datafication; Microsoftfor Education; postdigitality

Hilfsmittelverzeichnis

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Digitale Plattformen und datenbasierte Lernumgebungen sind heute nicht mehr bloß ergänzende Werkzeuge schulischer Praxis, sondern konstitutive Bestand­teile pädagogischer Organisation. In einem postdigitalen Zustand, in dem digi­tale Technologien als selbstverständlich in schulische Routinen integriert sind (Jandric & Knox, 2022, S. 783), werden Lernprozesse, Leistungsbewertungen und soziale Interaktionen zunehmend datenförmig erfasst, analysiert und struk­turiert (Erstad et al., 2023, S. 22-29). DieserWandel betrifft nicht allein didakti­sche Methoden, sondern verändert grundlegend, wie Bildung gedacht und um­gesetztwird (Knox, 2019, S. 363-365). Lernende erscheinen dabei zunehmend als Datenprofile, deren Verhalten vergleichbar, prognostizierbar und optimierbar gemacht wird. Effizienz, Vergleichbarkeit und Optimierung der Lernprozesse spielen dabei eine zentrale Rolle, und die fortschreitende Datafizierung1 päda­gogischer Praxis trägt dazu bei, Lernen als messbaren, steuerbaren und prog­nostizierbaren Prozess zu verstehen (Leineweber, 2023, S. 241-242).

Die Plattformisierung2 des Bildungswesens ist vor dem Hintergrund des Platt­form-Kapitalismus zudem mit erheblichen Risiken verbunden. Digitale Bildungs­plattformen agieren nicht nur als neutrale Infrastrukturen, sondern als privatwirt­schaftliche Akteure, deren Geschäftsmodelle auf der systematischen Extraktion, Verarbeitung und Verwertung von Daten beruhen (Srnicek, 2018, S. 45). Bildung wird somit zunehmend in ökonomische Logiken großer Tech-Un- ternehmen eingebettet und von deren Technik abhängig (Redecker, 2023, S. 85-87).

Ein konkretes Beispiel für diese Entwicklung ist Microsoft for Education. Es han­delt sich dabei nicht um eine einzelne Anwendung, sondern um ein umfassen­des digitales Ökosystem, das unter anderem Microsoft Teams, Microsoft 365, OneDrive, Learning Analytics-Funktionen und Kl-gestützte Auswertungstools umfasst. Das System strukturiert schulische Kommunikation, Aufgabenorgani­sation, Leistungsrückmeldungen und Lernprozesse in integrierter Form und er­zeugt dabei fortlaufend Datenspuren über das Verhalten, die Interaktionen und Leistungen von Schülerinnen (Microsoft, o. J. a). Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass diese Datenerhebung weitreichende Rückschlüsse auf Ler­nende ermöglicht, während Verantwortlichkeiten für Datennutzung und Daten­schutz seitens des Anbieters nur begrenzt transparent geregelt sind (Holland- Letz, 2025; Kuketz, 2025). Aus bildungswissenschaftlicher Perspektive stellt sich vor diesem Hintergrund auch die Frage nach den sozialen Folgen dieser Entwicklung, denn Bildungssysteme sind Orte der Reproduktion von Ungleich­heit. In Anschluss an Pierre Bourdieu lässt sich schulischer Erfolg nicht allein als Ergebnis individueller Leistung allein begreifen, sondern auch als Folge der sozialen Herkunft als Ausdruck ungleich verteilter Kapitalausstattungen - ins­besondere kulturellen, sozialen und ökonomischen Kapitals (Bourdieu, 2025, S. 143-161; Bourdieu et al., 1971, S. 19-45). Digitale Bildungsplattformen greifen in diese Reproduktionsmechanismen ein, indem sie bestimmte Formen digitaler Kompetenz, technischerAusstattung, Selbstorganisation und familiärer Unter­stützung voraussetzen und bewerten. Diese Voraussetzungen sind jedoch ge­sellschaftlich ungleich verteilt, sodass digitale Lernumgebungen bestehende Ungleichheiten nicht nur abbilden, sondern potenziell verstärken können (Zhao, 2023, S. 641). Besonders kritisch dabei ist, dass algorithmische Voreingenom­menheit soziale Ungleichheiten nicht nur passiv abbildet, sondern durch die Nutzung historischer Datensätze aktiv reproduziert (Baker & Hawn, 2022, S. 1058-1059). Dies kann dazu führen, dass bestimmten Gruppen Chancen oder Ressourcen vorenthalten oder Ressourcen unfair verteilt werden, was die be­stehende digitale und soziale Kluftweitervertieft (S. 1055).

Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit die Frage, wie digitale Plattformen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit im schulischen Kontext verstärken und wie sich dies mithilfe von Bourdieus Habitus- und Kapi­taltheorie erklären lässt.

Zur Beantwortung der Fragestellung ist die vorliegende Arbeit in sechs Kapitel aufgeteilt. Nach der Einleitung folgt ein Überblick über den aktuellen For­schungsstand zu digitalen Bildungsplattformen, Datafizierung, Learning Analy­tics und Bildungsungleichheit. In Kapitel 3 wird der theoretische Rahmen vor­gestellt und in Kapitel 4 werden aktuelle Studien zu digitalen Bildungsplattformen und Ungleichheit ausgewertet sowie die Forschungsfrage beantwortet. Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse diskutiert und im sechs­ten Kapitel ein Fazit mit bildungswissenschaftlichen Implikationen gezogen.

2 Forschungsstand

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit digitalen Bildungsplattformen hat sich seit den frühen 2020er-Jahren deutlich intensiviert. Ein zentraler Strang der Forschung befasst sich mit Microsoft for Education als digitaler Lehr-Lern­Infrastruktur. Die Plattform wurde sowohl aus funktional-didaktischer Perspek­tive untersucht (Al-Qora’n et al., 2022, S. 1) als auch hinsichtlich ihrer Wirkung auf selbstregulierte Lernprozesse von Studierenden (Al-Shboul, 2024, S. 4). Die empirischen Befunde bescheinigen Microsoftfor Education dabei überwiegend eine zufriedenstellende Funktionalität und Wirksamkeit, die sich unteranderem in erhöhtem Engagement, gesteigerter Teilnahme sowie verbesserten Studien­leistungen zeigt (Hazaymeh, 2025, S. 6-7). Ergänzend zeigen Studien der Ak­zeptanz- und Wahrnehmungsforschung, dass Lehrkräfte und Lernende Micro­soft Teams mehrheitlich als praktikables und alltagstaugliches Werkzeug bewerten (Elihami & Lobo, 2024, S. 248; Mitra & Wadegaonkar, 2025, S. 538­539). Zugleich wird betont, dass die Erwartungen von Lehrenden und Studie­renden an Learning-Analytics-Systeme einen entscheidenden Einfluss auf de­ren erfolgreiche Implementation haben (Fritz et al., 2024, S. 13-14).

Neben den nutzenorientierten Arbeiten hat sich parallel eine kritisch-theoreti­sche Forschungsperspektive etabliert, die digitale Bildungsplattformen im Kon­text von Datafizierung, Macht und Ökonomie analysiert. Der Sammelband „Da- tafizierung (in) der Bildung“ versteht Datafizierung nicht als rein technische Transformation, sondern als Prozess, der tief in pädagogische Praktiken, insti­tutionelle Logiken und gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet ist. Darin wird hervorgehoben, dass datenbasierte Vermessung und Klassifikation von Lernenden nicht neutral erfolgen, sondern im Zusammenhang mit ökonomi­schen Interessen großer Technologieunternehmen stehen. Dadurch können neue Formen pädagogischer Steuerung und sozialer Differenzierung hervorge­brachtwerden (Schiefner-Rohs et al., 2024, S. 11-15).

Diese Perspektive wird durch einen umfassenden Literaturüberblick aus dem Erasmus+-Projekt „Agile-EDU“ weiter differenziert. Datafizierung wird darin als Teil eines komplexen bildungsbezogenen Datenökosystems beschrieben, an dem Lernende, Lehrkräfte, Bildungsinstitutionen sowie kommerzielle EdTech- und BigTech-Akteure mit unterschiedlichen Interessen an Bildungsdaten beteiligt sind. Besonders hervorgehoben wird, dass durch diese Konstellation neue Herausforderungen für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit entstehen. Ungleicher Zugang zu digitalen Endgeräten, zu Bildungsdaten sowie zu daten- und Kl-bezogenen Kompetenzen begünstigt dabei die Entstehung neuer digita­ler Spaltungen, die bestehende soziale Ungleichheiten nicht nur überlagern, sondern potenziell verstärken. Als zentrale Voraussetzung für einen verantwor­tungsvollen Umgang mit Datafizierung wird daher die systematische Förderung von Multiliteracies - insbesondere Daten-, Kl- und algorithmischer Literalität - bei Lernenden sowie in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften benannt (Erstad etal.,2023, S. 33-35).

Eine weitere Literaturanalyse zeigt, dass digitale Lernressourcen entgegen ver­breiteter Erwartungen bislang keinen substanziellen Beitrag zum Abbau von Bil­dungsungleichheit leisten. Zwar habe sich der Zugang zu digitalen Lernange­boten insgesamt verbessert, doch profitieren vor allem Lernende aus ressourcenstarken Milieus, während sozioökonomisch benachteiligte Gruppen weiterhin durch eingeschränkten Internetzugang, geringere elterliche Unterstüt­zung sowie geringere digitale und selbstregulative Kompetenzen benachteiligt sind. Digitale Lernressourcen entfalten ihre Wirkung somit nicht unabhängig von sozialen Voraussetzungen, sondern reproduzieren bestehende Ungleichheiten, indem sie an ungleich verteilte kulturelle und digitale Kapitalausstattungen an­schließen (Zhao, 2023, S. 636-640).

Ein Review empirischer Literatur zum algorithmischen Bias im Bildungskontext zeigte zudem, dass Algorithmen in datenbasierten Lernumgebungen soziale Ungleichheiten nicht neutral abbilden, sondern systematisch reproduzieren können. Algorithmische Voreingenommenheit resultiert demnach nicht allein aus technischen Modellen, sondern maßgeblich aus der Auswahl und Operati­onalisierung von Variablen sowie aus der Nutzung historischer Datensätze, in denen bestehende Ungleichheiten bereits eingeschrieben sind. Besonders be­troffen sind davon marginalisierte Gruppen, etwa entlang sozioökonomischer, ethnischer oder geschlechtlicher Linien, da algorithmische Prognosen und Be­wertungen für diese Gruppen häufiger fehlerhaft oder benachteiligend ausfallen (Baker&Hawn, 2022, S. 1073-1075).

Der vorliegende Forschungsstand macht deutlich, dass eine theoretisch fun­dierte Auseinandersetzung erforderlich ist, um zu verstehen, wie digitale Plattformen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit nicht nur abbilden, sondern aktiv mitproduzieren. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an.

3 Theoretischer Rahmen

Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen der vorliegenden Arbeit dar. Es umreißt Bourdieus Habitus- und Kapitaltheorie sowie Biermanns Ausführun­gen zum „digitalen Habitus“. Ergänzend werden Srniceks Plattform-Kapitalis­mus und das Konzept der Postdigitalität nach Jandric et al. eingeführt.

3.1 Habitus- und Kapitaltheorie nach Bourdieu

Die Analyse von Ungleichheit im Bildungskontext setzt das Verständnis voraus, dass gesellschaftliche Institutionen wie die Schule keineswegs neutrale Orte der Leistungsbewertung sind. Bereits in ihrem grundlegenden Werk „Illusion der Chancengleichheit“ konstatierten Bourdieu und Passeron, dass das Bildungs­system dazu neigt, soziale Privilegien in individuelle Verdienste umzudeuten und dadurch bestehende Klassenunterschiede eher legitimiert als abgebaut werden (Bourdieu et al., 1971, S. 45). Um diesen Prozess zu dekonstruieren, ist jedoch eine differenzierte Betrachtung der Ressourcen notwendig, über die Lernende verfügen. Bourdieu definiert Kapital dabei als „akkumulierte Arbeit“, die entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter „inkorporierter Form“ existiert und den Akteurinnen die Aneignung „sozialer Energie“ ermöglicht (Bourdieu, 2012, S. 229). Er unterscheidet drei wesentliche Kapitalarten:

„Das ökonomische Kapital ist unmittelbar und direkt in Geld konvertier­bar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts; das kulturelle Kapital ist unter bestimmten Vorausset­zungen in ökonomisches Kapital konvertierbar und eignet sich beson­ders zur Institutionalisierung in Form von schulischen Titeln; das soziale Kapital, das Kapital an sozialen Verpflichtungen oder „Beziehungen“, ist unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls in ökonomisches Kapital konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in Form von Adelstiteln“ (S. 231).

Kulturelles Kapital existiert nach Bourdieu in drei Zuständen: als objektiviertes Kulturkapital, beispielsweise in Form von Büchern oder Daten, als institutiona­lisiertes Kulturkapital, beispielsweise in Form von akademischen Titeln und als inkorporiertes Kulturkapital in Form von Bildung. Letzteres ist als dauerhafte Disposition an den Körper gebunden. Seine Aneignung erfordert Zeit und erfolgt durch Verinnerlichung, womit es zum Bestandteil der Person - also zu ihrem Habitus - wird (S. 231-233). Dieser bildet das Bindeglied zwischen Kapital und praktischer Lebensführung: Nach Bourdieu nehmen Menschen im sozialen Raum unterschiedliche Positionen ein, die wiederum mit bestimmten Lebens­bedingungen einhergehen. Diese prägen und beeinflussen Denk-, Wahrneh- mungs- und Handlungsmuster der Menschen und erzeugen so bestimmte Ha­bitusformen (Bourdieu, 1987, S. 98). Beispielsweise sprechen Angehörige der Arbeiterklasse anders als Akademikerinnen - sie lachen über andere Witze und lieben andere Speisen, Kunst und Musik. Der Habitus ist nach Bourdieus Definition „[...] eine allgemeine Grundhaltung, eine Disposition gegenüber der Welt, die zu systematischen Stellungnahmen führt“ (Bourdieu et al., 2015, S. 31). Er setzt den Menschen jedoch auch Grenzen: „Wer den Habitus einer Per­son kennt, der spürt und weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist“ (S. 33).

Kapital, Habitus und die Position im sozialen Raum beeinflussen sich nach Bourdieu gegenseitig. Hinzu kommt aber auch der zeitliche Faktor und be­stimmte Kräfte des Feldes, in dem sich der soziale Raum befindet. So gelten etwa im Feld der Wirtschaft andere Logiken als im Feld der Kunst oder der Bil­dung. Eines haben jedoch alle Felder gemeinsam: Sie sind Austragungsorte von Machtkämpfen (Bourdieu, 2025, S. 193-196). Bourdieu führt beispiels­weise ungleiche Bildungschancen auf die Privilegierung und Eliminierung be­stimmter Klassen an Bildungsinstitutionen zurück (Machtkampf). Eine zentrale Rolle spielt hierbei also auch die soziale Herkunft (Bourdieu et al., 1971, S. 19-31). Indem das Bildungssystem herkunftsspezifische Unterschiede ignoriert und stattdessen so tut, als hätten alle Lernenden die gleichen Startbedingun­gen, wird die Auswirkung von höherem (vererbtem) Kapital der Privilegierten verschleiert und als persönliche Leistung umgedeutet. Hinter der Rechtferti­gung des Erfolgs oder Nichterfolgs mit „Begabung“ oder „Schicksal“ steht eine Ideologie, die als Deutungs- und Bewertungsmuster auch von den Nicht-Privi­legierten übernommen wird (S. 82-86). Sie ist wiederum als Ausdruck symbo­lischer Gewalt zu verstehen, deren „[...] Repressionsgehalt weder unmittelbar bewusst wird noch offen zutage tritt“ (Moebius & Wetterer, 2011, S. 2). „Kenn­zeichnend für die symbolische Gewalt ist, dass sie auf der symbolisch-sinnhaf- ten Ebene des Selbstverständlichen und Alltäglichen operiert und zur Bejahung, Verinnerlichung und Verschleierung von gesellschaftlichen Herrschaftsverhält­nissen führt“ (S. 1). Symbolische Gewalt ist dabei Ausdruck symbolischer

Macht3, die als „Waffe“ im Kampf um symbolische Herrschaft4 eingesetzt wer­den kann (K. Schmidt, 2022, S. 110).

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Durchdringung sozialer Praxis durch digitale Technologien stellt sich nun die Frage, wie sich diese ungleichheitsre­levanten Mechanismen unter Bedingungen der Digitalität theoretisch fassen lassen.

3.2 Digitaler Habitus nach Biermann

Biermann entwickelt den Begriff des digitalen Habitus als theoretische Erwei­terung des bourdieuschen Konzepts. Es handelt sich also um kein völlig neues Phänomen, sondern um eine historisch situierte Ausprägung des Habitus, die sich unter Bedingungen von Digitalität und Algorithmizität formiert. Biermann knüpft dabei an den Begriff des medialen Habitus als System dauerhafter me­dienbezogener Dispositionen an, das Grundlagen für mediale Praktiken bereit­stellt (Biermann, 2023, S. 3). Im Unterschied zu früheren Medienkonstellationen zeichnet sich der digitale Habitus nach Biermann dadurch aus, dass algorithmi­sche Systeme zunehmend an der Strukturierung sozialer Wirklichkeit beteiligt sind. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis von Subjekt und Struktur: Prakti­ken entstehen nicht allein aus inkorporierten Dispositionen, sondern im Zusam­menspiel mit algorithmisch gesteuerten Umgebungen (Biermann, 2023, S. 8­10). Algorithmen fungieren dabei nicht mehr nur als Werkzeuge, sondern über­nehmen eine ordnende, selektierende und bewertende Funktion, wodurch sie elementar mit menschlichen Handlungen verstrickt sind (S. 14-16). So bestim­men sie soziale und kulturelle Prozesse demnach zunehmend mit (S. 17). „Es werden uns Entscheidungen abgenommen, Komplexität wird [...] reduziert, da­mit wir uns zurechtfinden. Die Frage ist, welchen Ausschnitt der Welt wir durch diese Prozesse präsentiert bekommen“ (S. 18). Gleichzeitig werden Ungleich­heiten durch die Verwendung von Algorithmen nicht behoben, sondern existie­ren weiter und werden zudem noch ausgebaut (S. 24). Biermann schließt daraus, dass Habitus und Feld in unterschiedlicher Intensität den Auswirkungen der Digitalisierung ausgesetzt sind und dies schließlich auch die Praxis beein­flusst.

Die Arbeitsweise der Algorithmen wiederum muss vordem Hintergrund der öko­nomischen Interessen der Unternehmen analysiert werden, die Plattformen und Algorithmen entwickeln und einsetzen.

3.3 Plattform-Kapitalismus

Um die Funktionsweise und Wirklogik digitaler (Bildungs-) Plattformen zu ver­stehen, ist zunächst eine Einordnung in die übergeordneten ökonomischen Transformationsprozesse des 21. Jahrhunderts notwendig. Nach Nick Srnicek hat sich der Kapitalismus seit der Finanzkrise von 2008 grundlegend gewandelt, wobei mit der zunehmenden Verfügbarkeit kostengünstiger digitaler Technolo­gien neue Geschäftsmodelle entstanden sind, die auf der systematischen Er­hebung und Verwertung von Daten beruhen. Im Zentrum dieses „Plattform-Ka­pitalismus“ steht die Extraktion, Verarbeitung und Nutzung von Daten, die als neues Rohmaterial fungieren (Srnicek, 2018, S. 41). Dabei ist zwischen Daten und Wissen zu differenzieren: Während Daten lediglich anzeigen, „dass etwas geschehen ist“, liefert Wissen Erklärungen darüber, „warum es geschehen ist“ (S. 42). Damit Daten ökonomisch verwertbar werden, müssen sie jedoch zu­nächst bereinigt und in standardisierte Formate überführt werden (S. 41). In diesem Kontext fungieren Plattformen nicht als neutrale Vermittler, sondern als „neue, machtvolle Unternehmensformen“, die Daten systematisch sammeln, analysieren und monopolisieren (S. 45). Srnicek definiert Plattformen als digi­tale Infrastrukturen, die verschiedene Nutzergruppen miteinander verbinden und dabei als intermediäre Instanzen agieren (S. 46). Sie positionieren sich strategisch zwischen den Akteurinnen als Orte sozialer sowie ökonomischer Aktivität und sind dadurch in der Lage, diese Aktivitäten umfassend zu erfassen und auszuwerten (S. 47). Ein wesentliches Merkmal sind dabei sogenannte „Netzwerkeffekte“: Je mehr Menschen eine Plattform nutzen, desto größer wird ihr Nutzen für alle anderen, was zu selbstverstärkenden Wachstumskreisläufen und der Entstehung von Monopolen führt. Zudem nutzen diese Akteure Strate­gien der „Quersubventionierung“, um ihre Marktposition auszubauen, indem sie bestimmteAngebote kostenlos bereitstellen, während andere Geschäftsberei­che die Verluste ausgleichen (S. 48-49). Entscheidend ist jedoch, dass Platt­formen keine wertfreien Räume darstellen. Durch ihre Regeln und Algorithmen verkörpern sie stets eine bestimmte Politik, die darüber entscheidet, welche Interaktionen sichtbar gemacht oder marginalisiert werden (S. 49). Diese Ver­schränkung von technischer Infrastruktur und normativer Steuerung macht sie zu zentralen Instrumenten der Datenerhebung und -kontrolle (S. 51).

Die Plattformisierung ist inzwischen so tiefgreifend, dass die Grenze zwischen dem Digitalen und dem Analogen zunehmend verschwindet. Die technologi­sche Durchdringung aller Lebensbereiche ist damit nicht mehr nur eine Aus­nahme, sondern „neue“ Normalität - ein Phänomen, das im Konzept der Post- digitalität berücksichtigt wird.

3.4 Postdigitalität

Durch die Überlegungen zum Plattform-Kapitalismus wird deutlich, dass die technologische Durchdringung pädagogischer Räume über die bloße Nutzung von Software hinausgeht. Die Allgegenwart des Digitalen wird treffend durch Nicholas Negroponte beschrieben, der voraussagte, dass wir es - ähnlich wie Luft oder Trinkwasser - nur noch durch seine Abwesenheit und nicht mehr durch seine Präsenz wahrnehmen werden (Negroponte, 1998). Dieser Ge­danke bildet den Kern des Begriffs der Postdigitalität, der seit 2019 verstärkt in den Erziehungswissenschaften diskutiert wird. Er bezeichnet einen Zustand, in dem digitale Technologien nicht mehr als vom „natürlichen“ menschlichen und sozialen Leben getrennte, virtuelle Sphären existieren (Jandric et al., 2018, S. 893). Das Präfix „post-“ bezeichnet somit nicht das Ende des digitalen Zeital­ters, sondern dessen vollständige und selbstverständliche Verschmelzung mit dem Alltag. Jandric et al. charakterisieren die Postdigitalität als „[...] messy; un­predictable; digital and analog; technological and non-technological; biological and informational“ (S. 895). Zugleich fungiert das Konzept als kritische Replik auf die Utopien des frühen Internets: Es adressiert die massive Machtkonzent­ration innerhalb der Big-Tech-Ökonomie sowie die damit einhergehenden Dy­namiken von Kommerzialisierung, sozialer Ungleichheit und ökologischen Ex- ternalitäten (S. 895).

In Bildungsprozessen zeigt sich die Postdigitalität darin, dass das Digitale nicht länger als bloßes Unterstützungswerkzeug fungiert, sondern grundlegend mit pädagogischen Praktiken verwickelt ist (Jandric & Knox, 2022, S. 785). Bildung steht in diesem Gefüge unter dem massiven Einfluss von Datenökonomie, Platt­formlogiken und privatwirtschaftlichen Interessen, was eine kritische Reflexion von Datenpolitik und sozialen Ungleichheiten unumgänglich macht (S. 786). In der Konsequenz fordern Jandric und Knox eine „postdigitale Ecopedagogy“, die Gerechtigkeit und Verantwortung ins Zentrum rückt und Bildung als Teil einer komplexen Welt versteht, in der Mensch, Technik und Natur eine untrennbare Einheit bilden (S. 788-791).

Mit diesen theoretischen Grundlagen - von Bourdieus Habitus- und Kapitalthe­orie über den digitalen Habitus, den Plattform-Kapitalismus bis hin zur Postdi- gitalität - lassen sich nun aktuelle empirische Befunde zu digitalen Plattformen wie Microsoftfor Education analysieren.

4 Analyse aktueller Literatur

Dieses Kapitel analysiert anhand aktueller empirischer Literatur, wie digitale Plattformen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit im schulischen Kontext reproduzieren und verstärken. Kapitel 1.1 beleuchtet allgemeine Zu­gangshürden an deutschen Schulen, 1.2 spezifische Plattformmechanismen und 1.3 beantwortet die Forschungsfrage durch theoretische Synthese.

4.1 Befunde zum digitalen Zugang an deutschen Schulen

Zunächst werden die grundlegenden Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz digitaler Plattformen beleuchtet. Basierend auf diversen Studien wer­den ungleiche Strukturen in Ausstattung, Nutzung und Kompetenzen analysiert, die ökonomisches und kulturelles Kapital reproduzieren.

4.1.1 Ausstattung

Ein zentraler Befund der Forschung zu digitalen Bildungsplattformen ist, dass deren Nutzung nicht voraussetzungslos erfolgt, sondern an spezifische materi­elle und infrastrukturelle Bedingungen geknüpft ist. Digitale Lernumgebungen wie Microsoft for Education setzen den kontinuierlichen Zugang zu geeigneten Endgeräten, stabilen Internetverbindungen sowie zu räumlichen Lernbedingun­gen voraus, die konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Ungleichheiten können hierbei in einem oder mehreren der folgenden Bereiche auftreten: Beim indivi­duellen Zugang, dem institutionellen Zugang, im logistischen oder politisch-öko­nomischen Bereich (Barragan Moreno & Lozano Galindo, 2025, S. 3-5). Die Voraussetzungen stehen in engem Zusammenhang mit der ungleichen Vertei­lung ökonomischen Kapitals auf Bundes-, Landes- oder kommunalen Ebene - auch das Kapitel der Bildungsinstitute und Herkunftsfamilien ist unterschiedlich hoch (Wang, 2025, S. 2-4).

Im Rahmen der ICILS-2023-Studie wurde bei der Untersuchung der digitalen Ausstattung deutscher Schulen deutliche Unterschiede im internationalen Ver­gleich festgestellt-ob bei Ausstattungskonzepten, dem Vorhandensein innova­tiver digitaler Anwendungen wie adaptiver Lernsysteme oder pädagogischer Virtual- bzw. Augmented-Reality-Anwendungen (Niemann et al., 2024, S. 250). Auch bei der Ausstattung mit digitalen Schulbüchern liegt Deutschland deutlich zurück. Die Ergebnisse zeigen, dass lediglich ein kleiner Teil der Schülerinnen Schulen besucht, in denen zumindest 76 Prozent derAchtklässlerinnen über mobile Endgeräte verfügen. Bei nur 7,9 Prozent dieser Fälle wurde die Nutzung der Geräte zu Hause ermöglicht. Die Autorinnen verweisen hier auf die PISA- 2022-Ergebnisse, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen den IT- Ressourcen im Elternhaus und der sozialen Herkunft der Eltern feststellten (Lewalter et al., 2023, S. 245). Zwar gaben 94 Prozent der Schülerinnen an, zu Hause einen vorhandenen Computer verwenden zu können, doch stand ,,[...] für fast jede*n zehnte*n Schülerin an nicht gymnasialen Schularten kein adä­quates digitales Gerät im Haushalt für schulisches Lernen zur Verfügung [...]“ (S. 244). Lernsoftware war zwar für 69 Prozent der Gymnasiastinnen zugäng­lich, doch nur 56 Prozent der Schülerinnen anderer Schulen hatten dazu Zu­gang (S. 245). Neben der bloßen Verfügbarkeit digitaler Technologien ist jedoch auch entscheidend, ob und wie intensiv diese tatsächlich zum Einsatz kommt.

4.1.2 Nutzungshäufigkeit

Die Nutzungshäufigkeit im Unterricht ist ein zentraler Indikator dafür, wie stark digitale Technologien tatsächlich in schulische Lehr- und Lernprozesse einge­bettet sind. Hierzu verdeutlichen die Befunde der ICILS-2023-Studie, dass die Nutzung digitaler Medien im Unterricht in den letzten Jahren deutlich zugenom­men hat. So gaben fast 70 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland an, digitale Medien mindestens einmal täglich im Unterricht einzusetzen. Dies stellt einen erheblichen Anstieg gegenüber früheren Erhebungszyklen dar und markiert ei­nen deutlichen Trend hin zur routinierten Integration digitaler Tools in den Un­terrichtsalltag - auch im internationalen Vergleich liegt dieser Wert inzwischen über dem vieler anderer Teilnehmerländer (Eickelmann et al., 2024, S. 39). Trotz dieser Zunahme weist die Nutzungshäufigkeit jedoch differenzierte Muster auf, die auf strukturelle und professionelle Herausforderungen hinweisen. Zum einen zeigt der internationale Vergleich, dass in Ländern mit ähnlicher oder bes­serer technischer Ausstattung diese häufiger täglich genutzt wird als in Deutsch­land (S. 30). Auch die Nutzungshäufigkeit in verschiedenen Fächern liegt hier 12,5 Prozentpunkte unter dem internationalen Mittelwert (57 Prozent) (S. 32). Die Befunde der PISA-2022-Studie deuten jedoch darauf hin, dass nicht allein die Nutzungshäufigkeit für den Kompetenzerwerb der Schülerinnen erforder­lich ist, sondern auch die Art und Weise, wie sie sich mit den digitalen Techno­logien beschäftigen (Lewalter et al., 2023, S. 254-255).

4.1.3 Lernangebote

Im Rahmen der PISA-2022-Studie wurden deutsche Lehrkräfte befragt, wie häufig sie welche digitalen Hilfsmittel im Unterricht einsetzen. Die meisten von ihnen gaben hierauf an, kaum andere Hilfsmittel alsTextverarbeitungs- und Prä­sentationssoftware zu verwenden. In der näheren Betrachtung wurde festge­stellt: „Lernsoftware oder Übungsprogramme, digitale Lernspiele, computerba­sierte Informationsquellen wie Wikis und interaktive Lernmaterialien wie Quizze kommen bei mehr als der Hälfte der Lehrenden im Laufe eines Schuljahres nur in einigen Stunden zum Einsatz“ (S. 247). Concept-Mapping-Software, E-Port­folios sowie Datenaufzeichnungs- und -Überwachungstools wurden nur sehr selten und von lediglich 20 Prozent der Lehrkräfte genutzt - vom Rest gar nicht. Lernsoftware oder interaktive digitale Lernmaterialien wurden ebenso lediglich in sehr geringem Umfang genutzt (S. 247). Computer-AGs gab es laut der Pisa- 2022-Studie an 60 Prozent der Schulen, wobei die Anzahl der Gymnasien mit AGs ein wenig besser ausfiel als die der nicht gymnasialen Schulen mit AGs (S. 248). Am häufigsten nutzten deutsche Schülerinnen in Schulen Smartphones, gefolgt von Tablets. Nur elf Prozent von ihnen gaben jedoch an, im Unterricht täglich Lernsoftware oder-Tools zu verwenden. Dagegen benutzten 38 Prozent diese fast nie. Auch bei Lern-Management-Systemen zeigte sich ein ähnliches Bild (S. 249): Nur 17 Prozent der Schülerinnen gaben an, ein solches täglich zu nutzen. Hinsichtlich der Nutzungsarten lag Deutschland im Vergleich zu an­deren OECD signifikant unter dem Durchschnitt - bei fast allen Nutzungsarten lagen jedoch die Gymnasien vor den anderen Schularten (251).

4.1.4 DigitaleKompetenzen

Bezüglich der digitalen Kompetenzen von Achtklässlerinnen in Deutschland bietet die ICILS-2023-Studie Einblicke. So liegen die computer- und informati­onsbezogenen Kompetenzwerte der Schülerinnen zwar mit 502 Punkten über dem internationalen Mittelwert, doch die Daten zeigen zugleich einen deutlichen Rückgang der digitalen Kompetenzen im Vergleich zu den Ergebnissen aus ICILS-2013 und 2018 auf. Dies deutet auf auf Defizite in der Kompetenzentwicklung hin (Eickelmann et al., 2024, S. 13). Mehr als 40 Pro­zent der Probandinnen erreichten nur rudimentäre digitale Fähigkeiten - was vor dem Hintergrund des zunehmenden Einsatzes digitaler Lernangebote para­dox erscheint (S. 17). Gymnasiastinnen lagen zudem im Mittel 87 Punkte über dem Kompetenzniveau von Schülerinnen anderer Schularten, wobei eine Ver­größerung des Kompetenzunterschieds im Zehnjahreszeitraum festgestellt werden konnte (S. 18). Die Befunde weisen auf eklatante Bildungsungleichhei­ten beim Erwerb digitaler Kompetenzen in Deutschland hin. Diese fielen vor allem zuungunsten von Schülerinnen mit Zuwanderungshintergrund, nicht­deutscher Familiensprache und benachteiligter sozialer Herkunft aus. Nur 50 Prozent erreichen hier die untersten beiden Kompetenzstufen, und vor allem Mädchen fallen mit besonders niedrigen Kompetenzen auf - trotz eines kleinen Vorsprungs gegenüber den Jungen im Mittel (S. 19).

4.2 Befunde zu Microsoft Education

Im nun folgenden Kapitel wird Microsoft for Education genauer beleuchtet. Ba­sierend auf Angaben des Unternehmens und empirischen Studien werden Funktionen, algorithmische Steuerungsmechanismen sowie die vermeintliche Kostenfreiheit des Systems untersucht.

4.2.1 Lern- und Organisationsplattform

Microsoft for Education wird in der schulischen Praxis nicht als isoliertes digita­les Werkzeug genutzt, sondern als umfassende Infrastruktur zur Organisation von Unterricht, Kommunikation und Leistungsrückmeldung. Das Ökosystem in­tegriert Anwendungen wie Microsoft Teams, OneDrive, Word, PowerPoint sowie Learning-Analytics-Funktionen in einer zentralen Plattform und ermöglicht da­mit eine kontinuierliche digitale Begleitung schulischer Lernprozesse. Aus funk­tionaler Perspektive verspricht diese Bündelung eine Vereinfachung organisa­torischer Abläufe, eine erhöhte Transparenz von Lernständen sowie eine effizientere Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Schülerinnen (Micro­soft, o. J. a).

Empirische Studien attestieren Microsoft for Education grundsätzlich eine hohe Alltagstauglichkeit. Insbesondere Microsoft Teams wird von Lehrkräften und Lernenden als praktikables Instrument für Kommunikation und Feedback ange­sehen (Elihami & Lobo, 2024, S. 246-248). Insbesondere bei der Organisation von Unterrichtsabläufen, der Planung und Koordination von Aufgaben kommen Lehrkräfte mit der Anwendung gut zurecht, berichteten jedoch von Herausforderungen bei der Nutzung interaktiver Werkzeuge und Online-Asses­sments. Schülerinnen bewerteten die Benutzerfreundlichkeit und die multime­dialen Inhalte positiv, betonten aber, dass persönliche Interaktion fehle und vor­handene Bewertungs- und Rückmeldestrategien bei Microsoft Teams als unzureichend erlebt werden (Mitra &Wadegaonkar, 2025, S. 536-539).

Eine nutzenorientierte Untersuchung verweist auf positive Effekte im Hinblick auf Beteiligung, Engagement und wahrgenommene Lernunterstützung, sofern die Plattform regelmäßig und strukturiert eingesetzt wird (Hazaymeh, 2025, S. 6-7).

Hinsichtlich der Einstellungen und Erwartungen von Studierenden und Lehren­den an einer deutschen Hochschule gegenüber Learning Analytics zeigte eine Analyse, dass beide Gruppen grundsätzlich positive Einstellungen und erwar­tete Potenziale bezüglich des Einsatzes datenbasierter Lernanalysen haben - etwa zur Unterstützung von Lehr-Lern-Prozessen und zur Verbesserung der Studienorganisation. Zugleich wurden Diskrepanzen zwischen idealen und real erwarteten Nutzungsszenarien deutlich. Darüber hinaus zeigten sich Unter­schiede in den Erwartungen verschiedener Gruppen und Disziplinen, was da­rauf hindeutet, dass Erfahrungen, Fachkultur und Rollenverständnisse die Wahrnehmung von Learning Analytics prägen (Fritz et al., 2024, S. 12-13).

Ein häufig implizit bleibendes Merkmal digitaler Bildungsplattformen wie Micro­soft for Education ist die hohe Anforderung an selbstreguliertes Lernen. So wurde in einer Studie der Einfluss des Einsatzes von Microsoft Teams auf den Leistungserfolg und die Selbstlernkompetenzen von Studierenden an einer Uni­versität von Jordanien untersucht. Die Ergebnisse zeigten signifikante Verbes­serungen derjenigen Studierenden, die mithilfe von Microsoft Teams unterrich­tet wurden, im Vergleich zur Kontrollgruppe - sowohl in den Ergebnissen des Leistungstests als auch in den selbstregulativen Lernfähigkeiten (Al-Shboul, 2024, S. 19-20).

4.2.2 Algorithmische Strukturierung

Microsoft (o. J. b) beschreibt auf einer Supportseite, dass Microsoft Teams for Education über die Funktion Education Insights eine Reihe von Nutzungsdaten erhebt, verarbeitet und visualisiert , um Lehrkräften Einblick in das digitale Lern­verhalten von Schülerinnen zu geben. Die Plattform versteht sich nicht nur als Kommunikations- oder Organisationswerkzeug, sondern als datenbasierte Un­terstützung pädagogischer Entscheidungen: Sie erweitert die traditionellen Datenquellen wie Noten und Quiz-Ergebnisse um digital erzeugte Aktivitäten und Interaktionen (z. B. Online-Teilnahme, Kommunikation, Bearbeitungsver­halten), um Lehrende bei der Analyse von Leistung und Engagement zu unter­stützen. Konkret listet Microsoft die Datenarten auf, die Education Insights er­hebt und visualisiert, darunter: Aufgabenbezogene Daten, Interaktionen in Kanälen, Dateinutzung, Notebook-Bearbeitungen , Meeting-Daten , Lese- und Fortschrittsmetriken, Such- und Check-In-Daten. Diese Datenerhebung ist er­eignisbasiert, was bedeutet, dass Aktivitäten automatisch protokolliert werden, sobald sie im System stattfinden. Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch die Ler­nenden können Daten, die über sie gesammelt wurden, über ein eigenes Dash­board einsehen. Microsoft betont, dass diese Datensammlung im Rahmen be­stehender Datenschutz- und Regulierungsbestimmungen erfolgt (Microsoft, o. J. b).

4.2.3 Kostenfreiheit als Plattformstrategie

Die grundlegenden Bestandteile von Office365Education - darunter Word, Excel, PowerPoint, OneNote und MicrosoftTeams - werden für Schülerinnen, Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen ohne direkte Lizenzkosten angeboten, sofern eine gültige schulbezogene E-Mail-Adresse existiert. Microsoft selbst er­klärt, dass dieses Angebot dazu dient, allen Beteiligten Werkzeuge für das Ler­nen und den Aufbau von Kompetenzen zugänglich zu machen, und spendet diese Funktionalitäten Bildungseinrichtungen kostenlos. Der Zugang bleibt er­halten, solange die Nutzerinnen an einer qualifizierten Schule eingeschrieben oder beschäftigt sind (Microsoft, o. J. c). Doch obwohl Microsoft mit der kosten­losen oder -günstigen Nutzung bestimmter Angebote für Schulen wirbt, ver­deckt diese Darstellung die tatsächlichen materiellen Voraussetzungen, die für einen wirklichen Zugang notwendig sind (Marone & Heinsfeld, 2023, S. 4-5).

Die Kostenfreiheit ist dabei nicht als altruistische Geste, sondern als strategi­sches Element digitaler Plattformökonomie zu sehen . In der Theorie des Platt­form-Kapitalismus wird herausgearbeitet, dass Plattformunternehmen auf Netz­werkeffekte und die Maximierung der Nutzerbasis abzielen, indem sie Produkte zunächst kostenlos anbieten, um eine breite Verankerung im Nutzungssystem herzustellen. Die Strategie der Quersubventionierung - also kostenlose Kern­angebote bei gleichzeitiger Wertschöpfung über andere Geschäftsfelder - ist dabei ein zentrales Element zur Skalierung digitaler Märkte (Srnicek, 2018, S. 48-49). Diese ökonomischen Züge digitaler Plattformangebote sind charakte­ristisch für Plattformkapitalismusmodelle, in denen die Gewinnlogik nicht primär über den Verkauf einzelner Produkte, sondern über die Generierung und Aus­wertung großer Datenmengen realisiert wird, die wiederum als Rohmaterial fun­gieren (S. 90).

4.3 Beantwortung der Forschungsfrage

Die vorliegende Analyse zielte darauf ab, zu klären, wie digitale Bildungsplatt­formen wie Microsoft for Education Bildungsungleichheit verstärken und wie sich diese Prozesse mithilfe von Bourdieus Habitus- und Kapitaltheorie im Rah­men der Plattformisierung von Bildung erklären lassen. Es wurde deutlich, dass Microsoft for Education an spezifische Kapitalausstattungen anschließt, die so­zial ungleich verteilt sind.

Der Zugang zur Plattform ist zwar formal kostenfrei, setzt jedoch ökonomisches Kapital in Form von Endgeräten, stabilen Internetverbindungen und geeigneten häuslichen Lernbedingungen voraus (Barragan Moreno & Lozano Galindo, 2025, S. 3-5; Wang, 2025, S. 2-4). Die Analyse der ICILS- und PISA-Befunde zeigte, dass diese materiellen Voraussetzungen insbesondere bei Schülerin­nen an nicht-gymnasialen Schulformen und aus sozioökonomisch benachteilig­ten Haushalten eingeschränkt sind (Lewalter et al., 2023, S. 244-245). Die ver­meintliche Niedrigschwelligkeit der Plattform verdeckt somit strukturelle Ausschlüsse, die entlang der sozialen Herkunft verlaufen und als Ausdruck un­gleich verteilten ökonomischen Kapitals zu interpretieren sind. Darüber hinaus erfordert die erfolgreiche Nutzung von Microsoft for Education inkorporiertes kulturelles Kapital in Gestalt digitaler Kompetenzen, Selbstorganisationsfähig­keiten und selbstregulativer Lernstrategien. Die empirischen Befunde zeigen je­doch, dass auch diese Kompetenzen ungleich verteilt sind und signifikant mit der sozialen Herkunft, Schulform und der familiären Unterstützung korrelieren (Eickelmann et al., 2024, S. 18-20; Zhao, 2023, S. 636-640). Die Analyse zeigte zudem, dass Microsoft for Education selbst aktiv an der Formierung eines digitalen Habitus beteiligt ist. Algorithmisch strukturierte Lernumgebungen len­ken Aufmerksamkeit, bewerten Verhalten und erzeugen normative Vorstellun­gen von „guter“ Teilnahme, Produktivität und Lernleistung. Lernende, deren Praktiken diesen algorithmisch präformierten Erwartungen entsprechen, erfah­ren Bestätigung und Sichtbarkeit, während Abweichungen - etwa geringere On­line-Präsenz oder andere Lernrhythmen - als Defizite markiert werden. Der di­gitale Habitus entsteht somit im Zusammenspiel von sozialer Herkunft, schulischer Praxis und algorithmischer Steuerung und trägt zur Verstetigung bestehender Ungleichheiten bei (Biermann, 2023, S. 24; Microsoft, o. J. b).

Besonders deutlich wird dieser Mechanismus in der algorithmischen Strukturie­rung durch Learning-Analytics-Funktionen wie Education Insights. Die kontinu­ierliche Erfassung und Visualisierung von Nutzungs- und Leistungsdaten sug­geriert Objektivität und Transparenz, reproduziert jedoch soziale Ungleichheiten, die bereits in den Daten eingeschrieben sind (Baker & Hawn, 2022, S. 1058-1075). In bourdieuscher Terminologie lassen sich diese daten­basierten Klassifikationen als neue Formen symbolischer Gewalt interpretieren, die soziale Differenzen in scheinbar neutrale Kennzahlen übersetzen und damit legitimieren.

Die Einbettung von Microsoft for Education in den Plattform-Kapitalismus ver­deutlicht zudem, dass diese pädagogischen Effekte nicht losgelöst von ökono­mischen Interessen zu betrachten sind. Die Kostenfreiheit der Plattform fungiert als strategisches Mittel zur Erzeugung von Netzwerkeffekten und zur langfristi­gen Bindung von Bildungseinrichtungen an Tech-Unternehmen. Schulen wer­den so zu Orten, wo Rohmaterial (Daten) für die ökonomische Verwertung ge­wonnen wird (Srnicek, 2018, S. 48-49). Im postdigitalen Kontext wird diese Plattformlogikweitgehend normalisiert. Digitale Infrastrukturen wie Microsoftfor Education erscheinen nicht mehr als externe Eingriffe, sondern als selbstver­ständlicher Bestandteil schulischer Organisation (Jandric et al., 2018, S. 895­896). Gerade diese Selbstverständlichkeit trägt jedoch dazu bei, dass die un­gleichheitsrelevanten Effekte der Plattform unsichtbar werden. Für benachtei­ligte Lernende kann dies zu einer Verstärkung der nachteiligen Effekte führen (Redecker, 2023, S. 88).

Digitale Plattformen wie Microsoft for Education verstärken demnach die Bil­dungsungleichheit, indem sie schulische Lernprozesse entlang ökonomischer, kultureller und digitaler Kapitalformen strukturieren, die sozial ungleich verteilt sind. Durch algorithmische Klassifikation, datenbasierte Bewertung und die Normalisierung plattformkapitalistischer Logiken werden bestehende Ungleich­heiten nicht nur reproduziert, sondern in neuer Form legitimiert. Die Plattformi- sierung von Bildung erweist sich somit nicht als neutraler Modernisierungs­schub, sondern als tiefgreifende Transformation des Bildungsfeldes mit erheblichen Konsequenzen für Bildungsgerechtigkeit.

5 Diskussion

Die vorliegende Arbeit konnte zeigen, dass digitale Bildungsplattformen wie Microsoft for Education nicht als neutrale technische Werkzeuge verstanden werden können, sondern als sozio-technische Dispositive, die pädagogische Praktiken, Subjektivierungsprozesse und Bewertungslogiken strukturieren. In Übereinstimmung mit kritisch-erziehungswissenschaftlicher Forschung zur Da- tafizierung und Plattformisierung wird deutlich, dass Digitalisierung im Bildungs­wesen keine automatisch egalisierende Wirkung entfaltet, sondern bestehende soziale Ungleichheiten unter bestimmten Bedingungen sogar verstärkt. Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass die vermeintliche Kostenfreiheit von Microsoft for Education eine formale Chancengleichheit suggeriert, während die tatsächliche Nutzung an ungleich verteilte Ressourcen gebunden bleibt. Un­gleichheit entsteht somit nicht erst auf der Ebene individueller Lernleistungen, sondern bereits auf der Ebene der Voraussetzungen für Teilhabe. Digitale End­geräte, stabile Internetverbindungen, ruhige Lernumgebungen sowie familiäre Unterstützung bilden eine implizite Grundlage, die insbesondere von Schü­lerinnen aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten nicht selbstver­ständlich erfüllt werden kann. Die Plattform verdeckt diese strukturellen Unter­schiede, indem sie Lernleistungen primär als Resultat individueller Aktivität und Selbststeuerung darstellt. Darüber hinaus verdeutlichen die Ergebnisse, dass digitale Bildungsplattformen neue Formen symbolischer Gewalt hervorbringen. Durch datenbasierte Leistungsvisualisierungen, Aktivitätsmetriken und algorith­mische Klassifikationen werden Lernende fortlaufend bewertet und vergleichbar gemacht. Diese Bewertungen erscheinen objektiv und neutral, sind jedoch tief in normative Annahmen über produktives Lernen, kontinuierliche Teilnahme und Selbststeuerung eingebettet. Lernende, deren Habitus diesen Erwartungen ent­spricht, können davon profitieren, während andere als defizitär markiert werden. So verschiebt sich symbolische Gewalt von pädagogischen Bewertungen hin zu technischen Prozessen, die damit ihrer sozialen Dimension beraubt werden. Die Plattform prägt damit die Wahrnehmungs-, Handlungs- und Bewertungs­muster von Lernenden und Lehrkräften gleichermaßen und trägt damit zur Sta­bilisierung bestimmter Lernnormen bei. Weil die digitalen Plattformen und deren Arbeitsweise in der Postdigitalität als selbstverständliche Bestandteile des Le­bens wahrgenommen werden, erfolgt diese Form der Subjektivierung von Ler­nenden und Lehrkräften weitgehend unhinterfragt. Dass pädagogische und ökonomische Logiken zunehmend miteinander verschränkt werden und Bil­dungseinrichtungen Teil datenökonomischer Wertschöpfungsketten werden, sollte jedoch pädagogisch und bildungspolitisch reflektiert werden - vor allem hinsichtlich ihrergesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitswirkungen.

Die vorliegende Arbeit unterliegt jedoch bestimmten Limitationen. Durch die Analyse internationaler Sekundärliteratur können die Aussagen nur auf Grund­lage vorheriger Erhebungen getroffen werden, die aus unterschiedlichen Län­dern stammen. Die Studien zu Microsoft for Education beschränken sich zudem häufig auf Microsoft Teams. Hinsichtlich der Datennutzung, Funktionen und in­stitutionellen Einbettung bestehen zudem Unterschiede zu anderen Lernplatt­formen, weshalb die Resultate nicht auf andere Plattformen übertragen werden können. Zuletzt bleiben die Befunde aus der PISA und ICILS auf die Perspekti­ven von Schülerinnen und Lehrkräften beschränkt und können nur einen ori­entierenden Überblick bieten.

6 Fazit und bildungswissenschaftliche Implikationen

Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass digitale Bildungsplattformen wie Micro­soft for Education Bildungsungleichheit nicht abbauen, sondern unter postdigi­talen Bedingungen in spezifischer Weise reproduzieren und transformieren. Auf der Grundlage von Bourdieus Habitus- und Kapitaltheorie, ergänzt durch Kon­zepte des digitalen Habitus, des Plattform-Kapitalismus und der Postdigitalität, konnte herausgearbeitet werden, dass digitale Bildung nicht voraussetzungslos ist. Vielmehr knüpfen digitale Plattformen an ungleich verteilte ökonomische, kulturelle und digitale Kapitalformen an und verstärken diese durch algorithmi­sche Strukturierung, datenbasierte Bewertung und normative Lernanforderun­gen.

Für die Bildungswissenschaft ergeben sich daraus mehrere Implikationen. So bedarf es einer konsequenten ungleichheits- und machtkritischen Perspektive auf Digitalisierung. Digitale Bildung darf nicht primär als technische Modernisie­rung verstanden werden, sondern muss als sozialer Prozess analysiert werden, der bestehende Machtverhältnisse widerspiegelt und stabilisiert. Zudem sollten digitale Kompetenzen nicht nur funktional, sondern kritisch-reflexiv vermittelt werden. Neben Bedienkompetenzen müssen Daten-, Algorithmus- und Platt­formkompetenzen systematisch Bestandteil schulischer Bildung werden, um Lernende zur Reflexion datenbasierter Bewertung und algorithmischer Steue­rung zu befähigen.

Für den schulischen Alltag bedeutet dies, dass digitale Plattformen nicht unhin­terfragt eingesetzt werden sollten. Lehrkräfte benötigen Zeit, Unterstützung und institutionelle Rahmenbedingungen, um digitale Tools reflektiert auszuwählen und didaktisch sinnvoll einzubetten. Schulen sollten darüber hinaus erfassen, welche Schülerinnen durch digitale Anforderungen besonders belastet oder ausgeschlossen werden, und gezielte Unterstützungsangebote schaffen, etwa durch Leihgeräte, Lernzeiten in der Schule oder individuelle Begleitung. Im Un­terricht eröffnet sich die Möglichkeit, digitale Plattformen selbst zum Gegen­stand kritischer Auseinandersetzung zu machen. Lernende können beispiels­weise analysieren, welche Daten sie produzieren, wie diese visualisiert werden und welche Vorstellungen von Lernen darin eingeschrieben sind. Eine solche reflexive Medienbildung stärkt nicht nur digitale Kompetenzen, sondern auch die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Kritik. Auch in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften sollten Fragen der Plattformökonomie, Datafizierung und algorith­mischen Bewertung stärker verankert werden. Lehrkräfte benötigen nicht nur technisches Wissen, sondern auch theoretische Orientierungen, um digitale Bil­dungsangebote im Spannungsfeld von Pädagogik, Ökonomie und Ungleichheit einordnen zu können.

Auf bildungspolitischer Ebene ergibt sich die Notwendigkeit, klare Rahmenbe­dingungen für den Einsatz privatwirtschaftlicher Plattformen zu formulieren. Dazu gehören Transparenzpflichten, Datenschutzstandards, Mitbestimmungs­möglichkeiten für Schulen sowie die Förderung öffentlicher, nicht-kommerzieller Alternativen. Bildungsgerechte Digitalisierung erfordert langfristige Investitio­nen in Infrastruktur, Personal und pädagogische Entwicklung - nicht nur in Soft­ware. Die Plattformisierung von Bildung ist demnach als tiefgreifender gesell­schaftlicher Wandel zu verstehen. Ob dieser zu einer höheren Bildungsgerechtigkeit beitragen kann, hängt maßgeblich davon ab, wie kritisch ergestaltet, reguliert und pädagogisch reflektiert wird.

7 Literaturverzeichnis

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[...]


1 „Datafication is the process through which actions, interactions and behaviours are translated into digital data that can be collected, sorted, analysed or commodified by governments and private companies“ (Erstad et al., 2023, S. 6).

2 „Platformisation refers to the widespread introduction of digital platforms into many aspects of everyday life, spanning social interaction and communication (social media platforms), online commerce, travel and transport (smartphone taxi booking services), and public services (‘Government as a Platform’)“ (Erstad et al., 2023, S. 6).

3 „Während mit dem Begriff .symbolische Gewalt' konkrete praktische Vollzüge gewalt­loser Gewalt anvisiert werden, bezeichnet .symbolische Macht' die Möglichkeit zur Aus­übung von symbolischer Gewalt“ (R. Schmidt & Woltersdorff, 2018, S. 8).

4 „'Symbolische Herrschaft' steht für verkannte und damit anerkannte Herrschaftsver­hältnisse - Voraussetzung wie Resultat symbolischer Gewalt“ (R. Schmidt & Woltersdorff, 2018, S. 8).

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Details

Title
Ökonomisierung der Bildung im Plattform-Kapitalismus. Bildungsungleichheit und Microsoft Education
College
University of Hagen  (Kultur und Sozialwissenschaften)
Course
Bildung, Diversität und Ungleichheit
Grade
1,0
Author
Daniela Haindl (Author)
Publication Year
2026
Pages
30
Catalog Number
V1708836
ISBN (eBook)
9783389184240
ISBN (Book)
9783389184257
Language
German
Tags
Bildungsungleichheit digitale Bildungsplattformen Habitus Plattform-Kapitalismus Datafizierung Microsoft for Education Postdigitalität
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Daniela Haindl (Author), 2026, Ökonomisierung der Bildung im Plattform-Kapitalismus. Bildungsungleichheit und Microsoft Education, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1708836
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