Am 14. Juli 2022 titelte die Main-Post im Lokalteil für den Landkreis Schweinfurt: „Fähre über den Main bei Wipfeld zählt nun als immaterielles Kulturerbe“. Die Überschrift ist missverständlich, denn wie kann eine Fähre ein immaterielles Gut sein, das zum Kulturerbe erhoben wird?
Neben dieser irreführenden Schlagzeile drängen sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive auch andere Fragen auf: Wie wird der Begriff "Immaterielles Kulturerbe" definiert, wie erhielt der Betrieb der Mainfähren dieses Prädikat und wem nützt das Label?
Daher gilt mein Erkenntnisinteresse neben den Alltagspraktiken des Fährbetriebs auch den Beweggründen für die Bewerbung zur Aufnahme in das bayerische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes (IKE-Verzeichnis) und den Erwartungen der Akteur:innen an den Kulturerbe-Titel. Dieses Thema ist kulturwissenschaftlich von Bedeutung, weil es den Betrieb der Fähren als lebendiges Erbe, das lokale Identität prägt, in den Fokus stellt und Möglichkeiten des Kulturerhalts im Zuge gesellschaftlicher und technischer Transformationsprozesse untersucht. Konkrete Forschungsfelder dieser ethnografischen Studie sind die Fährbetriebe am Main in Unterfranken (Feld der Alltagspraktiken) und das Feld der Politik/Administration, das im Bewerbungsprozess und in der Bewertung der Inventarisierung des Mainfähren-Betriebs von Bedeutung ist.
Das Erkenntnisinteresse lässt sich mit folgender Fragestellung operationalisieren: Aus welchen Gründen wurde die Aufnahme des Betriebs der Mainfähren in das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes beantragt und welche Erwartungen verknüpfen die Akteur:innen mit dem Titel in seiner Funktion als kulturelles Kapital?
Obwohl die Fährbetriebe am Main in Unterfranken eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition repräsentieren, existiert bislang kaum ethnographische Forschung darüber, wie sich das Wissen und die Handwerkspraktiken im Alltag der Fährleute manifestieren, weitergegeben und in Zeiten technischer Modernisierung verhandelt werden. Nach meinen Recherchen publizierte einzig die Historikerin Julia Müller-Halbleib einen wissenschaftlichen Beitrag über die Geschichte des Fährbetriebs in Dettelbach. Hier tut sich eine wissenschaftliche Lücke auf, denn es ist unklar, wie dieses kulturelle Erbe tradiert und als lebendiges Erbe transformiert wird. [...]
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- Markus Lüske (Author), 2025, Der Betrieb der Mainfähren in Unterfranken als immaterielles Kulturerbe in Bayern, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1708734