Ostasien wird heute oft mit dem Europa des balance of power im 19. Jh. verglichen. Es soll im Folgenden die These vertreten werden, daß ein solches balance of power als sicherheitspolitisches Ordnungsprinzip langfristig nicht ausreichend ist und vielleicht sogar große Gefahren birgt. Ausgehend von dieser These soll die Frage beantwortet werden, ob und inwiefern Möglichkeiten zu einer stärkeren Kollektivierung der Sicherheitsbemühungen in der Region bestehen. Es wird zu zeigen sein, auf welchen Grundlagen Institutionen kollektiver Sicherheit in Ostasien fußen könnten. Von besonderem Interesse wird dabei der Vergleich mit Europa sein. Hier konvergieren heute mehrere Institutionen und Systeme kollektiver Sicherheit. Zu nennen wären etwa die NATO und OSZE aber natürlich auch die EU. Außen vorgelassen wird die UNO, die ja keine speziell regionale Institution darstellt. Die genannten Organisationen sollen daraufhin untersucht werden, inwieweit sie einer möglichen Entwicklung in Ostasien als Vorbild dienen könnten.
Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, daß es neben den Parallelen zu Europa auch Unterschiede und Besonderheiten gibt. So ist die Rolle der USA in Ostasien eine andere als sie es in Europa war und ist. Dieser Unterschied und auch die Verpflichtungen und Möglichkeiten der USA als Akteur in Ostasiens Politik sollen thematisiert werden. Weiterhin gibt es in Asien ganz eigene Ansätze, die auch mit den spezifischen regionalen Konflikten in Zusammenhang stehen. Der Atomkonflikt um Nordkorea beispielsweise, ist der momentan größte Gefahrenherd der Region, gleichwohl aber auch durch die integrative Konstruktion der Sechsparteiengespräche eine Chance auf stärkere Kooperation und Verstrukturierung der Sicherheitsbemühungen der verschiedenen Akteure.
Im Folgenden wird mit einer Arbeitsdefinition der Region gefolgt von einer anschließenden Beschreibung der Akteure, Phänomene und Konflikte begonnen werden. Darauf aufbauend soll der bereits erwähnte Vergleich mit Europa Gemeinsamkeiten und Unterschiede kontrastieren und ausloten, ob europäische Entwicklungen Anstoß und Beispiel für Ostasien sein können. Anschließend werden, um das Bild abzurunden, Alternativen im Sinne von regionsspezifischen Ansätzen diskutiert. Dabei wird schließlich nach den möglichen Impulsgebern einer Entwicklung gefragt, die dem chancenreichen Aufbruch vieler Staaten Ostasiens einen kollektiven sicherheits- und stabilitätsbildenden Rahmen geben würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Beschreibung der Region Ostasien
3. Vergleich – Europa als Vorbild?
3.1. Realismus und balance of power
3.2. Kooperation und kollektive Sicherheit
4. Alternativen
4.1. Regionale Besonderheiten und Ansätze in Ostasien
4.2. Mögliche Impulsgeber
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das in Ostasien vorherrschende Ordnungsprinzip des balance of power langfristig ausreicht oder ob, nach europäischem Vorbild, Ansätze für eine institutionalisierte kollektive Sicherheit in der Region bestehen könnten.
- Sicherheitsarchitektur in Ostasien im Vergleich zu Europa
- Die Rolle der USA als Sicherheitsgarant und ihre Auswirkungen
- Chinas wirtschaftlicher Aufstieg und dessen sicherheitspolitische Konsequenzen
- Perspektiven für eine stärkere regionale Institutionalisierung
- Regionale Konflikte (Atomkonflikt Nordkorea, Taiwanfrage) als Herausforderung und Chance
Auszug aus dem Buch
3.1. Realismus und balance of power
Das klassische Staatensystem Europas fußte auf den Prinzipien des Westfälischen Friedens von 1648, welche die staatliche Souveränität und die prinzipielle Gleichheit der Akteure zugrundelegten. Traditionell wird die Politikgeschichte Europas im 18. und 19. Jahrhundert vor allem in den Kategorien und nach Maß des klassischen Realismus beschrieben.
Aufbauend auf dieser Denktradition versuchten sodann Neorealisten wie Kenneth N. Waltz und in neuerer Zeit John J. Mearsheimer Erkenntnisse aus dem Spiel der europäischen Mächte zu ziehen. Gemeinsam ist allen die Beschreibung Europas als multipolares System, dass im 19. Jahrhundert wesentlich von fünf Großmächten geprägt wurde. Das multipolare System zeichnet sich durch das Vorhandensein mehrerer prinzipiell gleichartiger Mächte aus, die in einem konstanten Wettstreit stehen. Geordnet wird ein solches System durch das Prinzip des balance of power: Machtzuwächse eines Akteurs werden durch wechselnde Bündnisse der anderen ausgeglichen. In der europäischen Geschichte übernahm England die Rolle eines balancers, welcher entstehende Machtasymmetrien durch sein eigenes Gewicht auszugleichen verstand und so das Gleichgewicht der Mächte und damit eine gewisse Stabilität und Sicherheit wahren konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die These auf, dass balance of power als Ordnungsprinzip in Ostasien langfristig unzureichend ist, und prüft anhand eines Vergleichs mit Europa Möglichkeiten für kollektive Sicherheitsinstitutionen.
2. Definition und Beschreibung der Region Ostasien: Das Kapitel definiert den Untersuchungsraum auf Japan, China, Taiwan und Korea und analysiert die regionale geographische sowie sicherheitspolitische Ausgangslage.
3. Vergleich – Europa als Vorbild?: Hier wird untersucht, ob europäische Modelle der Sicherheitsarchitektur auf Ostasien übertragbar sind, wobei insbesondere realistische Machttheorien sowie Ansätze kooperativer Sicherheit beleuchtet werden.
4. Alternativen: In diesem Teil werden spezifische regionale Gegebenheiten in Ostasien und potenzielle Impulsgeber für eine sicherheitspolitische Entwicklung diskutiert.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Ostasien einen eigenen Weg finden muss, wobei Europa Inspiration bieten kann, um durch institutionelle Strukturen Stabilität jenseits des reinen Machtgleichgewichts zu schaffen.
Schlüsselwörter
Ostasien, Sicherheitspolitik, Balance of Power, Kollektive Sicherheit, Institutionen, Europäische Union, USA, China, Nordkorea, Machtgleichgewicht, Regionalismus, Multilateralismus, Sechsparteiengespräche, Integration, Stabilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die aktuelle sicherheitspolitische Lage in Ostasien und hinterfragt die Stabilität des dortigen balance of power im Vergleich zum europäischen Modell der kollektiven Sicherheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernpunkten gehören die Rolle der USA als Sicherheitsbalancer, der Aufstieg Chinas, die atomare Bedrohung durch Nordkorea und die Möglichkeiten regionaler multilateraler Institutionalisierung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass ein rein machtbasiertes Gleichgewicht in Ostasien instabil ist, und zu erörtern, ob und wie regionale Akteure durch institutionalisierte Kooperation Sicherheit nachhaltiger gestalten können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Analyse der historischen und theoretischen Konzepte europäischer Sicherheit mit der aktuellen sicherheitspolitischen Situation in Ostasien sowie auf die Auswertung aktueller Fachliteratur und Daten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Konzept des Realismus und balance of power diskutiert, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der europäischen und ostasiatischen Sicherheitsarchitektur analysiert sowie spezifische regionale Herausforderungen wie der Nordkoreakonflikt beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Ostasien, Kollektive Sicherheit, Balance of Power, Multilateralismus und Regionale Integration.
Warum wird die Rolle der USA in Ostasien als so entscheidend bewertet?
Die USA fungieren derzeit als zentraler Garant für das regionale Gleichgewicht; ihr Handeln, insbesondere gegenüber China und Nordkorea, hat direkte Auswirkungen auf die Stabilität der gesamten Region.
Welche Rolle spielen die Sechsparteiengespräche für die Stabilität?
Sie werden als Hoffnungsträger gesehen, da sie regionale Akteure mit divergierenden Interessen an einen Tisch bringen und langfristig als Basis für eine Institutionalisierung von Sicherheit dienen könnten.
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- Ullrich Müller (Author), 2007, Europa als Vorbild?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170644