Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die objektive Feststellung eines Mächtegleichgewichts auf der Ebene der internationalen Politik überhaupt möglich ist. Dabei wird die These aufgestellt, dass ein solches Unterfangen aufgrund der hohen Komplexität und der äußerst bedingten Vergleichbarkeit der verschiedenen für ein solches Gleichgewicht relevanten Kategorien illusorischer Natur ist und man höchstens in bestimmten Unterkategorien von einem auf eben diese begrenzten, partiellen Gleichgewicht sprechen kann.
Um diese These zu verifizieren, werden die beiden Supermächte des Kalten Krieges, die USA und die Sowjetunion, anhand beispielhaft ausgewählter Kriterien (Waffensysteme, geographische Lage, Rolle der Bevölkerung und des politischen Systems) einander gegenübergestellt. Jede dieser Gegenüberstellungen schließt mit einer Stellungnahme zur Vergleichbarkeit der beiden Supermächte bzw. wo möglich auch zur Ausrichtung der "Gleichgewichtswaage" in der Vergleichskategorie. In einem abschließenden Resümee werden dann die Ergebnisse zusammengefasst. Anschließend wird die oben aufgestellte These überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Mächtegleichgewicht – was ist das eigentlich?
1.1 Gleichgewicht als Zustand mehr oder weniger gleicher Machtverteilung
1.2 Gleichgewicht als Politik
1.3 Gleichgewicht als Ideologie
2. Der Kalte Krieg: Ursprung und Entstehung
3. Einzelne Kategorien im Vergleich
3.1 Waffensysteme
3.1.1 Nuklearwaffen
3.1.1.1 Nukleares Patt
3.1.1.2 Gleichgewicht des Schreckens und Zweitschlagfähigkeit
3.1.2 Konventionelle Waffen
3.2 Geographische Lage
3.3 Politische Systeme und die Rolle der Bevölkerung
3.4 Vorläufige Zusammenfassung
4. Der Versuch der Herstellung eines Gleichgewichts – die Rüstungskontrollverträge
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hypothese, dass ein objektiv feststellbares Mächtegleichgewicht zwischen den USA und der UdSSR während des Kalten Krieges eine Illusion darstellt und lediglich von partiellen, auf Teilbereiche begrenzten Gleichgewichtszuständen gesprochen werden kann.
- Analyse theoretischer Grundlagen des Mächtegleichgewichts
- Vergleichende Untersuchung der militärischen Kapazitäten (Nuklear- und konventionelle Waffen)
- Bewertung der Auswirkungen geographischer Faktoren auf das Sicherheitsgefühl
- Einfluss politischer Systeme und gesellschaftlicher Partizipation auf die Machtkonstellation
- Kritische Reflexion der Rüstungskontrollverträge als Instrumente der Gleichgewichtssicherung
Auszug aus dem Buch
3.1.1.2 Gleichgewicht des Schreckens und Zweitschlagfähigkeit
Eng verknüpft mit dem Nuklearen Patt sind zwei weitere wichtige Konzepte: das Gleichgewicht des Schreckens und die Zweitschlagfähigkeit. Unter ersterem versteht man die Tatsache, dass die Existenz von Kernwaffen auf beiden Seiten einen Angriff auf den jeweils anderen sehr unrentabel erscheinen ließen, da man sicher sein konnte, dass dieser Angriff untragbare Verluste für das eigene Land mit sich bringen würde. Unter letzterem, das eng mit ersterem verknüpft ist und es geradezu bedingt, versteht man die Fähigkeit einer Nation, nach einem erfolgten nuklearen Angriff mit Nuklearwaffen zurückschlagen zu können. Oder, wie A.J.C. Edwards so präzise wie simpel beschreibt: „The side which attacks first with nuclear weapons is said to make the ‘first strike’. The other side’s response is called the ‘second strike’.” Beide Konzepte spielten insbesondere seit Beginn der sechziger Jahre eine wichtige Rolle, denn ab diesem Zeitpunkt waren auf beiden Seiten die Atomarsenale derart ausgeklügelt und von derart großem Umfang, dass sich ein nuklearer Erstschlag für beide Seiten nicht gelohnt hätte, da er eine inakzeptable Zerstörung des eigenen Landes mit sich gebracht hätte. Keiner der beiden Staaten wäre in der Lage gewesen, das Arsenal des jeweils anderen mit einem Erstschlag komplett auszuschalten, um so einen nukleare Gegenangriff, den Zweitschlag, zu verhindern. Die Aufrechterhaltung der Zweitschlagfähigkeit war für beide Seiten überlebenswichtig. Sie führte im Laufe der Zeit zu interessanten Blüten wie der so genannten „Dooms Day Machine“, dem sowjetischen Perimetr-System, das im Falle eines feindlichen nuklearen Erstschlags – gesetz dem Fall, die sowjetische Führungselite wäre bereits tot und der Kontakt nach Moskau abgebrochen –, computergesteuert das gesamte sowjetische Atomwaffenarsenal abfeuern würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mächtegleichgewicht – was ist das eigentlich?: Definiert die verschiedenen theoretischen Facetten des Gleichgewichtsbegriffs, nämlich als Zustand, als politische Strategie und als ideologisches Konstrukt.
2. Der Kalte Krieg: Ursprung und Entstehung: Zeichnet die historischen Entwicklungslinien und die zunehmende Entfremdung zwischen den USA und der Sowjetunion nach, die zum Kalten Krieg führte.
3. Einzelne Kategorien im Vergleich: Analysiert systematisch Waffensysteme, Geographie sowie politische Systeme als Einflussfaktoren auf das Machtverhältnis der Supermächte.
4. Der Versuch der Herstellung eines Gleichgewichts – die Rüstungskontrollverträge: Untersucht bilaterale Abkommen wie SALT, ABM und START auf ihre Eignung, ein quantitatives Gleichgewicht zu etablieren.
Schlüsselwörter
Mächtegleichgewicht, Kalter Krieg, UdSSR, USA, Rüstungskontrolle, Nukleares Patt, Zweitschlagfähigkeit, Geopolitik, Wettrüsten, SALT, ABM-Vertrag, Abschreckung, Systemvergleich, Machtverteilung, Strategische Waffen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch, ob während des Kalten Krieges ein objektiv feststellbares Mächtegleichgewicht zwischen den USA und der UdSSR existierte oder ob dies lediglich eine Illusion ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die militärische Vergleichbarkeit (Nuklear- und konventionelle Waffen), die geographische Lage und der Einfluss der unterschiedlichen politischen Systeme auf die Stabilität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Verifizierung der Hypothese, dass ein umfassendes, objektives Gleichgewicht unmöglich ist und man höchstens von partiellen, auf spezifische Unterkategorien begrenzten Gleichgewichtszuständen sprechen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt eine kritisch-analytische Vorgehensweise unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur, um verschiedene Machtkategorien strukturiert miteinander zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, eine historische Einordnung des Kalten Krieges, den Vergleich spezifischer Machtkategorien und eine Analyse der Rüstungskontrollverträge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Mächtegleichgewicht, Zweitschlagfähigkeit, Rüstungsdynamik und das bipolare System der Supermächte charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Zweitschlagfähigkeit für die Stabilität?
Sie gilt als zentrales Element der Abschreckung, da sie einen nuklearen Erstschlag unrentabel macht, weil der Angreifer sicher sein muss, dass er die Fähigkeit des Gegners zur Vergeltung nicht vollständig neutralisieren kann.
Warum wird laut Autor kein umfassendes Gleichgewicht erreicht?
Aufgrund der extremen Komplexität der verschiedenen, teils nicht vergleichbaren Kategorien ist eine objektive Verrechnung unmöglich; der Versuch wäre laut Autor ein "Vergleich von Äpfeln mit Birnen".
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- Simon Rietberg (Author), 2011, Mächtegleichgewicht im Kalten Krieg - eine Illusion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/170364