In Thomas Bernhards Bücher spielen Krankheit, Tod, Verderben und Selbstmord sowie zwischenmenschliche Kälte und Grausamkeiten eine große Rolle. Krankheit ist im Bernhardschen Werk omnipräsent, denn nahezu alle Menschen leiden unter der einen oder anderen Krankheit. Eine Einteilung in "Gesunde" und "Kranke" lässt sich oft nicht vornehmen, lediglich der Grad der Krankheit unterscheidet die Personen. Einige sind nur leicht kränklich, andere leiden an einer schweren "Todeskrankheit". Es sind aber nicht nur die Menschen krank, sondern die gesamte erzählte Welt scheint von Schmerzen und Sinnlosigkeit zerfressen, alles ist unabänderlich krank. Bernhards Faszination für das Thema durchzieht wie ein Leitfaden sämtliche seiner Werke und ist insbesondere an den beiden Brüdern aus dem Roman AMRAS, den Bernhard selbst als sein "Lieblingsbuch" bezeichnet hat, gut zu sehen. In dieser Arbeit möchte ich näher auf die Krankheitsdarstellung der Brüder Karl und Walter aus dem 1962 veröffentlichten Werk eingehen. Lässt sich anhand der von Bernhard beschriebenen Symptome eine Diagnose stellen? Leiden die beiden Brüder an einer realen Krankheit oder mischt sich der Autor aus den verschiedensten Symptomen einen passenden Krankheitscocktail ganz nach seinen Bedürfnissen zusammen? Diesen Fragen soll mithilfe moderner diagnostischer Kriterien des DIAGNOSTISCHEN UND STATISTISCHEN HANDBUCHES PSYCHISCHER STÖRUNGEN (DSM)nachgegangen werden. Neben dem Blick auf die Diagnosestellung soll immer auch untersucht werden, was Bernhard mit seinen Krankheitsbeschreibungen ausdrücken möchte. Hierbei steht insbesondere die Frage im Vordergrund, ob (und wenn ja, in welcher Weise) die Krankheiten als Metapher gemeint sind. Für diese Fragestellung wird sowohl auf Novalis' Ausführungen zur Krankheit als auch auf Antonovskys Modell der Salutogenese eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Forschungsüberblick
Inhalt des Romans
Teil I – Novalis, Brown und Antonovsky
Erhebung des Kohärenzgefühls bei Karl
Brownismus und Novalis
Der Stheniker
Der Astheniker
Eine Welt voller Stheniker
Teil II – Krankheit und Verderben
Die Tiroler Epilepsie
Realistik in der Krankheitsbeschreibung?
Die Tiroler Epilepsie als Teil der literarischen Tradition
Der Epileptikersessel
Die Geisteskrankheit
Anamnese – Sammlung der Symptome
Der Weg zur Diagnose
Charakteristische Schizophreniesymptome
Charakteristische Symptome einer Depression
Das Bild der Ärzte
Teil III – Uns alle beschämende Zustände
Ein Plädoyer für die Antipsychiatrie ?
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Krankheit, Wahnsinn und Verderben im Roman "Amras" von Thomas Bernhard. Ziel ist es, die Symptome der Protagonisten Karl und Walter mithilfe moderner diagnostischer Kriterien sowie theoretischer Konzepte zu analysieren und deren metaphorische Bedeutung im literarischen Gesamtwerk zu deuten.
- Analyse des Gesundheitszustands mittels Antonovskys Konzept der Salutogenese
- Untersuchung der Charakterisierung anhand von Novalis' und Browns Lehren
- Diagnostische Einordnung der Symptome unter Berücksichtigung psychiatrischer Standards (DSM)
- Kritische Reflexion der Rolle von Medizinern und psychiatrischen Institutionen
- Auseinandersetzung mit den Grundzügen der Antipsychiatrie im Kontext von Thomas Bernhards Werk
Auszug aus dem Buch
Die Tiroler Epilepsie
Die am genauesten beschriebene Krankheit in AMRAS ist die Tiroler Epilepsie. Darum wollen wir uns an dieser Stelle ausführlicher mit dem, wie Karl schreibt, „noch heute vollkommen unerforschten“ Krankheitsbild beschäftigen.
Obwohl die Tiroler Epilepsie einen wichtigen Teil in AMRAS einnimmt, erfahren wir über die genaue Art der Anfälle eher wenig. Es wird lediglich berichtet, dass Walter seit seiner Geburt an der Epilepsie leidet und dass sich diese im Laufe der Zeit verschlimmert habe, denn inzwischen sei nicht nur sein Gemüt von ihr angegriffen, sondern sie beeinflusse mittlerweile auch seinen Verstand. Des Weiteren erfahren wir, dass die Anfälle mit einer „Momentaphasie ohne geringste Bewusstlosigkeit“ beginnen und in einer Serie von unkontrollierten Zuckungen des ganzen Körpers enden. Walter wird „in Schüben und Stufen“ von den Anfällen „von Zeit zu Zeit blitzartig“ heimgesucht, er stürzt zu Boden und sein Gesicht und seine Augen werden durch die Krankheit verändert.
Hieraus ergibt sich das klinische Bild eines sogenannten tonisch-klonischen Anfalls. Diese Form der Epilepsie wird auch Grand mal genannt und zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen durch den Anfall bewusstlos werden, dadurch zu Boden stürzen und es dann zu den typischen Verkrampfungen mit anschließenden rhythmischen Zuckungen beider Arme und Beine kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einführung erläutert die zentrale Rolle von Krankheit und Tod im Werk von Thomas Bernhard und stellt die Forschungsfrage zur Diagnostizierbarkeit der Leiden in "Amras".
Forschungsüberblick: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die bestehende wissenschaftliche Literatur zu Thomas Bernhards Krankheitsdarstellungen und ordnet die Arbeit in den Diskurs ein.
Inhalt des Romans: Hier werden die Handlung des Romans "Amras" sowie das Schicksal der Brüder Karl und Walter nach dem Familienselbstmord zusammengefasst.
Teil I – Novalis, Brown und Antonovsky: Dieser Teil widmet sich dem theoretischen Rahmen, indem das Konzept der Salutogenese auf die Charaktere Bernhards angewandt und deren Charakterisierung durch die Lehren von Novalis und Brown analysiert wird.
Teil II – Krankheit und Verderben: Dieser Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der Tiroler Epilepsie und einer geisteskrankheitsbezogenen Symptomdiagnostik gemäß dem DSM-Standard.
Teil III – Uns alle beschämende Zustände: Das letzte Kapitel untersucht, inwieweit Bernhards Werk als Teil oder Vorläufer der Antipsychiatrie-Bewegung verstanden werden kann.
Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Krankheit bei Bernhard primär als metaphorisches Element einer zerstörten Welt zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Amras, Krankheit, Epilepsie, Salutogenese, Schizophrenie, Depression, Antipsychiatrie, Psychiatrie, Wahnsinn, Metapher, DSM, Literaturwissenschaft, Diagnose, Verderben
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Krankheit und deren Funktion als Metapher im Roman "Amras" von Thomas Bernhard.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Fokus stehen die Themenbereiche psychische Erkrankungen, die institutionelle Rolle der Medizin und die Anwendung salutogenetischer sowie psychiatrischer Analysemethoden auf literarische Charaktere.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob die Symptome der Brüder Karl und Walter klinisch diagnostizierbar sind und inwieweit Bernhard durch seine Krankheitsbeschreibungen gesellschaftliche Missstände thematisiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt psychologische Konzepte (Sense of Coherence nach Antonovsky) sowie medizinische diagnostische Kriterien (DSM) als Analyseraster für literarische Texte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der "Tiroler Epilepsie", eine detaillierte Anamnese der geistigen Symptomatik beider Brüder sowie eine Einordnung der ärztlichen Rolle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie "Amras", "Krankheitsmetaphorik", "Antipsychiatrie" und "Salutogenese" geprägt.
Was unterscheidet Bernhards Darstellung der Epilepsie von der Romantik?
Obwohl Bernhard auf ein romantisches Motto verweist, distanziert er sich von der dort üblichen Idealisierung und stellt die Krankheit stattdessen als düsteren, entwürdigenden und zerstörerischen Prozess dar.
Ist "Amras" ein Manifest der Antipsychiatrie?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Bernhard nicht als expliziter Vertreter der Antipsychiatrie gesehen werden kann, sein Werk jedoch Parallelen zur antipsychiatrischen Kritik am autoritären Medizinsystem der 60er Jahre aufweist.
- Quote paper
- Jan Patrick Faatz (Author), 2011, Wahnsinn ohne Diagnose, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/169926