Das 19. Jahrhundert war eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher und sozialer Umstrukturierungsprozesse, die eine grundlegende Wandlung der Lebensverhältnisse zur Folge hatten. Das zeigte sich auch in der sich ändernden gesellschaftlichen Wahrnehmung und Beurteilung des Konsums alkoholischer Getränke. Auf der einen Seite wurde es möglich, hochprozentigen Alkohol in vorher nicht gekannten Mengen industriell herzustellen, auf der anderen Seite erhöhten sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die pharmakologischen und medizinischen Wirkungsweisen von Alkohol. Aber auch die soziale und ökonomische Funktionstüchtigkeit des Einzelnen gewann in der sich herausbildenden Industriegesellschaft einen neuen Stellenwert. Im Spannungsfeld dieser Entwicklungen wurde erstmals auf breiter gesellschaftlicher Basis der Umgang mit dem Alkohol diskutiert, was in dieser Hausarbeit am Beispiel der Entwicklung und Bedeutung der deutschen Antialkoholbewegungen dieser Epoche nachgezeichnet wird, nachdem im ersten Teil ein historischer Überblick zur Geschichte des Alkohols in die Thematik einführt und die Entwicklungstendenzen hinsichtlich der Produktion, Konsummuster und öffentlichen Wahrnehmung der Trinkgewohnheiten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts aufzeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alkohol im historischen Überblick
2.1 Produktion und Konsum vom Mittelalter bis zur Neuzeit
2.2 Öffentliche Wahrnehmung von Trinksitten und Alkoholkonsum
3. Alkohol im 19. Jahrhundert
4. Die alkoholgegnerischen Bewegungen
4.1 Erste Mäßigkeitsbewegung
4.2. Zweite Mäßigkeitsbewegung
4.2.1 Der „Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke“
4.2.2 Die wichtigsten Abstinenzverbänd
4.3 Das Ende der Branntweinpest und die Erfolge der zweiten Mäßigkeitsbewegung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftlichen Umstrukturierungsprozesse des 19. Jahrhunderts und deren Einfluss auf den Alkoholkonsum sowie die darauf folgende Entstehung und Entwicklung der deutschen Antialkoholbewegungen.
- Historische Entwicklung von Produktion und Konsummustern alkoholischer Getränke
- Analyse der sogenannten „Branntweinpest“ als soziale Krisenerscheinung
- Untersuchung der ersten und zweiten Mäßigkeitsbewegung
- Rolle von Interessenverbänden und Abstinenzvereinen
- Wissenschaftliche und medizinische Perspektiven auf Sucht und Trunkenheit
Auszug aus dem Buch
3. Alkohol im 19. Jahrhundert
Die oben geschilderte Ausgangssituation bezüglich Produktion und Konsum alkoholischer Getränke erfuhr mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine grundlegende Veränderung.
Die Kartoffel, bereits im 18. Jahrhundert durch königliche Ordres als Nahrungspflanze eingeführt, setzte sich mit den durch die napoleonischen Kriege einhergehenden Hungersnöten endgültig durch. Ihr Anbau bot im Vergleich zu Getreide wesentlich höhere Hektarerträge und war auch auf schlechten oder bislang brachliegenden Böden möglich. Doch erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelang es, die Kartoffel auch zur Schnapserzeugung zu nutzen. Damit waren ihre Nachteile gegenüber dem Getreide, die auf der geringeren Lagerfähigkeit, der extremen Frostanfälligkeit und der aufgrund des Volumens erhöhten Transportkosten beruhten, ausgeglichen. In Form von Branntwein ergab die Kartoffel ein unbegrenzt haltbares und einfach zu transportierendes Konzentrat.
Der bei der Verarbeitung von Kartoffeln zu Alkohol anfallende wässerige Rückstand, die sogenannte Schlempe, stellte sich zudem als ein stark eiweißhaltiges Mastfutter heraus, da durch den Brennvorgang den Kartoffeln lediglich die Stärke entzogen wurde. Als Futter war die Schlempe nicht nur für Schweine, sondern auch für Rinder gut geeignet. Die erweiterte Viehhaltung brachte wiederum einen erhöhten Düngeranfall, dessen Ausbringung die Bodenbeschaffenheit verbesserte, was wiederum die Erträge aus dem Getreideanbau erhöhte oder ihn auf nährstoffarmen Böden erst ermöglichte. Wo immer sich günstige Bedingungen für großflächigen Kartoffelanbau fanden, vor allem auf den kargen, sandigen Böden Brandenburgs und anderer preußischer Provinzen, wurden nun Brennereien errichtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die ökonomischen und sozialen Umbrüche des 19. Jahrhunderts und deren Bezug zur gesellschaftlichen Alkoholdebatte.
2. Alkohol im historischen Überblick: Darstellung der historischen Entwicklung des Bier- und Branntweinkonsums sowie der Wandlung der Trinksitten vom Mittelalter bis zur Neuzeit.
3. Alkohol im 19. Jahrhundert: Analyse der Kartoffel als neue, günstige Rohstoffbasis für die Branntweinproduktion und die daraus resultierende „Branntweinpest“.
4. Die alkoholgegnerischen Bewegungen: Historische Aufarbeitung der Entstehung, Ziele und Erfolge der ersten und zweiten Mäßigkeitsbewegung in Deutschland.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Antialkoholbewegung als Ursprung moderner suchttherapeutischer Diskurse und Alkoholpolitik.
Schlüsselwörter
Alkohol, 19. Jahrhundert, Branntweinpest, Mäßigkeitsbewegung, Industriegesellschaft, Trunksucht, Kartoffelschnaps, Temperenz, Abstinenz, Suchttherapie, Sozialgeschichte, Pauperismus, DVMG, Gesundheitsprävention, Konsumverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die soziale und historische Bedeutung des Alkoholkonsums im 19. Jahrhundert und die Reaktionen der Gesellschaft darauf durch verschiedene Antialkoholbewegungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Veränderung der Trinkgewohnheiten durch technologische Fortschritte, die Entstehung der Massenarmut (Pauperismus) und die Bemühungen zur Regulierung des Branntweinkonsums.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie die Antialkoholbewegungen auf die sozialen Nöte des 19. Jahrhunderts reagierten und wie dadurch moderne Ansätze der Suchtprävention und Therapie entstanden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-analytischen Ansatz unter Rückgriff auf zeitgenössische Quellen und sozialhistorische Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Überblick zur Alkoholkultur, die Analyse der Auswirkungen der Kartoffeldestillation auf den Konsum sowie die detaillierte Darstellung der Mäßigkeitsvereine.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Branntweinpest, Temperenz, Industriearbeiterschaft, Suchtverständnis und soziale Reformen.
Warum wird die „Branntweinpest“ als Epidemie bezeichnet?
Der Begriff wurde gewählt, weil der sprunghafte Anstieg des Branntweinkonsums und die damit verbundenen gesundheitlichen und sozialen Folgen im 19. Jahrhundert von Zeitgenossen mit einer seuchenartigen Ausbreitung verglichen wurden.
Welche Rolle spielte der „Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke“ (DVMG)?
Der DVMG verstand sich als Interessensverband zur Beeinflussung der Gesetzgebung und zur wissenschaftlich fundierten Aufklärung über die Risiken des Alkoholkonsums.
Warum scheiterte die erste Mäßigkeitsbewegung?
Sie scheiterte primär an der fehlenden politischen Unterstützung, der ökonomischen Bedeutung der Branntweinsteuer sowie daran, dass sie die Lebensrealität der armen Bevölkerungsschichten nicht erreichte.
Inwiefern beeinflusste die Industrialisierung den Alkoholkonsum?
Die steigenden Anforderungen der Fabrikarbeit führten dazu, dass exzessiver Alkoholkonsum als dysfunktional erkannt wurde, was zu einer zunehmenden Domestizierung und Verdrängung des Alkohols aus dem Arbeitsleben beitrug.
- Arbeit zitieren
- Susanne Weise (Autor:in), 2011, Branntweinpest und Temperenz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168668