Das „Evangelienbuch“ Otfrids von Weißenburg ist neben der altsächsischen „Heliand“-Dichtung, die ebenfalls im 9. Jahrhundert entstanden ist, die bedeutendste Bibeldichtung des Frühmittelalters. Jedenfalls sind uns aus dieser Zeit keine vergleichbaren Werke überliefert, sodass jeder der beiden vorgenannten Texte eine gewisse Einzigartigkeit mit sich bringt.
In dieser Arbeit soll es um die Entstehung und Konzeption der althochdeutschen Bibeldichtung des „Evangelienbuches“ gehen; dabei soll besonders das Umfeld des Dichters und die theologisch-exegetische Tradition, in der er stand, beleuchtet werden. Dazu ist es notwendig, die – zwar nur behelfsmäßig rekonstruierbaren – Lebensumstände Otfrids genauer zu betrachten, um so der Motivation und dem Zweck der Abfassung des „Evangelienbuches“ auf die Spur zu kommen. Wenn die Frage nach dem „Wozu?“ beantwortet werden konnte, ergibt sich daraus ein „Warum?“, das nach den Gründen für die konkrete Ausgestaltung fragt. Dementsprechend soll im zweiten Teil der Arbeit Otfrids exegetisches Vorgehen anhand eines ausgewählten Abschnitts (II,8-10) aus dem „Evangelienbuch“ beschrieben und erklärt werden.
Als ein allgemeines Ziel dieser Arbeit ließe sich also ein tieferes Verständnis des Otfrid’schen Schaffens nennen, das sich in seinem „Evangelienbuch“ widerspiegelt. Konkret soll die Frage nach exegetischen Mustern, die für diesen Weißenburger Mönch kennzeichnend sind, zumindest in Ansätzen beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Grundlegendes zur frühmittelalterlichen Theologie
Grundlegendes zum Verfasser des Evangelienbuches und zu seinem Umfeld
Motivation für das Schreiben und Zweck des Evangelienbuches
Die Zusammenstellung des Evangelienbuches
Die Vorgehensweise Otfrids bei der Exegese (am Beispiel von II,8-10)
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Konzeption des „Evangelienbuches“ von Otfrid von Weißenburg. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Otfrid bei der exegetischen Bearbeitung biblischer Stoffe vorging, welche didaktischen Strategien er verfolgte und wie sein Umfeld sowie seine theologischen Vorbilder sein Schaffen beeinflussten.
- Analyse der frühmittelalterlichen theologischen und exegetischen Tradition
- Untersuchung der Motivation und des Zwecks der althochdeutschen Bibeldichtung
- Analyse der inhaltlichen Zusammenstellung und Struktur des „Evangelienbuches“
- Exegese anhand des Beispiels der Hochzeit zu Kana (II,8-10)
- Didaktische Reduktion und Leserorientierung in Otfrids Werk
Auszug aus dem Buch
Die Vorgehensweise Otfrids bei der Exegese
Wenn man den Dichter Otfrid nicht nur als großen Literaten, sondern auch als guten Theologen fassen möchte, ist es unabdingbar, seine Bibeldichtung im Licht der ihm zugänglichen exegetischen Literatur des Frühmittelalters zu betrachten. Dieser literaturgeschichtliche Zusammenhang besteht deshalb, „weil in jener Zeit die Autorität der Väterkommentare die dogmatische Grundlage der Beschäftigung mit der Bibel gewesen ist.“ Diese Abhängigkeit von theologischen Autoritäten wird auch in Otfrids Widmungsbrief an den Erzbischof Liutbert ganz deutlich, in dem er am Anfang und am Ende jenes Schreibens auf die ‚prudentia’ des Bischofs verweist, die das „Evangelienbuch“ billigen bzw. zunächst einmal prüfen (‚comprobare’) soll. Dies zeigt, dass er als einfacher Mönch – wiewohl er eine ausgezeichnete theologische Ausbildung besaß – abhängig von dem Urteil eines ranghöheren Geistlichen war und deshalb eben nicht einfach eigene Auslegungen schreiben konnte. So konnte Otfrid nur in einem begrenzten Rahmen eigene Gedanken und didaktisch motivierte Ideen in sein „Evangelienbuch“ einfließen lassen. Dennoch ist er sehr geschickt darin, unter der Verwendung verschiedener Kommentare eine eigene inhaltliche Gestaltung der Botschaften vorzunehmen, die er dem Leser vermitteln möchte; schließlich obliegt es allein seinem Gutdünken, welchem Ausleger er mehr folgt und wie ausführlich er die einzelnen Begebenheiten kommentiert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung des „Evangelienbuches“ im Frühmittelalter dar und definiert das Ziel der Arbeit, Otfrids Schaffen sowie sein exegetisches Vorgehen durch eine Fallstudie zu beleuchten.
Grundlegendes zur frühmittelalterlichen Theologie: Das Kapitel bietet einen Abriss über die theologischen Grundlagen des 9. Jahrhunderts und betont die Bedeutung patristischer Vorläufer für das Verständnis von Otfrids Werk.
Grundlegendes zum Verfasser des Evangelienbuches und zu seinem Umfeld: Hier werden die Biografie Otfrids, seine Ausbildung in Fulda und seine prägende Rolle im Skriptorium von Weißenburg analysiert.
Motivation für das Schreiben und Zweck des Evangelienbuches: Dieses Kapitel beleuchtet Otfrids Absicht, biblische Inhalte in der Volkssprache zugänglich zu machen, und seine Legitimierung durch den göttlichen Auftrag.
Die Zusammenstellung des Evangelienbuches: Es wird die formale und inhaltliche Struktur des Werkes untersucht, wobei Otfrids Auswahlprozesse und seine didaktischen Schwerpunkte verdeutlicht werden.
Die Vorgehensweise Otfrids bei der Exegese (am Beispiel von II,8-10): Anhand der Erzählung der Hochzeit zu Kana wird konkret gezeigt, wie Otfrid biblische Vorlagen durch didaktische Reduktion und eigene Erweiterungen für seine Leser aufbereitet.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Otfrid trotz der engen Bindung an exegetische Traditionen eine eigenständige didaktische Linie verfolgte, um das Leben Jesu für seine Rezipienten lebendig und verständlich darzustellen.
Schlüsselwörter
Otfrid von Weißenburg, Evangelienbuch, frühmittelalterliche Theologie, Exegese, Bibeldichtung, Skriptorium, Hrabanus Maurus, Didaktik, Kirchenväter, Hochzeit zu Kana, Allegorese, Frühmittelalter, althochdeutsche Literatur, Evangelienkommentar
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem „Evangelienbuch“ des Otfrid von Weißenburg und untersucht, wie der Autor biblische Stoffe im Frühmittelalter literarisch und exegetisch verarbeitet hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle der frühmittelalterlichen Theologie, die Person Otfrids und sein Umfeld, die Motivation für das Verfassen der Bibeldichtung sowie die didaktischen Methoden des Autors.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für Otfrids schriftstellerisches und exegetisches Schaffen zu entwickeln und zu zeigen, wie er theologische Inhalte für seine Zielgruppe aufbereitet hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literatur- und geistesgeschichtliche Analyse, wobei der Hauptteil anhand eines konkreten Textabschnitts (II,8-10) eine textnahe Untersuchung von Otfrids Vorgehensweise vornimmt.
Was wird im Hauptteil der Publikation behandelt?
Im Hauptteil werden Otfrids biografischer Hintergrund, sein Ziel bei der Abfassung der Dichtung, der strukturelle Aufbau seines Werkes sowie eine detaillierte exegetische Analyse der Hochzeit zu Kana thematisiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Otfrid von Weißenburg, Evangelienbuch, Exegese, Bibeldichtung, Didaktik und Frühmittelalter beschreiben.
Warum war die Auswahl von Quellen für Otfrid so entscheidend?
Da Otfrid als Mönch stark von den autoritativen Kommentaren der Kirchenväter und seiner Lehrer wie Hrabanus Maurus abhängig war, musste er sehr geschickt zwischen dem Respekt vor diesen Quellen und seinem eigenen didaktischen Ziel abwägen.
Wie modifizierte Otfrid biblische Berichte für seine Leser?
Otfrid nahm didaktische Reduktionen vor, veränderte Formulierungen, um Jesus als „liebenden Heiland“ darzustellen, und ergänzte den Text, um die biblische Heilsbotschaft für sein Publikum verständlicher und lebendiger zu gestalten.
Welche Rolle spielte die Volkssprache für Otfrids Werk?
Die Wahl der „fränkischen Sprache“ war ein wesentlicher Bestandteil seiner didaktischen Strategie, um einer Leserschaft, die nicht umfassend lateinisch gebildet war, den Zugang zu den Inhalten des Lebens Jesu zu ermöglichen.
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- Fokko Peters (Author), 2008, Eine Untersuchung zur Entstehung des „Evangelienbuchs“ von Otfrid von Weißenburg. Seine Vorgehensweise in der Exegese, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168550