Sprache spielt bei der Bestimmung ethnischer, kultureller und nationaler Identität von Sprechergemeinschaften eine wichtige Rolle. Obwohl einer Nation nicht immer eine Sprache zugeordnet werden kann, ist Bestimmung der nationalen Zugehörigkeit von Sprechergemeinschaften anhand ihrer Sprache spätestens seit dem aufkommenden Nationalgedanken gegen Ende des 18. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Diskussionen.
Während in Zeiten des Humanismus ein patriotisch motiviertes Nationalsprachenbewusstsein erst aufkommt, im 17. Jahrhundert der Begriff deutsche Hauptsprache etabliert wird, im 18. Jahrhundert sich „die Korrelation von Sprache und Nation zu dem Konstrukt eines Nationalcharakters“ (Stukenbrock 2005: 298) verdichtet, werden mit dem 19. Jahrhundert die Begriffe Nation und Nationalsprache in der deutschen und europäischen Geschichte endgültig verankert und erfahren eine zum Teil extreme ideologische Aufladung. Die sprachnationalistische Auffassung, die Sprache sei das wichtigste identitätsbildende Kriterium, verbreitet sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und verdrängt ältere Komponenten der nationalen Identitätskonstruktion. Oft sind Sprachmerkmale auch Auslöser für die Entstehung negativer nationaler Stereotypen oder spezifischer Aktionen sowohl innerhalb eigener als auch gegen andere Sprachgemeinschaften.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Hintergründe
2. Sprachnationalismus
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Ethnologische und anthropologische Argumentationen
2.3. Postulierung der Überlegenheit der eigenen Sprache und Abwertung des Fremden
3. Konsequenzen im 19. Jahrhundert: Sprachpurismus
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Phänomen des Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert und analysiert die zugrunde liegenden Argumentationsmuster, die Sprache als zentrales identitätsstiftendes Merkmal ideologisch aufluden und zur Abwertung des Fremden instrumentalisierten.
- Die historische Entwicklung des Sprachnationalismus und seine Abgrenzung zum Sprachpatriotismus.
- Die Rolle von Rassenlehre, Klimatheorie und Anthropologie bei der Hierarchisierung von Sprachen.
- Die Konstruktion des "Germanenmythos" und die angebliche ontologische Überlegenheit der deutschen Sprache.
- Die Auswirkungen des Sprachpurismus auf die radikalnationalistische Ideologiebildung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Begriffsbestimmung
Die Bezeichnung Sprachnationalismus bezieht sich auf „all jene Argumentationsformen des Nationalismus, deren Bezugspunkt die Sprache ist.“(Gardt 2000: 247) Dabei ist der Sprachnationalismus von dem Sprachpatriotismus zu unterscheiden. Die folgenden Merkmale sind nach der Auffassung des deutschen Sprachwissenschaftlers Andreas Gardt für beide Phänomene charakteristisch:
Das emphatische Lob der eigenen Sprache sowie deren Hypostasierung, d.h. ihre Vergegenständlichung zu einer Größe, die aus ihren historischen und sozialen Bezügen herausgelöst ist und eine von ihren Sprechern unabhängige Natur (Charakter, Wesen, Kraft, Geist, Genie/Genius etc.) besitzt; (2000: 248)
Dabei tritt die Sprache dem Menschen als unabhängige Entität gegenüber, die sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Außerdem gilt für die beiden Phänomene die Übereinanderblendung – oft assoziativ und argumentativ nicht schlüssig, dabei ins Mythologische und Sakrale ausgreifend - der Bereiche des Sprachlichen mit denen des Kulturell Ethnischen (Sprache – Volk/Kultur/Nation etc., mit dem Sonderfall des Ethnisch-Moralischen: Sprache – Sitte/Moral etc.), des Politischen (Sprache – Nation/Reich/Land etc.), in Teilen auch des Anthropologischen (Sprache – Stamm/Rasse/Volk, vor allem in sprachnationalistischen Kontexten). (2000: 248)
Als Folge dieser Übereinanderblendung wird eine Sprachnatur mit einem Volks- oder Nationalcharakter identifiziert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema Sprachnationalismus und Darlegung der zentralen Fragestellung sowie des methodischen Vorgehens.
1. Hintergründe: Erläuterung des historischen Kontextes des Nationalismus und der Entstehung von Nationen als konstruierte historische Entitäten.
2. Sprachnationalismus: Theoretische Bestimmung des Begriffs, Darstellung ethnologischer Argumentationen sowie die Postulierung der Überlegenheit des Deutschen.
2.1. Begriffsbestimmung: Definition des Sprachnationalismus und Abgrenzung zum Sprachpatriotismus anhand zentraler Merkmale wie Hypostasierung und Übereinanderblendung.
2.2. Ethnologische und anthropologische Argumentationen: Untersuchung der Verbindung von Rassenlehre, Klimatheorie und Sprachtypologie im 19. Jahrhundert.
2.3. Postulierung der Überlegenheit der eigenen Sprache und Abwertung des Fremden: Analyse der Idealisierung des Deutschen sowie der Abwertung fremder Sprachen und Kulturen.
3. Konsequenzen im 19. Jahrhundert: Sprachpurismus: Untersuchung der fremdwortpuristischen Forderungen und deren Instrumentalisierung für radikalnationalistische Ziele.
Schlüsselwörter
Sprachnationalismus, 19. Jahrhundert, Sprachpatriotismus, Nation, Nationalsprache, Sprachpurismus, Ideologie, Identitätsstiftung, Rassenlehre, Germanenmythos, Sprachideologie, Fremdenhaß, Sprachgesellschaften, Andreas Gardt, Kulturpatriotismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und Ausprägung des Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert und analysiert, wie Sprache als politisches und ideologisches Machtinstrument eingesetzt wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Nationalbewusstseins, die Verknüpfung von Sprache mit rassistischen und anthropologischen Theorien sowie der radikale Sprachpurismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts als Zuspitzung und Radikalisierung älterer patriotischer Ideologien einzuordnen und seine Argumentationsmuster offenzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historischen und diskursanalytischen Ansatz, indem sie Forschungsliteratur auswertet und historische Argumentationsmuster exemplifiziert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die begrifflichen Grundlagen, die Rolle ethnologischer und anthropologischer Argumente sowie die Konsequenzen des Sprachpurismus für die nationalistische Ideologiebildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachnationalismus, nationale Identität, Sprachpurismus, Rassenlehre, Germanenmythos und Kulturpatriotismus.
Inwiefern beeinflusste der Germanenmythos die Sprachbetrachtung im 19. Jahrhundert?
Der Germanenmythos verknüpfte die deutsche Sprache mit einer vermeintlichen Reinheit und Überlegenheit der Germanen, was dazu diente, das Deutsche gegenüber anderen Sprachen moralisch aufzuwerten.
Welche Rolle spielten Sprachgesellschaften bei der Verbreitung sprachnationalistischer Ideen?
Diese Gesellschaften, wie etwa der Allgemeine Deutsche Sprachverein, nutzten den Sprachpurismus und "Verdeutschungsbücher", um nationales Bewusstsein zu kräftigen und Fremdeinflüsse abzuwehren.
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- Katja Klass (Author), 2010, Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168286